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Uraufführung des Oratoriums «Sola quae cantat audit et cui cantatur» von Daniel Glaus

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DONNERSTAG, 20. AUGUST 200934 KULTURMEMENTO Grosse Wagner-Interpretin ist totDie Apokalypse,Mit Hildegard Behrens, die aufin Worte gefassteiner Gastspielreise in Tokio«Von dem hochgelegenen französi-überraschend gestorben ist,schen Viertel schob sich langsamwie ein Lavastrom eine Masse von hat die Musikwelt eine derSchmutz, Abfall, geronnenem Blut, grössten Interpretinnen dra-Gedärmen, Tier- und Menschen-matischer Sopranpartien vonkadavern.IndieseminallenFarbender Verwesung Wagner und Strauss verloren.schillerndenGemenge stapf- Ihren Durchbruch zur Weltkarrie-ten die letzten re verdankte die 1937 in Varel beiTräumer her- Oldenburg geborene Opernsänge-um. Sie lallten rin dem Dirigenten Herbert vonnur noch, konn- Karajan. Dieser hörte sie im Maiten sich nichtmehr verständi-gen, hatten dasVermögen der Spra-che verloren. Fast alle waren nackt,die robusteren Männer stiessen dieschwächeren Weiber in die Aasflut,wo sie, von den Ausdünstungenbetäubt, untergingen. Der grossePlatz glich einer gigantischen Kloa-ke, in welcher man mit letzter Krafteinander würgte und biss undschliesslich verendete.» 1974 bei einer Hauptprobe an derSchrecklicher, beklemmender, Düsseldorfer Rheinoper und fandabstossender als im Roman «Die in ihr endlich die «Salome», die erandere Seite» ist die Apokalypse schon lange gesucht hatte. 1977noch kaum je inWorte gefasst wor- sang Behrens die Titelpartie derden. Ein Jugendfreund namens Oper von Richard Strauss unterPatera ...
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Die Apokalypse,
in Worte gefasst
«Von dem hochgelegenen französi-
schen Viertel schob sich langsam
wie ein Lavastrom eine Masse von
Schmutz, Abfall, geronnenem Blut,
Gedärmen, Tier- und Menschen-
kadavern.Indiesem inallenFarben
der Verwesung
schillernden
Gemenge stapf-
ten die letzten
Träumer
her-
um. Sie lallten
nur noch, konn-
ten sich nicht
mehr verständi-
gen,hattendasVermögenderSpra-
che verloren. Fast alle waren nackt,
die robusteren Männer stiessen die
schwächeren Weiber in die Aasflut,
wo sie, von den Ausdünstungen
betäubt, untergingen. Der grosse
Platz glich einer gigantischen Kloa-
ke, in welcher man mit letzter Kraft
einander würgte und biss und
schliesslich verendete.»
Schrecklicher,
beklemmender,
abstossender als im Roman «Die
andere Seite» ist die Apokalypse
noch kaum je inWorte gefasst wor-
den. Ein Jugendfreund namens
Patera lädt den Ich-Erzähler in ein
von ihm geschaffenes, von lauter
Träumern bewohntes Traumreich
ein, in dem der Himmel nie zu
sehen ist, alles in einem gleichför-
migen Grau schwimmt und jedes
Haus einmal Schauplatz eines
Verbrechens war. Als der Amerika-
ner Herkules Bell Patera den Krieg
erklärt, bricht mit dem Erscheinen
grässlicher Tiere, dem Zerbröckeln
der Häuser und dem Ausbruch
schrecklicher Krankheiten das En-
de des Reiches an, das von Unver-
nunft und Massenhysterie regiert
war und letztlich den unlösbaren
Widerspruch
von
Lebenswillen
und Todessehnsucht verkörperte.
Als einer von wenigen Überleben-
den erwacht der Erzähler am Ende
in einem Irrenhausund kann selbst
nicht sagen, ob er all das vielleicht
nur geträumt hat.
Als er 1909 erstmals erschien,
warderRomanmit51Zeichnungen
des Verfassers illustriert, denn der
am 10. April 1877 im böhmischen
Leitmeritzgeboreneundam20.Au-
gust 1959 in seinem lebenslangen
Domizil Zwickledt bei Wernstein
am Inn in Oberösterreich verstor-
bene
Alfred Kubin
war in erster
Linie als Radierer in der Nachfolge
vonGoya,EnsorundMuncherfolg-
reich und publizierte lebenslang
nur dieses eine Buch. Darin aber
gelang es ihm, die visionäre Wucht
seiner Traumbilder derart verstö-
rend in Sprache umzusetzen, dass
man die Illustrationen schon bald
einmal ohne viel Begeisterung
überblättert. (li)
MEMENTO
Sie sind 19 Jahre alt. In diesem Alter
alles richtig zu machen, wenn man
mitleerem Portemonnaieundklop-
fendem Herzen an der Türschwelle
ins Popgeschäft steht, ist kein leich-
tesUnterfangen.Aberfastsiehtesso
aus, als hätten Romy Madley Croft,
Oliver Sim, Jamie Smith und Baria
QureshivonTheXXwennnichtalles,
so doch vieles richtig gemacht.
In ihren schwarzen Strassenklei-
dern sehen die Südlondoner zwar
aus wie aus der autonomen Szene
gepellt;fürsCoverihrerersten Platte
aberhabensiesichfüreinSignetent-
schieden, das den Punk-Ethos auf
idealeWeise mit cleverem Branding
versöhntund dem man,wenn nicht
allestäuscht,auchinZukunftbegeg-
nen wird: ein weisses X auf schwar-
zem Grund. Aber The XX wissen
Duette des Zauderns
Eine scheue Sexyness erzeugt die englische Band
The XX
auf ihrem ersten Tonträger
nicht nur sehr genau, wie sie ausse-
hen, sondern auch, wie sie klingen
müssen. So lehnten sie ab, was der
StarproduzentDiplo (M.I.A.,Aman-
daBlank)ausihrenStückenmachte,
und delegierten ihren Keyboarder
JamieSmithansMischpult.Derkar-
ge, indes in einen leichten Hall ent-
rückte Klang der Platte hat die briti-
schen Kritiker seither reihum ent-
zückt. Und die vier Schüler zu Pop-
stars in spe gemacht, die nicht für
ihre Jugend bekannt sind, sondern
schon jetzt für ihren unverwechsel-
baren Sound.
Start mit R&B-Covers
Wenn man sich die gar nichtmal
so alten Demos der Band auf My-
space anhört, wird klar, dass dieser
Sound noch sehr frisch ist. Die frü-
hen Covers, die The XX von «Hot
Like Fire» (von Aaliyah) oder
«Teardrops» (von Womack and
Womack) ins Internet stellten, sind
unfertigundeherlasch.Abersiedo-
kumentieren das Interesse dieser
Gitarrenband für den kommerziel-
len Rhythm & Blues aus den USA,
das man auf dem Debütalbum
beimflüchtigenerstenHörenkaum
bemerkt. Bis es sich im knurrenden
Bariton von Oliver Sim oder in den
knappen, aber jetzt fix und fest ge-
zurrten Beats aus dem Synthesizer
umso subtiler und reizvoller be-
merkbar macht.
Diese Beats beerben durchaus
die trockenen Rhythmen, wie sie
Timbaland für Aaliyahs Original
von«HotLikeFire»eingerichtethat.
Sie schieben sich hier aber zwi-
scheneineerkalteteGitarrenmusik,
in der eine trübe Erinnerung an
PunkundGrungeumgeht.Indieser
emotionalen Wüste verheissen die
pochenden Beats ein mögliches
Discoglück, und das ist das ent-
scheidende Moment, das The XX
vom Eintritt ins Heer der Welt-
schmerzkanoniere dispensiert.
Leben in der Möglichkeitsform
Obwohl, da steckt schon einiges
drin an jugendlicher Verschreckt-
heit.Dielangsam undgespenstisch
voranruckelnden Songs klingen
wie Panik auf Valium, und die Ge-
sangsharmonien von Romy Mad-
ley Croft und Oliver Sim erzeugen
The XX aus London überra-
schen auf ihrem Debütalbum
mit kunstvoll ausgebremsten
Songs aus der Teenagerhölle:
So klingt Panik auf Valium.
C H R I S T O P H F E L L M A N N
die Reibungswärme zweier inei-
nanderdriftenderEisschollen.Inei-
nem stockenden, sich immer wie-
derverpassendenSprechgesanger-
zählen sie, wie sie über die Liebe
reden.Wiesiesichausdenken,Stars
zu sein, und wie sie sich vorstellen,
keine Angst mehr zu haben – das
LebeninderMöglichkeitsform.Aus
dem Mund dieser, wie es den Ein-
druck macht, recht zielgerichtet
aufstrebenden
Band
kommen
Duette des Zagens und Zauderns.
Aber immerhin Duette. Und in
ihrem schmallippigen Soul legen
die Gesänge eine feine Leuchtspur
indieschwarzenLöcher,dieGitarre
und Bass immer wieder aufreissen.
Und siehe da: In «Heart Skipped a
Beat», «Basic Space» oder «Infinity»
tropft bald eine scheue Sexyness
von der Decke dieser Kellermusik,
die Gitarre beginnt sich groovy zu
räkeln,und plötzlich tutsich für die
zwei in all dem Dunkel eine Lande-
möglichkeit auf: ein weisses X auf
schwarzem Grund.
[i]
DIE CD
The XX: «XX»
(XL Recordings/MV).
.
34
KULTUR
DONNERSTAG, 20. AUGUST 2009
KULTURNOTIZEN
Literaturpreise für
Mankell und Bärfuss
OSNABRÜCK
Der schwedische
Autor Henning Mankell wird
am 18. September den Erich-
Maria-Remarque-Friedenspreis
der Stadt Osnabrück entgegen-
nehmen. Der Schweizer Autor
Lukas Bärfuss erhält für sein
Afrika-Buch «Hundert Tage»
einen Sonderpreis. Der Friedens-
preisistmit25000,derSonderpreis
mit 5000 Euro dotiert. Die Lauda-
tio auf Mankell hält Bundespräsi-
dent Horst Köhler. Der Preis
wird seit 1991 alle zwei Jahre
verliehen. (sda)
Lager mit Giacometti-
Fälschungen ausgehoben
MAINZ
Ein Lager mit rund 1000
gefälschten Bronzen des
Schweizer Künstlers Alberto
Giacometti (1901–1966) hat
die Polizei in der Nähe von
Mainz ausgehoben. In Frankfurt
wurde ein 59-Jähriger festge-
nommen, der die Fälschungen
an Interessenten im In- und
Ausland zu Preisen in zwei-
stelliger Millionenhöhe an-
geboten haben soll. (sda)
Ihren Durchbruch zur Weltkarrie-
re verdankte die 1937 in Varel bei
Oldenburg geborene Opernsänge-
rin dem Dirigenten Herbert von
Karajan. Dieser hörte sie im Mai
Grosse Wagner-
Interpretin ist tot
Mit Hildegard Behrens, die auf
einer Gastspielreise in Tokio
überraschend gestorben ist,
hat die Musikwelt eine der
grössten Interpretinnen dra-
matischer Sopranpartien von
Wagner und Strauss verloren.
1974 bei einer Hauptprobe an der
Düsseldorfer Rheinoper und fand
in ihr endlich die «Salome», die er
schon lange gesucht hatte. 1977
sang Behrens die Titelpartie der
Oper von Richard Strauss unter
Karajans Dirigat mit grossem Er-
folg in Salzburg.
Internationale Anerkennung
DieArzttochterauseinerkinder-
reichen Familie hatte anfänglich in
Freiburg Jura studiert und kam erst
spätzum Kunstgesang.1971 erhielt
sie einen Platz am Opernstudio in
Düsseldorf. In Frankfurt am Main
bewährte sie sich in verschiedenen
Partien, in London und an der Met
inNewYorkerwarbsiesichinterna-
tionale Anerkennung. Bei den Bay-
reuther Festspielen glänzte die So-
pranistin besonders darstellerisch
als Brünnhilde in den «Ring»-
Aufführungen der Achtzigerjahre.
Über ihre gesanglichen Qualitäten
gab es indes stets unterschiedliche
Meinungen.
Deutschlands «Stimmen-Papst»
Jürgen Kesting hat ihre Auftritte in
BayreuthsoinErinnerung:«Gewiss
hat Behrens eine starke, sympathi-
sche
Bühnenpräsenz,
doch
in
stimmlicher Hinsicht war die Auf-
führung ein Ritt über den Boden-
see. Das Singen war zwar drama-
tisch-suggestiv, aber angespannt
und angestrengt.» Ein britischer
Kritiker fand hingegen, Behrens sei
«einzigartig unter den heutigen So-
pranen in der brennenden Intensi-
tätdesemotionellenReagierensauf
dieWorte und die Musik». Die Sän-
gerinselbsthat1985ineinem Inter-
view geäussert: «Ich habe nie daran
gedacht, mit meiner Stimme spar-
sam umzugehen.»
Unfall in NewYork
Schlagzeilen machte im April
1990 ein Unfall von Behrens an der
New Yorker Met. Dort stürzte das
Bühnenbild für Richard Wagners
«Ring»-Oper «Götterdämmerung»
plötzlich ein,so dass sich die Sänge-
rin verletzte und ins Krankenhaus
eingeliefert werden musste. An den
Folgen des Unfalls litt sie noch viele
Jahre.InJapanwollteBehrensheute
DonnerstaganeinemMusikfestival
in der Nähe von Tokio teilnehmen,
wie der künstlerischeVerwalter der
New Yorker Metropolitan Opera,
Jonathan Friend, in einer E-Mail
mitteilte.Weil sie sich unwohl fühl-
te, suchte sie in der japanischen
Hauptstadt ein Krankenhaus auf.
Dorterlag die 72-Jährige am Diens-
tag offenbar einem Aneurysma,
einer potenziell tödlichen Blut-
gefässerweiterung.
Hildegard Behrens erhielt viele
Auszeichnungen, darunter auch
das Bundesverdienstkreuz. Beson-
dereVerehrung genoss die nunVer-
storbene in New York, wo sie 171
Mal auf der Bühne stand und sang,
sowiein München undWien.In der
österreichischen Musikmetropole
soll auch die Beisetzung von Beh-
rens stattfinden, der Sängerin, die
vielen Opernfreunden unverges-
sen bleiben wird. (ap)
Die Streicher, ganz fein heben sie
an, bilden ein diffuses Klangge-
wölk. Musik ist das noch nicht, viel
ehereineakustischeKoloration des
Raumes,eineTexturausTönenund
Quinten, die sich verschieben, ver-
zerren und auflösen. Sie werden
von hellen, körperlosen Klängen
übertönt. Schwebende Vokale, die
sich ihren Weg durchs Berner
Münsterbahnenundsichverflüch-
Sehnsuchtsklänge
Uraufführung des Oratoriums
«Sola quae cantat audit et cui cantatur»
von Daniel Glaus im Berner Münster
tigen. Das Spiel mit dem Hall, mit
Nähe und Ferne bietet Momente
voller Spannung. Noch bevor das
Worthörbarwird,öffnetsichdieAr-
chitektur in allen Richtungen.
Die Sängerinnen bleiben lange
unsichtbar. (Und sie werden es am
Schluss auch wieder sein.) Sie sind
im Kirchenschiff verteilt, singen im
Kreis, bis sich der Klang in ein strö-
mendes Fluidum verdichtet. «Sola
quae cantat audit et cui cantatur» –
nurdieessingt,hörtesundder,dem
es gesungen wird (vgl. «Bund» vom
15. August), so lautet der Titel des
90-minütigen Oratoriums für Vo-
kalsolisten, Blechblas- und Streich-
instrumente. Der Berner Münster-
organist Daniel Glaus hat es auf
Schriften
des
Zisterzienser-
Mönchs Bernhard von Clairvaux
komponiert. Dazu kommen Texte
aus Salomons Hohelied und arabi-
sche mystische Gedichte aus dem
12. Jahrhundert.
Die Texte sind lateinisch gesun-
gen und später arabisch, in einer
geistigen Übung sucht Glaus die
VerbindungderReligionenzureali-
sieren. Ein Schwachpunkt des
Werks: Die arabischen und lateini-
schen Worte klingen zu ähnlich. Es
fehlen weitgehend die Kontraste,
die typischen Klangfarben, Kehl-
laute und Akzente, welche die The-
orbe beizusteuern versucht.
Verbale Sinnenfreudigkeit
Glaus’ anspruchsvolle Partitur,
deren ausgeklügeltes Konzept sich
u. a. im symmetrischen Aufbau
spiegelt, erschliesst sich weniger
akustischalsvielmehrausdemPro-
gramm.DasWerk lebtdurch die In-
tensität und Präzision der Solisten,
durchihrestimmlicheGestaltungs-
kraft.DieSängersindmitStimmga-
beln ausgerüstet, um im atonalen
Kontext die Reinheit ihrer Einsätze
nicht einzubüssen – es gelingt her-
Fantastisch sind die Solisten
des Vokalensembles Zürich,
das unter der Leitung von Peter
Siegwart Daniel Glaus’ kom-
plexe Raumklänge gestaltet,
farblos dagegen bleibt die Ver-
bindung der christlich-latei-
nischen mit arabischen Texten
und Theorbe.
M A R I A N N E M Ü H L E M A N N
vorragend. Die Blechbläser bauen
eineGegenweltauf.Metallenscharf
sind ihre Einwürfe, entrückt oder
stammelnd («Secunda Pars»); zum
Schluss («Revertere») explodieren
sie heftig. Faszinierend sind die
Raum- und Echowirkungen, auch
die Stimmverdoppelungen, die die
PlastizitätdesWortesunterstreichen
– und seine Sinnenfreudigkeit, der
sich die Musik stellenweise verwei-
gert.DerSubtextwirdbeimMitlesen
der Textübersetzungen
(Zusam-
menstellung Jürg Welter) offenbar.
Im Zentrum steht die Liebe. Ein-
dringlich wird sie in schwebenden
Sehnsuchtsklängen beschworen, in
DialogenzwischenderAnima(Kelly
Landerkin, Sopran), Bernhard von
Clairvaux (Samuel Zünd, Bariton)
und Christus (Reto Hofstetter), die
haften bleiben.
[i]
WIEDERHOLUNG
heute 20 Uhr
im Grossmünster Zürich.