Die Bruegels
214 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

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Description

Die Bruegels – allen voran Pieter der Ältere, zusammen mit seinen Söhnen Pieter („Höllenbruegel“) und Jan („Samt- oder Blumenbruegel“) – sind die bedeutendste flämische Malerfamilie. Ihre Werke sind Zeugnisse des unschätzbaren Beitrags, den diese Familie in der Entwicklung der Malerei des nördlichen Europa geleistet hat. Sie entzogen sich bewusst dem Einfluss des italienischen Manierismus und schufen damit einen ganz eigenen, unabhängigen und tief im originellen Charakter der Flamen verwurzelten Stil. In teils volkstümlichen, teils allegorischen Szenen schildern Pieter Bruegel und seine Nachfolger auf unnachahmliche Weise den Alltag der bäuerlichen und der städtischen Bevölkerung zur Zeit der spanischen Herrschaft über die Niederlande. In diesem opulent bebilderten Werk zeichnen die Autoren, Emile Michel und Victoria Charles, ein lebendiges Bild, anhand dessen wir die Entwicklung der niederländischen und flämischen Kunst in der Zeit zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert nachvollziehen können.

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Informations

Publié par
Date de parution 15 septembre 2015
Nombre de lectures 0
EAN13 9781783106561
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 2 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0598€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

Autoren: Emile Michel und Victoria Charles
Aufsatz von Charles Bernard (Alle Rechte vorbehalten)
Direktor der deutschen Veröffentlichung: Klaus Carl
Übersetzung: Isabelle Weiss

Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
Nam Minh Long, 4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam

© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
Image-Bar www.image-bar.com

ISBN: 978-1-78310-656-1

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk darf ohne ausdrückliche vorherige Genehmigung durch den Verlag weder vervielfältigt, in einem elektronischen System gespeichert, in irgendeiner Form, sei es elektronisch, mechanisch, optisch fotomechanisch oder auf ein anderes Medium aufgezeichnet oder übertragen werden.
Emile Michel und Victoria Charles



Die Bruegels
Inhalt


Einführung
Das Jahrhundert Pieter Bruegels d.Ä.
Seine Anfänge
Seine Meisterwerke
Liste der dargestellten flämischen Sprichtwörter
Die Malerfamilie
Der Stammbaum der Familie Bruegel
Bibliografie
Liste der Abbildungen
Anmerkungen
1. Pieter Bruegel d.Ä., Der Maler und der Kenner , um 1565.
Feder und braune Tinte, 25 x 21,6 cm .
Graphische Sammlung, Albertina, Wien.
2. Antonys Van Dyck, Pieter Bruegel d.J., 1627-1635.
Kohle, 24,5 x 19,8 cm . Sammlung Devonshire, Chatsworth.


Einführung


Nach einer ersten glorreichen Blütezeit im Mittelalter, in der sie eine erstaunliche Vollkommenheit erreicht hatte, verfiel die flämische und niederländische Kunst allmählich. Auch wenn wir inzwischen bewundernswerte Bilder – besonders Miniaturen – von früheren Künstlern kennen, so waren es doch die Brüder Jan (um 1390 bis 1441) und Hubert (um 1370 bis 1426) Van Eyck, deren Genie alles andere in den Schatten stellte. In der Tat überragten sie ihre Vorgänger in einem sonst in der Kunstgeschichte kaum bekannten Ausmaß.
Die Nachfolger der Van Eycks, die teilweise auch ihre Schüler waren oder doch mindestens unter ihrem Einfluss standen, bewegten sich zwar nicht auf demselben hohen Niveau, waren aber dennoch Künstler von Rang. Zugegeben, ihr Gefühl für die Natur war weniger durchdringend, weniger tief erlebt, ihre Ausführung weniger exakt, und dadurch, dass sie es mit der Naturbeobachtung nicht mehr ganz so genau nahmen und die Details nicht mehr mit der gleichen Akribie erfassten, büßten sie etwas von der früheren Originalität ein. Sie begannen, sich mehr und mehr an Italien zu orientieren; sie pilgerten nach Süden, ließen sich von den Eindrücken ihrer Reise überwältigen und nachhaltig beeinflussen. Man kann sich leicht vorstellen, welch unauslöschliche Wirkung die Berge und Schluchten auf diese Maler aus den weiten niederländischen Ebenen ausübten, deren Monotonie nur gelegentlich durch sanfte, rollende Erhebungen aufgelockert wird. Wie schon ihre Vorgänger, die so genannten flämischen Primitiven des ausgehenden Mittelalters, erlagen nun auch sie der Faszination der Alpen, den Gebirgstälern Tirols und des Appenins. So lenkten sie mit ihren Panoramen den Blick ins Unendliche, immer auf der Suche nach dem Pittoresken. Sie wurden nicht müde, bizarre Gebirgszüge, schroffe Felsen, tiefe Schluchten, mäandernde Flussläufe, dichte Wälder, befestigte Städte, malerische Dörfer und märchenhafte Schlösser in ihre Landschaften einzufügen. Natürlich stießen sie bei ihren Aufenthalten in fremden Städten auch auf Ruinen, auf Monumente und Skulpturen vergangener Epochen; auf Schritt und Tritt begegneten sie Überresten aus römischer und griechischer Zeit und überall entdeckten sie völlig neue Traditionen und Anschauungen. Wie hätten sie da den Versuchungen widerstehen sollen, die überall lockten? Sie wurden von ihren italienischen Malerkollegen willkommen geheißen, mit offenen Armen in ihre Gilden aufgenommen und in die Geheimnisse der ars nova , der neuen Kunst, eingeweiht. Zurück von ihrer italienischen Reise, wurden diese Niederländer dann in ihrer Heimat zu Aposteln der italienischen Kunst, deren Gesetze und Regeln sie imitierten, wenn auch nicht immer mit Erfolg.
Während die flämischen Primitiven, die frühen Begründer der flämischen Malerei, durch ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit charakterisiert sind, machen sich bei den späteren flämischen Künstlern sehr heterogene, oft unvereinbare Eigenschaften bemerkbar. In der Landschaftsmalerei ging es den „akademischen“ Malern wie etwa den Brils [1] und ihren Nachfolgern in erster Linie um die dekorativen Aspekte. In ihren noch etwas gestelzt und ungeschickt anmutenden Kompositionen nahmen sie die poetische Inspiration voraus, die später im Werk der beiden französischen Maler, dem als Lorrain bekannten Claude Gellée (1600 bis 1682) und dem als Poussin bekannten, in Rom geborenen Gaspard Dughet (1615 bis 1675), ihren schönsten Ausdruck fand. Was die Historienbilder anbelangt, waren die sich nach Italien ausrichtenden so genannten Romanisten die einzigen flämischen Maler, die sich diesem Genre zuwandten. Von ihnen stammen gewaltige religiöse und mythologische Szenen, die allerdings als Folge der damaligen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung immer seltener wurden: Der niederländische Adel und der Klerus waren zunehmend damit beschäftigt, ihre Machtstellung, ja zum Teil ihre Existenz, zu verteidigen, so dass ihnen weder Geld noch Zeit blieb, sich der Kunst zu widmen.
Die Tradition der „obligatorischen“ Italienreise, die der vermutlich um 1478 geborene Jan Gossaert (bis 1532; auch Jan Mabuse genannt) begründet hatte, wurde von Bernard Van Orley (um 1488 bis 1541), Michiel Van Coxie (1499 bis 1592), Lambert Lombard (1505/1506 bis 1566), Pieter Coecke d’Alost (1502 bis 1550), Frans Floris (um 1516 bis 1570), Martin de Vos (um 1532 bis 1603) und schließlich auch von Otto Van Veen und seinem berühmten Schüler Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) fortgeführt. Neben diesen Romanisten gibt es jedoch hier und dort noch einige vereinzelte Künstler, die ihrer nationalen Tradition verhaftet blieben, exakt nach der Natur arbeiteten und in ihrem Streben nach Wahrheit minutiös die kleinsten Details ihrer Umgebung erfassten. Auch wenn ihnen der grandiose Stil ihrer illustren Vorgänger fehlte, so überzeugen sie doch durch ihren nahezu fotografischen Realismus, der noch heute von den Sitten und Gebräuchen der damaligen Zeit Zeugnis ablegt. Innerhalb dieser Gruppe ragt Pieter Bruegel d.Ä. (1526/1530 bis 1569) heraus. Er war der Erste und Bedeutendste in einer Dynastie von Malern, der Stammvater einer jener zahlreichen niederländischen Familien, in denen sich die künstlerische Ader zu vererben scheint, wie etwa auch bei den Van Eycks, den Metsys, den Van Orleys, den Pourbus, den Van Cleves, den Coxies, den Keys, den de Vos und später auch den Teniers.
Als ein Spross der flämischen Erde und auch deswegen als „Bauern-Bruegel“ bekannt, bezog Pieter Bruegel d.Ä. seine gesamte Energie aus diesem urwüchsigen Boden, dem ein in viele Richtungen ausschlagender kräftiger Stamm entsprang. Sein direkter Nachfolger war sein Sohn Jan (1568 bis 1625) mit dem Beinamen „Blumen-Bruegel“, dessen Begabung zwar durchaus mit der seines Vaters vergleichbar ist, obwohl zwischen Vater und Sohn ein frappierender Kontrast besteht. Anhand der Werke dieser beiden sehr unterschiedlichen Meister soll im Folgenden die Entwicklung der Malkunst in den Niederlanden in einem durch gewaltige historische und politische Umwälzungen erschütterten Jahrhundert aufgezeigt werden.
Die Ähnlichkeiten ihrer Namen und ihrer künstlerischen Talente machen die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Bruegels etwas undurchsichtig und verwirrend. Zur Erleichterung des Verständnisses ist deshalb am Schluss des Textes der von Alphonse Wauters erstellte Stammbaum der drei uns hier interessierenden Generationen abgedruckt.
3. Peter Paul Rubens, Jan Bruegel d.Ä. und seine Familie , 1612-1613. Öl auf Holz,
124,5 x 94,6 cm . Courtauld Institute of Art,
Sammlung Princes Gate, London.
4. Pieter Bruegel d.Ä., Die Volkszählung zu Bethlehem , 1566 (Detail).
Öl auf Holz, 115,5 x 163,5 cm .
Königliche Museen der Schönen Künste, Brüssel.


Das Jahrhundert Pieter Bruegels d.Ä.


Der 1523 in Florenz geborene Lodovicus Guicciardini lebte ab ungefähr 1542 in den Niederlanden und starb am 22. März 1589 in Antwerpen. Seine Beschreibung der Niederlande vermittelt uns wertvolle Einblicke in die damalige Zeit. Er charakterisiert die Niederländer allgemein als kühl und steif, kaum an Ausschweifungen interessiert, jedoch trotzdem fröhlich und zungenfertig, „…wenn auch gelegentlich zu freimütig und ohne geziemenden Respekt“.
Befremdlich erscheint ihm der Gegensatz zwischen den fleißigen und ernsten Bauern und Handwerkern mit ihren leichtlebigen Belustigungen und den vornehmen Allüren der Bürger, die bei der täglichen Promenade auf dem Rathausplatz die öffentlichen Angelegenheiten diskutierten. Der junge Italiener findet Geschmack an der Andersartigkeit dieses Landes und an der in seinem Werk zu spürenden pulsierenden Lebenslust. [2] Seine spontanen Eindrücke vermitteln ein sehr direktes und lebendiges Bild der damaligen Atmosphäre in den Niederlanden.
Guicciardinis Bemerkungen über die Sitten und Gebräuche der Niederländer eignen sich ausgezeichnet als Erläuterungen zu den Kupferstichen und Gemälden Pieter Bruegels d.Ä. Natürlich könnte man zum Verständnis Bruegels auch historische Abhandlungen der damaligen Zeit heranziehen, doch fehlt diesen offiziellen Darstellungen die spontane Beobachtungsgabe und das journalistische Flair Guicciardinis, der gern eine witzige Bemerkung über einen tanzenden Bauern oder über ein häusliches Interieur macht und eine Intuition für Situationskomik hat. Von daher ist Guicciardini ein wesentlich besserer Begleiter für die Szenen Pieter Bruegels d.Ä., der es wie kein anderer verstand, die Seele seines Volkes anhand eines Bauerntanzes oder einer um einen gedeckten Tisch versammelten Gesellschaft einzufangen.
Wenn man die Niederlande des 16. Jhs. studiert, darf man bestimmte Dokumente nicht ignorieren. Genauso wenig kann man sich Bruegels Werk nähern, ohne sich gleichzeitig auch mit der damaligen Zeit zu befassen, die ihm keineswegs nur als Rahmen, sondern vielmehr als die eigentliche Quelle seiner Inspiration diente. Tatsächlich ist diese Beziehung oder Interaktion bei Bruegel ganz besonders augenfällig. Niemals hat eine Umgebung eine dermaßen wichtige Rolle bei der Schaffung von Kunst gespielt, und niemals wurde eine Umgebung mit solcher Wahrhaftigkeit in Kunst umgesetzt. Als Bauernsohn gelang es Bruegel unter den zeitgenössischen Malern am besten, das typisch Niederländische und Traditionelle zu wahren. Seine Originalität widersetzte sich den italienisierenden Tendenzen, die in der Kunst seines Jahrhunderts so übermächtig waren. Sogar die in Italien mit eigenen Augen gesehenen Meisterwerke ließen ihn kühl, und die Reise nach Italien war in seinem Fall wohl eher auf Abenteuerlust und Wissbegier zurückzuführen als auf die Absicht, seine künstlerische Erziehung zu vollenden. Jedenfalls ist er der niederländische Maler, der seinem Land und dessen Traditionen am stärksten verbunden ist.
5. Melchior Broederlam, Verkündigung und Heimsuchung Mariens, Vorstellung im Tempel, Flucht nach Ägypten , 1394-1399.
Tempera auf Holz, 167 x 125 cm . Musée des Beaux-Arts, Dijon.
6. Jan Bruegel d.Ä. und Hans Rottenhammer, Rast auf der Flucht nach Ägypten mit dem Tempel von Tivoli , 1595.
Öl auf Kupfer, 26 x 35,5 cm . Privatsammlung.


Die katastrophalen Kriege Karls des Kühnen (1432 bis 1477) und die Geldgier Kaiser Maximilians I. (1459 bis 1519) konnten der wirtschaftlichen Entwicklung der Niederlande und ihrem wachsenden Reichtum nichts anhaben. Zu Beginn der Regierungszeit Karls V. (1520) waren diese flachen Gebiete an der Küste der Nordsee die reichsten der Welt; nirgendwo sonst wohnten die Menschen so dicht gedrängt in zahlreichen Dörfern und Städten. Die wunderbare Stadt Antwerpen hatte den größten Hafen Europas. Hier wurden jährlich Waren im Wert von über 30 Millionen Florin umgesetzt. An der Börse wurden Geschäfte im Wert von 40 Millionen Dukaten abgewickelt. Die Stadt zählte um die 100.000 Einwohner, darunter 10.000 bis 15.000 Ausländer. Guicciardini verzeichnete etwa 13.500 „…hübsche, angenehme und bequeme Häuser“, die meistens sechs Räume hatten und 200 Kronen, die größeren sogar 500 Kronen Miete im Jahr einbrachten, eine für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe. [3] Dabei war es keineswegs nur das kosmopolitische Element, dem Antwerpen seinen Wohlstand verdankte, sondern auch sein geschäftstüchtiges und aufstrebendes Bürgertum. Doch neben den fleißigen und ehrgeizigen Städtern gab es immer noch die hart arbeitenden Bauern auf dem Land. Nirgendwo sonst erfreute sich der Bauernstand so großer Freiheit wie in den Niederlanden. Mit dem Edikt von Nantes (1515) hatte König Franz I. von Frankreich auch die letzten Überbleibsel der Leibeigenschaft abgeschafft, was der Landwirtschaft zu einem starken Aufschwung verhalf.
Dies waren die Gründe, weshalb die Bewohner von Antwerpen „…gut und angenehm gekleidet und ihre Häuser sauber und adrett gehalten und mit allen möglichen häuslichen Gegenständen eingerichtet sind“. Kein Haus, in dem nicht jedes Jahr eine Kuh oder zwei und ebenso viele Schweine geschlachtet wurden. „Die Luft dieser Erde ist rau und feucht, aber gesund und gut für die Verdauung von Fleisch und ganz besonders für die Fruchtbarkeit.“ Wie viele Einsichten in so wenigen Zeilen! Es tut sich vor uns eine Gegend auf, deren Bevölkerung bäurisch, esslustig und zeugungswillig ist. Unser italienischer Berichterstatter notiert aber auch jene Eigenschaften, die auf ihn besonders abstoßend wirken. Besonders schockieren ihn die Trinkgewohnheiten in seinem Gastland. Er schreibt, sie würden Tage und Nächte durchzechen und könnten dieses Laster weder ablegen noch mäßigen. Doch schließlich findet er eine Entschuldigung: Die Regenwolken und das nördliche Klima seien der Grund für eine tiefe Melancholie. Der Wein, so meint er, pumpe Wärme in ihre Venen, und das Bier (dem er viel Lob zollt) ersetze hier die Rolle der Mittelmeersonne. Dennoch sei die Luft gesund, „…so dass, wenn die Bevölkerung in ihrer Lebensart nicht so sehr über die Stränge schlüge und sich selbst bei Krankheit nicht so vernachlässigen würde, sie bestimmt sehr langlebig wäre“. Und obgleich es manche gibt, die alt werden, gibt es sehr viele, die jung sterben, „…wie wir dies in der Region um Brabant sehen, wo das Land von Natur aus fruchtbar ist und wo die Bewohner, die kärglich leben und hart arbeiten, ein sehr hohes Alter erreichen“. Die Flamen haben sich bis zum heutigen Tag kaum geändert. Noch immer zeichnen sie sich durch Geduld, Arbeitseifer und eine bewundernswerte Zähigkeit aus, die Folgen eines gewissen angeborenen Ernstes, der jedoch ganz spontan in Humor und Lebenslust umschlagen kann.
7. Pieter Bruegel d.Ä., Die Flucht nach Ägypten , 1563.
Öl auf Holz, 37,2 x 55,5 cm . Courtauld Institute of Art,
Sammlung Count Antoine Seilern, London.


Die Erde war jedoch nicht so fruchtbar wie Guicciardini meinte, besonders in manchen Teilen von Brabant – und vor allen Dingen nicht im Norden, wo Bruegels Wiege stand. Wenn Guicciardini von der Fülle und der Schönheit der Ernte überwältigt war, hätte er eher ein Loblied auf die Anstrengungen der Bevölkerung anstimmen sollen als auf die naturgegebene Fruchtbarkeit des Landes. Gebeugt über diese kargen Äcker in einem ständigen Kampf gegen den vom Meer abgelagerten Sand, finden sie ihre einzige Erholung darin, bei ihren Volksfesten und Trinkgelagen ihre erschöpften Körper mit Flüssigkeiten zu animieren, wobei sich als brauchbarer Vorwand meist ein Dorffest oder eine Hochzeit findet. „Feierliche Anlässe sind ihnen sehr verlockend [...] diese Menschen sind so sehr der Freude, dem Vergnügen und dem Zeitvertreib ergeben, dass ihnen ein Weg von 30, 35 oder 40 Meilen zu einer Feier nicht das Geringste ausmacht, wenn die Gelegenheit dies erfordert.“ Die sonst so sparsamen Bauern haben aber durchaus auch eine verschwenderische Seite. „Bei Geburten und Kindstaufen, bei Hochzeiten, beim Leichenschmaus sowie bei allen Festlichkeiten und Zeremonien überbordet ihre Großzügigkeit.“ Diese ständigen Wechsel zwischen überschäumenden Festen und schwerster Knochenarbeit ließen kaum Platz für feine Kultur oder für hoch entwickelte Sensibilitäten. Aber von einem Zerfall der Sitten kann hier keine Rede sein, denn die Freizügigkeit der Manieren geht Hand in Hand mit Offenheit und Bodenständigkeit. Die Darstellung des Liebesakts kann einen Flamen niemals in Verlegenheit bringen oder gar entrüsten, denn für ihn ist dies ein bloßer Zeitvertreib und nichts Anstößiges oder gar Unmoralisches. Guicciardini preist außerdem die flämischen Frauen für ihren Anstand, ihre Schönheit und ihre Zuvorkommenheit.
Da die Niederländer von Kindheit an gewohnt sind, sich mit allen möglichen Leuten ungezwungen zu unterhalten, „…können sie sehr keck sein und nehmen kein Blatt vor den Mund“. Aber Guicciardini bescheinigt ihnen absolute Ehrlichkeit. Mit dem Heiraten tun sie sich leicht. „Ein Jüngling ehelicht eine alte Großmutter, ein Greis vermählt sich mit einem jungen Mädchen.“ Ein Bürger kann ein Edelfräulein zur Frau nehmen, ein Herr seine Magd, und nichts hindert die Herrin, ihren Bediensteten zu heiraten. Solche nicht standesgemäßen Heiraten gab es in den Niederlanden schon sehr früh, zu Zeiten, als dies in anderen Ländern noch völlig undenkbar war. Die Aristokraten spekulierten an der Börse und betätigten sich als Kaufleute; die wohlhabenden Bürger kauften Land, wurden zu Grundbesitzern und waren stolz auf ihren gesunden Menschenverstand und ihre egalitäre Gesinnung. Was ihnen an Raffinesse abging, machten sie durch einen Sinn für das Skurrile wett.
8. Gentile da Fabriano, Die Anbetung der Drei Könige , 1423.
Tempera auf Holz, 303 x 282 cm . Uffizien, Florenz.
9. Hubert und Jan Van Eyck, Anbetung des Lamm Gottes , 1432.
Öl auf Holz, 350 x 461 cm (offen) ; 350 x 223 cm (geschlossen).
Kathedrale von St.-Bavon, Gent.
10. Jan Van Eyck, Die Madonna des Kanzlers Rolin , um 1430-1434.
Öl auf Leinwand, 66 x 62 cm . Musée du Louvre, Paris.


Gerade diese merkwürdigen Gegensätzlichkeiten, die andere Ausländer schockierten, fand Guicciardini sehr attraktiv. Er hatte Sinn für das Komische und die Satire. Das Narrenfest oder das Eselsfest zur Feier des Tages der unschuldigen Kinder zogen sogar die Kirche und den Klerus ins Lächerliche. Am Fastnachtsdienstag ( Mardi Gras ) belustigte sich die Bevölkerung an den verrückten Einfällen von Gauklern, die sich als Papst, Bischof oder Pfarrer ausgaben und närrische Inszenierungen veranstalteten. Bei den von den Rhetorikkammern organisierten Karnevalszügen spielte der Narr eine gewichtige Rolle. Er beschimpfte die Schaulustigen, prangte ihre Laster mit großer Eloquenz an und übernahm die Rolle des Sprechers für die öffentliche Meinung. Es dauerte aber nicht lange, bis diesem (potenziell subversiven) Eifer durch gerichtliche Verordnungen Schranken gesetzt wurden. Um die althergebrachten Traditionen aufrecht zu erhalten, gaben die Rhetorikkammern bei ihren Veranstaltungen und Wettbewerben, wie etwa dem Landjuweel von 1561 in Antwerpen, Unmengen Geld aus, und doch war ihr Bestreben, die Macht, der sie ihre Privilegien verdankten, nicht zu verärgern, spürbar. Die von der Kirche auferlegten Regeln untersagten die Blasphemie und Obszönitäten. Deshalb wurden die Texte der Rhetoriker immer pedantischer, so dass zu bezweifeln ist, ob die weit hergeholten Allegorien, gemischt mit einer Prise Naivität, wirklich den Geschmack des breiten Publikums trafen. Hingegen konnten sich die breiten Massen sehr wohl mit den derbdrolligen Geschichten eines Till Eulenspiegel identifizieren. Eine von Eulenspiegels Lieblingsfarcen bestand darin, seinen Mageninhalt in eine Schale zu entleeren, die dann einem Pfarrer präsentiert wurde. Das ist ein Beispiel der Art von Humor, der auf den Dorffesten und Hochzeiten üblich war, die Bruegel zusammen mit seinem Freund, dem Kaufmann Frankert, gern anonym besuchte. Die Geschichten um Till Eulenspiegel, dessen Geburt zwar ein Rätsel bleibt, der aber nach neuerer Forschung von 1300 bis 1350 gelebt haben soll, erfreuten sich vor allem zu Anfang des 16. Jhs. großer Popularität und wurden ins Englische, Französische und Lateinische übersetzt. Es ist eine Wiederbelebung der beißenden Satiren des flämischen Dichters Jacob Van Maerlandt (um 1225 bis 1300) über einen faulen und unwissenden Pfarrer, der schonungslos verspottet wird. Gelegentlich machte das Gelächter einer gerechten Empörung Platz, denn in der Brust der Zuschauer schlug ein tief gläubiges Herz. Vergessen wir nicht, dass wir uns hier am Vorabend der großen religiösen Umstürze befinden.
Luthers Lehre begann sich 1520 in den Niederlanden auszubreiten, vor allem in Antwerpen, wo die deutschen Kaufleute sich dazu bekannten und die Moranos (zwangskonvertierte Juden aus Portugal) sie aus Hass auf den Katholizismus befürworteten. [4] Kaiser Karl V. reagierte mit einer Verschärfung seiner Edikte sowie der Aufhebung gewisser Garantien, und der berüchtigte Inquisitor François Van der Hulst ließ Verdächtige ohne viel Umschweife in den Kerker werfen. Während Erasmus von Rotterdam (1466/1469 bis 1536) und die Humanisten sich scheuten, öffentlich die neue Doktrin zu vertreten, nahmen die breiten Massen eifrig an geheimen Treffen teil, bei denen die Evangelien ausgelegt wurden, und hörten begierig die Predigten der abtrünnigen Mönche. Ein wahrer religiöser Eifer ergriff das Volk; die Dogmen des Glaubens wurden in Tavernen und Werkstätten diskutiert. Man versuchte, die Ketzer mit Feuer und Flamme abzuschrecken; ihre Bücher wurden vom Scharfrichter auf öffentlichen Plätzen verbrannt und die Buchdrucker gefoltert. Andere zwang man, ein gleichzeitig Zorn und Mitleid erregendes gelbes Kreuz zu tragen. Das Augustinerkloster in Antwerpen war eine Brutstätte der reformatorischen Aufwiegelung. Heinrich von Zutphen (1488/1489 bis 1524), der Anführer und einer der ersten Märtyrer der Reformation, wurde gefangen genommen, in die Abtei von Saint-Michel überführt und dort in eine Zelle gesperrt, aus der er von einer Gruppe von Frauen befreit wurde, „…die in dem Raum einen solchen Aufruhr veranstalteten, dass sie ihn herausholen konnten“. [5] Wie man sieht, zeigten sich auch damals schon die Frauen von einer recht energischen Seite. Eine von ihnen, Marguerite Boonams, wurde später zunächst dazu verurteilt, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden, da sie einen der Beamten des Gerichts, der die Untersuchung im Kloster leitete, beleidigt haben soll. Schließlich wurde ihr Urteil jedoch unter der Auflage abgemildert, dass sie eine Pilgerreise unternehme. Allerdings zeigten sich die Richter nicht sehr lang von der nachsichtigen Seite. Die Regentin Margarete von Österreich (1480 bis 1530), die Heinrich von Zutphen in einem Brief aus Bremen, wohin er geflohen war, als die „atheistische Jezebel“ beschreibt, ließ das Augustinerkloster dem Erdboden gleich machen. Die Insassen wurden zur Gerichtsverhandlung nach Brüssel gebracht. Zwei von ihnen starben mit bewundernswerter Fassung am 1. Juli 1523 auf dem Scheiterhaufen. Der nach dem Tod von Papst Adrian VI. (1459 bis 1523) als Hochstapler entlassene Van der Hulst wurde durch kirchliche Inquisitoren ersetzt.
11. Albrecht Dürer, Anbetung der Könige , 1504.
Öl auf Holz, 98 x 112 cm . Uffizien, Florenz.
12. Rogier Van der Weyden, Die Anbetung der Drei Könige , Mitteltafel, um 1455.
Tempera auf Holz, 138 x 153 cm . Alte Pinakothek, München.


Neben der lutherischen Lehre entstanden viele weitere, da sich zu der Zeit nahezu jeder für einen Theologen hielt. So begründete Eloi Pruystinck, ein Dachdecker aus Antwerpen, den Loismus, eine religiöse, freigeistige Sekte, deren Vertreter den Heiligen Geist für die „reine Vernunft“ hielten. „ Spiritum Sanctum nihil aliud esse quant ingenium et rationem naturalem !“ war Luthers indignierte Antwort. Kurz darauf kamen auch die Täufer (auch Anabaptisten oder Wiedertäufer genannt) aus Süddeutschland in die Niederlande. Melchior Hoffmann (um 1500 bis 1543), ihr Prophet, verkündete das Ende der Welt und das Kommen des Reiches Gottes. Er predigte einen liberalen Idealismus, den der Bäcker Jan Matthys von Haarlem (1500 bis 1534) radikal durchzusetzen versuchte, vor allem als Reaktion auf die damals einsetzende Verfolgung der Täufer in ganz Europa. Matthys zog, so wie auch andere Anführer der Täufer, 1534 nach Münster. Die Täufer wurden aber bald für vogelfrei erklärt und von Katholiken und Reformierten gleichermaßen gejagt, gefoltert und umgebracht. Jan Mathys wurde von Landsknechten zerhackt, sein Kopf auf einen Pfahl gespießt und ausgestellt. Ein bis 1555 geltendes kaiserliches Blutmandat verdammte alle Ketzer zum Tod durch den Galgen, nur jene, die ihren Irrtümern abschworen, zum Tod durch das Schwert. Doch der Heldenmut der Märtyrer brachte der Sekte immer stärkeren Zulauf. Wenn die Verfolgung durch die spanischen Herren ihre Zusammenkünfte unmöglich machte, traf man sich in Verstecken. Hunderte von ketzerischen Liedern und Schmähschriften gegen den Papst, gegen die Kirche und den Klerus sowie Lobpreisungen der Märtyrer waren in Umlauf. Selbst der nach eineinhalbjähriger Belagerung durch den Bischof der Stadt erfolgte Fall von Münster (1535), dem neuen Jerusalem, in das sich die Anführer der Täuferbewegung zurückgezogen hatten, setzte der Krise kein Ende: Immer neue Edikte bedrohten die Täufer mit dem Tod.
Ab 1544 begann sich schließlich in den Niederlanden eine neue Lehre zu verbreiten, der Calvinismus, der später die meisten Anhänger um sich scharen sollte. Auch hier wurde Antwerpen zum Mittelpunkt. Diese weltoffene Hafenstadt diente vielen Glaubensflüchtlingen, allen voran den französischen Hugenotten, die hier eine gewisse Sicherheit genossen, als Zufluchtsort. Nicht einmal der spanische König Philipp II. (1527 bis 1598) wagte es, hier seine Edikte durchzusetzen, weil er fürchtete, damit den Handel und die Quelle des Wohlstands zu gefährden. Damals gesellten sich zu der religiösen Krise eine politische Anspannung und eine Erbitterung der sich zusehends durch das feudale Spanien unterdrückt fühlenden Niederländer. Es gärte eine Revolte. Erzürnte Horden befreiten politische Gefangene und rächten sich an Vertretern der Gerichte und an Inquisitoren. Am 5. April 1566 kam es nach der Übergabe einer Bittschrift an die spanische Regentin bei einem Gastmahl im Kuilemburgischen Haus zum ersten rebellischen Aufschrei „Es leben die Geusen!“ (eine abfällige Bezeichnung der Spanier für die reformierten Aufständischen). Die Reformation zog alle in ihren Bann. Geistliche erklärten öffentlich auf der Kanzel ihren Bruch mit der Kirche, und die Behörden mussten tatenlos zusehen, wie die Bilderstürmer im ganzen Land Kirchen und Klöster verwüsteten.
13. Hugo Van der Goes, Anbetung der Hirten , Mitteltafel des Portinari-Triptychon, 1476-1478.
Öl auf Holz, 250 x 310 cm . Uffizien, Florenz.
14. Joachim Patinir, Landschaft mit dem Hl. Hieronymus , um 1530.
Öl auf Holz, 74 x 91 cm .
Museo Nacional del Prado, Madrid.
15. Quentin Metsys, Bildnis eines Mannes , 1510-1520.
Öl auf Holz, 80 x 64,5 cm .
National Gallery of Scotland, Edinburg.


Ein Edelmann aus Gent, Marc Van Vaernewyck (1518 bis 1569), der seinem katholischen Glauben und seinem Oberherrn treu blieb, dokumentierte sorgfältig die Ereignisse. [6]
„Am angekündigten Tag (Sonntag, dem letzten Tag des Monats Juli 1566) predigte ein Mann in gewöhnlicher Kleidung – einer Jacke aus Eichhörnchenfell und grauem Filzhut, vor den Toren von Saint-Liévin (in Gent) auf einer von Bäumen umgebenen Erhebung [...] Er entblößte sein Haupt, ehe er zu predigen begann, und seine Haltung war bescheiden. Er setzte sich nieder auf die Umhänge und Mäntel, die seine Zuhörer für ihn ausgebreitet hatten und hielt ein Buch in Händen, aus dem er gelegentlich einige Zeilen zitierte [...] Er legte das Evangelium des Tages aus, ermahnte die Sünder und betete, Gott möge König und Papst erleuchten [...] Männer, Frauen und Kinder in drei Gruppen, von denen jede rund 30 Personen zählte, hatten sich eng um ihn geschart und hingen an seinen Lippen. Von Zeit zu Zeit wurden Psalme gesungen, und die kleinen Liederbücher wurden für einen Heller verkauft. Jedes Mitglied der Kongregation besaß eins.“
Wenige Tage darauf machte sich eine Schar von Gentern, darunter zahlreiche Frauen, auf zu den Mauern des 32 km entfernt liegenden Brügge, um eine Predigt zu hören. Allabendlich zogen Frauen und Männer Arm in Arm durch die Straßen und sangen Psalme. Auf dem Marktplatz applaudierte das Publikum den Narren, die mit Liedern die Geistlichen verhöhnten, in denen immer wieder der Refrain „Es leben die Geusen“ vorkam. Karikaturen mit begleitenden Texten erschienen, etwa eine Kirche, die von drei Männern geschüttelt wird, während eine Gruppe von Klerikern versucht, sie festzuhalten. Die Bildunterschrift dazu lautete: „Die Lutheraner Deutschlands, die Hugenotten in Frankreich und die Geusen in Holland werden die katholische Kirche in den Grund stampfen.“ In den „Sprechblasen“ aus den Mündern der Geistlichen steht: „Wenn alle drei weiter schütteln, dann Ade römische Kirche und Kirchengeschäfte.“ In Antwerpen wurde eine Bilderfolge gehandelt, die einen Papagei in einem Käfig zeigt. Ein Affe versucht, den Käfig mit seinen Zähnen und Krallen zu öffnen, doch dann kommt ein Kalb, das den Käfig vollkommen zertrampelt. Der Papagei ist das Symbol für die Katholiken, der Käfig steht für ihre Macht. Der Affe Martin ist Luther, der die Betrügereien des Klerus aufdeckt. Das Kalb (nl.: kalf) verkörpert Calvin, der die Macht der Kirche vollends vernichtet. Die Katholiken ihrerseits reagierten mit ihren eigenen Karikaturen, in denen sie die Geusen als Nichtsnutze, Plünderer und Vagabunden verschrien. Die Reformierten wiederum bezeichneten die Priester als Gaukler, Scharlatane und Taschenspieler, die am Altar die Gemeinde der Gläubigen zum Narren hielten.
16. Hans Holbein d.J., Erasmus von Rotterdam , um 1523.
Tempera auf Lindenholz, 36,8 x 30,5 cm . Musée du Louvre, Paris.


In der Zeit zwischen dem 11. und 17. August fielen die Bilderstürmer in Westflandern ein.
„Sie scharten sich zu einer Bande von dreitausend Flamen und Wallonen, die wie Abenteurer und Vandalen aussahen. In ihrem Geleit waren zwanzig Berittene, die edler Abstammung schienen. In Gruppen von 18 bis 20 fielen sie in Kirchen ein, zerstörten Bilder und Skulpturen, zerfetzten die mit Brokat besetzten Gewänder und Behänge.“
Immerhin wahrten diese Bilderstürmer eine gewisse Redlichkeit. Van Vaernewyck konstatiert, dass sie nach dem Wiegen, Inventarisieren und Einschmelzen der Kelche und Gefäße aus Edelmetall diese an vielen Orten den lokalen Behörden übergaben. In Gent forderten die Bilderstürmer ein „Entfernen der Idole“. Der Vogt, der um seine Machtlosigkeit wusste, versuchte, Zeit zu gewinnen. Doch die wütenden Scharen plünderten die Kirchen und Klöster und richteten in der Abtei von Sankt-Peter großen Schaden an. Vergeblich bot der Abt den Eindringlingen größere Geldsummen an, damit sie die Stücke entfernen, aber nicht zerstören sollten. Mit dem Schrei „Hopp, hopp – es ist getan!“ rissen die Entfesselten alles herunter.
„Sogar die Schreine der Heiligen wurden geschändet. Die Meute brach die Schränke auf, warf die Reliquien aus den Fenstern hinaus in den Wind. Sie sähen wie gewöhnliche Knochen aus und würden außerdem stinken.“
Der Abt und seine Mönche wagten nicht, sich zu rühren und sich den Schändern entgegenzustellen. Man erzählt sich, einer davon hätte dem Abt eine Pistole auf die Brust gesetzt und ihn gefragt, ob er gedenke, einzuschreiten. Der Abt habe geantwortet, dass er nichts dergleichen vorhabe. Angeblich sollen in dem Kloster Stücke aus Lydit, Marmor, Alabaster und Edelsteinen im Wert von über 11.000 Pfund, ferner in der Nacht vom 22. August ein Weinkeller mit Weinen im Wert von über 900 Florin geplündert worden sein. In manchen Teilen des Kellers reichten der ausgelaufene Wein und das Bier den Männern bis über die Stiefel. Während dieser Nacht erreichte die Zerstörungswut der Menge solche Ausmaße, dass selbst die Anführer sie nicht mehr in ihre Schranken weisen konnten, so dass „…keine Kirche, keine Kapelle, kein Hospiz oder Kloster, egal, wie arm oder klein, sicher vor ihnen war.“
17. Quentin Metsys, Pilatus zeigt Christus dem Volk , um 1515.
Öl auf Holz, 160 x 120 cm . Museo Nacional del Prado, Madrid.


In Antwerpen waren die Bilderstürmer schon am 20. August in Aktion:
„Es war an einem Dienstag, etwa um vier Uhr Nachmittags. Die Teufel mokierten sich zunächst über gewisse Statuen der Kirche von Notre-Dame. Sie verhöhnten die Statue der Muttergottes mit den Worten: „Hallo, Zimmermanns-Marie“, oder auch: „Hallo ihr Götzenbilder, ihr werdet nicht mehr lange da oben stehen.“ Dann bestieg einer der Aufwiegler, ein richtiger Nichtsnutz, die Kanzel und begann zu predigen. Er wurde alsbald mit Gewalt heruntergeholt, stieg erneut hoch und wurde schließlich verscheucht, aber jene, die ihn gefasst hatten, wurden von den Geusen mit Musketen geschlagen, die sie unter ihren Umhängen versteckt hielten. Die Meute drängte hinein und plünderte eine der reichhaltigsten Kirchen in ganz Europa auf so brutale Weise, dass nichts außer formlosem Schutt übrig blieb, selbst die metallenen Teile der Altäre und Kapellen waren zerstört.“
Dieser Vandalismus dauerte nur wenige Wochen an, erzeugten jedoch eine tiefe, bleibende Unruhe und Unsicherheit. Den Behörden blieb keine andere Wahl, als die Ausübung der neuen Glaubensbekenntnisse zu dulden. So entstanden in den Städten Kirchen aus Holz, und in den ländlichen Gegenden wurden die religiösen Zeremonien in Scheunen abgehalten. Immer wieder kam es zu Streitereien zwischen Calvinisten, Katholiken und Lutheranern, zwischen Soldaten und der Zivilbevölkerung. Die Soldaten – Trupps von Wallonen, deutschen Landsknechten und spanischem Fußvolk – lebten auf Kosten der Einheimischen und gebärdeten sich wie Eroberer. Sie fielen in Dörfer und Bauernhöfe ein, leerten die Keller und Kornspeicher, stahlen alles Vieh, Möbel, Stoffe und Kleidung.
„Sie geben vor, dass sie schlecht besoldet seien und dass sie ja irgendwie leben müssten. Sie versprechen, für Kost und Logis gut zu zahlen, ohne sich je an ihr Wort zu halten. Wenn sie überhaupt zahlen, dann nach Kavaliersart (das heißt: mit Hieben der Breitseite ihres Schwerts).“
Drei Brüder, alle drei Schlächter, gerieten in eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einem Soldaten und zerschnitten ihm die Kehle wie einem Kalb. „Die Wunden waren so groß, dass man seine Hand hineinlegen konnte.“ In einem allgemeinen Gemetzel, das in Gent zwischen Bürgern und wallonischen Soldaten (den hoquetons rouges ) ausbrach, packte ein gewisser Jacues Hesscloos, Knecht in einer Gruppe von Arkebusenschützen, eine schwere Holzstange.
„Jeder Wallone, der in seine Reichweite geriet, wurde niedergeschlagen. Er schlug mit solcher Gewalt auf ihre Arme ein, dass ihre Rapiere in alle Richtungen flogen und den Boden um ihn herum bedeckten. Mit einem einzigen Hieb in die Seite oder auf die Schulter seiner Opfer streckte er sie nieder. In seinem erregten Zustand riss er die Schlaufen von den Schuhen der Toten und brüstete sich damit vor denen, die es wagen sollten, sich ihm zu nähern...“
18. Pieter Aertsen, Bauern am Herd , 1556.
Öl auf Holz, 142,3 x 198 cm .
Museum Mayer van den Bergh, Antwerpen.


Van Vaernewyck berichtet Hunderte von Anekdoten dieser Art. Im ganzen Land läuteten die Sturmglocken, und mit Heugabeln bewaffnete Bauern warfen sich auf ihre Belagerer. Überall trieben sich Banditen, Profiteure und Vagabunden herum. Die im Mittelalter von vielen Mönchen praktizierte Bettelei nahm nun erschreckende Ausmaße an, und die Emigration war ein weiterer Grund für den wirtschaftlichen Verfall. „Ganz Holland beklagt sich darüber, seines Reichtums und der ehrlichen Händler, die einst das Wohl einer großen Zahl von Armen gesichert hatten, beraubt worden zu sein.“ Die Städte waren voller Menschen, die sich kaum selbst ernähren konnten, Menschen ohne Hoffnung und ohne Geld. Selbst mitten im Sommer war in Gent das allgemeine Elend sichtbar; die Armenhäuser waren dem Andrang mittelloser Bittsteller nicht mehr gewachsen. Zeugnis von der Armut legten auch die zahlreichen Altwarenhändler ab, die auf den Wochenmärkten ihre Waren feilhielten. Wo waren die feinen Kleider geblieben, die kostbaren Gegenstände aus Zinn und Kupfer? Sie waren längst veräußert worden, was übrig blieb, war nur noch wertloses Zeug und Gerümpel. Die Menschen hatten gerade noch ihr Hemd auf dem Leib, verzweifelt durchsuchten sie die Abfälle nach Brauchbarem. Sie schickten ihre Kinder aus, um die Abfallhalden vor der Stadt zu durchwühlen und ihre Taschen zu füllen. Die Tatsache, dass überall Galgen aufgestellt waren (und auch rege Verwendung fanden), trug das ihre zu diesem trübseligen Spektakel bei. Manchmal wurden vier oder fünf Verurteilte gleichzeitig gehängt, um ein abschreckendes Exempel zu statuieren. Schon bald sollte der 3. Herzog von Alba den Niederlanden mit seinem blutigen Schreckensregiment (1567/1573) noch den letzten Schlag versetzen.
In dieser grausamen Zeit, in der die Brutalität der Glaubenskriege zu einer nicht enden wollenden Reihe von Racheakten degenerierte, deren eigentliche Ursachen längst in Vergessenheit geraten waren, machte ein Maler von sich reden: Pieter Bruegel (d.Ä.). Anders als die Maler der frühen flämischen Renaissance war ihm nicht mehr darum zu tun, Glaubensideale darzustellen. Die andächtigen Kompositionen der Brüder Van Eyck, die zarten Figuren von Hans Memling (1435 bis 1494), die Leidenschaftlichkeit, die im Gesicht der Jungfrau eines Rogier Van der Weyden (um 1400 bis 1464) zu sehen ist – all dies hatte keinen Platz in Bruegels realistischen Schilderungen. Sein Leben fiel in eine Zeit, als die Flamen sich wohl oder übel den Burgunderherzögen unterwerfen mussten, deren einziges Vergnügen darin bestand, zu prassen und zu schlemmen. Der Charakter dieser Menschen, aus deren Reihen auch der Mystiker Jan Van Ruysbroeck (1293 bis 1381; „der Wunderbare“) stammt, war eine Kombination von Idealismus und purem Materialismus, die wie Tag und Nacht nicht ohne einander denkbar waren. Diese merkwürdige Zwiespältigkeit musste sich notwendigerweise auf die Kunst dieser Maler niederschlagen, die genau wie die „flämischen Primitiven“ eng mit ihrem Milieu verwachsen waren. So kam es, dass sie auch in den die außerordentlichen Begebenheiten dieser schrecklichen Zeit wiedergebenden Darstellungen durch die akribischen Details, die frappierende Ähnlichkeit in den nichts beschönigenden Porträts ihrer Auftraggeber, durch ihre Bodenständigkeit und Integrität mit jedem Pinselstrich die realistische Seite ihres Talents bewiesen.
19. Hieronymus Bosch, Anbetung der Drei Könige , Triptychon, um 1510. Öl auf Holz,
138 x 72 cm (Mitteltafel); 138 x 34 cm (Seitentafeln).
Museo Nacional del Prado, Madrid.


Nach der Lockerung der kirchlichen Disziplin, durch die viele in Konflikt gerieten, hatten dreißig Jahre lutherische Reformen viele Seelen in Verwirrung gestürzt und Zweifel in die Herzen gesät. Die dauernde Angst um das nackte Überleben und um den Schutz des persönlichen Eigentums sowie die Rachgier ließen kaum Zeit für Geistiges oder für immaterielle Werte. Vor dem Hintergrund dieser ständigen dramatischen Anspannung bildeten die kollektiven Belustigungen in Form von Dorffesten, Jahrmärkten und Festgelagen den notwendigen Gegenpol, eine willkommene Chance, sich zu entspannen und sich dem Genuss hinzugeben. Die tiefe Gläubigkeit des Volkes schlug häufig in fanatischen Hass um. Anstelle barmherziger Taten und christlicher Nächstenliebe traten der Umgang mit der Arkebuse (einer Handfeuerwaffe) und der Taumel der bilderstürmerischen Aktionen. Die Teil des flämischen Charakters ausmachende Schlauheit und die Brutalität, die in dieser Zeit nicht mehr gezügelt werden konnten, brachen nun unbändig hervor und wurden zu neuen Spielregeln erhoben.
Es wurde bereits erwähnt, zu welchem Reichtum die flämischen Städte, allen voran Antwerpen, während der Regierungszeit von Kaiser Karl V. gelangten, einem Mann, der sowohl die Laster als auch die Tugenden seines Volkes in sich vereinte. Der Wohlstand kam den schönen Künsten zustatten, die von dem unwiderstehlichen Drang der Niederländer profitierten, ihren Emotionen, ihrer kulturellen Identität und ihrem Streben nach Schönheit auf künstlerische Weise Ausdruck zu verschaffen, vorzugsweise in malerischer oder plastischer Form. Von daher war das Erscheinen eines Künstlers, der mit seinem Schaffen diesen kritischen Augenblick in der Geschichte seines Volkes darzustellen vermochte, keineswegs überraschend.
Die Bilder der alten Meister, selbst die intimen Interieurs, enthielten stets ein Fenster, das den Blick in die Landschaft und auf das zeitgenössische Leben freigab. Pieter Bruegel stellte diese winzigen, realistischen Kompositionen, die dazu angetan waren, das Herz des Beschauers zu wärmen, in den Vordergrund. Religiöse Sujets waren kaum jemals sein Anliegen. In einer Zeit, in der Katholiken und Protestanten sich über die Auslegung der Bibel bis auf den Tod bekämpften, wurden religiöse Themen mehr und mehr eine Sache des persönlichen Gewissens und kaum ein Motiv für Künstler. Diese wandten sich lieber dem Wandel der Jahreszeiten und der Beobachtung des einfachen Mannes auf der Straße zu, dessen Laster und Tugenden ein durchaus passender und interessanter Gegenstand waren. Dies waren folglich die Motive, die Bruegel in seiner lebensfrohen und satirischen Art schildert und in burlesken oder auch tragischen Inszenierungen mit unbestechlicher Wahrheitstreue immer wieder abbildet.
Doch es wird nun Zeit, etwas über Bruegels viel zitierten Humor zu sagen. Für viele offenbart er sich lediglich in ausgesprochen komischen Werken wie Der Streit zwischen Fett und Mager , Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (1559/1560) und Das Steinschneiden, in denen sich hinter der grotesken Darstellung philosophische Gedanken und teilweise große Bitterkeit verbergen und hinter deren fantastisch-alptraumhaften Szenen sich der Misanthrop zu verstecken scheint. Doch wurde auf diese rein äußerlichen Merkmale eine zu starke Betonung gelegt, deshalb werden diese Werke fälschlicherweise oft als die einzigen oder typischen aus Bruegels Hand angesehen. Seine Zeitgenossen verpassten ihm zusätzlich noch den Beinamen „Bruegel der Drollige“, so wie dies auch viele moderne Kritiker noch tun, als ob es möglich wäre, das Wesen dieses so vielseitigen Meisters mit einem so einfachen Epithet zu charakterisieren. Der Kunsthistoriker René Van Bastelaer (1865 bis 1940) hat dies in seinem Werk überzeugend widerlegt und ein für alle Mal nachgewiesen, dass man Bruegel als einem der originellsten Maler des 16. Jhs. überhaupt damit Unrecht tun würde. [7] Denn Bruegel ist keineswegs nur komisch oder amüsant. Auch wenn er sich gern und oft auf Possen einlässt, die seiner unerschöpflichen Phantasie entspringen, so muss man ihm zugute halten, dass er dabei ein Talent entfaltet, das dem großen Satiriker François Rabelais (um 1483 bis 1553) in nichts nachsteht. Rabelais verstand es, in seinem fünfbändigen satirischen Werk Gargantua et Pantagruel (1532/1564) die Menschen und die Denkweise seiner Zeit authentisch widerzuspiegeln und zu parodieren, wobei er sämtliche komischen und tragischen Gestalten aus alter und neuer Zeit in einer einzigen epischen Farce zu vereinen wusste. Doch ebenso wie das Werk Rabelais’ nicht unbedingt schallendes Gelächter auslöst, so geht auch das Werk Bruegels weit über das rein Komische hinaus.
Sicher macht sein derb-zotiger Humor einen wichtigen und unleugbaren Aspekt seiner Persönlichkeit aus, doch würde er sich damit allein nicht von zahlreichen anderen flämischen Malern seiner Zeit und früherer Epochen abheben. Die traditionelle flämische Folklore ist bevölkert von Hunderten von komischen Figuren, die sich mit ihren lieben Mitmenschen derbe Späße erlauben. Hier findet man zuhauf gehörnte Ehemänner, entführte Gattinnen, „alte Jungfern“, verstoßene Mätressen... kurz und gut: all jene, deren Schicksal sie der Lächerlichkeit preisgibt. Beispielsweise hatten zumindest früher die Dörfer in den Niederlanden alle Spitznamen, mit denen sich die Nachbardörfer über deren Einwohner in irgendeiner Weise lustig machen. Zur Zeit der Glaubenskriege waren Beleidigungen, derbe Witze, satirische Verse und Redensarten eine vergleichsweise harmlose Art der Provokation. Diese Form des Humors, die sich nie so deutlich manifestierte wie im 16. Jh., fand ihren Platz in Bruegels Werk, das sich ja ganz eng in die damalige populäre Kultur einfügt. Aber, um es nochmals zu sagen, Humor ist nur eines der ausgeprägten Merkmale von Bruegels Genie, wenn auch eines der vielseitigsten und tiefgründigsten, deren sich die niederländische Schule rühmen kann.
20. Dominicus Lampsonius, Pieter Bruegel d.Ä , in Porträts berühmter niederländischer Maler ,
Antwerpen, 1572, Tafel 19. Königliche Bibliothek
Albert I, Grafische Sammlung, Brüssel.

AN PIETER BRUEGEL, MALER
„ Wer ist dieser Maler, der so kunstfertig ist, dass er mit Pinsel und Stift die genialen Fantasien des Meisters (Bosch) nachahmt, ja so kunstfertig ist, dass er jenen sogar inzwischen übertroffen hat? Mut, Pieter, du bist stark, und deine Kunst wird dich mit Ruhm überschütten. Denn mit deinen das Auge erfreuenden Kompositionen - die wie diejenigen deines einstigen Meisters durch und durch mit dem Salz deiner Possen gewürzt sind - erntest du überreiches Lob, das gewiss nicht demjenigen nachsteht, das einst deinem erhabenen Vorgänger und Meister zuteil wurde. “


Von einem etwas anderen Gesichtswinkel aus gesehen, könnte man Bruegel ohne weiteres als einen Maler der Bauern bezeichnen, wie Carel Van Mander (1548 bis 1606), sein erster Biograf, dies tut, denn in der Tat sind uns von ihm zahlreiche pastorale Szenen überliefert. Er studierte sehr genau die Sitten der bäuerlichen Gesellschaft und es scheint fast, als hätte ihn eine ganz besondere Sympathie mit seinen Modellen verbunden, eine gewisse Affinität mit ihrem Denken und ihren Gefühlen. Mag sein, dass diese Verbundenheit auf seine eigenen Ursprünge zurückgeht, deren Spuren selbst seine Aufenthalte in den Großstädten, sein Umgang mit Künstlern und Gelehrten, seine Kenntnis der italienischen Landschaften und Meisterwerke niemals auszulöschen vermochten. Nichts von alledem konnte Bruegels eigenwillige Originalität schmälern, die sich äußeren Einflüssen widersetzte wie ein Diamant, den kein anderer Stein ritzen kann.
Obwohl Bruegel gern und immer wieder das bäuerliche Leben schildert, ist dies noch lange kein Grund, ihn ausschließlich als Maler von bäurischen Genrebildern einzustufen. Seine Figuren, seien sie Bauern oder Bürger, müssen im Licht der Wünsche, der damals vorherrschenden Motive, der materiellen Bedürfnisse und der moralischen Ambitionen gesehen werden. Jedes seiner Gesichter, von denen es ja Hunderte aus seinen Bildern zu entdecken gibt, könnte zur Illustration einer Anekdote aus Van Vaernewycks Memoiren dienen: Hier ein zwinkerndes Auge zwischen den Furchen eines hämischen Gesichts, dort ein kantiges Profil, das geschnitzt wie eine Holzpuppe anmutet, Gesichter mit fliehender Stirn oder mit übergroßen lippen- oder zahnlosen Mundlöchern. Doch weit mehr noch als solche individuellen Porträts sind es die Gesamtkompositionen, die sein wahres Genie enthüllen.
21. Hieronymus Bosch, Heuwagen, Tryptichon, 1500-1502.
Öl auf Holz, 140 x 100 cm . Kloster San Lorenzo, Escorial.
22. Pieter Bruegel d.J. oder Jan Bruegel d.J., Versuchung des Hl. Antonius , nach 1616.
Ö l auf Holz, 73,5 x 106,5 cm .
Sammlung Copée, Tenneville.


Nehmen wir als Beispiel seinen berühmten Kindermord zu Bethlehem (um 1565) , der im Kunsthistorischen Museum in Wien zu bewundern ist. Es ist eine Schneelandschaft, keineswegs jedoch ein Winteridyll. Beidseitig ragen einige wenige Bäume in den grauen, seltsam unheilvoll wirkenden Winterhimmel. Im Hintergrund sieht man in der Mitte einen Trupp Landsknechte auf Pferderücken. Sie sind von Kopf bis Fuß in blaue Rüstungen gekleidet, die Lanzen ragen senkrecht nach oben. Vor ihnen galoppieren Reiter mit Federbüschen auf ihren Helmen, ihre Speere wurfbereit. Die Fußsoldaten ziehen ihre Schwerter, einige treten die Türen der Häuser ein. Im Nahbereich drängen sich eine Gruppe weinender Frauen, verstörte Dorfbewohner und verängstigte Kinder. Bruegel stellt diese Szene sehr nüchtern dar und erzielt so ein intensives Pathos, ganz ohne Übertreibung auch nur einer einzigen Miene oder Geste.
Natürlich ging es Bruegel hier weder um den grausamen König Herodes Antipas (20 v.Chr. bis um 39 n.Chr.) noch um den Schmerz der Mütter von Bethlehem; deshalb bemühte er sich auch gar nicht um historische Genauigkeit. Vielmehr ist das Sujet nur ein Vorwand, nichts weiter als ein Etikett, das nützlich ist, um das Bild innerhalb des Gesamtwerks zu identifizieren oder in einem Museumskatalog zu benennen. Das Gemälde hat eine ganz andere, versteckte Bedeutung. Bruegel war Zeuge der plündernden Banden deutscher, spanischer und wallonischer Soldaten geworden, die die Bauern und die Bewohner der unbefestigten Städte in Schrecken versetzt und zum Teil ermordet hatten. Der Kindermord zu Bethlehem (um 1565) schildert das Morden, die Ungeheuerlichkeit und die unerträgliche Last der Fremdherrschaft; er zeigt die Söldnertrupps, die dank ihrer Waffen und Überzahl die Bevölkerung terrorisierten.

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