Die Kunst der Champa
232 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

Die Kunst der Champa , livre ebook

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Description

Vom 12. Oktober 2005 bis zum 9. Januar 2006 wird im Musée
Guimet in Paris eine außergewöhnliche Ausstellung mit dem Titel
„Kunstschätze aus Vietnam… Die Champa-Skulptur“ stattfinden.
Dieses Ereignis wird erstmalig die Sammlungen des französischen
Musée Guimet, der Réunion des Musées Nationaux und der
vietnamesischen Museen aus Da Nang und Hô Chi Minh-Stadt,
ehemals Saigon, zusammenführen. Die Besucher werden die in den
erwähnten Museen verwahrten Skulpturen bewundern können,
wobei, wie so oft, die privaten Sammler sich dagegen sperren, ihre
Schätze zu zeigen; vielleicht aus Furcht, aber auch, um die
Exklusivität ihrer Leidenschaft zu bewahren. Dieses Buch
präsentiert einzigartige Stücke, die einem fachfremden Publikum
gänzlich unbekannt sind und von Museumskuratoren bisher
ignoriert werden, während die großen Werke der asiatischen Kunst
den Blick auf das Unentdeckte verstellen. Zur Ergänzung dieser
Ausstellung hat Jean-François Hubert, internationaler Experte
vietnamesischer Kunst, seine Freunde gebeten, sich an der Arbeit
an diesem besonderen Buch zu beteiligen. Das Königreich von
Champa deckte um 500 n. Chr. einen weiten Teil des heutigen
Vietnam ab. In der Umgebung von Nha Trang findet man heute
noch einige wundersame Spuren davon. Die Champa-Skulptur
verwendet verschiedene Materialien, vor allem Sandstein, aber auch
Gold, Silber und Bronze; diese Werke von unvergleichlicher
Originalität veranschaulichen die indische Mythologie. Dieses
mächtige Königreich wurde um 1500 nach und nach durch die
unaufhaltsame Wanderung der Vietnamesen Richtung Süden
(„Nam Tiên“) zerstört, die ursprünglich in der Region des Roten
Flusses angesiedelt waren. Der Autor untersucht, beschreibt und
kommentiert die verschiedenen Stile der Champa-Skulpturen und
bezieht sich dabei auf eine umfassende unveröffentlichte
Ikonographie.

Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 08 mai 2012
Nombre de lectures 0
EAN13 9781781603482
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 49 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0598€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

Die Kunst der
Champa
Jean-François HubertAutor: Jean-François Hubert
Übersetzung: Goerg Robens
Layout:
Baseline Co Ltd
127-129A Nguyen Hue Boulevard,
1st district, Hô Chi Minh-Ville
© Parkstone Press International
© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Thérèse Le Prat photograph p.11
© Extract from catalogue « La Fleur du pêcher et l’oiseau d’azur »
published by La Renaissance du livre.
François Devos for all photographs.
Weltweit alle Rechte vorbehalten
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen.
Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte
festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.
ISBN 978-1-78160-348-2
Danksagung
Mein Dank gilt vor allem meinem Verleger Jean-Paul Manzo, der mein Vorhaben begrüßt hat
und comment der für die Ausführung zuständigen Eliane de Sérésin.
Ich möchte ihnen hier meine Erkenntlichkeit zeigen.
Eine besondere Erwähnung verdient der Fotograf François Devos, der mich freiwillig an
manch bilderreichen Ort begleitete und dort großartige Photographien machte.
Außerdem Dank allen, ohne deren Mithilfe dieses Werk nicht entstanden wäre:
Sophie Allard-Latour
Philippe Damas
Jean-Luc Enguehard
Michel Inguimberty
Jean-Paul Morin
Cang Nguyen
Eric Pouillot
Richard Prévost
Nicholas Scheeres
Marc Vartabedian.
Zuletzt möchte ich ganz besonders Joëlle Loiret danken, deren Professionalität und Gefühl für
Form und Inhalt nur von ihrer Geduld und Ausdauer übertroffen werden. Die Kunst der
Champa
Jean-François HubertInhaltsverzeichnis
Einführung 7
Champa aus historischer Sicht 17
Die Architektur der Cham 27
Die Götter und ihre Darstellung 31
Stile und Datierung der Skulpturen 39
Zusammenfassung 214
Glossar 220
Zusammenfassende Chronologie von Champa 222
Bibliographie 224
Index der Abbildungen 2286Einführung
ill man sich heute an die Reiche der Champa erinnern, so
bedeutet dies zunächst, Geschichte zu rekonstruieren, dieWverbliebenen Spuren zu schützen, die geringsten
Hinweise zu beachten, aber auch den Tod zu würdigen und die Trauer
mit zeremoniellem Ernst zu begehen. Es sind die Reiche, die in der
Erinnerung ihrer Nachkommen nur noch als undeutliche und von den
rastlosen Seelen der von den Lebenden zu fürchtenden Verstorbenen
gesummte, zwangsläufig exotische Melodien existieren.
Und doch, ihre Statuen fordern unsere Zeit heraus, verlangen ihr
Mitgefühl und rächen sich für die unerbittliche Ungerechtigkeit:
zeugen die vom Zerstörungswerk der Geschichte verschont
gebliebenen doch von einer in deren Mäandern verloren gegangenen
bedeutenden Zivilisation.
Alle Zivilisationen sterben, sie alle tragen jedoch auch Früchte. Sie
hinterlassen in der Erinnerung der Menschheit die grundlegende, mit
Worten nicht beschreibbare Ahnung von der unbegreifbaren
Unendlichkeit und vom unerreichbaren Absoluten. Dennoch ist der
Untergang der Chamzivilisation vielleicht radikaler als der anderer
Zivilisationen: Wenn man diesen Untergang nicht als Zustand begreift,
sondern mit einem Vortrag vergleicht, dann fehlen den Cham schon
seit langem Redner und Zuhörer. Und doch, welch eine Geste! Ein
geheimnisvolles Entstehen, ein Ideal der Staatenlosigkeit, ein
glorreiches Untergehen, ein angekündigter Tod im Namen der
Unmöglichkeit, anders sein zu können. Champa, das sind fünfhundert
Jahre Geheimnis, tausend Jahre der Zerstörung und dreihundert Jahre
des Vergessens.
Das Sinnvollste war, die Überreste zu erfassen, die verlorenen
Türme, die vergessenen Skulpturen, die ehrwürdigen Stätten, in denen
das Göttliche wandelte. Eine angenehme Arbeit für den mit dem
Wissensschatz seiner berühmten Vorgänger vertrauten
Forschungsreisenden, der offen ist für die Freude am vorurteilsfreien
Entdecken. Eine Statue zu untersuchen und zu begutachten bedeutet,
steingewordene Geschichte befragen. Wir haben alle in diesem Buch
Vorherige Seite
dargestellten Werke genau untersucht, gemessen, abgeklopft und
1. Garuda aus Sandstein im Thâp-Mam-Stil (12. Jh.).
beglaubigt. Sie kommen ausnahmslos aus meist unveröffentlichten Er steht vor dem Museum für Nationalgeschichte von
Vietnam (Hanoi) (Detail).Privatsammlungen und geben so der Betrachtung neue Nahrung. In der
Kunst ist nichts gefährlicher als die zu große Ähnlichkeit der Vorlagen
2. Garuda aus Sandstein im Thâp-Mam-Stil (12. Jh.).
und die Begrenzung des Blickfelds. Am Anfang des 21. Jahrhunderts Er steht vor dem Museum für Nationalgeschichte von Vietnam (Hanoi).
zeigt sich die Chamkunst im Allgemeinen und die Chamskulptur im
Besonderen als eine zutiefst ursprüngliche, von den Franzosen
wiederentdeckte und heute von den Vietnamesen für sich in Anspruch
genommene Kunst.
Zutiefst ursprünglich, denn selbst wenn man Stilvergleiche
durchführen, die Herkunft erwähnen und Einflüsse feststellen kann, so
unterscheidet sich die Chamskulptur doch von allen vorangegangenen
zeitgenössischen und späteren Strömungen der Bildhauerei.
7Einführung
Wiederentdeckt von den Franzosen: denn während der ganzen
Dauer der französischen Präsenz in Vietnam – und dies schon ab der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – haben nicht nur die den
Entdeckern nachfolgenden Architekten, sondern auch die
Inschriftenkenner und die Archäologen nicht nur einmalige, die
Dokumente und Kommentare vereinende Grundlagen erstellt,
sondern auch Großes für die Erhaltung der Chamstätten geleistet. Da
die Anwendung der französischen Sprache weltweit zurückgeht, ist es
nicht nebensächlich, festzustellen, dass sie nach wie vor
unumgänglich ist für diejenigen, die sich mit der Kunst der Cham
beschäftigen wollen: Keine präzise Bezugnahme und keine ernsthafte
Untersuchung könnte heute auskommen ohne die akribische
Auswertung und ohne die aufmerksame Lektüre der seit beinahe 150
Jahren in Französisch gehaltenen und auf verlässlichlichen Quellen
beruhenden Dokumente.
Von den Vietnamesen heute für sich in Anspruch genommen: Erst
als die Zwänge vieler Kriegsjahre überwunden waren, konnten sich
die Vietnamesen für eine Kunst interessieren, die den meisten unter
ihnen fremd geblieben war. Schließlich waren die Cham in dem die
Nationen zusammenhaltenden Kollektivbewusstsein ganz klar der im
Norden einfallende Feind, der dann, nach der bis ins zehnte
Jahrhundert dauernden chinesischen Besetzung, ein Hindernis war
für den durch die Bevölkerungszunahme im Norden unvermeidlichen
“Gang nach Süden” (“Nam Tiên”). Die Cham weckten auch ein
Schuldgefühl im vietnamesischen Unterbewusstsein. Schließlich
hatte man eine tausendjährige autochthone Kultur unwiederbringlich
zerstört und ein ganzes Volk – als eine der vierundfünfzig im Lande
gezählten Minderheiten – auf etwa 100 000 noch in Vietnam lebende
Cham reduziert. Sie leben heute hauptsächlich in der Nähe von Phan
Rang, Phan Ri und Chau Doc, alles Orte im Süden des heutigen
Vietnam.3. Inschrift von Vo-Canh Sie befindet sich vor dem
Diese Inanspruchnahme trägt heute Früchte: Die Sorgfalt bei neuenMuseum für Nationalgeschichte von Vietnam (Hanoi).
Sie datiert aus dem 3. Jh.- 4. Jh und ist nach wie vor der Veröffentlichungen, die Aufwertung und die Wiederherstellung der
Angelpunkt zahlreicher Forschungen, auch wenn die
Fundstätten, die effizienten archäologischen Arbeiten zeugen sowohl
Cham-Herkunft nicht sicher ist.
von einem landesweiten Bewusstwerden als auch von dem festen
Nächste Seite Willen, das heute zweifelsfrei vietnamesische Erbe der Cham wieder zu
4. Inschrift von Vo-Canh, Sie befindet sich vor dem Museum gewinnen.
für Nationalgeschichte von Vietnam (Hanoi) (Detail).
Es ist jedoch nicht richtig, die Kunst der Cham im Allgemeinen und
die Skulpturen der Cham im Besonderen in einer ausschließlich
historischen französisch-vietnamesischen oder in einer isolierten
landespolitischen Beziehung zu sehen. Die Chamskulpturen haben
schon vor langer Zeit ein internationales Publikum gewonnen. Zwar
wurden die ersten Museen, in denen sie ausgestellt wurden, unter
französischem Einfluss in Vietnam gegründet und sind der
französischen archäologischen Kommission für Indochina Ecole
française de l’Extrême-Orient (EFEO) – der auch die Erhaltung der
historischen Monumente in Indochina anvertraut worden war – zu
verdanken: Die Hallen der Kommission beherbergten bereits 1899
einige der in den Ruinen von Mi Son gefundenen Steine. Zwischen
1900 und 1905 kamen dann einige Skulpturen nach Hanoi und
8Einführung
9Einführung
10Einführung
schrittweise entstanden aus den Funden bei offiziellen Grabungen oder
zufällig gefundenen Stücken richtige Museen. Die ursprünglichen
Gründungsdaten dieser ersten Museen liegen zwar weiter zurück, aber
wir geben hier die Daten an, zu denen sie tatsächlich und vollständig
eingerichtet waren: Das Museum Louis Finot in Hanoi (1933
eingeweiht), das Museum Henri Parmentier (1936) in Touran-Danang,
das Museum Khai Dhin in Hué (1923) und das Museum Blanchard de la
Brosse in Saigon (1929). Mit der Zeit wussten auch ausländische
Museen hochwertige Sammlungen zusammenzustellen (Museum
Cleveland, das Metropolitan Museum in New York und Brooklyn in den
USA; Museum Rietberg in der Schweiz; Musée Guimet in Paris, Museum
Labit in Toulouse).
Architekten, Archäologen, Übersetzer und Epigraphiker, aber auch
Amateure haben es ermöglicht, die Zivilisation der Cham, ihre Tempel
und besonders ihre Skulpturen besser kennen zu lernen. Wir wollen
diese berühmten Neuerer für jede Kategorie aufführen und kurz an ihre
Beiträge erinnern.
Zuerst seien die Epigraphiker erwähnt, deren Wissenschaft das
Erforschen und die Kenntnis der Inschriften zum Ziel hat. Wir nennen
diese Gelehrten und zeigen dann die Grenzen ihrer Wissenschaft auf,
wenn es um die Erkennung und um die Datierung der Kunst der
Cham geht:
August Barth (1834-1916), Indologe, verfasste 1901 die
Gründungsurkunde der EFEO; Georges Maspero (1872-1942),
Verwaltungsbeamter in Indochina, oft verwechselt mit seinem Bruder,
dem herausragenden Sprachforscher Henri Maspero (1883-1945);
Louis Finot (1864-1935), Archivar und Paläograph, Sanskritkenner,
Leiter der EFEO, Paul Pelliot (1878-1945), Henri Parmentier
(18711949), Georges Coedes (1886-1969) schrieb 1904 als achtzehnjähriger
in der Zeitschrift der EFEO seinen ersten Artikel über
Vorherige SeiteInschriftenkunde und hatte perfekte Kenntnisse in Cham, Sanskrit und
5. Archäologische Cham Ausgrabungen der Thâp-Mam Epoche.
Khmer und anderen Sprachen; Paul Mus (1909-1960), Indologe,
Spezialist für die Ausbreitung des Hinduismus in Indien und 6. Portrait von Philipe Stern, 1953.
Südostasien, er interessierte sich vor allem für die natürliche und
fruchtbare Begegnung zwischen hinduistischen und lokalen Elementen
bei der Entstehung der religiösen Kultur der Cham.
Leider sind die Arbeiten der Sammler und Inschriftenübersetzer
wenig hilfreich bei der Datierung und Erforschung der
ChamSkulpturen. Wenn auch heute etwa zweihundertdreißig vom 4. bis zum
15. Jahrhundert datierte, in Sanskrit, in altem Cham oder in beiden
Sprachen gehaltene Inschriften erfasst sind, so wurden nur etwa
hundert davon wirklich untersucht. Sie stammen hauptsächlich von
Stelen und beziehen sich auf Probleme der Grenzziehung oder auf
religiöse Ereignisse, tragen jedoch wenig zur Datierung der
Tempelanlagen bei. Einerseits ist es durchaus möglich, dass eine Stele
von einem Tempel zu einem anderen gebracht worden ist, andererseits
ist es nicht immer leicht, festzustellen, ob die Daten auf der Stele sich
auf die Einweihung eines Tempels beziehen oder auf den Baubeginn,
wodurch natürlich die präzise Datierung erschwert wird.
11Einführung
Auch Jean-Yves Claeys (1896-1979) hatte als Architekt sein Studium
an der Pariser Kunstakademie sowie an der Kunstgewerbeschule in
Nizza abgeschlossen. Als Angestellter des staatlichen Bauamtes Travaux
Publics de l’Indochine trat er 1927 der EFEO bei und wurde Konservator
der Monumente von Annam. Er widmete sich nicht nur der
ChamArchitektur, sondern auch der Archäologie, insbesondere der
Freilegung der Stätten von Tra Kieu im Jahr 1920 und der von Thap
Mam in den Jahren 1934 bis 1935.
Parmentier und Claeys haben die von der Vegetation überwucherten
Monumente nicht nur freigelegt, sondern auch präzise Listen
aufgestellt und – um sie zu erhalten – Statuen und Inschriften in den
Museen der EFEO zusammengebracht sowie in der unmittelbaren
Nähe der wichtigsten Monumente einige Ausgrabungen durchgeführt.
Bei den Archäologen und Museumsleitern, die beiden Berufe waren
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft eins, ist natürlich Philippe
Stern (1875-1996) zu nennen, Leiter des Musée Guimet in Paris und
Mitglied der EFEO seit 1930. Er erklärt die Beobachtung zur
Grundlage für die Aufstellung von Theorien und erarbeitet eine Furore
machende Datierungsmethode: Er “...stützt sich [...] in seinen
Analysen auf eine gewissenhafte vergleichende Untersuchung der
Entwicklung der Dekorationsmotive, insbesondere der Friese,
Arkaden, Pilaster, kleinen Säulen, Mauerwerksornamente und anderen
verzierenden Elemente der Architektur”. Im Jahr 1936 fährt er auf
seiner einzigen Reise in Südostasien mit seiner Schülerin Gilberte de
Coral-Rémusat natürlich nach Kambodscha, aber auch zu den
wichtigsten Monumenten von Champa.
Nach der geglückten Neudatierung des Bayon in Angkor – er siedelt
ihn statt im 11. im 12. Jahrhundert an und “verjüngt” ihn so, ganz
gegen die anerkannte und autoritäre Meinung des Trios Finot,
Goloubew und Parmentier – und erstellt eine wichtige, Maßstäbe
setzende Datierungsmethode für die Architektur der Cham und damit7. Fries mit Affen, Flachrelief, Sandstein, Länge 64 cm,
Stil von Thâp-Mam, 11. Jh.-12. Jh. (Detail). auch für deren Skulpturen, auch wenn sie später ergänzt und
überarbeitet wurde.
Nächste Seite
Jean Boisselier (1912-1996) greift die Arbeit später wieder auf. Nach8. Fries mit Affen, Flachr
Stil von Thâp-Mam, 11. Jh.-12. Jh. dem Studium an der Kunstakademie und an der Ecole du Louvre in
Paris tritt er 1949 der EFEO bei. Ab 1953 leitet er die
wissenschaftlichen Arbeiten für die Erhaltung von Angkor. Der
hervorragende analytische Gelehrte hat Jahrzehnte lang die Forschung
Zu den Architekten gehört vor allem wieder Henri Parmentier, der in der Kunst sowohl der Khmer als auch in der Kunst der Thai und der
sein Diplom an der Kunstakademie in Paris erworben hatte und der Cham angeregt. Seine Arbeiten zur Analyse, Datierung und
EFEO bereits bei ihrer Gründung beitrat. Zwischen 1902 und 1908 legt Identifizierung der Cham-Skulpturen sind absolut grundlegend.
er die wichtigsten (jedoch nicht alle, wie zu oft angenommen wird) Dennoch sträubte sich der Hausherr in der Rue de la République in
Cham-Stätten frei und veröffentlicht seine Grabungsberichte in seiner Charenton am Ende seines Lebens, manche Entdeckungen und
1909 und 1918 in zwei Bänden erschienenen meisterhaften Neuentdeckungen zu akzeptieren. So weigerte er sich zum Beispiel,
Bestandsaufnahme Inventaire descriptif des monuments cham de l’Annam. trotz ihrer Bedeutung die Entdeckungen von An-My von 1982
In den Jahren 1902 und 1903 legt er die Monumente von Mi Son und anzuerkennen, konnte doch durch sie die Existenz eines ersten
Dong Duong frei, im Jahr 1908 die von Po Klaung Garai und von 1906 Skulpturstils bestätigt werden.
bis 1909 den Po Nagar von Nha Trang. Parmentier ist die Gründung Die zeitgenössische vietnamesische Schule hat in den letzten Jahren
des Cham-Museums von Tourane (Da Nang) im Jahr 1918 zu viel zum Wissen über die Kunst von Champa beigetragen. Auch Ngo Van
verdanken, das 1936 erweitert wurde und seitdem seinen Namen trägt. Doanh und Tran Ky Phuong haben durch ihre Ortskenntnis, ihren direkten
12Einführung
und wiederholten Zugang zu den neuen archäologischen Entdeckungen Cham im Allgemeinen und der Skulptur der Cham im Besonderen ist,
und ihre Kenntnis der vietnamesischen Soziologie einen Beitrag geleistet um weiterzukommen, auf solche immer wieder neuen Initiativen
zur Erneuerung des Kenntnisstands in der Kunst der Cham. In angewiesen.
Frankreich folgen ihnen auch Po Dharma und Pierre-Bernard Lafont. Das oben gezeigte Stück stammt aus der Sammlung des Arztes
Zum Schluss dürfen die reinen Amateure nicht vergessen werden, Claude-Albert Morice (1845-1877), der nach seinem Abschluss an der
jene, die mehr sammeln als erforschen, die jedoch oft etwas in Militärmedizinschule in Lyon als Arzt zur französischen Marine ging
Bewegung setzen, was dann zu einem sehr hohen Wissensstand führt. und sich bei seinem ersten Aufenthalt in Vietnam von 1872 bis 1874
Unter ihnen seien genannt: Charles Lemire (1839-1912), der vor allem seiner Leidenschaft, der Naturkunde, widmete.
französische Statthalter in Quang Nam, der von 1886 bis 1892 eine Er sammelte zahlreiche Proben und Muster der Tier- und
Sammlung erstellte, die er zwischen 1891 und 1892 im Garten der Pflanzenwelt des Landes und schickte sie an das Naturkundemuseum
Cham in Tourane (Na Dang) zusammenführte. Camille Paris, zuerst in Lyon; er begeisterte sich auch für die Geschichte und die Sprachen
Postbeamter, dann Siedler; die Patres Cadière und Durand sowie Prosper Vietnams.
d’Odend’hal und der Arzt Dr. Albert Sallet, die erheblich zur Entstehung Während eines zweiten, mit seinem Tod endenden Aufenthalts war
der Sammlung des Cham-Museums in Tourane beigetragen haben, er als Arzt dem Konsulat von Thi Nay nahe der Stadt Qui Nhon
und, nicht zu vergessen Dr. Morice, über den wir später ausführlicher zugeteilt, in einem ehemaligen Cham-Gebiet, in dem es zahlreiche
berichten. Der vietnamesische Sammler Vu Kim Loc aus Ho Chi Minh- architektonische Spuren des alten Champa gab. Morice interessierte
Stadt folgt heute dieser Tradition. Seine sorgfältig zusammengestellte sich insbesondere für die Statuen im Zentrum des ehemaligen
Sammlung umfasst hauptsächlich Metalle der Cham und im Königreichs von Vijaya, das 1471 unter der Herrschaft von Le Than
Wesentlichen Schmuck und Kultgegenstände, die in einem sehr Tong von den Viet im Verlauf des Nam Tien endgültig erobert wurde.
interessanten, gemeinsam mit dem herausragenden vietnamesischen Dem Geist der Zeit entsprechend, in der man eher dokumentierende
Archäologen Le Xuan Diem verfassten Buch (siehe hierzu die Elemente suchte als eine tatsächliche Kunstsammlung zusammen zu
Bibliografie) beschrieben wurden. Die Erforschung der Kunst der stellen, brachte er ein von den Verzierungen der Cham-Tempel
13Einführung
stammendes Ensemble von kompletten oder bruchstückhaften Statuen Marseille und schließlich in Lyon angekommen war. Nach einigem Hin
zusammen, die sich vom Mauerwerk der Tempel gelöst hatten, als diese und Her und dank seiner verblüffenden Intuition findet Stenuit die
im Lauf der Zeit verfielen. Die Steine waren in der Regel von den Viet zehn fehlenden Statuen im Naturkundemuseum von Lyon. Dort waren
in ihrem Zustand belassen worden, fürchteten sie doch die sie zusammen mit den zoologischen und botanischen Proben
rachsüchtigen Geister der Cham-Götter. angekommen, die der Lyoner Arzt in den dem Schiffbruch
Niemand wusste, was aus der Sammlung des Doktor Morice vorausgehenden Jahren verschickt hatte.
geworden war, bis Robert Stenuit – Gründer und seit 1970 Direktor von Um es mit Stenuits Worten auszudrücken, waren die Werke, die er
GRASP (Groupe de recherche archéologique sous-marine post-médiévale; in einem Dienstkorridor des Museums abgestellt fand, “...eher
deutsch etwa: Forschungsgruppe für nachmittelalterliche begraben als versunken.” Auf einem einfachen Schildchen an einem
Unterwasserarchäologie) und 1976 Entdecker der Witte Leeuw – durch der Werke stand: “Kopf von einem Ungeheuer. Sandstein. Herkunft
Quellenstudien herausfand, dass ein französisches Schiff der unbekannt. Cham-Kunst, 13. bis 14. Jahrhundert, Aufgenommen 1933.
Messageries Maritimes, die Mekong, am 17. Juni 1877 nicht weit MGL 2415.”
entfernt von der somalischen Küste untergegangen war. Das Schiff Die bei Robert Stenuits Expedition gesammelten Stücke – dieses
hatte Saigon mit Kurs auf Marseille verlassen und transportierte hier gehört dazu – wurden bei einer Versteigerung von Christie’s in
offensichtlich die Cham-Sammlung des Doktor Morice. Amsterdam verkauft. Der Katalog enthält vierzehn Nummern für
Die Zeitschrift L’Illustration hatte in ihrer Nummer vom 21. Juli dreizehn komplette Werke und sieben Fragmente. Die von Stenuit
1877 von der tragischen Begebenheit mit einer Abbildung des durchgeführten Untersuchungen haben für uns ein zweifaches
sinkenden Dampfers, dessen 66 Passagiere und 180 Offiziere und Interesse. Zum Einen können wir bestimmte Cham-Werke besser
Matrosen in Schaluppen mehr schlecht als recht die zum Glück nahe datieren, zum Anderen müssen wir bestimmten angenommenen
liegende Küste erreichten, berichtet. Einordnungen misstrauen, denn die “Expedition” von Stenuit lehrt uns
Um die genaue Lage des gesunkenen Schiffes festzustellen, zog noch etwas: Die Suche nach der Herkunft der Werke ist immer
Stenuit drei Jahre lang zahlreiche Archive zu Rate, insbesondere die der schwierig, besonders in der Cham-Kunst. Dies wird durch das
Messageries Maritimes und die des ehemaligen Protektorats von Aden; Schildchen des Lyoner Naturkundemuseums belegt: Die auf 1933
er studierte Karten und Manuskripte und entschloss sich zu einer von datierte Ankunft des Werkes war, wie wir gesehen haben, wesentlich
Vater und Sohn Edwards, zwei Amerikanern aus Pennsylvanien, früher (1877). Glücklicherweise konnte durch öffentliche Schriften der
finanzierten Expedition zur Bergung der Statuen. wahre Sachverhalt festgestellt werden. Was wäre, wenn es nach der
Am 9. Oktober 1995 erreicht ein von Djibuti kommendes Schiff den Erinnerung Einzelner ginge, die oft im Lauf der Generationen die
Ort nördlich von Somalia. Die Mannschaft weiß, dass die Ladung beim Kunst der Khmer, der Cham, der Inder vermischen unter dem
Schiffbruch von den Somaliern geplündert worden war, die den missbräuchlichen Oberbegriff des Fernen Ostens?
Überlebenden dafür das Leben ließ und ihnen Kamele gab, damit sie Das vorliegende Buch will in zweifacher Hinsicht auf besondere
zur Nordküste gelangen konnten; aber Stenuit ist fast sicher, dass die Weise vorgehen: Sich ausschließlich mit der Skulptur als
Cham-Steine wegen ihres Gewichts und weil sie für die Eingeborenen unabhängigem Element befassen und sie nur mit Stücken aus
von geringem unmittelbarem Nutzen waren, im Wrack verblieben sind. europäischen Privatsammlungen darstellen. Solch ein Vorgehen mag
Für die Unterwasserarchäologen scheint die Rechnung aufzugehen: sie gewagt oder gar frevelhaft erscheinen: Die öffentlichen Museen und die
sollen ein Wrack identifizieren, das dem Aufbau der Mekong und ihrer Geschichtsschreibung haben eine Legitimität erworben, die beinahe
Ausrichtung am Meeresgrund so entspricht, wie es in der Zeitschrift etwas von einem Dogma hat. Besonders in Frankreich bedeuten diese
L’Illustration beschrieben wird (Heck nach Süden, Bug nach Norden). beiden alles. Die Kunst zu erforschen bedeutet jedoch, sie aus dem
Die Suche hat Erfolg: Mit Hilfe eines auf einer zu Ehren des Bereich des Heiligen herauszunehmen und sie für alle nicht nur
französischen Arztes Docteur Morice getauften Schaluppe montierten sichtbar, sondern auch fassbar zu machen.
Magnetometers gelingt die Identifizierung eines von acht – an diesem
Ort war dies nicht der einzige Schiffbruch – in Frage kommenden
Wracks. Die Aufschrift Messageries Impériales (“Kaiserliche Nächste Seite
Fuhrunternehmen”) auf dem geborgenen Geschirr bestätigt den Erfolg. 9. André Maire (1898-1984) : « Der Buddha von Tra-Kieu » Kohle und Kreide auf
Papier, 65 x 50 cm, Signiert und datiert 1956, unten links. Eine nach der anderen werden achtzehn Statuen gehoben. Robert
Stenuit jedoch ist nicht zufrieden, denn die Zahl stimmt nicht: In seiner
Zwei Jahre vor seiner endgültigen Rückkehr nach Frankreich setzte der
anfänglichen Schätzung, die auf seiner Kenntnis der Liste der französische Künstler, damals Professor an der Hochschule für Architektur in
Dalat, sein Werk fort, das auf einer fantasiehaften und poetischen Neuauslegungverschickten Stücke beruht, waren etwa zehn weitere Exemplare
der Realität beruht. Hier ist es ein Cham-Elefant des 10. Jh., wahrscheinlich imvorgesehen. Tatsächlich findet er nach seiner Rückkehr nach
Museum von Tourane gezeichnet, der in einem Tempel Gestalt annimmt, in dem
Frankreich bei einer genaueren Durchsicht der Archive heraus, dass ein sich ein großer Buddha befindet (von hinten gesehen), vielleicht ein ferner
erster Posten bereits vorher verschickt worden und zunächst in Anklang an Dong Duong...
14Einführung
1510. Der Cham Tempel von Po Klaung Garai, ca. 1920
Nächste Seite
11. Sammlung im Hauptsaal des Cham-Museum in Tourane, 1922.
16Champa aus historischer Sicht
enn der Reisende heute in Vietnam nach Phan Thiet, Phan
Ri und Phan Rang oder gar in die Nähe von Chau DocW kommt und dort gelegentlich seltsam gekleideten Leuten
begegnet, würde er wohl kaum glauben, dass diese Leute, die Cham, einst
beinahe zwei Drittel des heutigen Vietnam bewohnten. Im 10.
Jahrhundert bildeten das Reich der Khmer und das Reich Champa die
beiden wichtigsten Mächte des südostasiatischen Kontinents, der Dai Viet
im Norden war nach einem tausendjährigen Dasein als dem chinesischen
Reich angegliederte Provinz erst seit kurzem ein Königreich.
Unser Wissen um die Geschichte der Champa beruht auf Texten
und auf archäologischen Quellen. Einerseits verfügen wir über
chinesische und vietnamesische Texte (Annalen), Reiseberichte (von
Arabern und Chinesen über Marco Polo bis hin zu westlichen
Missionaren), Manuskripte der Cham (vor allem die von der Pariser
Asiengesellschaft – Inventaire des Archives du fonds de la Société
Asiatique de Paris – aufbewahrten Stücke) und Inschriften – etwa 210
zwischen dem 4. und dem 15. Jahrhundert entstandene
Steininschriften sind erfasst, sie sind zum Teil in Sanskrit, zum Teil in
altem Cham, manchmal auch in beiden Sprachen gehalten. Tatsächlich
muss ein großer Teil davon noch übersetzt werden, eine schwierige
Aufgabe, da sie eine gründliche Kenntnis der Geschichte des Landes
voraussetzen, die reine Sprachforscher nicht immer besitzen.
Andererseits verfügen wir der Zeit zum Trotz über archäologische ging es bis zum Westen des Mekong, davon zeugen die Khmerstätte Vat
Überreste, nämlich die ursprünglichen Cham-Türme von Hoà Lai bis Phu in Laos, die Stele von Vat Luang Kau und der Prasat Damrei Krap
Chiên Dan, von Mi Son bis Po Klaung Garai und viele andere, obwohl auf dem Berg Kulen in Kambodscha und sogar die Berichte der von
sie hauptsächlich im zweiten Vietnamkrieg fürchterliche Zerstörungen Doudart de Lagrée geleiteten, im Jahr 1883 Bassac durchquerenden
erlitten. Expedition, aus denen hervorgeht, dass die Bevölkerung sich noch an
Den Quellen hinzufügen könnte man sowohl die Erinnerungen die Cham erinnert.
jener Cham in Vietnam, von denen heute etwa 80.000 in den beiden Wenn es noch weiterer Beweise für eine frühe Präsenz der Cham auf
Provinzen Binh Thuân und Ninh Thuân in Zentralvietnam leben sowie den Hochplateaus bedarf, könnte man sowohl die von 914 datierten
15.000 in Ho Chi Minh-Stadt (Saigon) und in Châu Dôc (in der Inschriften des im Tal Bla bei Kontum stehenden Tempels von Kon
Provinz An Giang) nahe der kambodschanischen Grenze, als auch die Klor nennen, in denen der Bau eines dem Gott Mahindra-Lokesvara
Erinnerungen ihrer 150.000 «Mitbürger» in Kambodscha, die die gewidmeten Heiligtums durch den Regionalfürsten Mahindravarman
Barbarei der Roten Khmer überlebt haben. Die Cham in Zentralvietnam erwähnt wird, als auch die Inschriften im Tempel von Yang Prong
(Cham Ahirs, Cham Kaphia und Cham Chuh) haben ein (Ende des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts) oder die Inschriften im
brahmanistisches Erbe, die anderen üben einen eigenständigen Tempel von Yang Mum (Ende des 14. bis Anfang des 15. Jahrhunderts).
islamischen Kult aus (Cham Bani). Beiden müsste man noch die Die Geschichte von Champa und seiner wenig bekannten Anfänge
300.000 Bewohner der Hochplateaus mit australo-asiatischer Sprache enthält gefeierte Siege und Niederlagen, aber auch ein unerbittliches
hinzuzählen (die Mnong, die Naa und die Stieng) oder diejenigen von Schicksal, das von einer glanzvollen und hoch entwickelten
austronesischer Sprache (die Jarai, die Rhadé, die Churu, die Ra-glai), Zivilisation nur eingestürzte Tempel, sehr ausgeprägte, nicht leicht
die in jeder Beziehung an der Geschichte von Champa beteiligt waren, erfassbare Skulpturen und ein dezimiertes und verstreutes Volk
denn streng genommen waren die Cham genannten Talbewohner nicht hinterließ. Die chinesischen Annalen berichten, dass 192 n. Chr. die
die Einzigen in Champa. Bevölkerung im Süden des chinesischen Außenpostens bei Renan
Das in den chinesischen Texten des 2. Jahrhunderts erwähnte (vietnamesisch Nhat Nam), dem heutigen Hue, sich gegen die
Champa dehnte sich zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert in den Chinesen erhob, um einen Lin Yi genannten Staat zu gründen, der sich
Gebieten von Norden bis Süden aus: vom Tor von Annam (Hoanh Son) zunächst gen Norden bis zum Tor von Annam vergrößerte und dann im
bis praktisch zur Höhe von Ho Chi Minh-Stadt (Baigaur cham). Später Süden hinduisierte Fürstentümer mit einschloss. Von 192 bis 758
17Champa aus historischer Sicht
eroberungslustigen und gut organisierten vietnamesischen Staates,
dessen Grenzen sich bis zur Einbeziehung des Mekongdeltas in
unseren Tagen praktisch nicht mehr änderten.
Im 8. Jahrhundert erstreckt sich Champa also vom Tor von Annam
im Norden bis zum Becken von Donnai im Süden. Möglicherweise als
Bundesstaat aufgebaut, war er von Norden bis Süden in Einheiten, dem
Anschein nach Fürstentümer, unterteilt, deren Land aus
Schwemmebenen bestand und die von ins Meer abfallenden
Gebirgsketten – den Indrapura, Amaravati, Vijaya, Kauthara und
Panduranga – durchzogen waren.
Die Geschichte von Champa ist nicht nur die des Paares Viet und
Cham. Das Land unterhielt Beziehungen zu China, dessen
tributpflichtiger Vasall es ist und dem es Gesandtschaften schickte; es
hatte Beziehungen zu Kambodscha, die jedoch sehr bald, ab dem 9.
Jahrhundert, kriegerische Formen annehmen sollten. Ebenso verhielt
es sich mit der malayischen Welt, insbesondere Java, und dem Dai Viet.
Die Beziehungen waren zwar vielfältig – es geht um Krieg, um Handel,
um Eheschließungen – aber nicht dauerhaft.
Vom 8. bis zum 15. Jahrhundert war die Zivilisation von Champa
zwar überwiegend hinduistisch, aber man darf dabei den im
Wesentlichen in den Skulpturen sichtbaren Buddhismus vom Ende des
9. bis zum Beginn des 10. Jahrhunderts nicht vergessen. Sie entlieh aus
Indien ihre Sprache, ihre Religionen – hier vor allem den Shivaismus –
das Sanskrit, aber auch das vierklassige Gesellschaftssystem und die
Vorstellung vom Königtum. Eine aristokratische Elite war der Garant
für das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche System. Das
Volk bestand überwiegend aus Landwirten – Pionieren der
Wasserreiskultur, die in Champa eine Reissorte mit kurzer,
hunderttägiger Reifezeit entwickelten, die nach ihrer Einführung in
12. Tänzerin, Hochrelief, Sandstein, Südchina im 13. Jahrhundert ein bedeutender Faktor für den
Höhe 84 cm, Thâp-Mam Stil, 12. – 13. Jh.
Fortschritt in der Landwirtschaft wurde – aber auch aus Händlern,
Exporteuren von Zimt, Sandelholz, Nashornhörnern und
Elefantenstoßzähnen sowie aus Kunsttöpfern, die sich hauptsächlich
vom 12. bis zum 15. Jahrhundert auf Glasuren spezialisierten, wovon
erscheint in den Texten immer der Begriff ‘Lin Yi’; erst ab 758 wird der die Werke von Go Sanh zeugen, einer Fundstätte bei An Nhon. Der
Begriff ‘Huan Wang’ benutzt. Vom Jahr 875 an wird das Staatswesen mit Rest waren Seeleute, die von den beiden großen Häfen von Tai Chiem
‘Chiem Thanh’ bezeichnet, der chinesisch-vietnamesischen (Gebiet von Hoi An) und Thai Nai (in Binh Dinh) aus Handel oder
Übertragung von ‘Champapura’ – Stadt der Cham. Zwei Inschriften in Piraterie betrieben, je nach Bedarf oder Epoche.
Sanskrit weisen zum ersten Mal die Bezeichnung ‘Champa’ auf, die Es liegt auf der Hand, dass dieses soziale Gerüst von der Spitze bis
eine, datiert auf das Jahr 658, wurde in Quang Nam (C96, eine bei Mi- zur Basis kontinuierlich durch die verschiedenen Angriffs- oder
Son E6 gefundene Stele) in Zentralvietnam entdeckt, die andere, auf Verteidigungskriege geschwächt wurde.Die Cham führten sie zuerst
668 datiert, in Kambodscha (Kdei Ang). Was aber das ursprüngliche gegen die Chinesen, die mehrmals versuchten, ihr Reich vom eroberten
‘Lin Yi’ war, welche Sprachen, Bevölkerung, Religion es hatte, all das ist Annam aus in Richtung Süden zu vergrößern (“der befriedete Süden”,
noch zu erforschen. wie die überheblichen Chinesen das damalige Vietnam nannten) und
Ein wenig besser bekannt ist uns die Geschichte des Landes vom 8. dabei oft siegreiche Schlachten schlugen. So ist bekannt, dass etwa im
Jahrhundert bis zum Ende des hinduisierten Champa im Jahr 1471 mit Jahr 446 die Cham-Haupstadt Tra Kieu durch den chinesischen
dem Fall von Vijaya einerseits und dem langsamen, manchmal General Tan Hezhi verwüstet wurde, der Goldstatuen in einem
aufgehaltenen Niedergang andererseits, vom Verlust von Kauthara bis Gesamtwert von hunderttausend Taels Feingold, das entspricht 3,6
hin zum Verschwinden des Panduranga zwischen 1471 und 1832, der Tonnen Metall, davonschleppte. Dann entbrannte der Krieg gegen die
schließlich mit der historisch exakten Feststellung endet, dass Champa Javaner, die im Jahr 774 den Tempel von Po Nagar bei Nha Trang und
als Staat nicht mehr existiert. Ab dem Jahr 1832 ist Champa Teil des 787 einen anderen Tempel in der Nähe von Vira Pura (der
18Champa aus historischer Sicht
13. Brahmane, Hochrelief, Sandstein, Höhe 72 cm, Stil von Mi Son E1, 7.-8. Jh. Tempels von Mi Son E1) oder eine nicht weniger monumentale Gottheit trug.
Die Nische des Brahmanen ist an der Schwelle mit einem
Ein Brahmane gehört zur höchsten der vier Klassen (Sanskrit: “Varna“, „Farbe“) Blumengirlandenmuster verziert. Man beachte den breiten Flachbogen mit
im brahmanischen Indien. Aus ihr wurden die mit den Opfern betrauten einem Blumenmuster darüber, der in Zierleisten endet. Der Brahmane ist in
Priester ausgewählt. Sie genossen zahlreiche Privilegien und widmeten sich dem Anjali-Haltung und mit einem sehr tief (beinahe bis zu den Knöcheln)
Studium der Veda und der heiligen Texte sowie den religiösen Zeremonien. hängenden, durch zwei Gürtel gehaltenen Sampot bekleidet. Auf dem Mukuta
Diese Skulptur ist eines der Elemente eines Sockels, der, aus vergleichbaren in Kapuzenform ist ein Diadem mit drei großen Zierblumen. Die Ohren sind
Blöcken bestehend, entweder einen monumentalen Linga (wie in der Mitte des lang und mit Schmuck verziert.
19Champa aus historischer Sicht
14. Karte von Champa mit archäologischen Stätten.
20Champa aus historischer Sicht
15. Die wichtigsten Cham Stätten (Türme, Ruinen, ...).
21Champa aus historischer Sicht
schließlich noch über hundertfünfzig Jahre (von 1074 bis 1220). Außer
den Angriffen der Viet, der Khmer und der Javaner mussten die Cham
auch die der Mongolen ertragen. Im Jahr 1283 beschloss der aus dem
eroberten China kommende Sagatu (wo die Mongolen die bis zum
Auftreten der Ming im Jahr 1368 herrschende Dynastie der Yuan
eingesetzt hatten), Champa zu überfallen. Die Cham ließen sich auf
keine Konfrontation ein und flohen in die Berge, wo sie die zwei Jahre bis
zum Rückzug der Besatzer ausharrten. Zählt man noch die Bruderkriege
hinzu, die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von den
Fürstentümern von Amaravati und Panduranga gegen das Fürstentum
von Vijaya geführt wurden, dann erklärt sich die Schwäche Champas am
Anfang des 14. Jahrhunderts. Darf aber die Schwäche eines Staates die
Launen eines Herrschers rechtfertigen? Darf leidenschaftliche Liebe an
Stelle der Politik treten? Im Jahr 1306 bietet der Herrscher Jaya
Simhavarman III. dem König des Dai Viet – und dieser akzeptiert – die
beiden Provinzen O und Li im Austausch gegen die Hand seiner Tochter,
der Prinzessin Huyen Tran, an. Auf diese Weise wird die ganze Region
zwischen dem Pass von Lao Bao und dem Wolkenpass, zwischen Hue
und Tourane vietnamesisches Gebiet, diesmal auf friedlichem Wege. Es
sei noch bemerkt, dass unser Chamherrscher weniger als ein Jahr nach
der Ankunft der Prinzessin verstarb und dass das Gebiet trotz einiger
Versuche nie wieder zurückerworben wurde. Ganz im Gegenteil: im Jahr
1307 wird der Name des Distrikts geändert; O wird zu Thuan
(“Unterwerfung”) und Li wird zu Hoa (“Verwandlung”) – gute
Aussichten! Gleichwohl konnte ein anderer Herrscher einen Aufschub
von einigen Jahrzehnten herbeiführen. Che Bong Nga, der um 1360 den
Thron bestieg, führte eine ganze Reihe siegreicher Feldzüge, im Verlaufe
derer er schließlich Thang Long (das heutige Hanoi) eroberte, die
“heldenhaften Stadt”), also wahrscheinlich nicht weit von Phan Rang Gegenangriffe der Viet zurückschlagen und sogar deren König Tran Due
im Süden, zerstörten. Was bis dahin jedoch nur meist vereinzelte Tong, der unvorsichtig genug war, Vijaya im Jahr 1377 anzugreifen, im
Verwüstungen waren, sollte sich ab dem Ende des 10. Jahrhunderts auf gleichen Jahr umbringen konnte, in dem die Cham Thang Long erneut
Grund eines unerträglich zunehmendem Bevölkerungsdrucks im einnahmen. Drei Jahre später werden Nghe An, Dien Chau und Thanh
Norden in ein langsames, aber ständiges und zerstörerisches Hoa geplündert und in 1382, 1383 und 1389 reiht Che Bong Nga Siege
Vordringen gen Süden ändern, das schließlich in der Vernichtung des und Plünderungen aneinander, bis er im Jahr 1390 von den Viet getötet
hinduisierten Champa endete, bezeugt durch die Zerstörung von Vijaya wird. Seinem Nachfolger Jaya Simhavarman Sri Harijatti gelang es nicht,
durch den Dai Viet im Jahr 1471. das von ihm zurückeroberte Gebiet nördlich des Wolkenpasses zu
Tatsächlich verließen die Cham, von der Vorherrschaft des von der behalten. Am Ende seiner Herrschaftszeit im Jahre 1400 ist der Verfall
chinesischen Besetzung befreiten und daher unabhängigen Dai Viet von Champa schon abzusehen. An der Nordgrenze mobilisiert der Dai
bedroht, Indrapura (es wurde im Jahr 982 zerstört) und verlegten ihre Viet beträchtliche Truppenkontingente. Im Landesinneren kann sich die
Hauptstadt in das viel tiefer im Süden im Gebiet der heutigen Provinz Kultur des Sanskrit, unverzichtbare Stütze des Hinduismus sowie des
Binh Dinh gelegene Vijaya. Es folgten nur noch meist mit Niederlagen Mahayanismus, nicht erneuern und zerfällt (die letzte Sanskritinschrift
endende Schlachten. Die Viet nahmen dann im Jahr 1044 Vijaya ein des Champa kann auf das Jahr 1252 datiert werden). Die regelmäßigen
und ermordeten den Monarchen; 1068 nahmen sie den König der und direkten Beziehungen, die Champa mit Indien unterhielt, sind durch
Cham Rudravarman III. gefangen, der ein Jahr später seine Freiheit das moslemische Eindringen nach Indien am Ende des 12. Jahrhunderts
gegen ein Gebiet erkaufte, das dann unter dem Viêtherrscher Ly Thanh unterbrochen worden. Außerdem, was aus historischer Sicht durchaus
Tong zur Provinz (auf Vietnamesisch: Chau) von Dia Ly, Ma Linh und bekannt ist, flößen die hinduistischen, durch die Götter legitimierten
Bo Chinh wurde und damit das Königreich Champa von seinem Führungsschichten ihren Untergebenen kein Vertrauen mehr ein, denn
nördlichsten Teil endgültig abtrennte. in der Tat erscheinen die Khmer, die Chinesen und vor allem die
Auch gegen die in den Jahren 1074 und 1080 besiegten Khmer Vietnamesen auf lange Sicht als überlegene Krieger und sind daher in den
mussten die Cham kämpfen, die jedoch 1145 den Sieg davontrugen und Augen der Cham (der Regierten und sogar der Regierenden) Vertreter
Vijaya eroberten. Die Kämpfe zwischen Khmer und Cham dauerten besserer politischer Ordnungen. Schon am Anfang des 15. Jahrhunderts
22Champa aus historischer Sicht
erobern die Viet das Fürstentum Amaravati (heute das Gebiet südlich
von Quang Nam und nördlich von Quang Ngai).
Die Viet hatten im Jahr 1471 die erneute chinesische Invasion von
1407 mit der darauf folgenden verheerenden Besatzung – die Chinesen
zerstörten alles, was nur irgendwie eine “Vietnamheit” darstellte –
überwunden und den unterbrochenen Zug nach Süden, den “Nam
Tien”, nachdrücklicher und vor allem siegreich wieder aufgenommen,
denn in diesem Jahr erobert der König Le Thanh Tong die Hauptstadt
der Cham, Vijaya. Er schleift die Stadt, lässt vierzigtausend Menschen
enthaupten, deportiert dreißigtausend und fügt den Cham zu, was die
Chinesen sechzig Jahre vorher den Viet angetan hatten, indem er
systematisch jede Spur von “Chamheit” vernichtete. Die sinisierte Welt
überlagert ab 1471 geografisch die seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. den
Westteil Indochinas beherrschende hinduisierte Welt. In diesem Jahr
wird der Grenzstein zwischen der chinesischen und der indischen Welt
in “Indo-China”, in Vijaya, aufgestellt.
Vom hinduisierten Champa verschwindet nicht nur der Name. Die
Viet bleiben der Anschauung von sich selbst als dem Soldaten-Bauern
treu, der den ihm Schutz bietenden Boden bebaut und der den
bebauten Boden beschützt. Sie ziehen es vor, die Stabilität eines
eroberten Gebietes sicher zu stellen, bevor sie ein neues überfallen;
deshalb endet die Besetzung am Pass von Cu Mong, während die
siegreichen Truppen weiter südlich bis zum Berg Thac Bi zogen. Bo Tri
Tri, ein Heerführer von Vijaya, wird zum Vasallen des Dai Viet und ist
rechenschaftspflichtig für Kauthara, Panduranga und die Hochplateaus
des ganzen dazugehörigen Westens. Die Grenzen eines neuen
ChamKönigreichs werden abgesteckt, dessen Herrscher im Jahr 1478 durch
den chinesischen Kaiser sogar die Investitur erhält.
Aber auch, wenn das neue Königreich dem Namen nach Cham ist,
im Vergleich zum alten System ist es nicht mehr hinduisiert. Ganz im
Gegenteil beruht es in ideologischer Hinsicht auf einem sehr
komplexen Hintergrund, der sich zunächst aus animistischen
Elementen der fremdstämmigen Bevölkerung im Süden nährt, aus
(späten) indischen Zusätzen, aber ab dem 17. Jahrhundert auch aus
Elementen des Islam, der Religion des Propheten, die zwar schon seit
dem 12. Jahrhundert in der Region präsent ist, dort aber erst von dieser
Zeit an wirklich in den Häfen und Städten Fuß fasst.
Wie wir sehen werden, ist klar erkennbar, dass die klassischen
Cham-Skulpturen nicht mehr vom selben Typus sind und ab dem 16.
Jahrhundert sehr viel seltener werden. Den Stil zu ändern bedeutet
jedoch nicht, die Existenz aufzugeben: Die Cham sind nicht nur nicht
ausgelöscht worden, sondern rebellieren sogar gegen die Nguyen, die
Fürsten im Süden, die sich den Trinh, den Fürsten im Norden,
entgegenstellen. Alle stehen unter der namentlichen Hoheit der
Vorherige Seite späteren Le. Im Jahr 1594 helfen sie auch dem Sultan von Johore im
16. Kopf des Vishnu, Sandstein, Höhe 25 cm, Kunst der Khmer, 9. - 10. Jh.
Kampf gegen die Portugiesen von Malacca. Die Nguyen haben den
Ehrgeiz der Cham jedoch rasch zermürbt. Der gesamte Nordteil von17. Mukhalinga, Sandstein, Höhe 48 cm (ohne Zapfen),
preangkorianisch, 7. Jh. Kauthara bis zum Cap Varela ist im Jahr 1611 erobert, in eine
Grenzprovinz von Tran Bien umgewandelt und mit dreißigtausend
Beide Stücke waren mit Meeresablagerungen bedeckt. Der Kopf des Vishnu ist
Gefangenen, ehemaligen Anhängern der Trinh, besiedelt worden. Dieeinzigartig in der Kunst der Cham, das ältere Stück zeugt aber von einer ähnlichen
Inspiration (siehe Seite 53). Nguyen weigern sich dann ab 1626 nicht nur, den Le die Steuern für
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