Satan, Beelzebub, Luzifer - Der Teufel in der Kunst
226 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

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Description

„Der Teufel hält die Fäden, die uns bewegen!“ (Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, 1857.)
Satan, Beelzebub, Luzifer… der Teufel hat viele Namen und Gesichter; sie alle haben Künstlern stets als Inspirationsquelle gedient. Bilder von Teufeln wurden oftmals von kirchlichen Personen von hohem Rang in
Auftrag gegeben, um, je nach Gesellschaft, mit Bildern der Furcht oder Ehrfurcht und mit Darstellungen der Hölle die Gläubigen zu bekehren und sie auf den von ihnen propagierten rechten Pfad der Tugend zu geleiten. Für andere Künstler, wie z. B. Hieronymus Bosch, waren sie ein Mittel, um den völligen moralischen Verfall seiner Zeit anzuprangern.
Auf dieselbe Weise hat die Beschäftigung mit dem Teufel in der Literatur oftmals Künstler inspiriert, die den Teufel mithilfe von Bildern austreiben wollten; dazu gehören insbesondere die Werke von Dante Allighieri und Johann Wolfgang von Goethe. Im 19. Jahrhundert fühlte sich die Romantik zunächst von dem mysteriösen und ausdrucksvollen Gehalt des Themas angezogen und setzte die Verherrlichung der Böswilligkeit fort.
Auguste Rodins Höllentor, ein monumentales Lebenswerk, für das er sich sehr gequält hat, stellt nicht nur diese Leidenschaft für das Böse perfekt dar, sondern enthüllt auch den Grund für diese Faszination. Was könnte in der Tat fesselnder, motivierender für einen Mann sein, als seine künstlerische Meisterschaft zu prüfen, in dem er die Schönheit im Hässlichen und Diabolisch darstellt?

Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 15 septembre 2015
Nombre de lectures 1
EAN13 9781783106684
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 4 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0598€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

Autor: Arturo Graf
Redaktion der deutschen Ausgabe: Klaus H. Carl

Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam

© Parkstone Press International, New York, USA
© Confidential Concepts, Worldwide, USA
Image-Bar www.image-bar.com
© Max Ernst Estate, Artists Rights Society (ARS), New York, USA/ ADAGP, Paris

Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne die Genehmigung des Urheberrechtsinhabers weltweit vervielfältigt oder bearbeitet werden. Wenn nicht anders angegeben, liegen die Urheberrechte der vervielfältigten Werke bei den entsprechenden Fotografen. Trotz intensiver Nachforschung war es nicht immer möglich, die Urheberrechte nachzuweisen. Wo dies der Fall ist, sind wir für eine Benachrichtigung dankbar.

ISBN: 978-1-78310-668-4
Arturo Graf



SATAN, BEELZEBUB,
LUZIFER
Der Teufel in der Kunst
INHALT


Einführung
I. Der Teufel
Die Person des Teufels
Anzahl, Aufenthalt, Eigenschaften, Ordnung und Hierarchie, Wissen und Kenntnisse sowie Macht der Teufel
II. Die Taten des Teufels
Der Teufel als Versucher
Liebschaften und Sprösslinge des Teufels
Der Pakt mit dem Teufel
III. Die Zauberei
Die Geschichte der Zauberei und von magischen Praktiken
Hexen und Zauberer
Die Inquisition – die Verfolgung der Zauberei
IV. Die Hölle
Mehr zur Hölle
V. Die Niederlagen des Teufels
Schlussbemerkung
Bibliographie
Index
Notes
Francisco de Goya y Lucientes, Der behexte Mann , ein Ausschnitt aus El Hechizado por Fuerza („Der Behexte wider Willen“),
1798. Öl auf Leinwand, 42,5 x 30,8 cm .
The National Gallery, London.
Einführung



Anonym, Der riesenhafte Geist,
5000 bis 3000 v. Chr.
Tassili-n ’ Ajjer, Algerien.


J eder kennt den romantischen Mythos von der Rebellion und dem Sturz der Engel. Dieser Mythos, der Dante Alighieri (1265 bis 1321) zu den schönsten Zeilen seiner Göttlichen Komödie , und da beson-ders der Hölle, und John Milton (1608 bis 1674) zu einer unvergesslichen Episode in Das verlorene Paradies inspirierte, hatte so mancher Kirchenlehrer und Kirchenvater nach Belieben ausgeschmückt und teilweise entstellt, aber sein Grundstock liegt nirgends anders als in der Deutung eines einzigen Verses im Buch Jesaja [1] und einiger recht obskurer Passagen im Neuen Testament [2] .
Ein weiterer Mythos, der zwar einen völlig anderen, aber nicht weniger poetischen Charakter hat und gleichermaßen von christlichen und jüdischen Kirchenschriftstellern aufgegriffen wurde, erzählt von Engeln Gottes, die sich in die Töchter der Menschen verliebt und mit ihnen gesündigt haben und zur Strafe für ihre Sünde aus dem Himmelreich, dem Reich Gottes, ausgestoßen und in Dämonen verwandelt wurden. [3] Dieser zweite Mythos erfuhr durch die Verse Thomas Moores und Lord Byrons eine nachhaltige Heiligung. [4]
Beide Mythen stellen die Dämonen als gefallene Engel dar und führen ihren Sturz auf eine Sünde zurück: Neid oder Stolz im ersten, verbrecherische Liebe im zweiten Fall. Aber dies ist die Legende und nicht die Geschichte von Satan und seinen Gesellen. Die Ursprünge Satans als allumfassende Personifikation des Bösen sind weit weniger romantisch und gehen gleichzeitig deutlich tiefer und noch weiter zurück. Satan war viel früher da, nicht nur früher als der Gott Israels, sondern auch früher als alle anderen mächtigen und gefürchteten Götter, die der Menschheit durch ihre lange Geschichte hindurch in Erinnerung geblieben sind. Satan fiel nicht Hals über Kopf aus dem Himmel, sondern entsprang den Abgründen der menschlichen Seele, zeitgleich mit jenen nebelhaften Gottheiten dunkelster Vorzeit, an deren Namen sich nicht einmal ein Stein mehr zu erinnern vermag, die ausgedient haben und von den Menschen längst vergessen sind.
Zeitgleich mit diesen Göttern, und oft mit ihnen verwechselt, ist Satan zunächst ein Embryo wie jedes andere lebende Wesen auch. Und erst langsam beginnt er zu wachsen und wird schließlich zu einer Person. Das Gesetz der Evolution, das alle Wesen leitet, leitet auch ihn.
Niemand, der eine halbwegs wissenschaftliche Ausbildung genossen hat, glaubt noch daran, dass die primitiveren Religionen aus dem Verfall einer besseren, vollkommeneren Religion entsprungen sind, sondern weiß sehr wohl, dass sich die vollkommeneren aus einer primitiveren Religion entwickelt haben. Deshalb muss man in den Letzteren die Ursprünge jener düsteren Gestalt sehen, die unter den unterschiedlichsten Namen zum Prinzip und zum Repräsentanten des Bösen wird. Hätte es in jener Zeit, die wir im erdgeschichtlichen Zusammenhang ‘Tertiär’ nennen, schon Menschen gegeben, dann wären sie vielleicht insofern wie Tiere gewesen, als sie kein religiöses Gefühl im eigentlichen Sinne gekannt hätten. Aber schon der früheste Mensch im Quartär kennt das Feuer und weiß Steinwaffen zu gebrauchen, allerdings lässt er seine Toten zurück – ein sicheres Zeichen dafür, dass seine religiösen Vorstellungen, wenn er denn überhaupt schon welche hatte, bestenfalls kärglich und rudimentär waren. Wir müssen uns dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, zuwenden, wenn wir die ersten sicheren Spuren religiösen Empfindens entdecken wollen.
Wie die Religion unserer Vorfahren in jener Zeit aussah, können wir nicht direkt sagen, aber wir können unsere Schlüsse ziehen, indem wir die wenigen heute noch lebenden Naturvölker betrachten. Daraus leiten wir ab, wie es bei den prähistorischen Menschen zugegangen sein mag. Ob in der historischen Entwicklung der Religionen der Fetischkult nun vor dem Animismus kam oder danach – im Ganzen genommen müssen die religiösen Vorstellungen unserer Vorfahren denjenigen geähnelt haben, die von den Stammesgemeinschaften der Naturvölker teilweise noch heute praktiziert werden.
Der Erdboden, der mit den Spuren der Behausungen, mit den Waffen und Gebrauchsgegenständen unserer Vorfahren auch deren Amulette erhalten hat, liefert uns die Beweise dafür. Sie stellten sich eine Welt voller Geister vor, voller Seelen der Dinge und Seelen der Toten, und ihnen schrieben sie alles zu, was ihnen widerfuhr, ob es nun gut war oder böse. Der Gedanke, dass einige dieser Geister wohlwollend wirkten, andere übel wollend, einige freundlich, andere feindselig, ergab sich aus dem unmittelbaren Erleben, aus der Lebenserfahrung, dass sich Gewinn und Verlust ständig abwechseln. Und nicht nur das, sehr oft, wenn auch nicht immer, erkannte man, dass die Ursachen für einen Gewinn und die für einen Verlust unterschiedlich waren. Die Sonne, die Licht spendet, die Sonne, die im Frühjahr die Erde wieder grün und blühend werden und die Früchte reifen lässt, muss als eine im Wesentlichen wohlwollende Macht angesehen worden sein – der Wirbelsturm hingegen, der den Himmel mit Dunkelheit erfüllt, Bäume entwurzelt, die dürftigen Hütten zerstört und hinwegfegt, als eine im Wesentlichen übel wollende Macht. Die Menschen teilten die Geister entsprechend ihrer Wahrnehmung in zwei große Lager ein, je nachdem, ob sie von ihnen Wohl oder Wehe erfuhren.
Aber diese Klassifizierung stellte keinen echten und absoluten Dualismus dar. Die guten Geister waren noch nicht die unversöhnlichen Todfeinde der bösen Geister. Ebenso wenig waren die guten Geister immer gut und die bösen Geister immer böse. Der religiöse Mensch konnte sich der Stimmung der ihn beherrschenden Geister nicht immer sicher sein. Er fürchtete nicht weniger, die freundlichen Geister zu belei-digen, als er fürchtete, die unfreundlichen zu kränken. Entsprechend versuchte er, alle Geister mit denselben Praktiken wohlgesonnen zu stimmen und vertraute keinem von ihnen allzu sehr.
Anonym, Statuette des Dämons Pazuzu mit Inschrift, frühes erstes Jahrtausend v. Chr.
Bronze, 15 x 8,6 x 5,6 cm . Musée du Louvre, Paris.


Zwischen guten und bösen Geistern bestand, streng genommen, kein moralischer Widerspruch, sondern nur ein Gegensatz entsprechend dem, was sie bewirkten. Sie konnten keinen moralischen Charakter haben, da ein solcher ihren Verehrern, die gerade erst vom Tier zum Menschen geworden waren, ja auch noch fehlte. Nur insofern kann man sie als gut oder böse bezeichnen, als dem frühen Menschen all das gut erscheint, was ihm hilft, und all das als böse, was ihm schadet. Die wilden Verehrer jener Geister begriffen diese in jeder Hinsicht wie sich selbst: wankelmütig, Leidenschaften unterworfen, manchmal gütig, manchmal grausam. Auch betrachteten sie die guten Geister nicht als höher stehend oder würdiger als die bösen Geister.
Zugegeben, bei den bösen Geistern erscheint bereits ein Schatten Satans, eine Art Entwurf zum Geist des Bösen, aber dieses Böse ist rein physischer Natur. Das Böse ist das, was schadet, und ein böser Geist ist einer, der den Donner schleudert, das Feuer der Vulkane anheizt, das Land überflutet, Hunger und Krankheit ausstreut. Dieser Geist verkörpert noch nicht das moralisch Böse, denn in den Köpfen der Menschen wird noch gar nicht zwischen moralisch gut und moralisch böse unterschieden; von den zwei Gesichtern Satans, dem des Verderbers und dem des Versuchers, zeigt dieser böse Geist nur eines. Ihm haftet keine besondere Schande an, und niemand steht über ihm, beherrscht ihn und gebietet ihm.
Stück für Stück bildet sich jedoch ein moralisches Bewusstsein heraus und wird wahrgenommen, und die Religion nimmt einen ethischen Charakter an, den sie vorher weder hatte noch haben konnte. Das bloße Schauspiel der Natur, wo Kräfte anderen Kräften entgegenwirken, wo eine zerstört, was die andere geschaffen hat, suggeriert die Vorstellung von zwei entgegengesetzten Prinzipien, die sich gegenseitig leugnen und bekämpfen.
Nun ist der Mensch nicht mehr weit davon entfernt, zu begreifen, dass es neben dem physischen Gut und Böse ein moralisches Gut und Böse gibt, und er glaubt, in seinem Inneren denselben Gegensatz zu erkennen, den er in der Natur sieht und erlebt. Der Mensch nimmt sich als gut oder böse wahr, er begreift sich selbst als besser oder schlechter. Er erkennt diese in ihm steckende Güte oder Bosheit jedoch nicht als etwas ihm Eigenes, als Ausdruck seines Wesens, denn er ist daran gewöhnt, sein physisches Gut und Böse göttlichen und dämonischen Mächten zuzuschreiben, ebenso schreibt er nun sein moralisches Gut und Böse göttlichen und dämonischen Mächten zu.
Vom guten Geist kommen folglich nicht nur Licht, Gesundheit und all das, was das Leben erhält und vermehrt, sondern auch Heiligkeit, verstanden als in sich geschlossenes Ganzes aller Tugenden. Vom bösen Geist kommen nicht nur Dunkelheit, Krankheit und Tod, sondern auch die Sünde. So also schaffen sich die Menschen Götter und Dämonen: indem sie die Natur anhand rein subjektiver Urteile in Gut und Böse einteilen und in dieses physikalische Gut und Böse das moralische Gut und Böse, das ihnen selbst zu eigen ist, hineinkneten wie in einen Teig. Ist das moralische Bewusstsein, das instinktiv die Überlegenheit des Guten über das Böse bestätigt und nach dem Sieg des einen über das andere verlangt, nun erst einmal geweckt, erscheint der Dämon dem Gott untergeordnet und von einer Schande gezeichnet, die umso größer wird, je mehr sich dieses Bewusstsein regt und zu dominieren beginnt.
Anonym, Siva Nataraja, Tamil Nadu,
späte Cola-Zeit, 12. Jh. Bronze.
National Museum of India, Neu-Delhi.
Anonym, Geflügelter Dämon.
Rotfigurige Vasenmalerei.
Bibliothèque nationale de France, Paris.
Abû Ma ’ shar, Das Buch der Geburten (Kitab al-mawalid).
Bibliothèque nationale de France, Paris.


Der Dämon, der in seinem Ursprung mit einem Gott verwechselt wurde, da beide gleichgestellte neutrale Geister waren, die beide Gutes, aber auch Böses tun konnten, wird nun mehr und mehr von dem Gott unterschieden, von ihm abgegrenzt, und löst sich schließlich völlig von ihm. Er wird zum Geist der Finsternis und sein Gegner zum Geist des Lichts; der eine zum Geist des Hasses, der andere zum Geist der Liebe; der eine zum Geist des Todes und der andere zum Geist des Lebens. Satan wohnt von nun an in der Hölle, Gott im Himmelreich.
So hat sich dieser Dualismus etabliert und determiniert, so entwickelt sich die ihm innewohnende Idee durch das langsame und mühevolle Wirken der Zeit aus der Vorstellung, die die Menschen von der Natur und von sich selbst haben. Diese Geschichte des Dualismus, die ich hier angerissen habe, ist jedoch gewissermaßen ein Schema und ein Idealbild dieser Geschichte, nicht die konkrete, nicht die wirkliche Geschichte. Den Dualismus findet man entweder voll entwickelt oder im Embryonalstadium, entweder offenbart oder impliziert, in allen oder zumindest fast allen Religionen. Allerdings bewegt er sich in verschiedenen Ebenen, nimmt verschiedene Formen an und äußert sich auf vielfältige Weise. Er passt sich damit an die Verschiedenheit der Kulturen der Welt an.
Wie wir gesehen haben, tauchen übel wollende Geister bereits in den einfachsten und am wenigsten differenzierenden Religionen auf, allerdings sind sie dort nicht genau abgegrenzt und bezeichnet und gewissermaßen zwischen den Dingen verstreut. Je klarer definiert und vollständiger die organische Struktur der gehobeneren Religionen wird, desto genauer abgegrenzt und bezeichnet erscheinen die bösen Geister, sie fangen an, Attribute und Persönlichkeit zu zeigen.
Was die großen Religionen der Geschichte angeht, haben wir zu der des alten Ägypten die frühesten und gesichertsten Kenntnisse. Gegen Ptah, Ra, Ammon, Isis, Osiris und andere – wohlwollende Gottheiten, die Leben schenken und Wohlstand gewähren – standen die Schlange Apepi, die Personifizierung von Unreinheit und Finsternis, und der gefürchtete Set, der Störer, der Verwüster, der Vater der Lüge und des Betrugs. Die Phönizier setzten Baal und Asherah dem Moloch und Astarte gegenüber. In Indien hatten Indra, der Erzeuger, und Varuna, der Bewahrer, als Gegenspieler Vritra und die Asuras. Und der Dualismus verschaffte sich sogar Zugang zum hinduistischen Konzept der Trimurtri. In Persien musste Ormuzd mit Ahriman um die Herrschaft über die Welt ringen. In Rom und Griechenland erhob sich ein ganzes Geschlecht übel wollender Genii und Ungeheuer gegen die selbst nicht immer wohlwollenden Götter des Olymp, und Python, Typhon, Medusa, Geryon, böse Dämonen aller Art, Larven und Lemuren erschienen auf der Bildfläche. Der Dualismus taucht ebenso in der germanischen und der slawischen Mythologie wie ganz allgemein und generell in allen Mythologien auf.
In keiner anderen alten oder modernen Religion hat der Dualismus seine Form so vollständig ausgebildet und ist so augenfällig wie im Mazdaismus, der Religion der alten Perser – so verrät es uns das Avesta – aber in allen Religionen ist er zu spüren und in allen kann er, zumindest bis zu einem gewissen Grade, auf die großen Naturerscheinungen zurückgeführt werden, auf den Wechsel von Tag und Nacht und den Wandel der Jahreszeiten. Die verschiedenen Vorstellungen, Bilder und Ereignisse, in denen er Gestalt annimmt, zeichnen ein Gemälde nicht nur vom Charakter und der Kultur der Menschen, die ihm einen Platz im System ihrer eigenen Glaubensinhalte zuweisen, sondern auch vom Klima, in dem sie leben, vom Zustand ihres Bodens, von den Umbrüchen in ihrer Geschichte.
Der Bewohner einer heißen Gegend erkennt im Wüstenwind, der die Luft versengt und das Getreide auf dem Halm verdorren lässt, das Werk des bösen Geistes. Der Bewohner nördlicher Breiten erkennt es im Frost, der alles Leben um ihn her erstarren lässt und ihn selbst mit dem Tode bedroht. Wo das Land immer wieder von Erdbeben erschüttert wird, wo Vulkane zerstörerische Asche und Lava speien, stellt sich der Mensch unschwer unter der Erde hausende Dämonen vor, böse unter den Bergen begraben liegende Riesen, und auch Schächte, Kamine und Öffnungen zur Unterwelt. Wo häufig Stürme und Gewitter den Himmel zerreißen, sieht er Dämonen, die heulend durch die Lüfte fliegen. Wenn ein Feind im Lande einmarschiert, es einnimmt und bezwingt, werden die unterjochten Bewohner ganz sicher die abscheulichsten Merkmale des Unterdrückers auf zumindest einen oder alle bösen Geister übertragen.
So ist Religion also ein zusammengesetztes Etwas, eine Mischung mannigfaltiger Dinge, die nicht immer, das ist wohl wahr, zurückverfolgt und einzeln aufgezeigt werden können. Die Griechen hatten eigentlich keinen Satan, auch nicht die Römer, und es mag seltsam anmuten, dass Letztere, die viele abstrakte Vorstellungen wie Jugend, Eintracht, Keuschheit vergöttlichten, sich nie eine echte Gottheit oder Macht des Bösen vorstellten, auch wenn sie doch Gottheiten wie Febris, Robigo und andere ähnlichen Charakters zu ersinnen vermochten. [5] Dennoch fehlen in den Religionen der Griechen und der Römer keineswegs antagonistische Mächte und Figuren, die eine Art doppelte Erscheinung darstellen. Und wenn man sich ein bisschen genauer mit dem Gepräge dieser beiden Völker, mit ihrer Geschichte und ihren Lebensumständen befasst, dann erkennt man, dass der Dualismus bei ihnen auch kaum eine sonderlich andere Form hätte annehmen können als die, die er tatsächlich annahm. Wir sollten außerdem nicht vergessen, dass es weder im alten Griechenland noch im alten Rom ein heiliges Sittenbuch gab, einen theokratischen Kodex im eigentlichen Sinn.
Der Dualismus nimmt zuerst im Judentum, später dann im Christentum Form an und bildet spezielle Charakteristiken aus. Und wenn auch in anderen Religionen, selbst in den primitiven, eine Art Phantom des Satans ausgemacht werden kann, eine Form, die man – um einen Begriff aus der Chemie zu verwenden – allotrop nennen könnte, eine Form mit vielen Namen, manchmal erweitert oder vergrößert, so gehört doch der wahre Satan mit den Eigenschaften, die typischerweise nur er hat und die seine Persönlichkeit ausmachen, in diese beiden oben genannten Religionen, und ganz besonders in die zweite.
Satan nimmt im Mosaik des Systems zunächst nur eine bescheidene Position ein; ich möchte sagen, dass es sich nur um seine Kindheit oder Jugend handelt, er kann hier nicht erwachsen werden. Im ersten Buch Mose ist die Schlange lediglich das listigste und scharfsinnigste unter den Tieren, [6] und nur aufgrund einer späteren Auslegung hat sie sich in einen Dämonen verwandelt. Das gesamte Alte Testament erkennt Beelzebub lediglich als Gottheit der Götzendiener. [7] In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass die Hebräer, bevor sie darauf kamen, die Existenz der Götter der Nichtjuden zu leugnen – wozu sie sich erst sehr spät entschlossen –, glaubten, diese seien tatsächlich Götter, nur eben weniger mächtig und weniger heilig als Jehova, der Gott ihres eigenen Volkes. Tatsächlich sagt das erste der Zehn Gebote nicht: „Ich bin der Herr , dein Gott, du sollst nicht glauben, dass es andere Götter neben mir gibt“, sondern: „Ich bin der Herr , dein Gott [...]. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. [...] Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.“
Nun ist aber hinreichend bekannt, dass die Hebräer tatsächlich dafür büßen mussten, dass sie sich hatten hinreißen lassen, andere Götter zu verehren als ihre eigenen. Asasel [8] , der unreine Geist, dem in der Wildnis der Sündenbock übergeben wurde, beladen mit den Sünden Israels, gehört sehr wahrscheinlich zu einem bereits vor Moses bestehenden Glaubenssystem. Aber der Figur des Asasel fehlen Klarheit und Kontur, vielleicht ist er nichts weiter als eine blasse Reflexion des ägyptischen Set und eine Erinnerung an die Jahre in Knechtschaft, die die Hebräer im Lande des Pharaos erdulden mussten.
Es ist eine weitgehend anerkannte Meinung, dass die Hebräer erst nach der babylonischen Gefangenschaft klare und präzise Vorstellungen von Dämonen entwickelten. In Babylon kamen sie ständig, wenn auch nicht eng, mit dem Mazdaismus in Berührung. Die Hebräer konnten sich mit bestimmten Lehren daraus bekannt machen und diese teilweise übernehmen. Von jenen Lehren muss diejenige, die sich mit dem Ursprung des Bösen befasst, leichten Zugang zu den hebräischen Köpfen gefunden haben, empfänglich, wie sie aufgrund ihres neuerlichen Unglücks und der Vorzeichen einer düsteren Zukunft dafür waren.
Eine solche Meinung lässt Raum für etliche Zweifel, man kann mehr als einen Einwand dagegen vorbringen. Dennoch ist eines sicher: Selbst wenn es den Hebräern vor dem Exil nicht an einer Vorstellung übel wollender Geister und einem Glauben an ihr Wirken gefehlt hat, so nahm Satan doch erst in den nach dem Exil entstandenen Schriften die Gestalt und die für ihn so typischen Eigenschaften an. Im Buch Hiob ist Satan noch einer der Engel im Himmel [9] und keiner, der Gott wirklich widerspricht oder Gottes Werke behindert. Er bezweifelt die Standhaftigkeit und Tugendhaftigkeit Hiobs und provoziert die Prüfung, die diesen von den Höhen des Glücks in die tiefsten Tiefen des Elends stürzen wird. Ungeachtet dessen ist er kein Anstifter zur Sünde und kein Urheber von Leid. Und doch zweifelt er an Hiobs Frömmigkeit, und einige der Übel, die den unschuldigen Patriarchen befallen, stammen von ihm.
Satan wächst Stück für Stück und ist schließlich vollständig. Sacharja stellt ihn als einen Feind und Ankläger des auserwählten Volkes dar, der erpicht darauf sei, es um die göttliche Gnade zu betrügen. [10] In der Weisheit Salomons ist Satan ein Unruhestifter und einer, der das Werk Gottes untergräbt und zerstört. Er war es, der durch Neid unsere Vorfahren zur Sünde trieb. [11] Er ist das Gift, das die Schöpfung verdirbt, verschmutzt und zerstört. Im Buch Henoch jedoch, und da besonders im älteren Teil, sind die Dämonen lediglich entzückt von den Töchtern der Menschen und verheddern sich in den Fallstricken von Geist und Materie, so als ob man bei einer Prosa dieser Sorte versuchen würde, der Anerkennung einer Ordnung ursprünglich diabolischer Wesen aus dem Wege zu gehen. Im jüngeren Teil desselben Buches dagegen sind die Dämonen aus diesen Verbindungen geborene Riesen.
In den Lehren der Rabbis nimmt Satan neue Merkmale und Eigenschaften an. Noch im Alten Testament trat seine Figur nur wenig hervor und könnte sogar als flüchtig, vergänglich bezeichnet werden im Vergleich zu der Auffälligkeit, die er später besaß. Dafür mag es mehrere Gründe geben, der Hauptgrund ist jedoch zweifellos im Wesen des jüdischen Monotheismus selbst zu suchen, der so beschaffen ist, dass er nur mit großer Mühe Raum lässt für jegliches positive dualistische Konzept.
Jehova ist ein absoluter Gott, ein despotischer Herr, äußerst eifersüchtig und bedacht auf seine eigene Macht und Autorität. Er kann es nicht ertragen, dass sich Wesen gegen ihn erheben, weniger mächtig zwar als er, aber Wesen, die sich erkühnen, ihm zu widerstehen, die sich als seine Widersacher aufspielen, die es wagen, sein Werk zu Fall bringen zu wollen. Sein Wille ist das einzige Gesetz, das die Welt regiert und dem sich alle Mächte unterzuordnen haben, außer vielleicht jene Gottheiten der Nichtjuden, deren Existenz zwar nicht geleugnet wird, die aber nicht als lebendige Elemente in den Organismus von Jehovas Religion eindringen.
Deshalb erscheint im Buch Hiob, mehr als irgendwo sonst, Satan ein Diener Gottes zu sein, ein Anstifter zu göttlichen Prüfungen und Experimenten. Aber es gibt auch andere Gründe. Man braucht bloß die Persönlichkeit Jehovas etwas genauer zu betrachten und wird prompt feststellen, dass dort, wo solch ein Gott existiert, ein Dämon keinen Daseinsgrund mehr hat. In Jehova sind die opponierenden Mächte, die kontrastierenden, entgegengesetzten moralischen Elemente, die, wenn sie einzeln und deutlich getrennt auftreten, zum Dualismus führen, noch ganz schön vermengt und vermischt.
Anonym, Szenen der Hölle, 1125-1130.
Église Saint-Pierre, Kirchenwestseite,
Südportal, Moissac (Frankreich).
Anonym, Das Jüngste Gericht (Detail),
1105-1110. Église Sainte-Foy, Tympanon,
Westportal, Conques (Frankreich).
Gislebertus, Das Jüngste Gericht (Detail).
Steinbildhauerei. Cathédrale Saint-Lazare,
Tympanon, Westportal, Autun (Frankreich).
Nikolaus von Verdun, Klosterneuburger Altar (Detail), 1180.
Augustiner-Chorherrenstift,
Klosterneuburg (Österreich).


Jehova ist brutal, eifersüchtig, unerbittlich. Die Strafen, die er verhängt, stehen in keinerlei Verhältnis zu den begangenen Verfehlungen. Seine Rache, seine Vergeltungsschläge sind furchtbar und grausam, sie treffen ohne Unterschied die Schuldigen und die Unschuldigen, die Menschen und die Tiere. Er quält die, die ihn anbeten, mit absurden Vorschriften, wodurch sie in der ständigen Furcht vor Sünde leben. Er gebietet ihnen, die Bewohner der eroberten Städte mit blankem Schwert zu vernichten. Er spricht durch Jesaja: „... der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der Herr , der solches alles tut.“ [12] In ihm sind Gott und Satan noch vereint, aber die langsam voranschreitende Trennung der beiden und der daraus resultierende endgültige Antagonismus sind Anzeichen dafür, dass das Christentum vor der Tür steht.
Satan ist zwar ansatzweise schon da, aber seine Existenz steigt erst im Christentum zur vollen Größe auf – in der Religion, die für sich beansprucht, die Erfüllung jenes Judaismus zu suchen, aus dem sie entsprang, die ihn aber in so großem Maße leugnet. Hier werden wir nun mit einem Gewirr historischer und moralischer Fragen konfrontiert, die alle bewirken, dass sich die finstere Figur des Satans unaufhörlich erhöht, ausschmückt und vergrößert. Andererseits wird Jehova in einen Gott verwandelt, der unvergleichlich milder und freundlicher ist, einen Gott der Liebe, der zwangsläufig jegliches satanische Element als nicht integrierbar von sich weist. Und indem nun Christus selbst zur Gottheit erhoben wird – zur gütigen, strahlenden Gottfigur, die aus Liebe zu den Menschen selbst Mensch wurde, die um derentwillen sein Blut gab und einen schmachvollen Tod erlitt –, durch eben diesen Gegensatz bringt er die grimmige und düstere Figur des Widersachers hervor, was den Menschen noch dazu eine bisher nicht da gewesene Erleichterung verschafft.
In der menschlichen Tragödie, verschmolzen mit der göttlichen Tragödie, äußern sich die inneren Ursachen dieser wundersamen Entwicklung, wecken in den Köpfen der Menschen neue moralische Vorstellungen, neue Vorstellungen von den Dingen, ein neues Bild des Himmels und der Erde. Es ist also wahr, dass Satan unsere Vorfahren zur Sünde verleitete und Gott somit der menschlichen Familie und der Welt, in der diese lebte, beraubte. Wie groß muss seine Macht sein, wie stark die von ihm usurpierte Herrschaft, dass der Sohn Gottes selbst sich opfern muss, sich in jenen Tod ergeben muss, der ausgerechnet durch den bösen Feind, den Teufel, in die Welt kam, nur um das Verlorengegangene freizukaufen, zu erlösen! Bevor Gott sich ans Werk der Erlösung machte, konnte sich Satan in seinem Besitz ruhig und sicher fühlen. Und nun, da diese Erlösung vollbracht ist, und auch schon davor, muss er sich noch nicht einmal aufs Äußerste anstrengen, um mit dem Sieger um die Früchte des Sieges zu kämpfen und zurückzugewinnen, zumindest in Teilen, was er verloren hat? Ja, er wagt es sogar, den Erlöser selbst zu versuchen, und der Apostel stellt ihn als brüllenden Löwen auf der Suche nach Beute dar, die er verschlingen kann. [13]
Aber wenn die Umstände der Erlösung, wenn der hohe Rang Gottes, der sie herbeiführte, Satan ein gewisses Maß an Größe und Wichtigkeit verlieh, das er anderweitig nicht hätte haben können, so beraubte die Erlösung an sich ihn nicht einmal all seiner Beute, die er gemacht hatte oder die er noch machen würde. Und der Sieg Christi stürzte seine Macht nicht so vollständig, wie es die Erlösten ersehnt und so froh gehofft hatten. Johannes sagte, die Welt müsse gerichtet und der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. [14] Paulus erklärte, der Sieg Christi sei vollständig, und Christus habe mit seinem Tod den König des Todes zerstört. [15]
Dennoch war der Fürst dieser Welt nicht wirklich entthront, der König des Todes nicht erschlagen, sondern verstreute weiter seine tödliche Saat wie ehedem – ewigen Tod nicht weniger als irdischen Tod. Christus bricht durch die Pforten der Hölle, er stürmt in das Reich der Finsternis, er entvölkert den Ort der Verdammnis, aber hinter ihm schließen sich die Pforten wieder, die Finsternis wächst erneut, die Hölle füllt sich wieder mit Verdammten. Es ist schon seltsam, aber nie sprachen die Menschen so viel über Satan, nie fürchteten sie ihn so sehr wie nach dem Sieg Christi, nach der Vollendung des Werks der Erlösung!
Es kam auch nicht aufgrund einer simplen Fehleinschätzung, aufgrund irgendeines logischen Widerspruchs dazu. Das Böse wurde in solcherart Lettern ins Buch des Lebens gedruckt, dass keine bloße religiöse Lehre, kein Traum von Glaube und Liebe es ausradieren kann. Auf jeder Seite bot sich den Augen der neuen Gläubigen das entmutigende Schauspiel einer in Auflösung begriffenen Welt. Die zarte, duftende Blume der Lehren Christi entfaltete sich mitten in der Kloake des Satans. War in jenem bunten Polytheismus, der den Geist der Menschen so bezaubert und verführt hatte, nicht das Werk des ewigen Ausweichtaktikers zu erkennen? Waren nicht Jupiter und Minerva, Mars und Venus und all die anderen Götter, die den Olymp bewohnten, Wiedergeburten seiner selbst oder Diener ihm zu Willen, Vollstrecker seiner Pläne?
Jene muntere, lustvolle, frohgemute Kultur des Heidentums, jene blühenden Künste, jene kühne Philosophie, jener Reichtum, jene Ehre, jene Bilder von Liebe und Müßiggang, jene grenzenlosen Ausschwei-fungen – waren sie nicht alle seine Erfindungen, seine Tricks und Kniffe, Ausdruck und Werkzeug seiner Tyrannei? War nicht Roms Reich das Reich des Satans? Ja, das war es, denn: In den Tempeln wurde Satan angebetet, bei den öffentlichen Festen gepriesen, Satan saß bei Cäsar auf dem Thron, Satan bestieg zusammen mit den Triumphatoren den Kapitolinischen Hügel. Wer vermag zu sagen, wie oft die andächtig betenden Gläubigen, die sich in den Katakomben versammelt hatten und den Lärm, den Aufruhr und das Getöse über ihren Köpfen vernahmen, aus Furcht, der diabolische Sturm könne die Barke Christi verschlingen, gezittert hatten. Wer weiß, wie oft sie sich selbst noch im Schutze des Kreuzes bedroht und übermannt gefühlt hatten?
Anonym, Messbuch der Kirche St. Nicaise in Reims (Missale Remense),
zwischen 1285 und 1297. Pergament, Miniatur,
23,3 x 16,2 cm (Text: 14,7 x 10,5 cm ).
Russische Nationalbibliothek, St. Petersburg.


So nahm Satan durch die Größe der sich ganz um ihn drehenden heidnischen Welt beträchtliche Ausmaße an. In allen Bereichen des Lebens und von allen Seiten bedrängt, wurde der Teufel zu einem „… starken Gewappneten“ [16] , den zu besiegen Christus gekommen war, und der, besiegt, noch kühner und aggressiver wurde als zuvor. Und die Seele des Christen füllte sich mit Bestürzung und Entsetzen – wie sollte er sich schützen gegen die Listen und Ränke, wie sich verteidigen gegen die Angriffe eines Feindes, der giftiger war als die Hydra, vielgestaltiger als Proteus? Der Kirchenschriftsteller Tertullian (um 160 bis nach 220) warnt ihn, auch andere warnen ihn, nicht die Gesellschaft der Heiden zu suchen, nicht an ihren Festen und Spielen teilzunehmen, kein Gewerbe zu betreiben, das direkt oder indirekt dem Götzendienst zuarbeitet – aber wie soll er ein solches Verbot einhalten, er muss doch leben? Oder wie soll er, wenn er es einhält, sicherstellen, dass sein Herz rein bleibt, wenn doch der ganze Boden, auf dem er geht, die Luft, die er atmet, aus Sünde und Unreinheit bestehen?
Auch ist Satan kaum zufrieden mit bloßem Verlocken und Ränkeschmieden, mit ganz anderen Waffen zieht er los, um wiederzuerlangen, was er verloren hat. Er stürmt, kaum dass der Grundstein gelegt ist, die Kirche von allen Seiten, und wie ein bronzeköpfiger Rammbock rennt er Tag und Nacht gegen ihre Mauern an und bringt sie zum Erzittern. Er schürt furchtbare Drangsalierungen und versucht, den neuen Glauben in Blut und Schrecken zu ertränken. Er nährt die großen ketzerischen Lehren und reißt zahllose Lämmer aus der Herde Christi. Traurige Zeiten! Leben voller Gefahr und Leiden! Nein, das Reich Christi kommt noch nicht. Aber jene traurigen, betrübten Geister, denen der Glaube seine Flügel leiht, meinen, in apokalyptischen Visionen ein Stück seiner strahlenden Glorie in der Ferne ausmachen zu können, und sie verkünden das erneute Kommen des Erlösers und den endgültigen Sturz der „… alten Schlange“. [17]
Vergebliche Träume! Enttäuschte Hoffnungen! Der Erlöser kommt nicht, und die alte Schlange, giftiger denn je zuvor, ringelt sich immer mehr und umschlingt die Welt enger und enger. Beweis auf Beweis dafür bieten die Lehren bestimmter Sekten, die der Kirche besonders in den ersten drei Jahrhunderten zusetzten. Alle wollten einen sich nur wenig von dem der Perser unterscheidenden Dualismus ins Christentum bringen. Diese Lehren machen zusammengenommen das aus, was man gemeinhin ‘Gnostizismus’ nennt. Die extremeren Sekten haben die Tendenz gemeinsam, Satan eine sogar noch höhere Bedeutung zuzuweisen, als er vorher besaß – Satan als den Schöpfer unseres körperlichen Wesens anzusehen, das Böse zum ursprünglichen und unabhängigen Prinzip zu machen, das nicht aus Verfall und Unvollkommenheit entsprungen ist, sondern genauso wie das Gute ewig und mit dem Guten im Kampf ist.
Damit wuchs Satans Macht, das Werk der Erlösung wurde schwieriger, das Heil ungewiss. Clemens Von Alexandria (um 150 bis 210) und Origenes (185 bis 254) hatten behauptet, alle Geschöpfe würden zu Gott, ihrem gemeinsamen Ursprung, zurückkehren. Der heilige Augustinus (354 bis 430) dagegen meinte, Gott würde nur ein paar Auserwählte retten, aber der Großteil des Menschengeschlechts würde dem Teufel zur Beute fallen.
Pol de Limburg, Der Sturz und das Gericht Lucifers, aus : Das sehr reiche St undenbuch des Herzogs von Berry (Les Très Riches Heures du Duc de Berry),
frühes 15. Jh. Illuminierte Handschrift.
Musée Condé, Chantilly (Frankreich).
Maître des Anges rebelles, Sankt Martin teilt seinen Mantel und Der Sturz der rebellischen Engel, um 1340-1345.
Öl auf Holz auf Leinwand übertragen,
64 x 29 cm , (Vorderseite).
Musée du Louvre, Paris, France.


Es ist keinesfalls leicht, bei all den aufeinanderprallenden Lehren und den gegensätzlichen Einflüssen, bei all den philosophischen Spekulationen, besonders den neoplatonischen und den kabbalistischen, den grandiosen Fantasien der Gnosis und dem bereits schwankenden orthodoxen Dogma – es ist nicht leicht, sich bei alldem einen klaren und genauen Begriff von den Wandlungen und dem Zuwachs Satans in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche zu machen.
Wer weiß, welch monströser und absonderlicher Synkretismus die Religion Roms geworden war, der kann sich leicht vorstellen, dass Satan aus diesem undurchsichtigen Sammelsurium absurder Glaubens-vorstellungen und verrückter Praktiken natürlich mehr als ein Element seiner neuen Persönlichkeit ableiten würde. Der Satan der Christen ist in der Tat das Ergebnis des Aufeinandertreffens und der gegenseitigen Durchdringung unterschiedlicher Kulturen, entgegengesetzter Philosophien, feindlich gesinnter Religionen. Und wenn die Kirche triumphiert, wenn sich das Dogma durchgesetzt hat, dehnt er seine fürchterliche Herrschaft über die ganze Welt aus.
Durch die unverbesserliche Verderbtheit des Heidentums bekommt die Vorstellung vom Bösen ein neues Gewicht, und derjenige, der diese Vorstellung verkörpert, wächst zu gigantischer Größe auf. Die Christen glaubten, dass die heidnische Welt das Werk Satans war. Tatsächlich bezog Satan seine Gestalt, die er in der Einbildung der Christen hat, in großem Maße aus der heidnischen Welt. Ohne das Römische Reich wäre Satan ein ganz anderer geworden, als er nun ist oder war. All das in heidnischer Kultur verstreute Scheußliche und Teuflische sammelt und konzentriert sich in ihm, und ihm wird logischerweise die Schuld für alles zugewiesen, was dem frommen und störrischen christlichen Gewissen als Sünde erscheint – und das umfasst unendlich viele Taten, Gedanken und Gewohnheiten.
Die Götter, die früher ihre eigenen Tempel und Altäre hatten, sterben oder verschwinden nicht einfach, sondern werden in Dämonen verwandelt, einige verlieren zwar ihre verführerische Schönheit, aber alle behalten und verstärken ihre uralte Bosheit. Juno, Merkur, Neptun, Vulkan, Apollo, Diana, Jupiter, Zerberus sowie die Faune und Satyrn überdauern, auch wenn ihnen nun keine Verehrung mehr entgegengebracht wird, sie tauchen in der Dunkelheit der christlichen Hölle wieder auf und verstopfen die Köpfe der Menschen mit wunderlichen Ängsten und Schrecken, aus denen furchtbare Fantasien und Legenden entspringen.
Diana, in einen Mittagsdämon verwandelt, fällt über diejenigen her, die so unvorsichtig sind, ihrer Gesundheit keine Beachtung zu schenken. Bei Nacht führt sie die Scharen der Hexen, ihre Schülerinnen, auf ihrem Flug durch den stillen, weiten Sternenhimmel an. Venus, immerfort brennend vor Leidenschaft, nicht weniger hübsch als Dämon denn als Göttin, übt immer noch ihre uralte Kunst an den Menschen, erfüllt sie mit unstillbarem Verlangen, usurpiert das Lager verheirateter Frauen, trägt den Ritter Tannhäuser, der, trunken vor Verlangen, sich nicht länger um Christus schert und nach Verdammnis giert, auf ihren Armen hinab ihn ihre unterirdische Behausung. Einer der Päpste, der 955 zum Papst gewählte und 963 von Kaiser Otto I. (912 bis 973) abgesetzte Johannes XII. (937/939 bis 964), der sich nach seinen Anklägern schuldig gemacht hatte, sein Glas auf die Gesundheit des Teufels erhoben zu haben, ruft beim Würfelspiel Venus, Jupiter und die anderen Dämonen um Hilfe an.
Maître des Anges rebelles, Sankt Martin teilt seinen Mantel und Der Sturz der rebellischen Engel,
um 1340-1345. Öl auf Holz auf Leinwand
übertragen, 64 x 29 cm , (Rückseite).
Musée du Louvre, Paris, France.


Satan wird oft als Faun, als Satyr oder als Sirene dargestellt. Als die Kirche letztendlich triumphiert, scheint die Geschichte Satans bis ins kleinste Detail bekannt und seine Figur vollständig zu sein. Die Menschen kennen – oder glauben es zumindest – seine Ursprünge, die früheren und späteren Wandel und Wechsel seiner Laufbahn, seine Werke und seine Entwicklung. Die Kirchenväter haben ihn beschrieben und porträtiert. Satan wurde als Guter erschaffen und machte sich böse; er fiel aufgrund seiner eigenen Sünde und riss dabei unzählige Gefolgsleute mit in den Ruin.
Später wird man sich erzählen, dass ein Zehntel der himmlischen Heerscharen ausgestoßen und kopfüber in den Abgrund der Hölle gestürzt wurde. Und eine Schar neutraler Engel wird man sich vorstellen, weder Rebellen gegen Gott noch Satan ablehnend, bloße Zuschauer beim Kampf zwischen den beiden. Das sind die Engel, denen Brendan der Reisende [18] (um 484 bis 577) auf seinen abenteuerlichen Fahrten begegnet, von denen Parsifal im fernsten Osten, da, wo der Heilige Gral bewacht wird, berichtet wird, [19] und die Dante zusammen mit jenen elenden Feiglingen, „… die nimmer wahrhaft lebten“ [20] in den Vorhof der Hölle steckt.
Doch Satan wächst weiter, seine Persönlichkeit ist noch nicht vollendet. Seine Geschichte ist wirklich lang, und wenn eine Ära zu Ende gegangen ist, fängt eine neue an. Selbst die Asketen, die meinten, ihm entgehen zu können, indem sie der Welt entsagten, und die ihn in der Wüste wiedertrafen, mächtiger und böswilliger denn je, die zahllose Täuschungen erduldet und seine grausamen Beleidigungen über sich hatten ergehen lassen, kannten ihn noch nicht in allen seinen Facetten.
Auf alte Miseren folgten neue, auf eine Zeit tiefster Verderbtheit folgte eine Zeit heftiger Zerstörung, dadurch geriet, so schien es, die Welt aus den Fugen. Schon haben die Barbaren den trüben Norden verlassen und rollen heran wie die See, die die Deiche überflutet, die bisher standgehalten haben, und unter diesem Anprall zerfällt das Römische Reich in tausend Trümmer. Die böse und verfluchte heidnische Kultur wird ausgelöscht, doch nur, um Platz zu schaffen für die hoffnungslose Finsternis der Barbarei, in der es unmöglich ist, irgendeinen schwachen Schein der Erlösung zu erspähen.
Es schien damals, als stünde das Reich der Menschen kurz vor seinem Ende, oder als wolle ein brutales, primitives Reich auf der Erde seinen Anfang nehmen. Diese schreckliche Katastrophe, die der Kirchenvater Salvianus (um 400 bis um 480) mit glühender Beredsamkeit beschreibt, ließ die Menschen an der Vorsehung zweifeln. Sie bot ein Schauspiel des Bösen bisher ungekannten Ausmaßes und stellte in neuem Trost, was nur natürlich war, die Figur dessen zur Schau, der Quelle und Förderer allen Übels ist.
Satan wuchs durch die Taten der Barbaren. Gleichzeitig wuchs er aber auch durch vieles, was sie glaubten und zog alles aus ihrer Religion auf sich (und das war nicht wenig), was irgendwie zu seinem eigenen Charakter passte. Durch den Kontakt zu den Griechen und Römern wurde er gewissermaßen hellenisiert und romanisiert, durch den Kontakt zu den Barbaren aus dem Norden wurde er germanisiert. Unzählige Figuren der germanischen Mythologie wie Loki, der Wolf Fenris, Elfen, Gnomen und Sylphen werden auf Satan projektiert, der dadurch neue Eigenschaften, neue Erscheinungsformen und neue Handlungsspielräume gewinnt.
Pieter Bruegel d. Ä ., Sturz der Engel , 1562.
Öl auf Holz, 117 x 162 cm .
Musée Royaux des Beaux Arts, Brüssel.
Luca Giordano, Der Erzengel Michael stürzt die abtrünnigen Engel in den Abgrund,
um 1655. Öl auf Leinwand, 83 x 60 cm .
Kunsthistorisches Museum, Wien.


Auf diese Weise wird Satan geschaffen und geformt. Mal kommt ein großer Schwung auf einmal hinzu, mal wächst er nur langsam und allmählich, es ist eine fortlaufende Schichtung und permanente Einsickerung, in unaufhörlichem Wandel durchläuft er alle Stufen einer langen und beschwerlichen Evolution. Ursprünglich eine simple Elementargewalt, erwirbt er sich Stück für Stück seinen eigenen moralischen Charakter. Und wenn wir ihn in seiner Reife erblicken, wenn wir sein inneres Wesen untersuchen, sind wir erstaunt über seine Größe und begreifen die Fülle und die Mannigfaltigkeit all der Elemente, aus denen er sich zusammensetzt. Nicht nur aus den Naturgewalten, nicht nur aus den Göttern verschiedener Mythologien wurde Satan, sondern auch aus den Menschen. In Dichtungen und Legenden des Mittelalters werden Nero, Pilatus und Mohammed zu Teufeln umgewandelt.
Satan erreicht den höchsten Grad seiner Entwicklung im Mittelalter, in jener unglücklichen und unruhigen Zeit, in der sich das Christentum höchst energisch gibt. Er erreicht seine Reife zur gleichen Zeit wie die verschiedenen Institutionen und eigentümlichen Erscheinungen jenes Zeitalters, und während die Kunst der Gotik in hochaufragend-betürmten Gotteshäusern ihre Blüte erlebt, erfährt im Bewusstsein der christlichen Völker auch der Mythos Satan seine Blüte, düster und ungeheuerlich.
Nach dem Ende des 13. Jahrhunderts beginnt sein Niedergang, er erschlafft, ebenso erschlaffen das Papsttum, die Scholastik, der feudale Geist und der Geist der Askese. In einer Religion wie derjenigen der Griechen, strotzend vor Farbe und Leben, hätte er keine herausragende Stellung einnehmen können. Um zu wachsen und zu gedeihen braucht er Schatten, braucht er unergründliche Geheimnisse wie Leid und Sünde, die wie ein Leichentuch die Religion von Golgota (Golgatha) einhüllen.
Satan ist ein Kind der Angst, und der Schrecken beherrscht das Mittelalter. Ergriffen von einer unüberwindlichen Angst, fürchten die Menschen die Natur, die voller böser Omen und voller Ungeheuer steckt; sie fürchten die physische Welt, die der Welt des Geistes als unversöhnlicher Feind gegenübersteht; sie fürchten das Leben als Zunderbüchse, als ständigen Anreiz zur Sünde; sie fürchten den Tod, hinter dem die Ungewissheit der Ewigkeit gähnt. Träume und Visionen quälen die Gedanken der Menschen.
Der stundenlang im Gebet vor dem Eingang seiner Zelle kniende ekstatische Eremit sieht bedrohliche Heere und wüste Horden apokalyptischer Bestien durch die Luft fliegen. Seine Nächte werden von flammenden Zeichen erhellt, die Sterne stehen verzerrt und blutgebadet, sind traurige Omen drohenden Unheils. Zu Zeiten der Pest, die die Menschen wie reifes Korn dahinmäht, werden Pfeile gesichtet, geworfen von unsichtbaren Händen, die die Luft zerteilen und zischend verschwinden. Und dann und wann geht eine unheilvolle Kunde vom baldigen Weltenende wie ein Beben über das Gesicht der schreckerfüllten Christenheit, es ist die Kunde, der Antichrist sei zum Leben erwacht und nun werde das von der Apokalypse vorausgesagte schreckliche Geschehen beginnen.
Satan wächst in den düsteren Schatten der großen Kathedralen, hinter wuchtigen Säulen, in den Nischen des Chores; er wächst in der Stille der Klöster, eingeschleppt durch die Starre des Todes; er wächst in der bewehrten Burg, wo heimliche Gewissensbisse am Herzen des verbitterten Edelmannes nagen; in der verborgenen Kammer, wo der Alchimist mit Metallen experimentiert; im einsamen Wald, wo nachts der Hexenmeister Zaubersprüche murmelt; in der Furche, in die der hungernde Leibeigene fluchend den Samen wirft, der bestimmt ist, seinen Herrn zu nähren. Satan ist überall, ungezählt sind jene, die ihn gesehen haben, ungezählt die, die mit ihm verkehrt haben.
Dieser Glaube hatte starke Wurzeln getrieben, und die Kirche stärkte und förderte ihn auch noch kräftig. Die Kirche machte sich den Satan zunutze, gebrauchte ihn als höchst wirksames politisches Werkzeug und verschaffte ihm alle Anerkennung, die möglich war. Denn was die Menschen nicht aus Liebe oder aus Gehorsam zu Gott taten, das taten sie aus Furcht vor dem Teufel. Satan wurde in allen Masken gezeigt und dargestellt, gemalt oder geschnitzt, zur Bestürzung der innig Glaubenden, die das nachdenklich stimmte.
Satan rundete jeden Satz des Kanzelredners und des Moralpredigers, jede Ermahnung des Beichtvaters ab. Satan wurde zum Helden einer nicht enden wollenden Legende, die Beispiele und Analogien für alle Wechselfälle des Lebens bot, für jede Tat, für jeden Gedanken. Nicht wenige Visionen des Mittelalters machen deutlich, wie man sich den Teufel für die allgemeine Politik zunutze machen konnte. Für die Kirchenpolitik war der Teufel zweifellos von weitaus größerem Nutzen als Inquisition und Scheiterhaufen, auch wenn diese beiden schon genug anrichteten. Bereits im Jahr 811 prangerte Karl der Große (747/748 bis 814) in einem seiner Kapitularien den Klerus an, Hölle und Teufel zu missbrauchen, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen und sich Güter und Landbesitz anzueignen.
Die Angst, die die Menschen vor dem Satan hatten, war zwar groß, der Hass, den sie gegen ihn hegten, war jedoch keinesfalls geringer. Dieser Hass war auch nicht ungerechtfertigt, denn wenn man ihn hasste, hasste man den Urheber allen Übels, und je mehr man Christus liebte, desto mehr musste man dessen Feind hassen.
Aber auch in diesem Falle brachten Angst und Hass das Übliche hervor: übertriebene Ansichten und übersteigerten Glauben. Die Figur Satans hatte die Konsequenzen zu tragen, und dieses Übermaß, dieser Exzess, führte bei denen, die eines moderateren Geistes waren, zu der Einsicht, dass der Teufel gar nicht so schwarz sei, wie er gemalt wurde.
Hans Memling, Irdische Eitelkeit und göttliche Erlösung , Triptychon (Detail), um 1490.
Öl auf Holz. Musée des Beaux-Arts, Straßburg.
I. Der Teufel



Enguerrand Quarton, Marienkrönung (Detail), 1454.
Öl auf Holz, 183 x 220 cm .
Musée Pierre de Luxembourg,
Villeneuve-lès-Avignon (Frankreich).


Die Person des Teufels

NUR mit größten Schwierigkeiten, wenn überhaupt, gelingt es den Menschen, sich eine Vorstellung von einem nicht-körperlichen Wesen zu machen, das grundlegend anders ist als das, was ihre Sinne erfassen können. Für sie bedeutet das Körperlose gewöhnlich eine abgeschwächte Form, eine Verdünnung des Körperhaften, ein Stadium minimaler Dichte, vergleichbar dem der Luft oder der Flamme, wenn auch von geringerem Wert. Für alle unzivilisierten Menschen und für die überwiegende Mehrheit derjenigen, die sich zivilisiert nennen, ist die Seele ein Hauch oder ein leichter Nebel, den man sich wie eine Art Schatten vorstellen kann.
Die Götter aller Mythologien sind mehr oder weniger körperlich. Die der griechischen Mythologie ernähren sich von Nektar und Ambrosia, und für den Fall, dass sie sich in die Raufereien der Sterblichen einmischen (wie sie es mitunter zu tun pflegen), laufen sie Gefahr, eine gehörige Tracht Prügel zu beziehen. Es sollte also nicht verwundern, dass die pneumatologischen Lehren der Christen und Juden den Engeln und den Dämonen im Allgemeinen Körper zuweisen.
Kirchenlehrer und Kirchenväter sind sich so gut wie einig, dass Dämonen mit Körpern ausgestattet sind, dass sie diese bereits besaßen, als sie noch Engel waren, dass sie jedoch nach ihrem Sturz dichter und schwerer wurden. Die Dichte der Dämonenkörper, immer weitaus leichter als die der Menschen, wurde von denen, die sich damit beschäftigt haben, unterschiedlich eingeschätzt. Im 2. Jahrhundert erklärte der Apologet Tatian (2. Jahrhundert), ihre Dichte sei wie die von Luft oder Feuer; Basilius der Große (um 330 bis 379) wollte ihnen einen noch dünneren Körper zuerkennen. Andere, etwa Isidor, der Bischof von Sevilla (um 560 bis 636), unterstellten zu Beginn des 7. Jahrhunderts den Dämonen einen Körper aus Luft.
Es ist jedoch leicht zu verstehen, dass in einer solchen Frage nicht nur eine einzige, unweigerlich von allen geteilte Meinung vorherrschend sein kann. Und man versteht auch, dass Dante, ohne das Gewissen eines einzigen verletzt zu haben, seinem Luzifer unten im Frost des Eissees Cocytus einen festen, dichten Körper geben konnte, an den er und der Dichter Vergil (70 v.Chr. bis 19 v.Chr.) sich wie an einen Felsen klammerten. [21]
Wenn die Dämonen Körper besitzen, müssen sie auch gewisse natürliche Bedürfnisse haben wie alle lebenden, körperlichen Wesen. Vor allem müssen sie ihren Organismus regenerieren, der durch die Anstrengung des Lebens ja ständig abgenutzt wird. Die Teufel müssen auch nach Nahrung verlangen, und tatsächlich sagen die Apologeten Athenagoras von Athen (2. Jh.) und Marcus Minucius Felix (2./3. Jh.), die Schriftsteller Tertullian und Origenes, der Senator Firmicus Maternus (4. Jh.), der Bischof Johannes Chrysostomos (344/349 bis 407) und viele andere, dass die Teufel gierig den Dampf und Rauch der ihnen von den Heiden Geopferten aufsaugten – gewiss eine etwas gehaltlose, unstoffliche Nahrung, aber eine, die zur Verfassung der Teufel durchaus passt. Einige jüdische Rabbis sind da etwas großzügiger und wagen es, in die diabolische Diät mehr Vielfalt zu bringen. Ihnen zufolge lebten die Teufel vom Geruch des Feuers und dem Dunst des Wassers, nähmen aber auch gerne Blut, wenn sie es denn bekommen könnten. Und nach einem deutschen Sprichwort frisst der Teufel bekanntlich Fliegen, wenn er am Verhungern ist.
Die einfachen Leute sprechen oft von alten Teufeln und jungen Teufeln, es gibt in den verschiedenen Sprachen viele Sprichwörter, die diesen Volksglauben zum Ausdruck bringen. Wir wissen, dass sich der Teufel, als er alt geworden war, der Einsiedelei ergab, [22] und es erscheint ja auch vernünftig, dass er alt wird, denn alle organischen Wesen altern. Der bereits genannte Isidor von Sevilla erklärte jedoch, dass die Dämonen nicht altern, und wir können keine anders lautende Behauptung aufstellen, solange die diabolische Anatomie und Physiologie nicht genauer untersucht worden ist. Wenn sie nicht altern, dürften sie auch nicht sterben. Jene Rabbis, die behaupten, die Dämonen stürben genauso wie die Menschen, haben sich einer großen Lüge schuldig gemacht – nicht alle, das ist wahr, aber doch die überwiegende Mehrheit. Möglicherweise können Dämonen jedoch krank werden. Jedenfalls gingen manche Hexen in den Tagen der Inquisition so weit, dass sie aussagten – nachdem die Daumenschrauben ein klein wenig fester angezogen worden waren –, der Teufel würde von Zeit zu Zeit krank und sie müssten ihn dann heilen und pflegen.
Einige Kirchenlehrer und Kirchenväter wie Papst Gregor I. (der Große; um 540 bis 604), – und er war nicht der Einzige – hätten gerne geglaubt, dass die Teufel allesamt körperlos wären, aber dieser Glaube war, wie weiter oben gezeigt, alles andere als allgemein anerkannt. Es stand jedoch jedem frei, das eine oder das andere zu glauben, und Thomas von Aquin (1225 bis 1274) kommt, nachdem er die unterschiedlichen Meinungen zum Thema angeführt hat, zu dem Schluss, dass es für den Glauben von nur geringem Belang sei, ob die Dämonen Körper haben oder nicht. Dem mag zwar so sein, für die Fantasie ist es jedoch von großer Bedeutung, denn die Menschen haben den Teufeln ganz geschwind recht solide Körper verliehen.
Und wie sahen diese Körper nun aus? An dieser Stelle möge es genügen, nur die Körper zu betrachten, die die Teufel von Natur aus besitzen, nicht jene, die sie nach Belieben annehmen können und von denen später noch die Rede sein wird.
Fra Angelico, Das Jüngste Gericht (Detail),
1432-1435. Tempera und Gold auf Holz.
Museo di San Marco, Florenz.


Im Allgemeinen können wir davon ausgehen, dass die Körper der Dämonen in der Regel eine menschliche Gestalt hatten. Das sollte uns auch nicht verwundern, da der Mensch, der sich die Götter nach seinem Bilde schuf, auch die Engel und die Teufel nach seinem Bilde schuf. Wenn wir von einer menschlichen Gestalt sprechen, ist damit jedoch nicht gemeint, dass die Form in jeglicher Hinsicht unserer eigenen gleicht. Als Folge seiner Sünde und seines Sturzes mussten Satan („... die Kreatur, die einst so schön war“, wie Dante Alighieri ihn nennt [23] ) und mit ihm die anderen Aufrührer zusehen, wie ihre Körper nicht nur dichter und gröber wurden, sondern auch, wie sich die unübertreffliche Schönheit, mit der Gott sie zunächst ausgestattet hatte, in eine schmähliche Hässlichkeit verwandelte. Die Physiognomie der Teufel ist also eine menschliche, aber entstellt und scheußlich; hier vermischt sich das Tierische mit dem Menschlichen, nicht selten überwiegt es. Wollten wir den Dämonen (mit Zustimmung der Zoologen) aufgrund dieser Gestalt einen Platz im zoologischen System zuweisen, müssten wir den überwiegenden Teil von ihnen in eine entsprechende Familie der Menschenähnlichen einordnen.
Eine übermäßige Hässlichkeit, manchmal schrecklich und Furcht einflößend, manchmal schimpflich und lächerlich, war also die deutlichste und hervorstechendste der, ich möchte sagen, physischen Merkmale des Teufels. Und das nicht ohne Grund, denn selbst wenn es nicht stimmte, dass das Schöne, wie der griechische Philosoph Platon (427 v. Chr. bis 348/347 v. Chr.) lehrte, die Herrlichkeit des Guten ist, ist es doch sehr wohl wahr, dass die Menschen durch irgendeinen Instinkt, dessen Ursprung wir hier nicht ergründen wollen, Schönheit mit Güte und Bosheit mit Hässlichkeit assoziieren.
Satan übermäßig viel Hässlichkeit angedeihen zu lassen, wurde als verdienstvolles, der Seele zugute kommendes Werk betrachtet, durch das ein legitimes Ventil für den Hass auf einen Feind gefunden wurde, den man nie genug fürchten konnte. Verfasser von Legenden, Maler und Bildhauer gaben bei der Darstellung des Satans ihr Bestes und all ihre Erfindungsgabe; und sie stellten ihn so gut, oder um es korrekt auszudrücken, so schlecht dar, dass Satan selbst sich über ihre Mühe geärgert haben muss – wobei es unwahrscheinlich ist, dass er besonders großen Wert auf seine eigene Schönheit gelegt hat. Eine bekannte Geschichte, viele Autoren des Mittelalters haben sie aufgegriffen, ist die von einem Maler, der einen bestimmten Teufel hässlicher gemalt hatte, als es fairerweise notwendig gewesen wäre. Er wurde dafür von eben jenem Dämonen kopfüber vom Gerüst geschleudert, auf dem er gerade arbeitete. Der Maler hatte Glück: eine Madonna, die er besonders schön dargestellt hatte, streckte ihren Arm aus dem Bild, fing ihn auf und hielt ihn mitten im freien Fall fest.
Es war jedoch nicht notwendig, in diesem Zusammenhang irgendetwas zu erfinden, denn schließlich hatten viele Leute den Teufel mit ihren eigenen Augen gesehen und konnten genau sagen, wie er aussah. In den schwindelerregenden Fantasien der Seher nahm er auf die geringste Erschütterung hin aus den Fetzen und Fragmenten der Bilder Form an, so wie sich die bizarren Gebilde des Kaleidoskops aus Teilchen vielfarbigen Glases zusammensetzen.
Die Manichäer, eine Mitte des 3. Jahrhunderts entstandene bekannte heretische Sekte, gaben dem Fürsten der Dämonen eine Gestalt, die nicht nur menschlich, sondern auch riesenhaft war, und sie sagten, dass die Menschen nach seinem Bilde geschaffen seien. Der heilige Antonius der Große (251 bis 356), der ihn in so vielen anderen Gestalten entdecken sollte, sah ihn einmal als gewaltigen Riesen, ganz schwarz, der Kopf die Wolken berührend, bei anderer Gelegenheit sah er ihn jedoch als kleines Kind, nackt und ebenfalls schwarz.
Schwarz erscheint bereits seit den frühesten christlichen Jahrhunderten als die natürliche Farbe der Dämonen. Die Gründe, ihnen gerade diese Farbe zuzuweisen, erklären sich von selbst, so offensichtlich, so selbstverständlich sind sie. So mancher Klausner in der Thebaïs sah den Teufel in Gestalt eines Äthiopiers (eines Teufels) – daran erkennt man wieder einmal, wie sich der Teufel den Orten und Zeiten anpasst, in denen er sich bewegt oder in denen er sich bewegen muss. Zahllose andere Heilige späterer Zeit, von denen der italienische Philosoph und Theologe Thomas von Aquin nicht der Geringste war, sahen ihn jedoch weiterhin in seiner Gestalt.
Auch seine riesige Statur hat ihren Grund, schließlich sind in allen Mythologien die Riesen gewöhnlich böse. In der griechischen Mythologie sind die Titanen die Feinde des Zeus, deshalb steckte Dante sie in die Hölle und machte seinen Luzifer riesengroß; [24] und in der mittelalterlichen französischen Epik sind die Riesen ziemlich oft Teufel oder Söhne von Teufeln. In der Visio Tnugdali , der etwa Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen Vision des irischen Ritters Tundalus, ist der ewig auf einem Bratrost schmorende Fürst der Dämonen nicht nur riesengroß, sondern hat auch wie Gaias und Uranos’ Sohn Briareus hundert Arme. Und so wie Briareus wurde er im 14. Jahrhundert mit hundert Armen und hundert Füßen von Birgitta von Schweden (1303 bis 1373) gesehen. Andererseits wird der Teufel gelegentlich auch als Zwerg dargestellt, wahrscheinlich unter dem Einfluss der germanischen Mythologie, die aber an dieser Stelle nicht Gegenstand der Diskussion sein soll.
Dantes Luzifer hat drei Gesichter, aber Dante war nicht der erste, der ihn damit ausstattete. Diese Trinität wurde im Mittelalter mitunter als Mann mit drei Gesichtern dargestellt, und da die göttliche Dreifaltigkeit aufgrund des Gegensatzgedankens eine teuflische Dreifaltigkeit suggeriert, und da außerdem der Geist des Bösen drei Attribute oder Fähigkeiten haben sollte, die das Gegenteil derjenigen darstellen, die den drei göttlichen Personen zugeteilt werden, war es nur natürlich, dass die Künstler bei der Darstellung des Dämonenfürsten auf das Bild des dreieinigen Gottes verfallen und ein passendes Gegenstück dazu entwerfen würden.
Matthias Grünewald, Hl. Antonius, Isenheimer Altar (Detail), um 1512-1515.
Öl auf Holz. Musée d ’ Unterlinden,
Colmar (Frankreich).
Taddeo di Bartolo , Die Hölle ,
zwischen 1393 und 1413.
Collegiata di Santa Maria Assunta,
San Gimignano (Italien).
Giotto di Bondone, Das Jüngste Gericht (Detail),
1302-1305. Capella degli Scrovegni
(Arenakapelle), Padua (Italien).


Dieser Luzifer mit den drei Gesichtern, eine Art Antithese oder Umkehrung der Trinität, taucht in der Bildhauerei auf, bei Glasmalereien und in den Miniaturen der alten Handschriften. Sein Kopf ist hier mit einer Krone geschmückt, dort sprießen Hörner hervor, in den Händen hält er mal ein Zepter, mal ein Schwert oder sogar ein Schwerterpaar. Wie alt dieses Bild ist, lässt sich schwer sagen, aber mit Sicherheit ist es älter als Dante, der es in seine Dichtung einbrachte, und Giotto di Bondone (1266 bis 1337), der es noch vor Dante in sein berühmtes Fresco malte. Es taucht bereits im 11. Jahrhundert auf, und eine Anspielung auf einen dreiköpfigen Beelzebub wird bereits im Nikodemus-Evangelium gemacht, das in der heutigen Form spätestens im 6. Jahrhundert entstanden ist. [25]
Je mehr die Angst vor Satan in den Köpfen der Menschen wächst und sich über die Welt verbreitet, desto absurder und schrecklicher wird seine Hässlichkeit. Es ist jedoch nicht schwer zu verstehen, warum er je nach Anlass, Mentalität und Glaubensvorstellungen meist eine ganz bestimmte Gestalt annimmt und keine andere. Die einfachste Form, in der er erscheint, ist die als großer, hagerer Mann mit fahlem oder rußigem Gesicht, außergewöhnlich ausgemergelt, mit glühenden, hervortretenden Augen, der mit seiner ganzen düsteren Person gespenstisches Grauen atmet.
So wird er mehr als einmal beschrieben, im 13. Jahrhundert von Cäsarius von Heisterbach (um 1180 bis nach 1240), einem Zisterziensermönch, dessen Namen wir hier noch häufiger lesen werden, und so wird er auch von dem Dichter E.T.A. Hoffmann (1776 bis 1822) in seinem wundersam-unheimlichen Roman Die Elixiere des Teufels eingeführt.
Giovanni da Modena, Die Bestrafungen der Verdammten in der Hölle,
1410. Fresko. Basilica di San Petronio,
Capella Bolognini, Bologna (Italien).
Anonym, Madonna del Soccorso (Detail),
um 1470. Chiesa di Santo Spirito,
Florenz (Italien).


Eine weitere, immer wieder in der Kunst dargestellte Gestalt ist die eines entstellten und geschwärzten Engels, mit großen, fledermausartigen Flügeln, einem behaarten, ausgemergelten Körper, zwei oder mehr Hörnern auf dem Kopfe, Hakennase, langen spitzen Ohren, mit den Hauern eines Keilers und mit Klauen an Händen und Füßen. Und so sieht der Dämon aus, der in der dantesken Hölle einen der Ratsherren von Santa Zita ins klebrig-zähflüssige Pechbad der Bestechlichen stürzt:

Wie war sein Ausseh’n doch so wild und grimmig,
Wie schien so grausam mir sein Tun und Wesen,
Mit off’nen Flügeln und mit leichten Sohlen!
Auf seiner Schulter, die sich spitz erhob,
Bracht’ einen Sünder rittlings er getragen
Und an den Knöcheln hielt er ihn gepackt. [26]

Diese Gestalt entbehrt nicht einer gewissen Eleganz, doch gerade deshalb muss sie notwendigerweise viele willige Entsteller und Verzerrer finden. Aus den Hörnern wurden oft die Hörner eines Ochsen, aus den Ohren Eselsohren, die Schwanzspitze wurde mit dem Maul einer Schlange verziert. Grässliche Visagen wie die steinerner Wasserspeier bedeckten die Gelenke und grinsten von Bauch, Brust und Hinterteil. Das potente Glied erschien seltsam verschlungen, verdreht, verwachsen, an gewisse bizarre Kreationen der antiken Kunst erinnernd. Die Beine wurden zu Ziegenbeinen, eine Reminiszenz an den alten heidnischen Satyr, oder eines bekam einen Pferdefuß, und aus den Füßen wurden manchmal die Krallen eines Raubvogels oder die Schwimmfüße einer Gans.
Doch mit alledem war die höchste Stufe der Monstrosität noch nicht erreicht. Nach einem seltsamen Glauben hatten die Körper von Teufeln nur eine Vorderseite und waren innen hohl wie jene alten Baumstämme, die durch langsames Vermodern im Inneren allen Holzes entleert worden sind. Der heilige Furseus (bis um 650) sah einst eine Bande Teufel mit langen Hälsen und Köpfen wie große, messingene Kessel. Andere Teufel, die dem heiligen Guthlac (673 bis 714) begegneten, hatten riesige Köpfe, lange Hälse, dürre, dunkelhäutige Gesichter, Pferdezähne, verwahrloste Bärte, zottige Ohren, eine niedrige Stirn und finstere Mienen, wild blickende Augen, versengte Haare, große Mäuler, gewölbte Brustkörbe, knochige Arme, krumme Beine mit knotigen Knien, ungeschlachte Fersen und Spreizfüße. Sie sprachen mit lauter, heiserer Stimme, aus ihren Mäulern spien sie Flammen – wenn auch das Feuerspeien mit dem Maul kein sonderlich bemerkenswertes Merkmal ist, da sie doch in aller Regel aus allen Körperöffnungen brennende Lohen stießen. Der heiligen Birgitta von Schweden erschien einst ein Teufel mit einem Kopf wie ein Blasebalg, mit einem langen Rohr, die Arme wie Schlangen, die Füße wie Greifhaken.
Anonym, Der Krampus, ein Dämon in Begleitung des Hl. Nikolaus, 19. Jh.,
Abdruck auf Kuchenform., Privatsammlung.


Doch wer konnte je diese neue Chimäre in allen ihren Formen und Gestalten beschreiben? Der Glaube, dass jeder einzelne Dämon seine ganz eigene, typische Gestalt haben müsse, die seinem ganz eigenen, typischen Charakter, seinem Rang und der Art seines Höllenamtes geziemt, schien diese seltsamen Vorstellungen zu vervielfachen und ihr Durcheinander noch zu verstärken. Wir haben gesehen, dass sich in den Körpern von Dämonen tierische Glieder mit menschlich geformten Gliedern vereinigt haben, nicht selten gewinnt das Tierische über das Menschliche die Oberhand, und in solch einem Falle finden wir zum Beispiel ein wildes Tier mit dem Kopf eines Menschen, wie Dantes Geryon. [27] Manchmal verbannt das Tierische gänzlich das Menschliche, und dann begegnen wir einem teuflischen Tier, das auch eine Mischung sein kann, zusammengesetzt aus Stücken dieser Kreatur und Teilen jener, ein Scheusal, das der Natur Gewalt antut, sie schändet, ein lebendiges Symbol von Falschheit und Verwirrung.
Offenbar wird der Teufel durch das gesamte Mittelalter hindurch als über die Maßen hässlich dargestellt. Es ist sehr schwer, Ausnahmen zu dieser – eher moralischen als ästhetischen – Regel zu finden. Dennoch gibt es einige seltene Ausnahmen. Eine lateinische Bibel aus dem 9. oder 10. Jahrhundert, die in der Pariser Bibliothèque Nationale aufbewahrt w

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