Sex in the Cities  Vol 3 (Paris)
168 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

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Sex in the Cities Vol 3 (Paris) , livre ebook

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Description

Seit sechs Jahrhunderten die Galanterie vermittelnd und als die Welthauptstadt der Mode und Liebe geltend, ist Paris das definitive Symbol der Erotik und Sexualität. Bereits Offenbach hatte in seiner La Vie Parisienne eine Hymne auf die Freuden der Sinne geschaffen.
Der Autor folgt vollkommen frei dem Beispiel André Malrauxs, indem er ein imaginäres Museum in einem Paris, in dem Zeit nicht länger existiert, Raum nie endet und Lust immer präsent ist, konzipiert.
In diesem beeindruckenden Bildband sind bisher unveröffentlichte Werke aus
Privatsammlungen zusammengetragen, die fünf Jahrhunderte der erotischen Geschichte von Paris nachzeichnen. Begleitet werden sie von einem wissenschaftlichen Text, der es dem Leser erlaubt, diese Welt niemals vulgär, aber immer feinsinnig zu entdecken.

Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 31 décembre 2015
Nombre de lectures 6
EAN13 9781785259210
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 4 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0498€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

Autor: Hans-Jürgen Döpp
Redaktion der deutschen Ausgabe: Klaus H. Carl

Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam

© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
Image-Bar www.image-bar.com

© Berthommé-Saint-André Estate/Artists Rights Society (ARS), New York/ADAGP, Paris
© Dalí Salvador, Artists Rights Society (ARS), New York/VEGAP, Madrid
© Hans Bellmer Estate/Artists Rights Society (ARS), New York/ADAGP, Paris
© Vertès Marcel, All rights reserved

Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

ISBN: 978-1-78525-921-0
Hans-Jürgen Döpp


Sex in the Cities
PARIS
Inhalt


Einleitung
Paris, die Stadt der Liebe?
Die Pariserin – eine Chimäre?
Geschichte: Mittelalter und Renaissance
Paris, die erste Großstadt Europas
François Villon
Der Hof im 16. Jahrhundert
Das Goldene Zeitalter der Erotik
Die „Adamsfeste“ des Herzogs von Orléans
Das Petite Maison des Herzogs von Richelieu
Der Hirschpark
Das Palais Royal
Das Bordell der Madame Gourdan
Literatur und Kunst im 18. Jahrhundert
Die Romantik
Triumph der Börse und romantisches Interieur
Charles Fourier und die Neue Liebesordnung
Straßen und Boulevards
Die Belle Époque und Montmartre
Montmartre
Das 20. Jahrhundert - Das moderne Paris
Der Mythos von Montparnasse
Jules Pascin
Marcel Vertès
André Breton und der Surrealismus
Hans Bellmer
Zur Bellmers Radierung Souterrain baroque
André Masson
1-2-2
Paris – Das imaginäre Museum der Erotik
Bibliografie
Abbildungsverzeichnis
Guide secret pour étrangers et viveurs (Geheimer Reiseführer für Fremde und Lebemänner) , 1910. (Titel)


Einleitung



Paris, die Stadt der Liebe?

Weltweit gilt Paris als „Stadt der Liebe und Erotik“. Noch immer ist der Höhepunkt vieler Hochzeitsreisen eine Reise nach Paris. Doch nicht nur für verliebte Paare ist diese stolze Stadt nach wie vor eine Attraktion: Auch der Tourist, der das Flair der Liebe sucht, folgt seinen Fantasien nach Paris. In einem vulgären alten Witz kommt dies deutlich zum Ausdruck: Bekennt ein Mann seinem Freund: „Ich fahre nach Paris!“, „Du Schwein!“, kontert dieser. Der Reiselustige korrigiert: „Nein, ich fahre ja nicht allein! Ich fahre mit meiner Frau!“, „Du dummes Schwein!“, meint sein Freund daraufhin.
Was erwartet man von Paris, was man heutzutage nicht auch in anderen Städten finden kann? Was ist das Besondere seiner Geschichte, das diesen Mythos hervorbrachte? Pierre Louÿs (1870-1925) bemerkte im Vorwort zu seinem Roman Aphrodite - Mœurs Antiques (1896):

„Es scheint, dass das Genie der Völker und Individuen vor allem darin besteht, sinnlich zu sein. Alle Städte, die die Welt beherrscht haben, Babylon, Alexandria, Athen, Rom, Venedig, Paris, waren – fast einem allgemeinen Gesetz folgend – je ausschweifender, desto mächtiger, gleichsam als wäre ihre Zügellosigkeit zu ihrem Glanz notwendig gewesen. Die Städte, wo die Gesetzgeber nach einer künstlichen, kleinlichen und unproduktiven Tugend strebten, sahen sich vom ersten Tag an zum Untergang verurteilt.“

Bis auf Paris ist der Glanz der anderen genannten Städte längst erloschen. Paris aber strahlt weiterhin. So werden wir die „Geschichte der Sinnlichkeit“ verfolgen müssen, um erklären zu können, welche historischen Erfahrungen in das Bild von „Paris als der unmoralischsten Stadt der Welt“ Eingang fanden. Diese Erfahrungen haben ihre Spuren in der Geschichte der erotischen Literatur und Kunst hinterlassen, und so ist dieser ästhetische Bereich vom sinnlichen nicht zu trennen. In heute oft musealen Sammlerstücken wird Kulturgeschichte erfasst.
Interessant werden für uns stets auch die Beobachtungen und Beurteilungen ausländischer Besucher sein. Als Reisende trugen sie den Ruf von Paris hinaus in die Welt und verhalfen der Stadt zu ihrem heutigen Mythos – und dies im doppelten Sinne: Sie kamen oft nicht nur als distanzierte, sondern auch als teilnehmende Beobachter, die solche Vergnügungen suchten, die sie zu Hause nicht fanden. So ist der Ruf eines „unmoralischen Paris“ teilweise auch das Ergebnis einer self-fulfilling prophecy : Indem sie sich gestatteten, ihre „unzüchtigen“ Fantasien dort zu realisieren, konnten sie diese, zurückgekehrt, vom heimischen Herd aus leicht als „unzüchtig“ verurteilen – und das innere „moralische Gleichgewicht“ war wieder hergestellt.
Der erotische Mythos von Paris wird von zwei Seiten genährt: zum einen vonseiten der hier in wesentlichen Punkten skizzierten realen sittengeschichtlichen Entwicklung und zum anderen vonseiten der insbesondere seit dem 19. Jahrhundert auf Paris projizierten Fantasien. Dieser Mythos ist ein Amalgam aus Fantasie und Realität. Und wer ihn recht versteht, wird in diesem Mythos immer auch ein Stück sinnenfreudiger Aufgeklärtheit finden. Paris ist keine Stadt für Moralisten.


Die Pariserin – eine Chimäre?

„Die Pariserin ist die unbestrittene Herrscherin der Stadt, ihr verdankt Paris seine ganze Anziehungskraft, gestern wie heute. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur zu den Rennen oder ins ‚Bois’ zu gehen, auf den Avenuen, den Champs Elysée , der Rue de la Paix oder auf den Boulevards zu flanieren oder gar die Proletarierviertel zu durchstreifen. Überall bildet die Pariserin eine Augenweide und allem prägt sich ihr Einfluss auf. […] Den Fremden in Paris sticht eine überraschende Erscheinung bald in die Augen: Es gibt eigentlich keinen nennenswerten Unterschied in der Art, in der sich die reiche Frau, die Kleinbürgerin, die Angestellte und die Arbeiterin kleiden. Während man in allen anderen Städten der Welt meist auf den ersten Blick die Gesellschaftsklasse und die Vermögensverhältnisse einer vorübergehenden Frau feststellen kann, ist das in Paris äußerst schwierig. Selbst die Frau und das Mädchen aus dem Volke sind elegant, geschmackvoll und immer nach der letzten Mode gekleidet. Wie sie das machen, ist ihr Geheimnis.“
Erotische Postkarte Curiosités Parisiennes – Arc de Triomphe , 1904.
Erotische Postkarte Curiosités Parisiennes, No. 19 – La Bastille , 1904.
Erotische Postkarte Curiosités Parisiennes, No. 21 – La Grande Roue (Das Riesenrad) , 1904.
Erotische Postkarte Curiosités Parisiennes – Place Vendôme , 1904.
Farblithografie, um 1940.


Mit diesen Worten beginnt Pierre La Mazière (1847-1928) sein Essay über Die Pariserin und ihre Welt . Doch was sind ihre charakteristischen Merkmale? Worin besteht das der Pariserin eigene „gewisse Etwas“, das ihren besonderen Reiz ausmacht? „Aus Sensibilität und Leichtigkeit, aus Humor und Grazie, aus Geschmack und Sinn für die Nuance und ganz besonders aus ihrer Fähigkeit, aus ihrem Körper, ihrem Gesicht und ihrer ganzen Person ein Kunstwerk zu machen und wie keine andere Frau der Welt gerade das zu tragen, was ihr passt“, antwortet La Mazière. Und stets wird auf die Eleganz ihrer Mode verwiesen: „Die ist das schönste Geschenk, das ihr der Himmel verliehen hat, ihre Überlegenheit – ihr Genie!“
Doch ihre Attraktion erschöpft sich nicht in ihrem Modebewusstsein. Es umgibt sie ein erotisches Flair, etwas, das man ihr als Frivolität und Leichtsinn andichtet. Vor allem ist die Pariserin ein Kunstwerk, ein Artefakt, das in den Köpfen derer entsteht, die sich nach einer Begegnung mit ihr sehnen. In ihr wird das „Frau-Sein” an sich zum Fetisch: „Auf allen Stufen der Gesellschaftsleiter ist die Frau in Paris hundertmal mehr Frau als in jeder anderen Stadt der Welt“, meint Octave Uzanne (1851-1931) in seiner Studie Die Pariserin (Dresden, um 1925).

„Man hat über die Pariserin mehr Gedanken, Paradoxien, Aphorismen, Abhandlungen, Physiologien, dünne und dicke Bücher geschrieben, als jemals über irgendeine andere Frau der Welt. Dank der Pariserin wird die Pariser Straße für jeden Künstler und jeden Verliebten zum märchenhaften Eden der plötzlichen Wünsche, der blitzhaften Anbetungen und seltsamen Abenteuer. […] Der Mann, der langsam und liebevoll zu gaffen versteht, erfrischt sich in jedem Lebensalter an dem bloßen Anblick, am Bewundern, Anpirschen und Belauschen dieser hübschen Spaziergängerinnen mit ihren munteren Blicken, ihren geputzten Gesichtern. Sein verliebter Geist bringt all diesen anmutigen Töchtern Evas, die er vielleicht niemals kennen lernt, unaufhörliche Ständchen, und seine Sinne bleiben angenehm erregt, weit über die Stunde des Zapfenstreichs und der Dämmerung der Mannheit hinaus.“

Wie die Venus dem Schaum entstieg, so entstieg die Pariserin dem verliebten Geist des Paris-Besuchers. Indem sie ihm als Projektionsfläche seiner unerfüllten Sehnsüchte dient, begegnet er „blitzhaft“ seinen eigenen Wünschen. Auch wenn er sie „vielleicht niemals kennen lernt“, existiert sie als belebende Fantasie doch in ihm selbst.
Jean-Baptiste Huet , um 1780. Rötelradierung.
Jean-Baptiste Huet , um 1780. Rötelradierung.


Uzanne zitiert Bonaparte (1769-1821): „Eine schöne Frau gefällt dem Auge, eine heitere dem Geist, eine gute dem Herzen.“ Und er fährt fort:

„Man mag sagen, was man will, die Pariserin vereinigt zumeist diese drei Eigenschaften. Ihre Schönheit, oder besser: ihre Anmut, ist prickelnd genug, um Liebe zu erregen; ihr lebhafter, selten gemeiner, stets malerischer Frohsinn ist gleichsam die Blume und der Duft unserer geistigen Gesundheit; ihre tiefe, selbstlose, natürliche Güte erweckt alle schmeichelnde Hingabe, allen Heroismus, alle erhabene Knechtschaft.“

Mehr als jede andere Frau vereint die Chimäre der Pariserin eine unmögliche Dreieinigkeit: Sie ist Mutter, Hure und Geliebte in einer Gestalt. Irgendein ausländischer Schriftsteller hat von der Pariserin gesagt:

„Sie ist als Geliebte anbetungswürdig, als Gattin manchmal unmöglich, als Freundin vollkommen. Anbetungswürdig als Geliebte – darin liegt vor allem ihre wahre Überlegenheit, denn in jedem Stande verfügt sie über die ganze Tonleiter des liebenden Weibes. Sie ist katzenhaft durch ihre Schmeicheleien und kindlichen Einfälle, katzenhaft durch ihre plötzlichen Verrätereien, ihr jähes Krallenzeigen und ihr Schmollen am Herdwinkel. Ihre Launen und Mutwilligkeiten, ihre unbezähmbaren Wunderlichkeiten gegen alle, denen nur an ihrem Besitz liegt und die ihrem Herzen fremd bleiben, machen sie zu einem Luxuswesen, das allein der erwählte Gebieter, der Bezwinger, der Geliebte nach seinem Willen lenken, beherrschen und beglücken kann.“

Uzanne entwirft das Bild eines narzisstischen Wesens, das als Fantasieprodukt zugleich ein Kollektivgeschöpf ist. „Die Pariserin“ schmeichelt dem eigenen Narzissmus. Dem Paris-Reisenden, der in dem Fantasiewesen seinen eigenen erotischen Lastern und Begierden begegnet, lauert sein Unbewusstes überall auf – in Gestalt der Dirne. „Die heimliche Prostitution tritt in Paris überall auf“, stellt Uzanne fest. „Sie umgibt den Mann bei allem, was er tut, im Hotel, im Restaurant, in den Läden und Kaufhäusern, in den Omnibusbüros, im Louvre- und Luxemburg-Museum, wo sie sich unter dem Deckmantel eines Fremdenführers einstellt. Man trifft sie in gewissen, selbst offiziellen Kreisen, wo sie verhüllt, diskret, fast undurchdringlich auftritt. […] Sie besitzt jede Schmiegsamkeit, benutzt jede Verkleidung, lässt langsam die Maske fallen und gibt sich nur wohlweislich zur günstigen Stunde zu erkennen.“
„Le promenade… est’il tres amusante!” , aus der Serie Femme du monde , 1940. Aquarell.
Mystères de Paris (Mysterien von Paris) , um 1850. Lithografie.


„Andere Heimliche besuchen die Kunstausstellungen, die Kunstversteigerungen im Hotel Drouot, die Vortragssäle, die Lesezimmer im Bon Marché und im Louvre, die Nationalbibliothek, die den geistigen Arbeitern so vertraut ist. Dort nehmen sie ernste Männer aufs Korn, tun so, als ob sie sich selbst für Kunst, Sport, Literatur und alle geistigen Dinge interessieren. Das sind oft die Gescheitesten; sie haben die meiste Bildung und können sich am besten unterhalten.“
Nicht einmal in der Bibliothèque Nationale ist man sicher – vor seinen eigenen Fantasien! Und natürlich befindet sich die „Verderbtheit“ immer auf der Seite der Weiblichkeit, die zur Projektion männlicher Lüste wird. Uzanne gebraucht hier eine Metapher, die offenbart, wie stark der Blick auf „die Pariserin“ von Prostitutionsfantasien geprägt ist: Frauen bezeichnet er als „lebende Münzen“. Der Frau als – käufliches – „Kunstwerk“ steht das Bild der „Künstlichkeit“ der Dirne entgegen. Verklärung und Desillusion ergänzen einander: „Die Dirne – sie ist das Kind des Elends und des Lasters. Ihr Merkmal ist die Künstlichkeit.“ Spiegelt die „Walldirne“ für Uzanne nicht als überzogenes Negativbild all die Eigenschaften, die er an der Pariserin lobt? „Sie [die Walldirne] trägt eine Schürze, füllt ihre Runzeln mit Ziegelstaub aus, schwärzt sich die Augenbrauen mit einem angebrannten Streichholz und glättet sich das grau werdende Haar mit Jasmin – oder Rosenpomade, die Büchse zu zwei Sous.“
Mit krassem Realismus wacht der Paris-Besucher wieder aus seinem Traum eines erotischen Eldorados auf. Dem Rausch folgt die Ernüchterung: „Das Hauptzentrum [der Dirne] ist der Boulevard. In den Cafés, zu denen sie Zutritt haben, haben sie mehr Aussicht, einen wohlhabenden Herrn zu treffen, und wäre es nur einer der Ausländer jenes Schlages, die diese Lokale besuchen, weil sie in der ganzen Welt im Rufe außerordentlicher Vergnüglichkeit stehen. Übrigens ist dieser Ruf merkwürdig angemaßt und künstlich. Nichts ist eintöniger als das Dirnentum; die so genannten Vergnügungslokale in Paris haben eine fatale Ähnlichkeit mit denjenigen aller europäischen Großstädte; sie sind keineswegs lustiger. Die Dirne ist überall dumm, gewinnsüchtig, gelangweilt und langweilig; nur im Rausche begeht sie Ausschreitungen, und dann ist ihre Lustigkeit noch trauriger und düsterer als ihr gewöhnlicher Stumpfsinn. Man muss wirklich ein großer Optimist sein, um einiges Vergnügen daran zu finden, ihren Bewegungen, ihren Reden und ihrem Benehmen zu folgen. Sie ist ein verschlagenes, oft verhungertes Tier – und sie treibt ein entsetzliches Handwerk.“
Roberty , um 1890. Aquarell.
Roberty , um 1890. Aquarell.


Derart oszilliert das Bild der Pariserin zwischen dem verklärten Bild der zur Leidenschaft stets bereiten potenziellen Geliebten und dem ernüchterten Bild der verworfenen Hure. Beide Bilder gehören so zusammen, wie der Wunschtraum zur Rationalisierung gehört. „Die Pariserin“ ist ein Phantasma, das die ganze Stadt einfärbt: Paris selbst wird zu einer weiblichen Stadt – ersehnt und verrufen zugleich.
Paris konnte nur durch die Vereinigung zweier historischer Entwicklungen zum Topos der erotischen Fantasie werden: Paris war bereits am Ende des Mittelalters eine Stadt mit „großstädtischen“ Lebensformen, sodass vieles, was als „pariserisch“ bezeichnet wurde, schlechthin großstädtische Lebensweise war. Und Paris stand unter dem Einfluss eines königlichen Hofes, dessen Leben von Ausschweifungen und luxuriösem Genussleben bestimmt war und der eine libertine Moral vorlebte, die zur Nachahmung verführte. Insbesondere das 18. Jahrhundert, das Zeitalter der Aufklärung und der Revolution, trug wesentlich zur Freiheit der Sitten bei. In dieser Zeit entstand eine Öffentlichkeit, die auch die „Liebe“ – die selbst ja eine relativ neuzeitliche historische Frucht ist – der Sphäre der Privatheit entriss und sie zu einem gesellschaftlichen Spiel werden ließ. Die Brüder Edmond und Jules Goncourt (1822-1896 und 1830-1870) schildern die Französin des 18. Jahrhunderts folgendermaßen:

„Ihr Gesicht wechselt im Ausdruck unter verschiedenem Regime; aber mochten ihre Züge unter Ludwig XIV. edel, unter Ludwig XV. geistreich, unter Ludwig XVI. rührend einfach sein, stets ist ihr die Welt eine Schaubühne. Die Augen der Öffentlichkeit ruhen auf ihr, und am Ende spielt sie ihre Komödie mit so großer Natürlichkeit, dass sie gekünstelt erscheint, wenn sie zufällig wahr sein will. Ihre Lebensaufgabe ist schwer zu erfüllen; die Frau muss daher zeitig anfangen zu lernen. So weit sie zu denken vermag, ist der Schein ihr Lebenszweck.“
Henri de Toulouse-Lautrec , Moulin-Rouge , 1891.
Farblithografie, 170 x 124 cm. Victoria and Albert Museum, London.
Bordell Sphinx , Illustration.


Auf dieser Bühne wurde das geistreiche Kokettieren erlernt. Sinnlichkeit und Esprit durchdringen sich und lassen aus der Liebe eine gesellschaftliche Kunst werden, die viele Fremde, zumal deutsche Besucher, irritiert haben mag. Es ist mehr als ein kulturelles Missverständnis, wenn auch deutsche bürgerliche Sexualwissenschaftler, auf deren sittengeschichtlichen Werken unsere Darstellungen vor allem beruhen, hier von einer „Entweihung der Liebe“ sprechen. „Der Geist, das Denken, unterstellt sich der Lustbetonung“, beklagt Iwan Bloch (1872-1922), „[...] alles Denken und Fühlen konzentriert sich auf den einen Punkt: Ausübung körperlicher Befriedigung.“ Das französische, insbesondere Pariser Liebesleben des 18. Jahrhunderts ist nach Bloch „nichts anderes als eine allgemeine Preisgabe des Körpers zur Erfüllung der körperlichen Lust“. Diese Emanzipation des Fleisches aus dem Kontext moralischer Einschränkungen ist es aber, die den Blick immer wieder auch fasziniert nach Paris und auf die Pariserin richtet. Was wäre der Moralist ohne das Gegenbild des Verwerflichen, das er doch zutiefst ersehnt?!
Bis zum heutigen Tage wirkt in der Rede von Frankreich als dem „Land der Liebe“ dieses Bild nach. So titelt der Spiegel in der Ausgabe vom 8. April 2002: „Lust im Land der Liebe – Sind die Franzosen wirklich so triebfixiert, wie es die Skandalautoren der Grande Nation derzeit verkünden? Eine Großstudie enthüllt das wahre Sexualleben der Franzosen.“ Vor allem, so wird festgestellt, habe die Begierde gegenüber der Romantik an Bedeutung gewonnen. Zunehmend gehen Frauen mit Männern ins Bett, ohne dass Liebe im Spiel ist. Noch 1992 meinten immerhin 66 Prozent, dieses Gefühl gehöre unbedingt dazu. Inzwischen aber sei der Anteil weiter gesunken. Davon abgesehen, dass sich hierin ein generell westeuropäischer und amerikanischer Trend abzeichnet, der mithin nicht „typisch französisch“ ist, lässt sich, was Frankreich betrifft, von einer Wiederannäherung an die libertine Liebeskultur des 18. Jahrhunderts sprechen. „Noch nie haben die Franzosen so viel über Sex gesprochen, und schon gar nicht in der Ich-Form“, kommentierte das Wochenmagazin L’Express diese Studie. Noch nie? Man braucht nur 200 bis 250 Jahre zurückzugehen, um zu ebendieser Feststellung zu gelangen! Einzig der Demokratisierungseffekt ist erwähnenswert: Was damals auf eine kleine aristokratische Schicht begrenzt war, ist endlich bei der Allgemeinheit angelangt!
Und noch immer wirft der deutsche Sonderweg seine Schatten: Noch immer stehe in Deutschland die Liebe höher im Kurs. „Die Germanen“, polemisiert der Spiegel , „scheinen weniger orgasmusfixiert als ihre Nachbarn: Zärtlichkeit ist ihnen wichtiger; fast 90 Prozent – da siegt die deutsche Romantik – erklären ‚Liebe’ zur entscheidenden Voraussetzung für Sex“. Die „heilige Lohe“ wabert hier noch immer. So lange aber wird für „den Fremden“ auch immer „die Pariserin“ als begehrenswerte, attraktive und viel versprechende Frau erscheinen. Die Pariserin – eine Chimäre? Die „Pariserin“ ist eine Illusion. Aber eine real existierende.
Radierung, um 1730.


Geschichte: Mittelalter und Renaissance


Paris, die erste Großstadt Europas

„Paris lässt sich nicht mit einem Blick erfassen: Es ist keine Komposition. Es ist eine Schlacht von Kompositionen”, beschreibt der russische Symbolist Andrej Belyi (1880-1934) in seinen Lebenserinnerungen Ich, ein Symbolist. Eine Selbstbiographie (1934) die französische Hauptstadt: „Wenn man sagt: „Ich bin in Paris, sagt man: ‚Ich bin nirgendwo’. Es ist nur so ein Ausdruck. Jeder hier lebt in einem von mehreren Paris.“
Doch Belyis Eindruck hätte schon vor 400 Jahren so aufgezeichnet werden können, denn schon im 16. Jahrhundert wurde die Stadt Paris von den Chronisten als „die höchst wunderbare“ beschrieben. Viele Chronisten, deren Werke sich durch die Erfindung der Buchdruckerkunst europaweit verbreiteten, berichteten von den Wundern von Paris. Seit dem Mittelalter ist Paris Zentrum europäischer Kultur und Intellektualität. Was Paris vor allen anderen Städten auszeichnete, war, dass es die erste Großstadt des Westens war. Hier entwickelten sich städtische Lebensformen, die alle traditionellen Bindungen auflösten. Durch die Anonymität aller Lebensverhältnisse fand eine Freisetzung statt, die ebenso viele Freiheiten mit sich brachte. Iwan Bloch sieht eine Parallelität zwischen der Entwicklung der Städte und der Entwicklung der Geldwirtschaft. Entsprechend der späten Ausbildung des Kapitalismus im christlichen Europa war dort ein völliger Mangel an Großstädten festzustellen, im Gegensatz zum Orient und dem islamischen Westen.
Kairo, Bagdad und Konstantinopel wiesen bereits im Mittelalter eine Million Einwohner auf! Diese orientalischen Riesenstädte waren Zentren eines mondänen Highlifes , wo, so Bloch, „die scheinbar unerschöpflichen Quellen des Reichtums ihre goldenen Fluten ausgossen; wo ein maßloser Luxus entstand, ein wahnsinniges Genussleben, ein Menschentreiben, wie wir es nur im alten Rom oder in den modernen Riesenstädten London und Paris unter ähnlichen Verhältnissen sich entwickeln sehen“.
Während sich in Italien, Belgien, Frankreich und England bereits um 900 n. Chr. ein lebendiges Leben zu entwickeln begann, fehlte es in Deutschland zu dieser Zeit noch völlig an Städten. Es ist zu vermuten, dass der Glanz von Paris auf diejenigen europäischen Nachbarländer besonders stark ausstrahlte, die in ihrer ökonomischen Entwicklung besonders rückständig waren. Deutschland als „verspätete Nation“ gehörte zu diesen Ländern.
Der fundamentale Unterschied zwischen Morgen- und Abendland war auch für die Entwicklung der Prostitution von größter Bedeutung. Bis zur Renaissance gab es in Europa weder eine freie Prostitution noch ein Genussleben wie im Orient. Höchstens in einigen italienischen Städten wie Rom, Florenz und Venedig sowie in Wien und namentlich in Paris konnte man von einem solchen reden. Schon damals galt Paris für die ganze Welt als das neue Babel, als Stätte des raffiniertesten Sinnengenusses. Die Stadt offenbarte sich dem Fremden als ein überwältigendes Konglomerat von Sinnenreizen, als ein akustisches, visuelles und olfaktorisches Schlüsselerlebnis. „Mir schien es, als wäre ich in einen ungeheuren Strudel gestürzt, und der tosende Wirbel des Wassers drehte mich gleich einem Sandkörnchen“, notierte der russische Schriftsteller und Historiker Karamsin (1766-1826) stellvertretend für viele Paris-Touristen des Ancien Régime , die ähnlich empfanden.
Nirgendwo, so schreibt der Romanist Karlheinz Stierle (*1936) in seiner Studie Der Mythos von Paris , ist Europa europäischer als in Paris! Aber „wenn Paris par excellence die europäische Hauptstadt ist, so ist sie zugleich die Hauptstadt der Fremden. Die große Stadt kennt keine Fremden, weil alle in ihr fremd sind und dies die prinzipielle Gemeinsamkeit ist, die noch den einheimischsten Stadtbewohner mit dem exotischsten Fremden vereint.“
Der Baron de Montesquieu (1689-1755), urteilte: „Paris ist vielleicht die sinnlichste Stadt der Welt, die die raffiniertesten Genüsse kennt; aber es ist vielleicht auch diejenige, wo das Leben am härtesten ist“ ( Lettres persanes ). Die Unrast des allgemeinen Strebens nach Glück und Genuss, an dem jeder Einzelne teilhat, mache Paris zur Stadt, „die die Mutter der Erfindung ist“. Die außerordentliche Beweglichkeit des Geistes, der sich beständig im Wechsel orientieren muss, ist zugleich Ursache moralischer Unbeständigkeit und unauflösbarer moralischer Widersprüche. Die Stadt selbst mit ihren Widersprüchen treibt das dialektische Bewusstsein hervor.
Die Großstadt ist Ort der Experimentierformen der Menschheit. Im Rückblick aber erscheint die Stadt, die eben noch Ort der Entwicklung aller Fähigkeiten war, in ihrer ganzen Negativität: „Adieu also, Paris, berühmte Stadt aus Lärm, Rauch und Schmutz, wo die Frauen nicht mehr an die Ehre und die Männer nicht mehr an die Tugend glauben.“
Zeitvertreib mit einer Kapuze , um 1340.
Paris. Bestickter Geldbeutel, Gold- und Silberfäden auf Leinen, 16 x 14 cm. Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg.
Bartholomäus Anglicus , Buch über den Besitz von Dingen , um 1400.
Paris. Herzog-August-Bibliothek, 1.3.5.1 Aug. 2 fol. 146 r°, Wolfenbüttel.


In Pierre-Jean-Baptiste Nougarets (1742-1823) Anecdotes millitaires de tous les peuples (1808) finden sich Anekdoten, die den Geist der neuen Zeit spiegeln. Auch er sieht Paris als Stadt der Anonymität und Fremdheit:

„Alles ist vermischt in der unvorstellbar großen Kapitale; man ist seinem Nachbarn fremd, und man erfährt dessen Tod nur durch die Todesanzeige oder weil man ihn an der Tür aufgebahrt findet, wenn man abends heimkehrt. […] Wollen Sie als Mann von Wichtigkeit gelten, wollen Sie ein Junggesellenleben führen, obwohl sie verheiratet sind? Wollen sie eine große Bekanntschaft haben oder allein leben wie ein Bär? Kommen Sie nach Paris: Niemand wird sich darum kümmern, wie Sie leben und was Sie tun.“

Die Stadt ist ein Ganzes, in dem alles, selbst noch die Niedertracht, ihren notwendigen Ort hat: „In Paris braucht es Personen von jeder Sorte, von jedem Temperament, jeder findet seinen Platz, sogar die Quacksalber, sogar die Chansonniers und selbst die Damen mit begrenzter Tugend.“
Die Französische Revolution (1789-1799) kann auch als Ergebnis dieses modernen „Experiments Großstadt“ gedeutet werden. Die Fackel der Freiheit erleuchtete damals ganz Europa. Was Chronisten, ob begeistert oder verschreckt, aus Paris berichteten, waren Eindrücke, in denen sich politische und erotische Freiheiten oft vermengten. „Denn was wäre eine Revolution, ohne eine allgemeine Kopulation!“ – so Peter Weiß (1916-1982) in seinem Disputierdrama, dem Marat/ Sade- Stück (1964).
Die europaweite Ausstrahlung der Französischen Revolution begründete den Mythos von Paris. „Freiheit“ war eine ungeteilte: Paris als Stadt der Erotik stand immer auch als Metapher für eine Stadt der Freiheiten. Freiheit nahm hier nicht nur eine politische, sondern auch eine erotische Gestalt an: Sie verhieß ein ganz anderes Leben.
Im Zeitraum zwischen der Julirevolution 1830 und der Februarrevolution 1848 wird Paris zum Zufluchtsort für Deutsche unterschiedlicher Klassen und Stände, die die materielle wie geistige Misere aus Deutschland treibt. Die Zahl der Deutschen in Paris steigt in diesen zwei Jahrzehnten sprunghaft an, bis sie 1848 schließlich zunächst eine Zahl zwischen 60 000 und 100 000 erreicht, die aber nach dem Staatsstreich Napoleons wieder rapide sinkt. Paris wird zum Zentrum der intellektuellen Opposition gegen das reaktionäre politische System der deutschen Länder.
Für den Dichter Heinrich Heine (1797-1856) ist Paris der Ort des Zeitgeistes selbst. In Paris, in der Farbigkeit seines alle Möglichkeiten, alle Kontraste ausspielenden Lebens, wird die neue europäische Welt geboren. „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt“, schreibt er 1832.

„Es ist […] ein Sammelplatz ihrer geistigen Nobilitäten. Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe oder Hass, durch Fühlen oder Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit. Betrachtet man den Verein von berühmten oder ausgezeichneten Männern, die hier zusammentreffen, so hält man Paris für ein Pantheon der Lebenden. Eine neue Kunst, eine neue Religion, ein neues Leben wird hier geschaffen, und lustig tummeln sich hier die Schöpfer einer neuen Welt. Die Gewalthaber gebärden sich kleinlich, aber das Volk ist groß und fühlt seine schauerlich erhabene Bestimmung.“

„Schöpfer einer neuen Kunst, eines neuen Lebens“ wollen 90 Jahre später auch die Surrealisten sein. Ihre Ideen entsprangen dem gleichen Nährboden. Paris – das ist der Umbruch in Permanenz. Der Titel von Heines Buch lautet Französische Zustände . Tatsächlich sind aber nur die Pariser Zustände gemeint, denn „Paris ist das eigentliche Frankreich; dieses ist nur die umliegende Gegend von Paris“. Und Paris: Das ist die Projektionsfläche des Traumes von einem neuen Europa, auf das sich wie die politischen, so auch alle erotischen Sehnsüchte richten.


François Villon

Paris – ein Sündenbabel? Angesichts der Demoralisation der Sitten ruft ein Prediger des 15. Jahrhunderts mit Abscheu aus: „Oh! Mein Gott, ich glaube nicht, dass seit dem Erdenwallen unseres Herrn Jesus Christus das Laster jemals irgendwo in solchem Ausmaße regiert hat wie jetzt in Paris.“ In dieses Paris wurde François Villon (1431-1463) hineingeboren.
In Anvers bei Paris geboren, besuchte er die im Jahr 1150 gegründete Pariser Universität, die zu den ältesten Europas gehört. Das lockere Leben der damaligen Studenten lockte ihn mehr als die Wissenschaft. Der Lärm erfüllte Schauplatz aller Vergnügungen und Ausschweifungen jener Zeit war das Viertel um die Universität. Die Kunst, vergnügt zu leben und ausschweifend zu lieben, galt den Studenten mehr als jede Wissenschaft.
Vignette, Kalenderillustration, 1650. Holzschnitt.

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