Tod und Jenseits in der Kunst
238 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

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Description

Seit Grabdenkmäler auf den Gräbern errichtet wurden, hat die Vorstellung vom Tod und vom Leben nach dem Tod einen wichtigen Stellenwert in der Kunstwelt erlangt.
Der Tod, eine unbegrenzte Inspirationsquelle, in der Künstler nach dem Ausdruck des Unendlichen suchen können, ist das Motiv zahlreicher mysteriöser und unterschiedlicher Darstellungen. Das antike ägyptische Totenbuch, die für immer schlafenden Grabfiguren auf mittelalterlichen Gräbern sowie die Strömungen der Romantik und des Symbolismus des 19. Jahrhunderts sind der Beweis für das unaufhörliche, die Produktion von Kunstwerken zum Thema Tod und Jenseits antreibende Interesse.
In diesem Buch untersucht Victoria Charles, wie die Kunst im Laufe der Jahrhunderte der Spiegel dieser Fragestellungen zum Jenseits geworden ist.

Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 15 septembre 2015
Nombre de lectures 0
EAN13 9781783106813
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 3 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0250€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

Autor:
Victoria Charles

Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam

© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
Image-Bar www.image-bar.com

© Marc Chagall Estate, Artists Rights Society (ARS), New York, ADAGP, Paris
© Salvador Dalí, Gala-Salvator Dalí Foundation/ Artists Rights Society (ARS), New York/ VEGAP, Madrid
© Succession H. Matisse, Artists Rights Society (ARS), New York
© Graham Sutherland Estate, alle Rechte vorbehalten

Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

ISBN: 978-1-78310-681-3
Victoria Charles



Tod und Jenseits
in der Kunst
Inhaltsverzeichnis


Vorwort
Antike Konzepte von Tod und Jenseits
Christliche Lehren von Tod und Jenseits
Visionen des Jenseits
Das antike Ägypten
Die Etrusker
Reliquien der Toten
Etruskische Glaubenslehren von Tod und Jenseits
Das alte Griechenland und das alte Rom
Das Christentum
Frühchristliche Lehren vom Jenseits
Mittelalterliche Lehre vom Jenseits
Die spätere L ehre vom Jenseits
Christlicher Symbolismus
Gott und die Trinität
Das Kreuz
Die Schlange
Todessymbole
Die Hölle und das Fegefeuer
Der Himmel
Wiedergeburt und Erleuchtung
Die hinduistische Lehre vom Jenseits
Die buddhistische Lehre vom Jenseits
Die Skhandas - fünf konstituierende Elemente
Das Nirwana
Ausgewählte Bibliografie
Abbildungsverzeichnis
Der Buddhapada , 1. Jh. v.Chr.
Kalkstein, 67,5 x 46,25 x 15 cm .
Großer Stupa in Amaravati, Andhra Pradesh.


Um eine Welt in einem Sandkorn zu schauen
Und einen Himmel in eines Blütenkelches Mund,
Halte die Unendlichkeit in deiner kleinen Hand,
Und die Ewigkeit in einer Stund ’ .


William Blake , Auszug aus: Auguries of Innocence
(Weißsagungen der Unschuld)


Vorwort


Wie Wellen hin zum kies ’ gen Ufer rauschen,
So eilen unsre Tage rasch zum Ziel;
Im Wechsel müssen sie die Stellen tauschen,
Sie dringen vorwärts stets in bunt Gewühl.
Wenn die Geburt begrüßt des Lebens Licht,
Zur Reife kriecht sie dann, die, kaum gewährt,
Als hämisch Dunkel ihren Ruhm anficht.
Der Zeit Geschenk wird von der Zeit zerstört;
Vernichtet wird durch Zeit der Jugend Prangen,
Es muß die Schönheit ihren Furchen weichen,
Ihr ist, was liebend hielt Natur umfangen,
Mit scharfer Sens ’ wird Alles sie erreichen;
Doch nicht mein Vers, der deinen Preis gesungen,
Soll – mag sie droh ’ n – der Zukunft sein verklungen.


William Shakespeare , Sonett LX, in William Shakspeares sämtliche Werke .
Übersetzer: Emil Wagner


Seit Urzeiten haben im Lauf der Jahrhunderte zahllose Berufene und Unberufene immer wieder geforscht und versucht, die sich um den Tod und das Jenseits rankenden Geheimnisse zu lüften. Die ausweglose Realität des Todes und der menschliche Alterungsprozess bilden die Grundlage für einen Glauben an das ewige Leben. In der Hoffnung, dem Tod entfliehen zu können, suchten die Menschen nach einem Halt in einem Unsterblichkeit verleihenden Mittel. Über viele Jahrhunderte hinweg haben Symbolisierungen wie der Jungbrunnen, der Heilige Gral oder der Stein der Weisen ihre verlockenden Eigenschaften und die Beliebtheit dieses Themas veranschaulicht.
Als Folge der Natur, des Mythos’ und der Religion werden die Menschen immer wieder an den bevorstehenden Tod erinnert. Die Figuren aus der griechischen Mythologie wie Achilles, Ikarus und Sisyphos sowie eine Fülle anderer legendärer Charaktere dienen als didaktische Werkzeuge, um den Menschen deutlich zu machen, welches Schicksal ihnen bevorsteht, wenn sie versuchen, sich über die Grenzen und Gesetze des Universums hinwegzusetzen. Ohne den Tod würden die Menschen, bildlich gesprochen, das Schicksal des Sisyphos erleiden, dessen fortwährende Strafe darin besteht, unaufhörlich einen ihm immer wieder wegrutschenden Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen.
Irdische Unsterblichkeit ist eine unnatürliche Falle, die den Kreislauf des Lebens behindern würde. Die wechselnden Jahreszeiten erinnern uns ständig an die vergängliche Natur; die Rückkehr und das Wiedererwachen des Frühlings hängt immer vom Verschwinden des dunklen und tristen Winters ab. Die Menschheit kann dem Tod nicht entfliehen, denn er ist tief in ihr verwurzelt und daher ein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens.
Die Drei Pyramiden von Gizeh,
um 2600 v.Chr. und später. Altes Reich
von Ägypten. Stein. In situ, Gizeh.
Pieter Bruegel der Ältere , Der Triumph des Todes , um 1562.
Öl auf Holz, 117 x 162 cm . Museo Nacional del Prado, Madrid.


So leicht man die Unvermeidlichkeit des Todes auch akzeptieren mag, klärt sie uns aber nicht über das Geschehen selbst auf. Die Menschen können sich auf die Umstände und Ursachen des Todes vorbereiten, es gibt aber keine Erklärung für die verborgenste Realität des Todes. Die Bedrängnisse der Todesstunde sind unendlich mannigfaltig, aber der Kern der Sache ist immer gleich: es gibt zwar tausende Arten zu sterben, aber es gibt nur den einen Tod. Dadurch, dass man die Möglichkeit eines undefinierbaren Todes anerkennt, akzeptiert man auch die Existenz des Unbekannten, eine extrem überwältigende Bewusstwerdung. Um mit dieser Tatsache fertig zu werden, glauben die Menschen an die Möglichkeit eines Lebens im Jenseits und trösten sich mit der Vorstellung, dass dort alles prächtig ist. Einer der wichtigsten englischen Dichter, John Keats (1795-1821), begrüßte diese Idee in seiner Ode auf eine griechische Urne , in der es heißt:

Gehört sind Klänge süß,
doch ungehört noch süßer;
Drum spielt, Pfeifen, fort im Chor.
( Keats , Ode auf eine griechische Urne , Zeile 11-12)

Offensichtlich verringert der Glaube an ein Leben im Jenseits die Angst vor dem Tod. Der sterbende Sokrates (um 469-399 v.Chr.) sagte „er soll seine Seele der Hoffnung auf ein Leben im Jenseits anvertrauen, wie ein Floß, und sich ins Unbekannte treiben lassen.“ Kein Symbol unseres menschlichen Daseins mit seinen Drohungen, Gefahren, Mysterien und Versprechungen könnte beeindruckender sein als das eines in eine unbekannte Tiefe gleitenden Gefährts. Der Geist grübelt daher über die prophetischen Warnungen und die verlockenden Einladungen, die durch die geheimnisvollen Häfen der Ewigkeit charakterisiert werden.
Die Besessenheit von der Ewigkeit ist in der Geschichte tief verankert; viele Kulturen und Zivilisationen haben Glaubenssysteme entwickelt, die sich mit der Aussicht auf ein Leben nach dem Tod beschäftigen. Raffinierte Kunstwerke wie Särge, Grabreliquien, religiöse Malereien und sogar abstraktere Stücke sind exzellente soziokulturelle Beispiele, mit denen man das Jenseits betreffende spezifische Glaubensrichtungen, Rituale und philosophische Konzepte verstehen kann. Das Nebeneinander von Kunst und Lyrik schafft eine dynamische Kraft, die die Ausdruckskraft des Themas noch hervorhebt.


Antike Konzepte von Tod und Jenseits

Untersucht man ägyptische, etruskische, griechische und römische Kunstwerke, dann erhält man unschätzbare Einblicke in die verschiedenen Arten, mit denen sich die Menschen auf den Tod und die Reise in ein anderes Reich vorbereiteten. Die Mehrheit der Kunstwerke in diesem Kapitel sind Grabreliquien oder andere Formen der Bestattungskunst, die oftmals den Tod und das Jenseits betreffende Trachten, Gottheiten, Vorstellungen und Zeremonien darstellten. Die parallele Untersuchung dieser Kulturen und ihrer Kunstwerke illustriert einige der in diesen Kulturen existierenden, wieder auftauchenden Themen und Vorstellungen. So benutzte jede dieser Religionen eine Art Urteilsprozess, um das Schicksal des Verstorbenen zu bestimmen; die Details und Mythen hinsichtlich dieses Prozesses sind jedoch sehr unterschiedlich.
Tizian (Tiziano Vecellio), Adam und Eva ,
um 1550. Öl auf Leinwand, 240 x 186 cm .
Museo Nacional del Prado, Madrid.
Théodore Géricault , Das Floß der Medusa , 1819.
Öl auf Leinwand, 491 x 716 cm . Musée du Louvre, Paris.
Auguste Rodin , Das Höllentor , 1880-1917.
Bronze, 635 x 400 x 85 cm . Musée Rodin, Paris.


Christliche Lehren von Tod und Jenseits

Der erste Teil des ersten Kapitels des nachfolgenden Textes umreißt zunächst die vorherrschenden christlichen Ansichten zu Tod und Jenseits. Mit dem Schwerpunkt auf patristischen, mittelalterlichen und modernen Glaubenssätzen beschäftigt sich diese Untersuchung des zukünftigen Lebens sowohl mit den Komponenten, die das Christentum über die Jahre hinweg geprägt haben als auch mit den Diskussionen hinsichtlich der verschiedenen Reiche des Jenseits.
Der zweite Teil dieses Kapitels konzentriert sich mehr auf den christlichen Symbolismus im Kunstwerk selbst und seinen Bezug zum Tod und zum Jenseits. Das Kreuz, die Schlange sowie verschiedene andere Todessymbole werden detailliert besprochen und liefern so eine verständlichere Studie zu Christus als Märtyrer, zum Garten Eden sowie zu Himmel und Hölle. Die Kunstwerke reichen von Wandmalereien aus Katakomben, von Kreuzigungsdarstellungen über Vanitas-Skulpturen und -Gemälde bis hin zu anderen Werken.


Visionen des Jenseits

Zusätzlich zur Untersuchung der antiken Zivilisationen und der Interpretation der Art und Weise, mit denen die Menschen mit dem bevorstehenden Tod fertig wurden, wird auch eine symbolischere Betrachtungsweise herangezogen, mit der die subjektiven Darstellungen bezüglich der verschiedenen Aspekte des Jenseits wie Himmel, Hölle, Erleuchtung, Paradies, Fegefeuer und Wiedergeburt näher untersucht werden. Dieser Abschnitt beabsichtigt dabei, aufzuzeigen, wie sich Künstler das Unbekannte vorstellten und visualisierten.
Von den Himmel darstellenden islamischen Mosaiken bis hin zu den Illustrationen der Göttlichen Komödie des Dichters und Philosophen Dante Alighieri (1265-1321), von Skulpturen und Malereien, die das Leben des Buddha veranschaulichen bis hin zu modernen Interpretationen des Paradieses betonen diese Kunstwerke nicht nur die Besessenheit von Tod und Jenseits, sondern zeigen auch die verschiedenen Arten, mit denen sich die Kunst diesem Thema widmet. Islamische Künstler benutzten etwa vereinheitlichte Linien und Muster, um die Perfektion und den Einklang mit dem Göttlichen darzustellen. Diese Arbeiten verdeutlichen auch das menschliche Bestreben, das ‚Unerkennbare’ darzustellen sowie die Bemühungen, den Tod und die Ungewissheit des Jenseits einfangen zu können.
Die Totenmaske von Tutanchamun, Neues Reich von Ägypten,
18. Dynastie, 1549-1298 v.Chr., Reich von Tutanchamun,
um 1333-1323 v.Chr., um 1323 v.Chr.Gold, Lapislazuli,
Karneol, Quarz, O bsidian, Türkis und Glaspaste, 54 x 39,3 cm ,
Gewicht: 11kg. Ägyptisches Museum, Kairo.


Das antike Ägypten


Bei dem Versuch, die Menschen des antiken Ägypten und ihre Auffassungen vom Jenseits zu verstehen, muss man zunächst fragen, warum sie ihre Toten mit solchem Aufwand konserviert haben. Es ist dann zu fragen, welches Motiv sich hinter dieser verschwenderischen Maßlosigkeit von Geld, Zeit und Arbeit, hinter dieser mit hohen Kosten verbundenen Einbalsamierung verbirgt. Leider hatten sich nur wenige hochkarätige Theologen mit dem Thema beschäftigt, denn eigentlich ist doch bekannt, dass die Ägypter ihre Toten deswegen so gut einbalsamierten und in steinernen Lagern aufbewahrten, um die Körper vor dem Verfall zu schützen. Schließlich glaubten sie daran, dass die verstorbenen Seelen eines Tages zurückkehrten und die Körper wiederbelebten.
Auch wenn diese Annahme viele Jahrhunderte lang geglaubt wurde, ist sie sicherlich falsch. Es gibt bisher keinen Beweis oder irgendwelche Indizien für eine Reinkarnation. Der griechische Historiker Herodot (490/480 v.Chr.-um 424 v.Chr.) berichtete, dass

[…] die Ägypter glauben, dass die Seele nach dem Ableben des Körpers in ein neugeborenes Tier eindringt und dass sie, nachdem sie in verschiedenen irdischen Wasser- und Himmelswesen gelebt hat, in einen neugeborenen Menschen zurückkehrt.

Es gibt auch keinen Beweis dafür, dass nach einem angenommenen Kreislauf von etwa dreitausend Jahren die Seele wieder in den alten Körper zurückkehrt. Man kann höchstens annehmen, dass sie bei jedem Schritt der Seelenwanderung in einem neuen Körper geboren wird.
Aber auch die Veränderung des Körpers durch die Einbalsamierung verbietet den Glauben an eine Rückkehr zum Leben. Das Gehirn wurde entnommen und der Schädel mit Baumwolle ausgestopft. Die Eingeweide wurden entfernt und, nach Ansicht des Schriftstellers Plutarch (um 45-um 125) und des Philosophen Porphyrios (um 233-305), in den Nil geworfen. Wie spätere Untersuchungen festgestellt haben, wurden die entnommenen Eingeweide in vier Bündel gepackt und entweder in die Bauchhöhle gelegt oder in vier Kanopenvasen neben der Mumie untergebracht.
Die Theorie der Seelenwanderung, von der man annimmt, dass sie ein wichtiger Bestandteil des ägyptischen Glaubenssystems war, besagt, dass die Seelen nach dem Tod entweder sofort oder nach einem vorübergehenden Aufenthalt im Himmel oder der Hölle, je nach Verdienst, in neuen Körpern wiedergeboren werden und niemals in den alten Körper zurückkehrten. Darüber lässt sich jedoch streiten, da man neben Bildern Inschriften gefunden hat, auf denen Szenen der Glückseligkeit der gesegneten Seelen im Himmel dargestellt werden und die aussagen, dass „[…] ihre Körper für immer in ihren Gräbern ruhen sollen, sie werden ewig in den himmlischen Gefilden leben und die Anwesenheit des obersten Gottes genießen.“ Es heißt auch, dass „ein Volk, das an Seelenwanderung glaubt, sich daher ständig bemüht, den Körper vor Fäulnis zu bewahren, in der Hoffnung, dass die Seele in den verlassenen Körper wieder zurückkehrt.“
Dieser Hinweis ist an sich nicht korrekt, denn der Lehrsatz von der Seelenwanderung existiert in Übereinstimmung mit dem Gesetz von der Geburt, der Kindheit und dem Aufwachsen und nicht mit dem Wunder des Wiederbelebens von Körpern. Dieser Gedanke wurde historisch auch durch die Tatsache widerlegt, dass im Osten die an diesen Lehrsatz Glaubenden ihre Leichname niemals aufbewahrten, sondern sie begruben oder verbrannten. Die ägyptische Theologie steht daher der hinduistischen nahe, die eine Wiederauferstehung des Körpers ausschloss, ganz im Gegensatz zur davon überzeugten persischen Theologie. Eine andere, die ägyptische Einbalsamierung erklärende Annahme besagte, dass

… die Seele für immer mit dem Körper vereint ist und dass das lebendige Prinzip vom Verfall oder der Seelenwanderung bewahrt werden sollte: Der Körper und die Seele treten die Reise des Todes mit seinem furchtbaren Leidensweg gemeinsam an.
Das Ägyptische Totenbuch, Papyrus Ani: Das Urteil von Ani: Die Szene vor dem Gericht (Blatt 3), Neues Reich von Theben,
19. Dynastie, 1320-1200 v.Chr., um 1250 v.Chr.
Bemalter Papyrus, 42 x 67 cm . The British Museum, London.


Diese willkürliche Vermutung ist fragwürdig. In keiner Weise führt die Erhaltung des Körpers dazu, dass die Seele festgehalten oder sogar mit ihm vereinigt wird. Es ist undenkbar, dass die Abwesenheit der Seele den Tod ausmacht. Und auch dies ist keine ausreichende Erklärung für die Einbalsamierung, denn in den hieroglyphischen Darstellungen schwebt die Seele beim Übergang zur Urteilsverkündung über dem Körper, kniet vor den Richtern oder geht ihren Abenteuern in den verschiedenen Reichen der Schöpfung nach. Der klassische französische Gelehrte, Philologe und Orientalist Jean-François Champollion (1790-1832) äußerte:

Die Darstellung des Körpers ist eine Hilfe für den Betrachter und lehrt keineswegs die körperliche Auferstehung. Des Predigers Samuel Sharpe Ansicht, dass das Bild eines Vogels, der mit den Symbolen des Atems und Lebens in seinen Krallen über dem Mund einer Mumie schwebt, die Lehre der allgemeinen körperlichen Wiederauferstehung impliziere, ist eine verblüffende Schlussfolgerung.

Welcher Beweis führt zu einer solchen Annahme? Hunderte Bilder in den Gräbern zeigen Seelen, die ihre Zuweisungen in der anderen Welt erhalten, während ihre körperlichen Mumien ruhig in den Grabstätten liegen. In seiner Abhandlung Isis und Osiris schrieb Plutarch, dass „die Ägypter glauben, dass, während die Körper bedeutender Männer unter der Erde begraben wurden, ihre Seelen als Sterne am Himmel strahlen.“ Es ist schwierig und unbegründet, sich vorzustellen, dass im ägyptischen Glauben die Einbalsamierung entweder die Seele im Körper festhielt oder den Körper für eine zukünftige Rückkehr der Seele bewahrte.
Wer kann sich vorstellen, dass die Ägypter aus einem dieser Gründe auch eine Vielzahl von Tieren einbalsamierten, deren Mumien die Forscher noch gelegentlich finden. Die Ägypter konservierten Affen, Bullen, Falken, Käfer, Katzen und auch Krokodile mit der gleichen Mühe, mit der sie auch Menschen einbalsamierten. Als man die Kanarischen Inseln entdeckte, fand man heraus, dass ihre Bewohner ihre Toten traditionell einbalsamierten. Dasselbe galt für die Peruaner, deren Friedhöfe bis heute voller Mumien sind. Allerdings erwarteten diese Völker nicht, dass die Seelen in die mumifizierten Körper zurückkehrten. Herodot berichtete, dass

[…] die Äthiopier, nachdem sie die Leichname getrocknet hatten, eingipsten, das Antlitz des Verstorbenen bemalten und mit einer transparenten Substanz überzogen. Die Toten waren auf diese Weise nicht anstößig und wurden deutlich sichtbar im Haus ihrer nahen Verwandten aufbewahrt. Später wurden sie hinausgetragen und in den Gräbern der Stadt untergebracht.
Grabkammer, Grab von Ramses I., 19. Dynastie,
1320-1200 v.Chr., um 1290 v.Chr. Tal der Könige, Luxor.
Das Ägyptische Totenbuch, Papyrus Horus: Urteilszene: links sitzt Osiris mit den Göttinnen Isis und Nephthys, die hinter ihm stehen (Blatt 6), Ptolemäische Dynastie,
332-331 v.Chr., um 300 v.Chr., Achmim. Bemalter Papyrus,
42,8 x 58 cm . The British Museum, London.
Statue von Osiris , Ende 26. Dynastie, um 685-525 v.Chr.,
Ende 6. Jahrhundert v.Chr. Glimmerschiefer,
89,5 x 28 x 46,5 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.


Da die Ägypter für ihre dauerhaften Grabstätten einen so großen Aufwand betrieben und die Wände mit unterschiedlichen Verzierungen schmückten, wurde oft angenommen, dass sie vom Verbleib der Seele im Körper ausgingen und diese somit ein bewusster Bewohner des ihr bereitgestellten Ortes war. Man ging ebenfalls davon aus, dass die an den Küsten Südamerikas vom Fischfang lebenden alten Stämme Köder und Angelhaken mit in die Gräber legten, weil sie glaubten, dass die Toten sich im Grab mit dem Fischfang beschäftigten.
Die Ausschmückungen der ägyptischen Gräber sind aufwändig und mannigfaltig und waren die Belohnung für liebevolle, spontane Arbeiten und bedürfen keiner ausführlicheren Erklärungen. Jedes Land hat seine eigenen Bestattungsriten und -traditionen, von denen viele so schwer zu erklären sind wie die aus Ägypten. Skandinavische Seefahrer wurden manchmal zunächst auf ihren Schiffen aufbewahrt und später auf einer ins Meer ragenden Landzunge beerdigt. Die Skythen beerdigten ihre vornehmen Toten in manchmal bis zu 50 Pfund schweren Goldrollen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor (1. Jh. v.Chr.), der Sizilianer, erklärte:

Die Ägypter, die die einbalsamierten Körper ihrer Vorfahren in prächtige Monumente legten, sahen die wahren Gesichter und das Äußere derer, die lange Zeit vor ihnen starben. Sie finden viel Gefallen daran, ihre Gesichtszüge und körperlichen Proportionen zu sehen, gerade so, als weilten sie noch unter ihnen.

Die Neigung, den Verstorbenen ein Denkmal zu setzen, zeigt, dass man sie nicht mit ihren leblosen Körpern gehen lassen wollte. Die aufbereiteten Körper, wie wir aus Zeugnissen antiker Autoren wissen, blieben so lang im Haus der Kinder oder der Verwandten, bis eine neue Generation sie beseitigte. Nichts war natürlicher, als dass das Priesteramt sich Vorteile verschaffte, indem es den Körper mit den heiligen Sakramenten versah, theologische Sanktionen aussprach und das Monopol der Macht und des Profits daraus für sich beanspruchte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass, um in diesem Klima die Möglichkeit der Ausbreitung von Krankheiten auszuschließen, hygienische Forderungen in Form politischer Gesetze und priesterlicher Grundsätze einen Einfluss auf die Tradition des Mumifizierens hatten.
Statue von Isis , Ende 26. Dynastie, um 685-525 v.Chr.,
Ende 6. Jahrhundert v.Chr. Glimmerschiefer,
90 x 20 x 45 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.


Unter den Ägyptologen gab es hierbei unterschiedliche Ansichten. Die einen meinten, dass das Einbalsamieren die Seele im Körper bis nach dem Beerdigungsurteil und der Bestattung festhielt und dass nach der endgültigen Konservierung der Ka (der Geist des Verstorbenen) voranschritt, um entweder die Sonne in ihrem Tag- und Nachtkreislauf zu begleiten oder eine Seelenwanderung durch verschiedene Tiere und Gottheiten anzutreten. Andere hingegen waren der Meinung, dass der Einbalsamierungsprozess angewendet wurde, um die Seele in der anderen Welt zu schützen, ausgenommen davon waren die Seelenwanderungen bis zum Verfall des Körpers. Vielleicht existierten aber alle diese Auffassungen zeitgenössischer Autoren über die Ägypter auch zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Glaubensgemeinschaften. Der Drang, die Erinnerung an den Verstorbenen zu bewahren, war die Grundlage für die Entwicklung eines theologischen Grundsatzes – ein ausgearbeitetes, tief in der Struktur des Landes verwurzeltes System priesterlicher Lehren.
Eine weitere Frage ist: Welche Bedeutung hatten die Bestattungszeremonien der Ägypter für ihre Toten? Wenn der Körper einbalsamiert war, wurde er einem Tribunal von vierzig Richtern präsentiert, die am östlichen Rand des Sees Acherusia (bei Memphis) saßen. Es gab eine strenge Befragung zum Charakter und Verhalten des Verstorbenen. Jeder konnte sich über ihn beschweren oder in seinem Namen aussagen. Stellte sich heraus, dass er bösartig war, mit Schulden starb oder sich anderweitig unbeliebt gemacht hatte, wurde ihm eine ehrenvolle Bestattung versagt. Er wurde er in eine Grube geworfen die man als „Tartar“ bezeichnete. War die Person jedoch gutmütig gewesen und hatte ein anständiges Leben geführt, wurde ihr die Ehre eines würdevollen Begräbnisses zuteil.
Der Friedhof, eine riesige, von Bäumen gesäumte und von Kanälen durchzogene Ebene, lag auf der westlichen Seite des Sees, und wurde Elisout (‚Ruhe’) genannt Man konnte ihn mit einem Boot erreichen, einem Bestattungskahn, in dem niemand ohne die Genehmigung der Richter und die Zahlung einer Gebühr fahren durfte. Diese und andere Besonderheiten scheinen das, was die Seele in der anderen Welt erwartete, bereits dramatisch erahnen zu lassen. Jeder Ritus entsprach dem Konzept des ägyptischen Jenseits. Was die Priester mit dem Körper in den Bestattungszeremonien vornahmen, wiederholte das, was die richterlichen Gottheiten theoretisch mit der Seele im Totenreich Amenthes durchführten.
Stele von Djeddjehutyiuankh , 22. Dynastie des
Alten Ägypten, um 945-720 v.Chr.
Bemalter Stuck auf Holz, 27,6 x 23 x 2,7 cm .
Ägyptisches Museum, Kairo.
Grabstele von Amenemhet , 11. Dynastie, 2134-1991 v.
Chr., Nekropole von Al-Asasif, Altes Theben
(heute Luxor/Al-Karnak). Tanis, Grab von Psusennes I.,
Gruft von Psusennes I., Ausgrabung von P. Montet.
Bemalter Kalkstein, 30 x 50 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.
Scheintür-Stele von Iteti , 6. Dynastie, 2345-2181 v.Chr.,
um 2181 v.Chr. Altes Reich des Alten Ägypten,
Sakkara (Grab von Iteti). Bemalter Kalkstein,
360 x 210 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.
Triade von Mykerinos , 4. Dynastie, 2620-2480 v.Chr.
Altes Reich, Reich von Mykerinos, 2490-2472 v.Chr.,
Gizeh. Grauwacke, Höhe: 96 cm . Äg yptisches Museum, Kairo.


Die antiken Griechen wurden vor allem durch die ägyptische Ideologie vom Jenseits beeinflusst und entwickelten viele ihrer Ideen anhand des Schicksals und Zustands der Toten aus Ägypten. Hades entspricht Amenthes, Der Gott Hades dem unterirdischen Osiris, Hermes entspricht Anubis, dem „Platzanweiser der Seelen“ , Aiakos, Minos und Rhadamanthys entsprechen den drei Göttern die dem Wiegen der Seele beiwohnen und Osiris das Ergebnis verkünden, Tartaros dem ägyptischen Tartar, Charons Geisterboot auf dem Styx ist der Kahn, der den mumifizierten Körper zu den Gräbern bringt, Kerberos entspricht dem Oms, Acheron dem Acherusia, das Elysion dem Elisout. Herodot bestätigte, dass diese Orte und Personen aus dem ägyptischen Glauben stammen, das antike griechische System ist auch einfach zu ähnlich, als dass es sich hätte unabhängig entwickeln können.
Der Triumph der Forschung auf dem Gebiet des antiken Ägypten, das Entschlüsseln der Hieroglyphen und Aufdecken alter Geheimnisse haben eine verständliche Übersicht der ägyptischen Glaubenssätze über das zukünftige Leben vermittelt, wobei drei Informationsquellen offengelegt wurden.
Die erste Quelle waren die Papyrusrollen, von denen eine bei jeder Mumie platziert wurde. Mit Hieroglyphen übersät, wurden diese Rollen auch das ‚Bestattungsritual’ oder das ‚Buch der Toten’ genannt. Es war Teil des Bestattungsritus und enthielt die Namen der Verstorbenen und ihrer Eltern, eine Reihe Gebete, die von der Person auf ihrer Reise vor den Gottheiten zu rezitieren waren sowie Darstellungen des im Ungewissen zu erwartenden Schicksals. Die geschmückten Särge, in denen die Mumien aufbewahrt wurden, zeigen Szenen des ewigen Lebens und behandeln die Ereignisse und Gegebenheiten, die die Seele des Verstorbenen in der anderen Welt erleben könnte. Die verschiedenen Schicksale der Seelen findet man als Gemälde und Skulpturen auch auf den Grabwänden, zusammen mit den bereits im 19. Jahrhundert entzifferten Schriftzeichen.
Aus dieser Information können wir schließen, dass gemäß der ägyptischen Darstellung die Seele vom Gott Thoth, dem Protokollführer des Totengerichts, in den Amenthes , in die höllische Unterwelt, geleitet wird, deren Eingang ganz im Westen liegt, auf der anderen Seite des Meeres, da, wo die Sonne untergeht. Die Seele daneben kniete vor den fünfundvierzig Richtern des Osiris, das abschließende Urteil wurde in der Halle der zwei Wahrheiten gefällt. Hier wiegen die drei Gottheiten Horus, Anubis und Thoth das Gewicht der Seele mit den Maßstäben von Maat (der Personifikation von Wahrheit und Gerechtigkeit). Wenn das Herz mit der Feder von Maat im Gleichgewicht ist, wird die Seele mit ewigem Leben belohnt. Besteht das Herz diesen Test nicht und die Waage schlägt aus, wird die Seele vom schrecklichen Monster Ammit gefressen.
Thoth, der Schreiber der Götter, zeichnet die Ergebnisse auf und die Seele des Verstorbenen rückt zum Thron des Osiris vor (Gott des Todes und König der Unterwelt), der das letzte Urteil fällt. Wie zahlreiche Zeichnungen verdeutlichen, wird die verdammte Seele entweder sofort zur Erde zurückgeschickt, um dort in der Gestalt eines abstoßenden Tieres zu leben, oder der Folter der erbarmungslosen Feuerhölle und den Teufeln darin ausgesetzt oder sogar in die Atmosphäre verbannt, um dort so lange von Unwettern durchgeschüttelt und gewaltsam in die Böen und Wolken geschleudert zu werden, bis ihre Sünden gebüßt sind und sie als neue Existenz in menschlicher Form auf die Probe gestellt wird.
Es gibt zwei Darstellungen der Aufteilung des ägyptischen Universums. Nach der ersten Ansicht setzt sich die Erschaffung aus drei verschiedenen Stufen zusammen: Zuerst gibt es die Erde oder Prüfungszone, in der der Mensch auf die Probe gestellt wird. Danach kommt die Atmosphäre oder der Bereich der weltlichen Bestrafung, in der die Seelen für ihre Sünden malträtiert werden. Der Herrscher dieses ätherischen Existenzbereichs war der Gott Chons der Aufseher der Seelen während der Buße. Diese Auffassung finden wir bei den späteren griechischen Philosophen sowie in den Schriften der Juden von Alexandria, die zweifelsohne von der Erschaffungstheorie der Ägypter beeinflusst wurden. Zusätzlich spricht der Apostel Paulus vom „… Prinz der Macht der Luft.“ Auch William Shakespeare (1564-1616) nimmt in seinem Stück Maß für Maß (1604) Bezug darauf, als Claudio vor dem Tod zurückschreckt, damit seine Seele nicht „gefangen wird in den unsichtbaren Winden und mit rastloser Gewalt um die Welt geblasen wird.“ (III. Akt, Zeilen 122-124).
Nach ihrer Reinigung in diesem Bereich leben alle Seelen durch Seelenwanderung wieder auf der Erde. Der dritte Bereich befand sich im blauen Himmel zwischen den Sternen, dem Bereich der Glückseligkeit, wo man Verweilzeit in unendlichem Frieden und Glück finden konnte. Eusebius von Caesarea (260/264-339/340) sagte: „Die Ägypter stellten das Universum mit zwei ineinanderliegenden Kreisen sowie einer Schlange mit dem Kopf eines Falken dar, der seine Flügel darum legt.“ Somit wurden drei Sphären gebildet: die Erde, die Atmosphäre und das Himmelreich.
In den meisten Darstellungen wird die Erde jedoch im Mittelpunkt angesiedelt und die Sonne kreist mit ihren Begleitern um sie herum, wobei die obere Sphäre hell erstrahlt und die höllische dunkel erscheint. Die Seelen der Toten steigen im Westen in die Unterwelt hinab und werden dort verurteilt, um, wenn sie verdammt werden, zur Erde zurückgeschickt oder in der Unterwelt zur Bestrafung eingesperrt zu werden. Werden sie freigesprochen, erhalten sie die glückselige Gesellschaft des Sonnengottes und steigen mit ihm im Osten auf, um die Reise über die himmlische Laufbahn anzutreten.
Sarkophag von Pakhar in der Cachette von Deir el-Bahari,
21. Dynastie, 1077-943 v.Chr., Reich von
Psusennes I./ Amenemope, um 1047-992 v.Chr. Bab el-Gasus,
Altes Theben (heute Luxor/Al-Karnak). Bemaltes Holz,
189 x 59 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.
Kanopen von Psusennes I. , Byzantinisches Reich,
21. Dynastie, 1077-943 v.Chr., Reich von Psusennes I.,
1045-944 v.Chr. Alabaster, Blattgold und Bronze,
Höhe: 38 und 43 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.


Die obere Hemisphäre ist in zwölf gleich große, den zwölf Stunden des Tages entsprechende Bereiche aufgeteilt. Am Tor zu jedem dieser goldenen Abschnitte steht ein Wächtergott, den die gerade angekommenen Seelen passieren müssen, um ihre Reise fortzusetzen. Die untere Hemisphäre ist zwar in dieselbe Anzahl, jedoch düstere, den zwölf Stunden der Nacht entsprechende Bereiche aufgeteilt. An jedem Tag passiert die Hauptgottheit in hellen Gewändern die strahlenden Bereiche der Gesegneten, wo sie jagen und fischen oder in den Feldern der Sonne an den Ufern des himmlischen Nils pflügen und säen, ernten und sammeln. Bei Nacht durchquert die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete Seele die trostlosen Bereiche der Verdammten, wo ihr Vergeltung widerfährt.
Das künftige Schicksal des Menschen wurde mit dem Pfad der Sonne durch die oberen und unteren Hemisphären assoziiert. Astronomie war in der altägyptischen Theologie eine zwingend erforderliche Komponente. Die Sterne wurden symbolisch als Geister und reine Genies betrachtet, die großen Planeten wurden als Gottheiten dargestellt. Der Kalender war eine religiöse Karte und jeder Monat, jede Woche, jeder Tag, jede Stunde war für einen bestimmten Gott angesetzt.
Es gab in diesen Lehrsätzen und Symbolen viel poetische Schönheit und ethische Kraft. Die Notwendigkeit der Tugend, die schrecklichen Proben des Grabes, die Gewissheit der Vergeltung, die mystischen Kreisläufe der Seelenwanderung, die ruhmreiche Unsterblichkeit, die Pfade der Planeten, der Götter und der Seelen durch die Schöpfung wurden allesamt auf beeindruckende Art angekündigt und dramatisch dargestellt.

Die ägyptische Seele segelte über das himmlische Meer in einer kristallenen Arche voll riesiger Götter,
um die Tiefen des Raumes zu schleppen und
die Sterne mit einem Netz zu bedecken,
wo sie in den nebeligen Untiefen in die Leere gespült werden
und in der blinden typhonischen Nacht erstrahlen.
Dann, voller Sonnenenergie, drang sie zur Sonne vor,
und im himmlischen Hades, der Halle der Götter,
wurde sie schließlich am Firmament begrüßt.
James Philip Bailey, The Mystic
Zweiter vergoldeter Sarkophag von Tutanchamun , 18. Dynastie,
1549-1298 v.Chr., Reich von Tutanchamun, 1333-1323 v.Chr.
Vergoldetes Holz, Halbedelsteine und Glas,
204 x 78,5 x 68 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.


Die Verknüpfung zwischen dem Schicksal des Menschen und dem astronomischen Universum, eine wunderbare Verschmelzung zwischen den grundlegendsten moralischen Lehrsätzen und der imponierendsten der physischen Wissenschaften, erklärt verschiedene in der ägyptischen Mythologie und Religion verankerten Aberglauben. Der Ort der Unterwelt verkörpert diese Vorstellung. Einige Ägypter glaubten, dass sie auf der Reise in westlicher Richtung im Zwielicht in den großen Sümpfen von Schwärmen der grauweißen Ibisse heimgesucht würden, den ernsten, geisterhaften, lethargischen Vögeln, die als Verkörperung umhertreibender Seelen interpretiert wurden, die auf die Bestattungsriten warteten, damit sie ihre Reise zu dem ihnen bestimmten Aufenthaltsort fortsetzen konnten.
Die ägyptischen Lehrsätze des zukünftigen Lebens mit all seiner Komplexität und seiner Pracht waren Teil eines unbeschreiblich mächtigen Glaubenssystems, das an Festtagen teilweise von hunderttausenden Menschen öffentlich vollzogen wurde. Die meisten über ihr Glaubenssystem vorliegenden Informationen wurden in ihren Tempeln und Pyramiden dargestellt - beeindruckende Strukturen, die nur durch einzigartiges Lernen, durch Macht, Talent und Reichtum entstehen konnten. Die überragende Natur der Zivilisation befahl den Gehorsam und die Vorstellungkraft ihres Volkes. Dies war die Kraft, die die Pyramiden errichtete, in denen ganze Generationen der mumifizierten ägyptischen Bevölkerung in reich verzierten Grabstätten und in ewigem Stein aufbewahrt wurden. Ihr Gespür für den hier dargestellten Glauben und das esoterische Wissen verhalfen der altägyptischen Zivilisation zu langanhaltendem Erfolg.
Im Strom der Veränderung und des Verfalls ging dieser Erfolg schließlich unter, und erst im 19. Jahrhundert entdeckte man bei umfangreichen Ausgrabungen die erstaunlichen Reliquien. Diese Entdeckungen trugen dazu bei, die vorhandenen Theorien über das ägyptische Jenseits und auch die ursprünglich in den an den Ufern des Nils und in den Ebenen des Deltas aufgebauten Altäre der priesterlichen Schulen enthaltenen Lehrsätze zu festigen, da, wo heute die feierlichen „Sphinxe ihre ausdruckslose Haltung einnehmen und auf Fluss und Ufer schauen.“
Halskette der Prinzessin Sathathor mit einem den Namen von Sesostris II. enthaltenden Brustschmuck,
Mittleres Reich, 12. Dynastie, 1991-1802 v.Chr.
Reich von Sesostris III., 1878-1839 v.Chr.,Dahschur,
Grabanlage von Sesostris III., Grab der Prinzessin Sathathor.
Gold, Karneol, Türkis und Lapislazuli, Länge: 4,9 cm .
Ägyptisches Museum, Kairo.
Kanope , 18. Dynastie, 1549-1298 v.Chr.,
Reich von Echnaton, um 1350-1334 v.Chr.,
um 1340-1336 v.Chr., Tal der Könige, Luxor.
Alabaster mit Glas und Steininkrustation, Höhe: 52,1 cm .
The Metropolitan Museum of Art, New York.
Platte von der Rückseite des Goldthrons von Tutanchamun (Detail),
Neues Reich, 18. Dynastie, 1549-1298 v.Chr.,
Reich von Tutanchamun, 1333-1323 v.Chr.,
1323 v.Chr. Holz, Karneol, Glas, Fayence, Silber,
Gold und Stuck. Ägyptisches Museum, Kairo.
Grab von Paschedu (TT3): Die Rückwand der innersten Grabkammer mit dem Gott Osiris auf seinem Thron und dem hinter ihm liegenden Westberg,
Altes Ägypten, 19. Dynastie, um 1298-1187 v.Chr.
Fresko. Deir el-Medina, Nekropole von Theben, nahe Luxor.
Blockstatue und Nischenstele von Sahathor,
Altes Ägypten, Mittleres Reich, 12. Dynastie, 1991-1802 v.Chr.,
Reich von Amenemhet II., um 1922-1878 v.Chr., Abydos.
Kalkstein mit Farbspuren, Stele: 112 x 63,8 x 18 cm ,
Statue: 41,5 cm . The British Museum, London.


Ich bin hier, ich bin dem Grab entstiegen.
Ich sehe dich, der du stark bist!
Ich habe die Unterwelt durchquert und
Osiris gesehen,
die Nacht verdrängt.
Ich bin gekommen, und habe meinen Vater, Osiris, gesehen.
Ich bin sein Sohn.
Ich bin der Sohn, der seinen Vater liebt,
Ich bin geliebt.
Ich habe mir einen Pfad geebnet, am westlichen Horizont,
als Gottheit.


Gesang aus einem Ägyptischen Totenbuch
Büste von Ramses II. (Detail), 19. Dynastie 1298-1187 v.Chr.,
Reich von Ramses II., 1279-1212 v.Chr.
Granit, 80 x 70 cm . Ägyptisches Museum, Kairo.


Ein Wandrer kam aus einem alten Land,
Und sprach: „Ein riesig Trümmerbild von Stein
Steht in der Wüste, rumpflos Bein an Bein,
Das Haupt daneben, halb verdeckt vom Sand.

Der Züge Trotz belehrt uns: wohl verstand
Der Bildner, jenes eitlen Hohnes Schein
Zu lesen, der in todten Stoff hinein
Geprägt den Stempel seiner ehrnen Hand.

Und auf dem Sockel steht die Schrift: „Mein Name
Ist Osymandias, aller Kön ’ ge König: –
Seht meine Werke, Mächt ’ ge, und erbebt!”

Nichts weiter blieb. Ein Bild von düstrem Grame,
Dehnt um die Trümmer endlos, kahl, eintönig
Die Wüste sich, die den Koloß begräbt.


Percy Bysshe Shelley , Osymandias, in Percy Bysshe Shelleys ausgewählte Dichtungen, Zweiter Theil.
Übersetzer: Adolf Strodtmann
Bestattungsurne in der Form einer Mater Matuta,
um 430 v.Chr., Nekropole von Pedata, Chianciano.
Terrakotta. Archäologisches Nationalmuseum, Florenz.


Die Etrusker


Auch wenn der Großteil der Archive aus Etrurien schon vor sehr langer Zeit verschwunden ist, haben Ausgrabungen etruskischer Überreste Einblicke in ihre Religion und ihr Verständnis vom Tod und Jenseits verschafft. Mit Hilfe der Gräber, Grabstätten und anderen archäologischen Fundstücken konnten Historiker die Geschichte der Etrusker von der Wiege bis in das Grab rekonstruieren. Sie vermittelten ihnen die Kenntnisse über Häuser, Möbel, Namen, Ränge, Spiele, Grabfeiern, Sterbeszenen, Verwandtschaften, Beschäftigungen, ihr genaues Aussehen, verschiedene Nationalkostüme, Bestattungsprozessionen und das Leben im Jenseits.
Die Etrusker trieben ihre Gräber in den Fels der Berge und Hügel oder schufen massives Mauerwerk. Sie bemalten oder bearbeiteten die Wände mit anschaulichen und symbolischen Szenen und überhäuften die Innenräume mit Kelchen, Spiegeln, Urnen, Vasen, Sarkophagen und vielen anderen Gegenständen, die wiederum mit Gemälden und Skulpturen und damit reich an Informationen über ihre Autoren versehen waren. Die Untersuchung dieser in großen Mengen im 19. Jahrhundert freigelegten Artefakte ist die Grundlage für das gesamte Verständnis dieser Zivilisation. Wenn das Leben erlischt, eröffnet sich eine düstere, die Vergangenheit offenlegende und die Zukunft bestimmende Welt.
Die Etrusker beerdigten ihre Verstorbenen außerhalb ihrer Stadtmauern, und demzufolge war manchmal die Stadt der Lebenden von einer riesigen Stadt der Toten umgeben. Unter den Äckern und Hügeln wurden ganze Felder dieser gemeißelten Steingräber gefunden. Die Häuser der Toten sollten den Häusern der Lebenden in kleinerem Format entsprechen, und die Inneneinrichtung wurde so genau imitiert, dass man vermutete, dass das Leben und die Geräusche nachgeahmt werden sollten. Bei den auf die die Grabstätten ausfüllenden Urnen und Sarkophage gemalten oder radierten Bildern handelt es sich um Porträts der Verstorbenen von unterschiedlichem Alter, Ausdruck, Geschlecht und sonstigen Merkmalen. Diese persönlichen Porträts sollten an die Toten erinnern. Wenn man heute die Gräber betrachtet, schauen uns dort tausende verewigte Gesichter mit stummer Bitte an. Jegliche Spur ihrer Namen und Persönlichkeiten ist für immer verloren, und ihr Staub in alle Winde verweht.
Entlang einer Grabkammer gab es massive Steinregale, gelegentlich auch Bänke und Tische, auf denen die Toten abgelegt wurden, um sie für das Jenseits vorzubereiten. Bei den Körpern wurden mit den Särgen vergrabene Helme, Waffen, Beinschienen, Bruststücke, Siegelringe, eine Auswahl an Schmuck und andere Dekorationen entdeckt; die Armreifen, Halsketten, Ohrringe und anderer Schmuck der Frauen befanden sich alle an ihrem jeweiligen Platz, auch wenn von dem Körper, den sie einst geschmückt hatten, nichts mehr erhalten war.
Ein Altertumsforscher, der einmal auf der Spurensuche war, brach durch die Decke eines Grabes, schaute hinein und berichtete:

Ich sah einen auf einem Steinbett platzierten Krieger, der innerhalb weniger Minuten vor meinen Augen verschwand, da Luft in das Grab eindrang und die Rüstung durch die Oxidation in kleinste Partikel zerfiel. Innerhalb kürzester Zeit war kaum noch eine Spur dessen übrig, was ich auf dem Steinbett gesehen hatte. Es ist unmöglich, auszudrücken, welche Wirkung dieser Anblick auf mich hatte.


Reliquien der Toten

Eine spezielle, besondere Aufmerksamkeit verdient die etruskische Vase die den Kanopenkrügen ähnelt, in denen die Ägypter die Eingeweide ihrer Mumien aufbewahrten. Die etruskischen Kanopen sind oft Darstellungen menschlicher Figuren, bei denen die häufig auf ägyptische Weise verzierten Köpfe als Deckel der Gefäße verwendet wurden. Die Augen sind manchmal Einlegearbeiten, und die Frauenköpfe besitzen lange, bewegliche Ohrringe und andere Verzierungen.
Es war üblich, in den Gräbern auf runden Holz-, Bronze- oder Terrakottastühlen Vasen zu platzieren. Ein gutes Beispiel ist hierfür die in Gräbern in Chiusi (Provinz Siena, Toskana) gefundene Urne mit Mens c henkopf . Historiker sehen den Ursprung dieser Kanopen in den über die Köpfe der Toten platzierten, in frühen etruskischen Gräbern gefundenen Bestattungsmasken. Diese Tradition stammt wahrscheinlich aus Mykene (in der Ebene von Argos, Griechenland). Dort hatte der Kaufmann und Archäologe Heinrich Schliemann (1822-1890) in den Schachtgräbern von Agora Goldmasken gefunden. In Etrurien waren diese Werke jedoch aus Bronze oder Terrakotta gefertigt worden. Man erkennt den graduellen Übergang der Masken, die zuerst über und dann an den Körpern angebracht wurden und schließlich die mit Asche gefüllte Urne bedeckte. Anfänglich schmückte der Kopf lediglich die Gefäße, schließlich entwickelte er sich aber auf den Deckeln der Sarkophage zu liegenden Abbildern ( 1 , 2 , 3 ). Auch wenn die Etrusker die Einbalsamierung nicht im gleichen Maß ausübten wie die Ägypter, ähnelte die Methode, die sterblichen Überreste einer Person in ihre eigene Darstellung zu legen, den Sarkophagen Altägyptens.
Beschreibungen zweier der in den Gräbern gefundenen etruskischen Sarkophage.
Der Sarkophag des Ehep a ares (Ende 6. Jh. v.Chr.) ist ein außergewöhnliches Monument. Es handelt sich um eine Urne oder einen Sarkophag aus Caere, dem heutigen Cerveteri (Provinz Rom, Latium) einer in der archaischen Periode für ihre Tonskulpturen bekannten Stadt. Zu jener Zeit war Terrakotta eines der beliebtesten Materialien in den Werkstätten der Region und wurde für Grabmonumente und architektonische Verzierungen eingesetzt. Die Formbarkeit des Tons erlaubte den Künstlern zahlreiche Möglichkeiten und kompensierte den Mangel an Stein im Süden Etruriens.
Dieses besondere, 1861 während der Regierungszeit Napoleons III. (1808-1873) entdeckte Monument wird wegen seiner Dimensionen oft als Sarkophag bezeichnet. Es zeigt die beiden Verstorbenen, die, in Übereinstimmung mit dem Stil Kleinasiens, verschlungen in einer halb sitzenden Stellung auf einem Bett angeordnet sind. Man erkennt die rituelle Geste des Parfümdarbietens, die, neben dem Ausschank von Wein, Teil der traditionellen Beisetzung war. Der Sarg und sein Deckel wurden mit nun zwar teilweise verblassten, ehemals aber leuchtenden und die Eleganz der Verzierungen sowie die Details der Haare und Kleidung noch betonenden Malereien versehen.
Der Stil dieser besonderen Skulptur zeigt einen starken, an den lächelnden Gesichtern und vollen Formen der beiden Figuren erkennenbaren Einfluss aus dem Osten Griechenlands, besonders aus Ionien. Es gibt aber auch auffällige etruskische Merkmale, wie etwa den Mangel an formaler Kohärenz, oder die Art, wie die Beine bildhauerisches Volumen aufweisen und die Gesten der Verstorbenen betont wurden.
Der Sarkophag der Larthia Seianti befindet sich im Archäologischen Museum in Florenz und stammt, dem Prägedatum folgend, wahrscheinlich aus den Jahren 217 bis 146 v. Chr., und da eher gegen Ende dieser Zeit, da die Münzen der Grabbeigaben meistens recht abgegriffen sind. Die Figur der Frau wurde in zwei Teilstücken gegossen, wobei sich die Verbindungsstelle unterhalb der Hüfte befindet. Sie wird als Matrone mittleren Alters dargestellt, ihr Kopf ist mit einem Tuch verhüllt, das sie mit der rechten Hand zur Seite schiebt. In der linken Hand hält sie einen Spiegel in einem offenen Gehäuse. Am rechten Arm trägt sie Armreifen und an der linken Hand sechs Ringe mit karneolroten Fassungen sowie Ohrringe, die wie in Gold gefasster Bernstein aussehen. Die Akte sind fleischfarben, die Farben wurden frei aufgetragen, die Kissen in Streifen gemalt. Diese Skulptur besitzt keine Vorderreliefs, sondern wurde mit Pfeilern, Triglyphen und Vierpässen ausgestattet.


Etruskische Glaubenslehren von Tod und Jenseits

Man kann annehmen, dass die Etrusker nach dem Tod ein einem System von Belohnung und Bestrafung gleichendes Urteil erwarteten. Die etruskischen Darstellungen in den Gräbern geben jedoch keinen Aufschluss über irgendwelche Strafprozesse und weisen auch keine Entsprechungen zum Verfahren des Osiris zum Wiegen der Seele auf, der auf den ägyptischen Monumenten so verbreiteten Belohnung und Bestrafung.
Ein wichtiges Element in der Religion Etruriens war der Glaube an die Genii, ein System von Hausgöttern oder Wächtergeistern, die auf das Schicksal der Familien und Individuen aufpassten und in den Gravuren der Gräber oft als lenkende Gestalten gezeigt werden, die daran interessiert sind, was mit ihren Schützlingen geschieht. Jede Person besaß zwei ihr zugewiesene Genii, die eine, die sie zu guten, die andere, die sie zu schlechten Taten animierte. Beide begleiteten sie auch nach dem Tod, um das Schicksal des Verstorbenen mitzuentscheiden. Die guten und die bösen Geister kämpfen in der Unterwelt um den Besitz der Seele; die bösen Genii drohen, quälen oder verfolgen sie; die guten Genii beschützen sie vor den dunklen Dämonen, die versuchen, sie an den Ort der Bestrafung zu führen.
Die Genien (lat.: Genii), die natürlichen, über ihre männlichen Nachkommen wachenden Ahnengeister, besaßen oftmals charakteristische Erscheinungen, die auf den etruskischen Gräbern zu sehen waren. Ein anderer Genius ist Kulmu, der ‚Gott des Grabes’, der die tödlichen Scheren und eine Grableuchte in den Händen hält und die Tür des Grabes öffnet, um einen neuen Gefangenen einzulassen. Dem Genius für die Männer kam die weibliche Iuno gleich, deren bekannteste Darstellung die Gehilfin des etruskischen Seelenbegleiters Charun, Vanth, war, die in verschiedenen Grabszenen auftaucht und entweder an der Tür zu einer offenen Grabkammer steht oder zur Hinrichtung eines Gefangenen auffordert oder anderweitig zu Gemetzel und Zerstörung ermutigt. Ein drittes Wesen derselben Klasse ist Nathuns, eine mit Fangzähnen und abstehenden Haaren dargestellte Personifikation männlichen Zorns, der in jeder Hand eine Schlange hält, die er über den Rächern hin- und herschwenkt, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Dieser Glaube hatte in der Lebensführung einen mächtigen Einfluss auf die Gefühle.
Die Glaubenslehren von den Göttern, die bei diesem antiken Volk das Sagen hatten, entstammen klassischen Schriften sowie Überresten von Grabmonumenten, nahezu übereinstimmend mit dem alten Rom und dem alten Ägypten. Ähnlich wie in diesen Zivilisationen betete man auch hier eine Vielzahl von Göttern an, die alle eine bestimmte Rolle spielten, die auf herkömmliche Weise dargestellt und mit bestimmten Traditionen verbunden wurden.
Menschenköpfige Bestattungsurne, 675-650 v.Chr.,
Etruskische Antiquität. Terrakotta,
Höhe: 64,8 cm . Etruskisches Museum, Chiusi.


Die Göttin des Schicksals wurde mit Flügeln abgebildet, die ihren flinken Charakter und ihre Fähigkeit, schnell anzugreifen, noch betonten. Zusätzlich dazu hält sie Hammer und Nägel, um zu zeigen, dass ihre Urteile unveränderlich festgelegt sind. Der Name des obersten Gottes war Tinia. Er war die Zentralmacht in der Welt der Götter und wurde wie Jupiter Tonans immer mit Blitz und Donner in der Hand dargestellt. Dann gab es zwölf ‚zustimmende Götter’, die Tinias Rat bildeten und als ‚Senatoren des Himmels’ bezeichnet wurden. Obwohl sie in den tiefsten Winkeln des Himmels hausten, wurden sie nicht als ewig betrachtet, sie erhoben sich und fielen wieder. Es gab eine weitere Gruppe, genannt ‚die verhüllten Götter’, die zwar noch mächtiger waren, sich aber niemals den Menschen zeigten und daher als rätselhaft und unglaublich geheimnisvoll galten.
Aber es war die unsichtbare Welt, die Welt unterhalb der Erdoberfläche, der Ort, an den die Menschen nach dem Tod gingen und an dem die Seelen ihrer Vorfahren verweilten. Diese unsichtbare Welt war der religiöse Hauptgedanke der Etrusker und mit einem Großteil ihrer Religion verbunden. Zuletzt, aber dafür am bedeutendsten und gefürchtetsten, gab es für die Etrusker noch Mantus und Mania, den König und die Königin der Unterwelt, dem Reich der Toten. Mantus wurde als alter Mann mit Krone und Flügeln, mit einer umgedrehten Grableuchte in der Hand, einem Hammer und manchmal mit zwei oder drei großen Nägeln dargestellt. Mania war eine erschreckende Person, die oft mit der Ausführung von Menschenopfern, darunter auch Kinderopfern, assoziiert wurde. Der römische Schriftsteller Macrobius Theodosius (385/390-nach 430) berichtete, dass bei ihren jährlichen Festivitäten Jungen geopfert wurden, bis schließlich Lucius Iunius Brutus (vermutlich bis etwa 509 v. Chr.) diese Opfer durch Zwiebeln und Mohnblumenköpfe ersetzte.
Sarkophag von Larthia Seianti , 180-170 v.Chr.
Etruskische Antiquität aus der Nekropole von
Marcianella bei Chiusi. Terrakotta, 183 x 61 x 43 cm .
Archäologisches Nationalmuseum, Florenz.
Sarkophag von Laris Pulena aus Monterozzi,
Anfang 2. Jh. v.Chr. Nenfro-Stein, Länge: 201,17 cm .
Museo Nazionale Tarquinese, Tarquinia.
Sarkophag der Eheleute von Cerveteri , Etruskische Antike,
um 520-510 v.Chr., Nekropole von Banditaccia, Cerveteri.
Polychrome Terrakotta, Ton, Schlicker und Farbe,
111 x 69 x 194 cm . Musée du Louvre, Paris.


Eng verbunden mit diesen Gottheiten ist ihr ‚Premierminister’ und aktivster Agent, der grausame, hässliche, halb-menschliche, halb-tierische, in fast allen Darstellungen der Unterwelt als Hauptfigur dargestellte Charun, ein Dämon, der zwar vom Namen her unzweifelhaft identisch ist mit dem griechischen Fährmann des Styx, der vom Charakter her aber sehr unterschiedlich ist. Charun wird allgemein als schmutziger und hässlicher alter Mann mit flammenden Augen, wilder äußerer Erscheinung und mit den Ohren und Fangzähnen eines Tieres dargestellt. Er wird aber ebenso oft mit Flügeln, mit finsterem Aussehen und Charakter verbildlicht und entspricht somit dem modernen Konzept des Teufels. Um seine Stirn winden sich zuweilen Schlangen, manchmal wickelt sich auch eine von ihnen um seinen Arm.
Charun trägt beständig einen riesigen, wie zum Totschlag erhobenen Hammer oder Schlägel bei sich. Wenn ein Mensch getötet wird, steht er „grinsend mit wildem Entzücken“ daneben, wenn der Mensch auf natürliche Weise stirbt, freut er sich fast genauso, er hält das Pferd, auf dem die verstorbene Seele ihre Reise in die andere Welt antritt, befiehlt ihr, aufzusteigen und führt sie in das Königreich der Toten. In diesem Königreich ist er einer der Peiniger der schuldigen Seelen, die er mit dem Schwert oder dem Hammer erschlägt, wenn sie vor ihm knien und um Gnade flehen. Verschiedene andere männliche und weibliche Furien und Dämonen foltern in seinem Namen. Der Inhalt der Gräber zeigt, dass der Glaube an eine zukünftige Existenz eine der Hauptkomponenten im täglichen Leben der alten Etrusker war. Die große Anzahl konservierter Malereien, Zeichnungen und Radierungen weist auf die Beschäftigung mit dem Jenseits hin.
Die mit diesem Thema in Verbindung stehenden symbolischen Darstellungen können in unterschiedliche Klassen eingeteilt werden. Es gibt unzählige Versionen von Totenbettszenen, von denen einige wiederum recht lebhaft und dramatisch sind. Bestattungsprozessionen auf den Grabwänden stellen von trauernden Leuten und Freunden umgebene Patriarchen auf dem Sterbebett dar, die sich weinend von den Geliebten verabschieden. Zusätzlich zu den Illustrationen der Bestattungsszenen sind diverse Zeichnungen der in die Unterwelt reisenden Seele zu sehen. Für diese mysteriöse Wanderung gibt es unterschiedliche Symbole, eines davon ist eine Schlange, auf der ein Kind reitet. Die Seele wird oft in Reisekleidung gezeigt, wie sie auf einem Pferd sitzt, dem ein Sklave mit einem großen, mit Lebensmitteln gefüllten Sack folgt. Vielleicht symbolisiert dies den beschwerlichen Charakter der Reise. Pferde sind durch ihr Geschirr mit den Kutschen verbunden, in denen körperlose Seelen sitzen, die darauf warten, verurteilt zu werden. Manchmal wird eine Seele auch dargestellt, wie sie von Charun, dem schrecklichen König des Todes, gefoltert wird. Es werden ganze Gruppen von Seelen abgebildet, die unter der Führung eines geflügelten Genius in einer Prozession zu ihrer unterirdischen Bleibe marschieren.
Schließlich gibt es noch eine Klasse, die das endgültige Schicksal der Seelen nach ihrem Urteil darstellt. Manche sitzen gemäß ihrer Vorstellung von Glück voller Freude bei einem Bankett. Andere erleben ihre Strafen, werden mit Hämmern geschlagen oder von schwarzen Dämonen erstochen und zerrissen. Es gibt keinen Nachweis dafür, dass die Etrusker an die Wanderung der Seelen zu den Orten der Götter im Himmel glaubten, und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sie in die himmlischen Gefilde aufstiegen, aber in der Unterwelt erwarteten sie mit Sicherheit ‚Höllenqualen’. In dieses Reich führen viele Tore, einige davon sind harmlos und einladend und werden von Symbolen der Erlösung, der Ruhe und Segnung geschmückt, andere dagegen sind furchterregend und von zähnefletschenden, ihr Opfer bedrohenden Biestern und Furien umgeben.
In ihrer Anbetung versuchten die Etrusker vor allem und ganz besonders den Willen der Götter herauszufinden, der sich dem Menschen auf dreifache Weise offenbarte: die den himmlischen Mächten zugeschriebenen Blitz und Donner, dann der Vogelflug, von dem sie annahmen, dass er durch göttliche Fügung geschah sowie bestimmte, ebenfalls als überirdisch herbeigeführt betrachtete Erscheinungen in den Eingeweiden geopferter Tiere.
Um die Anzeichen des göttlichen Willens zu interpretieren, gab es notwendigerweise eine Klasse trainierte, in der Lehre der fraglichen Zeichen ausgebildete Leute, die fähig waren, den Menschen auf alle ihre Fragen eine richtige Erklärung zu geben. Folglich war die Position der Priesterschaft in Etrurien eine „absolut dominante Hierarchie, die ihre Macht durch die arrogante Behauptung stützte, sie allein habe die Kenntnis über den Willen des Himmels und das Urteil des Schicksals.“
Die etruskischen Priester waren - im Gegensatz zu den ägyptischen - nicht die Lehrer des Volkes, die die guten Sitten predigten oder esoterische Lehren über die Beziehung des Menschen zu den Göttern verbreiteten, dem wahren Ziel im Leben und seinem endgültigen Schicksal. Diese Priester waren Wahrsager, die versuchten, die nahe oder ferne Zukunft vorauszusehen, um die Menschen vor herannahenden Gefahren zu warnen. Sie unterbreiteten Vorschläge, wie man den Zorn der Götter vermeiden und somit die Menschen vor dem Bösen bewahren konnte, das ansonsten unvermeidbar eingetreten wäre und sie ruiniert oder verletzt hätte.
Grab des Tauchers (Detail der Längswand), 500-470 v.Chr.,
Nekropole nahe Paestum. Fresko auf Kalkstein,
Grab: 215 x 100 x 80 cm . Museo Archeologico
Nazionale di Paestum, Paestum.
Grabgötter , 7. Jahrhundert, Fontecucchiaia (Chiusi).
Tonware und Bronze (Werkzeuge).
Nationalmuseet, Kopenhagen. (links)
Gruppe von elf Miniaturobjekten für ein Kindergrab,
um 4. Jh. v.Chr. Apulien. Tonware und Bronze (Spiegel).
The Newark Art Museum, Newark. (oben)


Die Priester wurden darin ausgebildet, die Zeichen und Erscheinungen am Himmel zu erkennen und den Flug, die zu hörenden Geräusche, die Position und verschiedene andere Besonderheiten der Vögel zu deuten. Man forderte die Menschen auf, alles, was ihnen auf irgendeine Art anormal oder ungewöhnlich erschien, den Priestern zu berichten, die daraufhin diese Zeichen bewerteten und entweder die unausweichliche Verdammnis verkündeten oder eine Möglichkeit aufzeigten, mit der man diese Verdammnis aufhalten oder zumindest hinauszögern konnte.
Häufig betrafen die Zeichen lediglich Einzelpersonen, aber oft ließen sie auch verlauten, dass der Staat in Gefahr wäre, und dann lag es an der Priesterschaft, das Ausmaß und den Charakter der Gefahr zu bestimmen und die zu treffenden Gegenmaßnahmen festzulegen. In diesen Fällen wurden große oder ungewöhnliche Opfer verlangt, manchmal wurden den beiden höllischen Göttern Mantus und Mania, deren Zorn in keiner weniger schrecklichen Weise gemildert werden konnte, scheinbar sogar Menschen geopfert.
Einige aus der Antike überlieferte Texte aus dem Besitz der Hierarchie der Halbgötter, einer Tages (ein Sohn des Genius Jovialis) genannten halb menschlichen Person, enthalten das System der von den Priestern beachteten Prophezeiungen, dem sie bei ihren Aufgaben und Zeremonien folgten.
Zu den Opfertieren gehörten vermutlich der Bulle, der Esel und vielleicht auch der Wolf, auch wenn darüber keine Einigkeit besteht. Das von einem einzelnen Bürger mitgebrachte Opfertier wurde immer von einem Priester geopfert, zu der Prozedur gehörten auch Trankopfer. Es gab aber auch unblutige Opfergaben, die wie die Opfer auf dem Altar verbrannt wurden.
Ein allgemeiner Überblick der etruskischen Relikte hat die Forscher davon überzeugt, dass die in allen etruskischen Städten durch Opfer, Trankopfer und Verehrung festgestellte öffentliche Anbetung der Götter in den Tempeln im religiösen Leben des Volkes eine sehr geringe Rolle spielte. „Die wahren Tempel der Etrusker“, sagt man, „waren ihre Gräber.“
Ihre wirklichen Anbetungsobjekte waren die Laren (lat.: lares), die Schutzgeister oder Schutzgötter der Vorfahren. Vermutlich hatte jedes Haus ein Lararium, einen Kultschrein, an dem der Hausherr jeden Morgen und jeden Abend Gebete und Verehrungen sprach und gelegentlich auch Opfer brachte. Jede Familie hatte außerdem ihr nach dem Modell eines Hauses konstruierte Familiengrab, in dem die Geister der Vorfahren wohnen konnten.
Grabbeigaben aus Grab 179 , um 9. Jh. v.Chr.,
Poggio Selciatello. Impasto-Keramik.
Archäologisches Nationalmuseum, Florenz.


Es gab für gewöhnlich ein äußeres, der jährlichen Bestattungsfeier dienendes Vestibül. Von da aus führt eine Passage zu einer übergroßen, durch Öffnungen im Felsen belichteten Kammer. Der Hauptraum ist von kleineren Kammern umgeben, in denen die Toten ruhen. Auf dem Dach sieht man den im Relief auf jeder Seite in Stein gehauenen breiten Balken oder Firstbalken mit imitierten Dachsparren sowie Nachahmungen auf den Fliesen. In diesen Kammern befinden sich die mit allen während des Lebens verwendeten Utensilien, Verzierungen und Hilfseinrichtungen ausgestatteten Körper. Die Gräber sind daher Orte für die Toten, um darin zu leben.
Der Ort und die Umgebung der Toten wurden hier den Lebensbedingungen so genau wie möglich angepasst. Die Liegen, auf denen die Toten aufgebahrt wurden, waren wie ein Triclinium (ein dreiliegiges Speisesofa) angeordnet, die mit in den Stein gehauenen Kissen versehen wurden. Nachbildungen von Sesseln und Fußbänken wurden sehr vorsichtig aus dem Stein geschlagen. Kurz gesagt, alles ist so angeordnet, als hätten sich die Toten in ihrer Unterkunft zu einem Bankett niedergelegt.
Auf dem Boden stehen Weinkrüge und die wertvollsten Habseligkeiten der Verstorbenen – Schmuck, Spiegel und Waffen – hängen von der Decke oder wurden an der Wand angebracht. Die Wände selbst sind reich verziert und meistens mit Darstellungen festlicher Szenen bemalt; man erkennt auf Sofas liegende Figuren mit bunt bestickten Gewändern, während Diener die Kelche auffüllen oder im Takt der Musik der Flötenspieler klatschen. Es wird nichts ausgelassen, das zum Komfort oder Vergnügen der Verstorbenen beitragen könnte. Man glaubte, dass ihre Seelen nach dem Tod die Hausgräber auf die gleiche Art bewohnten wie sie auch ihre Häuser bewohnt hatten.
Bestattungsstatue von einem liegenden jungen Mann,
um 4. Jh. v.Chr., Perugia. Bronze, Länge des Sockels: 69 cm ,
Höhe der Figur: 42 cm . Eremitage, St. Petersburg.


Die Gräber wurden nicht für immer geschlossen, denn mindestens einmal im Jahr, vielleicht auch mehrmals, war es für die lebenden Verwandten Tradition, die Ruhestätten ihrer Verstorbenen zu besuchen, ihnen Gaben als Zeichen der Zuneigung zu bringen und um ihre Gunst und ihren Schutz zu bitten. Zu den mitgebrachten Geschenken zählten Schmuck, Geschirr, Lampen, Siegel, Spiegel, Steine, Tassen, Vasen, Rüstungen und Porträtstatuen. Auf den meisten Gaben befanden sich Inschriften, die bestätigten, dass die Geschenke nicht für den Geist des Grabes oder die höllischen oder andere Götter gebracht wurden, sondern für die Menschen, deren Relikte in den Gräbern untergebracht waren. Ihre Geister wurden durch die Geschenke zweifellos als beschwichtigt angesehen, und es ist durchaus wahrscheinlich, dass der Fürsorge dieser so verbündeten Beschützer weit mehr Wert beigemessen wurde als den schrecklichen Göttern des Himmels und der Erde, die weit entfernte, schemenhaft wahrgenommene Wesen waren und hauptsächlich als Machthabende über Blitz und Donner angesehen wurden.
Die etruskische Religion muss als Ganzes als eine der am wenigsten erbauenden antiken Glaubensrichtungen angesehen werden. Sie präsentierte die Götter überwiegend in einem strengen und unfreundlichen Licht als Wesen, die eher zu fürchten waren und versöhnlich gestimmt werden mussten als geliebt und verehrt zu werden. Diese Religion ermutigte zu einer abergläubischen Betrachtung von bösen Omen und Vorzeichen, die die Menschen unnötig beunruhigten und von ihren alltäglichen Tätigkeiten und Pflichten abhielten. Sie förderte vor allem den Stolz und die Eitelkeiten der Priester, indem sie ihnen ein die Menschen entmutigendes und sie vor einer arroganten und egoistischen Hierarchie schaudern lassendes übernatürliches Wissen und Unfehlbarkeit beimaß.
Wenn es auch die natürliche Tendenz des Menschen verringerte, das vergängliche Leben zu überschätzen, indem man ihnen die Sicherheit und Wichtigkeit des Lebens jenseits des Grabes vor Augen führte, war der Einfluss der Priester weniger erhebend als vor allem herabwürdigend, wie man den rauen Darstellungen von Glück und Unglück im Jenseits entnehmen kann. Wo die Vorstellung des Glücks des guten Mannes im Feiern von Festen und Gelagen und das Leiden der Verlorenen durch Hiebe und Verletzungen durch die Dämonen verbreitet wird, verliert die Lehre von den zukünftigen Belohnungen und Bestrafungen viel von ihrer natürlichen Kraft, sie verdirbt eher die Moral als sie zu stärken. Die über die Moral der Etrusker vorliegenden Berichte sind nicht gerade sehr positiv, und es ist fraglich, ob die Laster, welche auch immer es gewesen sein mögen, von der Religion nicht eher verstärkt als kontrolliert wurden.
Grab der Jagd und Fischerei , um 6. Jh. v.Chr.,
Etruskische Antike. Aus dem Fels gehauene
Gruft mit Wandmalereien. Tarquinia.


Die Lampe beginnt zu leuchten und zu rauchen, dann zu leuchten, ohne zu rauchen; der Führer öffnet das Eisentor, und wir steigen die Steilen Stufen zum Grabe hinunter. Es wirkt wie ein dunkles, enges, unterirdisches Loch, nach dem Sonnenlicht des Tages! Doch die Lampe des Führers flackert auf, und so sehen wir uns in einem Felsenkämmerchen: einer kleinen, kahlen Zelle, in der ein Eremit gelebt haben könnte. Sie ist eng und kahl und intim, ganz anders als die glänzenden geräumigen Gräber in Cerveteri.

Die Lampe leuchtet jetzt hell auf, wir haben uns an das veränderte Licht gewöhnt und erblicken die Malereien an den kleinen Wänden. Es ist das Grab der Jagd und des Fischfangs, das diesen Namen nach seinen Fresken erhalten hat und im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt entstanden sein soll. Es ist stark beschädigt; Stücke der Wand sind abgefallen, die Feuchtigkeit hat die Farben angefressen, nichts scheint erhalten geblieben. Doch in der trüben Beleuchtung sehen wir Schwärme von Vögeln durch den Dunst fliegen, die noch die Zugluft des Lebens in ihren Flügeln bewahren. Und als wir uns ein Herz fassen und näher hinschauen, sehen wir, dass der kleine Raum rings herum mit dem dunstigen Himmel, dem dunstigen Meer, mit fliegenden Vögeln und springenden Fischen und kleinen jagenden, fischenden in Booten rudernden Menschen bemalt ist. Der untere Teil der Wand ist ganz vom Blaugrün des Meeres bedeckt, mit einer sich kräuselnden Oberfläche als Silhouette, die um die Kammer herumläuft. Aus dem Meer ragt ein hoher Fels empor, von dem ein Nackter Mann, schattenhaft, aber noch zu erkennen, prächtig und gewandt in die Fluten taucht, während hinter ihm ein Gefährte den Felsen hinaufklettert und ein Boot auf dem Wasser mit eingelegten Rudern wartet; drei Männer, von denen der mittlere sich nackt aufrichtet und seine Arme ausbreitet, beobachten den Taucher. Derweil springt hinter dem Boot ein großer Delphin hoch, und ein Vogelschwarm steigt auf, um sich am Felsen vorbei in die klare Luft emporzuschwingen. Über dieser Szenerie hängen von den die Wände umlaufenden Farbbändern regelmäßige Girlanden herunter, Girlanden mit Blüten und Blättern und Knospen und Beeren, Girlanden, die zu Mädchen und Frauen passen, den blumenhaften Kreislauf des weiblichen Lebens und Geschlechts versinnbildlichen. Der oberste Rand der Wände besteht aus horizontalen Streifen oder Farbbändern, die den ganzen Raum umspannen und in Rot und Schwarz, in stumpfen Gold, Blau und blassem Gelbgrün gehalten sind, und das sind die Farben, die ständig wiederkehren. Die Männer sind fast immer in dunklem Rot gemalt: der Farbe, die viele Italiener annehmen, wenn sie sich nackt der Sonne aussetzen, wie das die Etrusker zu tun pflegten. Frauen werden blasser dargestellt, weil sie sich nie vollkommen nackt in die Sonne begaben.


D. H. Lawrence , Etruskische Orte.
Übersetzer: Oswalt von Nostitz.
Grab der Jagd und Fischerei, Rückwand der zweiten
Grabkammer (Detail der Wandmalerei), um 6. Jh. v.Chr.
Aus dem Fels gehauenes Grab mit Wa ndmalerei. Tarquinia.


Sie sind überraschend geräumig und ansehnlich, diese Wohnungen der Toten. Aus dem lebendigen Fels gehauen, gleichen sie Häusern. Auf dem Dach ist ein Balken ausgemeißelt, der den Dachbalken des Hauses imitieren soll. Es ist ein Haus, ein Heim.

Tritt man ein, gelangt man in zwei kleine Kammern, eine zur Rechten, die andere zur Linken: die Vorräume. Es heißt, hier sei die Asche der Sklaven in Urnen auf den großen Felsenbänken bewahrt worden. Denn vermutlich wurden die Sklaven immer verbrannt. Hingegen wurden die Herren in Cerveteri in Lebensgröße aufgebahrt, zuweilen in den großen steineren Sarkophagen, zuweilen in großen Särgen aus Terrakotta, mit allen Zeichen ihrer Würde. Doch meistens wurden sie nur auf das breite Felsenbett gelegt, das um das Grab herumläuft und jetzt leer ist: fredlich auf eine offene Bahre gelegt, nicht in Sarkophage eingeschlossen, ruhend, als ob sie noch lebten.

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