Vincent Van Gogh
69 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

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Description

Leben und Werk von Van Gogh sind so eng miteinander verbunden, dass es praktisch unmöglich ist, das eine von dem anderen zu trennen. Dr. Gachet zum Beispiel ist nicht nur Titel und Modell eines seiner Porträts, sondern zugleich der Mann, der ihm zu gleichen Teilen Zerbrechlichkeit und Talent attestierte. Zeitlebens entwickelte er mit seiner Kreativität und Technik neue Konzepte für die Malerei des 19. Jahrhunderts. Als einer der bedeutendsten Post-Impressionisten gilt er zugleich als Vorläufer der Expressionisten, der Fauvisten und der modernen Kunst.
Einerseits ein kreatives Genie, repräsentiert er andererseits jedoch auch einen durch Krankheit gequälten Maler. Die leuchtenden Farben und skurrilen Pinselstriche werden so zu einem Spiegel der Seele und geben die flüchtige Natur seines Geisteszustands wider.

Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 09 décembre 2019
Nombre de lectures 0
EAN13 9781644618585
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 5 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0350€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

VICTORIA CHARLES





Vincent van Gogh
Text: Victoria Charles
Layout: Sté phanie Angoh
© Confidential Concepts, Worldwide, USA
© Parkstone Press USA, New York
© Image Bar www.image-bar.com
ISBN: 978-1-64461-858-5
Weltweit alle Rechte vorbehalten
Soweit nicht anders vermerkt, gehö rt das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall mö glich, d ie Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.


Stamm einer alten Eibe, Arles, 1888. Ö l auf Leinwand, 51 x 71 cm. Privatsammlung.
Inhalt
„ Wie durch einen Spiegel im dunklen Wort…“
Holland, England und Belgien: 185 3-1886 „ Nirgends fü hle ich mich so sehr als Fremder wie in meiner Familie…“
Paris 1886-1888 „ Pflanzstä tte von Ideen“
Arles : 1888-1889 „ Ein richtiges Kü nstlerhaus“
Arles : 1889 „ Ich bin alles, was verrü ckt und verkehrt ist“
Saint-Ré my : 1889-1890 „ Warum e igentlich gesund werden?“
Auvers-sur-Oise : 1890 „ Aber dieser Tod hat nichts Trauriges“
Ikonographie
Index der nachgedruckten werke
Fussnoten
„ Wie durch einen Spiegel im dunklen Wort…“
Auf jenem Stuhl hat er gesessen. Seine Pfeife liegt auf dem riedbespannten Sitz, daneben der geö ffnete Tabaksbeutel. In jenem Bett hat er geschlafen, in jenem gelben Haus hat er gewohnt. Dort hat er sich ein Stü ck seines Ohres abgeschnitten. Wir sehen ihn mit verbundenem Kopf, die Pfeife im Mundwinkel. Er schaut uns an.
Leben und Werk sind bei Vincen t van Gogh so eng miteinander verwoben, dass es kaum mö glich ist, seine Bilder zu betrachten, ohne die Geschichte seines Lebens darin zu lesen. Ein Leben, das so oft beschrieben und verfilmt wurde, dass es sich lä ngst zu einer Legende verdichtet hat. Van G ogh ist zum Inbegriff des leidenden, unverstandenen Mä rtyrers der modernen Kunst geworden. In ihm manifestiert sich das Bild des Kü nstlers als gesellschaftlicher Auß enseiter. Wä ren die Sonnenblumen je zu Ikonen der Moderne geworden, hä tte sie ein biederer Familienvater gemalt? So, wie wir van Goghs Bilder wie Illustrationen zu seinem Leben ansehen, so lesen wir umgekehrt auch sein Leben in die Bilder hinein. Der renommierte van Gogh-Forscher Jan Hulsker hat 1996 ein korrigiertes Werkverzeichnis vorgelegt. D arin zweifelt er in 45 Fä llen die Echtheit von Zeichnungen und Gemä lden an.
Es handelt sich dabei nicht nur um mö gliche Fä lschungen, sondern auch um Werke, die van Gogh versehentlich zugeschrieben worden sind. Der britische Kunsthistoriker Martin Bailey be haup tet sogar, ü ber hundert falsche , van Goghs ‘ ausfin dig gemacht zu haben, darunter auch das Bildnis des Dr. Gachet , das in zwei Fassungen existiert. Eine davon wurde 1990 fü r 82,5 Millionen Dollar von einem japanischen Industriellen ersteigert. Dieser sc hockierte die Ö ffentlichkeit damals durch seine Ankü ndigung, er werde sich nach seinem Tod mit diesem Bild verbrennen lassen. Nur aus Respekt vor den Gefü hlen der Europä er ä nderte er seine Meinung und erklä rte, er werde statt dessen fü r seine Kunstsammlun g ein Museum bauen lassen. Sollte tatsä chlich einmal nachgewiesen werden, dass Dr. Gachet nicht von van Gogh gemalt wurde, nie mand wü rde sich lä nger darum sorgen, was mit dem Bild geschieht.
Welche Rolle die Lebensgeschichte van Goghs fü r die Rezeption sein es Werks spielt, zeichnete sich schon frü h ab. Der erste Artikel ü ber den Maler erschien im Januar 1890 im Mercure de France . Van Gogh befand sich zu dieser Zeit in der Nervenheilanstalt von Saint-Ré my. Ein Jahr zuvor hatte er sich ein S tü ck seines rechten Ohres abge schnitten. Der Autor des Artikels, Albert Aurier, stand mit einem Freund van Goghs, Emile Bernard, in Kontakt und war so ü ber die Ereignisse informiert. Ohne seinem Leser die biografischen Hintergrü nde darzulegen, ü berträ gt Aurier sein Wissen um den „ angeblichen“ Wahnsinn van Goghs auf seine Bildbesc hreibungen: Da ist von „ leiden schaftlicher Besessenheit“, [1] von „ Zwangsvorstellung“ [2] die Rede. Van Gogh sei ein „ schreckliches, halbtolles Genie, oft erhaben, zuweilen grotesk, immer fast ans Krankhafte streifend“. [3] Aurier sieht in dem Maler den „ Messi as [… ], der unsere grei senhafte Kunst, ja vielleicht unsere ganze greisenhafte, schwachsinnige industrialistische Gesellschaft erneuert“. [4]
Mit dem Entwurf des verrü ckt-genialen Kü nstlers bereitete der Kunstkriti ker den Boden fü r einen van-Gogh-Mythos, der bald nach dem Tod des Malers begann. Im ü brigen hat Aurier nicht geglaubt, dass van Gogh je von einem groß en Publikum ver standen werde: „ Doch was auch immer kommen mö ge, auch wenn die Mode einst seine Bilder – w as wenig wahrscheinlich ist – so hoch bezahl en wird wie die kleinen Schand taten des Herrn Meissonier, so glaube ich doch nicht, dass diese spä te Bewunderung des groß en Publikums jemals sehr aufrichtig sein wird.“ [5]
Wenige Tage nach der Beisetzung van Goghs in Auvers-sur-Oise schrieb Dr. Gachet, der Arzt, der den Maler zuletzt betreut hatte, an dessen Bruder Theo: „ Diese souverä ne Verachtung des Lebens, zweifellos ein Ausf luss seiner ungestü men Liebe fü r die Kunst, hat etwas Auß erordentliches. [… ] Wü rde Vincent noch leben, wü rde es noch Jahre und Jahre dauern bis zum Triumph der menschlic hen Kunst. Mit seinem Tod dage gen gibt es eine Art Weihung als Ergebnis des Kampfes zwischen zwei entgegengesetzten Pr inzipien, dem Licht und der Dunkelheit, dem Leben und dem Tod.“ [6]
Weder verachtete van Gogh das Leben, noch war er souverä n. In seinen Briefen, von denen rund 700 verö ffentlicht worden sind, schreibt er immer wieder von seiner Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit: „ Ich mö chte gern einmal bei einer Frau sein, ich mö chte nicht leben ohne Liebe, ohne Frau. Keinen Groschen gä be ich fü rs Leben, wenn es nicht etwas Unendliches gä be, etwas T i efes, etwas Wirkliches.“ [7] Mehrfach betont er, dass es besser sei, „ Kinder zu fabrizieren, statt Bilder zu fabrizieren“. [8]
Van Goghs durc haus bü rgerliche Trä ume von Heim und Herd erfü llten sich nicht. Seine erste Liebe, Eugé nie Loyer, heiratete einen anderen. Seine Cousine Kee, bereits verwitwet und Mutter, lehnte eine Bindung unter anderem aus materiellen Grü nden ab, weil van Gogh nicht i n der Lage war, fü r eine Familie zu sorgen. Das nicht nur idyllische Zusammenleben mit der Prostituierten Sien beendete er auf Druck seines Bruders Theo, von dem er finanziell abhä ngig war. Van Goghs letzte Liebe zu der 21jä hrigen Marguerite Gachet ist nur gerü chteweise bekannt. Nach Aussagen einer Freundin Marguerites sollen beide ineinander verliebt gewesen sei n; der ansonsten so freidenken de Dr. Gachet habe daraufhin van Gogh das Haus verboten.
Nicht nur um die Liebe der Frauen, auch um die Liebe und Aner kennung seiner Familie und Freunde warb van Gogh, ohne sie in dem Maß e zu gewinnen, wie er es sich gewü nscht hatte. „ Wie durch einen Spiegel in einem dunklen Wort – es ist so geblieben“ [9] , resü miert er im Juni 1890 wenige Tage vor seinem Freitod. Diesen Vergleich entlehnte der Pfarrerssohn der Lobpreisung der Liebe aus dem Korintherbrief: „ Denn wir sehen jetzt nur wie mittels eines Spiegels in rä tselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Ang esicht. Jetzt ist mein Erkennen Stü ckwerk, dann aber werde ich vö llig erkennen, wie auch ich vö llig erkannt worden bin.“
Die Sehnsucht nach dem Aufgehobensein in einer Gemeinschaft und das Ringen um ein Erkanntwerden sind zwei Motive, die sich durch van Go ghs Leben ziehen.


1. Selbstbildnis (Paul Gauguin gewidmet), Arles, September 1888. Ö l auf Leinwand, 62 x 52 cm. Cambridge (Mass.), Fogg Art Museum, Harvard University.


2. Das Zimmer Vincents in Arles, Saint-Ré my, Anfang September 1889. Ö l auf Leinwand, 73 x 92 cm. Chicago, The Art Institute of Chicago.


3. Das Gelbe Haus (Das Haus von Vincent in Arles), Arles, September 1888. Ö l auf Leinwand, 72 x 92 cm. Amsterdam, Rijksmuseum Vincent van Gogh, Vincent van Gogh-Stiftun g.


4. Van Goghs leerer Stuhl, Arles, Dezember 1888. Ö l auf Leinwand, 93 x 73,5. cm. London, National Gallery.


5. Der Sessel Paul Gauguins, Arles, Dezember 1888. Ö l auf Leinwand, 90,5 x 72,5 cm. Amsterdam, Rijksmuseum Vincent van Gogh, Vincent van Gogh-Stiftung.
Holland, England und Belgien: 1853-1886 „ Nirgends fü hle ich mich so sehr als Fremder wie in meiner Familie…“
Folgendes erklä rte ein Standesbeamter der Gemeinde Zundert und Wernhout: „ Im Jahr 1853, am einunddreiß igsten des Mon ats Mä rz, erschien der hochehr wü rdige Herr Theodourus van Gogh, einunddreiß ig Jahre alt, reformierter Pastor, wohnhaft in Zundert, welcher uns anzeigte, dass am dreiß igsten Mä rz dieses Jahres um elf Uhr vormittags in dieser Gemeinde [… ] von ihm, dem Erschienenen, und von seiner Ehefrau, Frau Anna Cornelia Carbentus, [… ] ein Kind mä nnlichen Geschlechts geboren sei und dem er die Vornamen Vincent Willem gegeben zu haben erklä rt.“ [10]
Auf den Tag genau ein Jahr zuvor hatte Pastor van Gogh die Geburt eines Sohnes gleichen Namens angezeigt und dessen Tod. Vincent van Gogh, geboren am 30. Mä rz 1852, wurde auf dem Dorffriedhof begraben. Dort las der zweitgeborene Vincent sei nen Namen auf dem Grabstein. In seinen letzten Lebensmonaten erinnert sich van Gogh sehr oft an die Orte seiner Kindheit und nennt dabei immer auch den Friedhof von Zundert.
Ü ber das Kind Vincent ist wenig bekannt. Eine Nachbarstochter beschreibt ihn als „ gutherzig, freundlich, lieb, mitleidig,“ [11] wä hrend ein Dienstmä dchen der van Goghs berichtet, er habe „ unangenehm-eigenartige Manieren“ gehabt und sei deshalb oft bestraft worden. [12] Johanna van Gogh-Bonger, die ihrem Schwager erst an seinem Lebensende und nur wenige Male persö nlich begegnet ist, schildert ihn ebenfalls als schwieriges, ungezogenes und eigensinniges Kind, das die Eltern aber, nach ihrer Darstellung, wei chherzig erzogen. [13]
Solche widersprü chlichen Aussagen gibt es auch ü ber den erwachsenen van Gogh. Die meisten Beschreibungen wurden von der Nachla ssverwalterin Johanna van Gogh- Bonger Anfang des 20. Jahrhunderts gesammelt. Das heiß t, die Erinnerungen sind nicht nur fragwü rdig aufgrund des Abstandes der Jahre, die inzwischen vergangen waren, die Zeitzeugen waren bei der Niederschrift auch beeinf lusst durch die Tatsache, dass der tote Maler – und seine Legende – bereits eine gewisse Bekanntheit erreicht hatten.
„ Freundlich“ und „ mitleidig“ verhä lt sich van Gogh gegenü ber Armen, Bedü rftigen und Kindern, oder, allgemeiner gesagt: er fü hlt mit der leidenden Kreatur. Als zweite wichtig e, schon frü h sich ausbildende Charaktereigenschaft nennt seine Schwester Elisabeth Huberta seine Liebe zur Natur: „ Er wusste alle Plä tze, wo seltene Blumen wuchsen. [… ] Von den Vö geln namentlich wusste er genau, wo jeder von ihnen nistete und hauste, und hatte er ein Lerchenpaar ins hohe Roggenfeld niederf liegen sehen, so verstand er es, sich dem Nest zu nä hern, ohne die umherstehenden Halme zu knicken oder nur im Geringsten zu beschä digen.“ [14]
Zu den Landschaft en der Kindheit kehrt van Gogh spä ter malend zurü ck. Der „ ganze Sü den, alles wurde ihm Holland“ , urteilt Paul Gauguin ü ber die Bilder van Goghs aus der Zeit in Arles. In einem Brief an Emile Bernard vergleicht van Gogh die Heide und das f lache Gelä nde de r Camargue mit Holland. [15] Anderthalb Jahre vor seinem Tod schreibt er in Saint-Ré my: „ Wä hrend meiner Krankheit habe ich jedes Zimmer im Hause in Zundert vor mir gesehen, jeden Weg, jede Pf lanze im Garten, die Um gebung, die Felder, die Nachbarn, den Friedhof, die Kirche, unseren Gemü segarten dahinter – bis auf das Elsternnest in der hohen Akazie auf dem Friedhof.“ [16]
Das Vogelnest mag von der sechs Jahre j ü ngeren Schwester zufä llig als Beispiel fü r van Goghs Naturliebe ausgewä hlt worden sein, als sie 1910 ihre Erinnerungen zusammenfasste. Tatsä chlich hatten Nester fü r van Gogh eine besondere Bedeutung. Sie tauchen in verschiedenen seiner Bilder auf; Hä user bezeichnete er als „ Menschennesterchen“. [17]
Sein erstes Nest, das Elternhaus, hat van Gogh bereits als Elfjä hriger verlassen mü s sen. Warum der Vater entschied, den Ä ltesten auf ein Internat in das dreiß ig Kilometer entfernt liegende Zevenberg zu schicken, ist nicht ganz klar. Mö glicherweise gab es keine geeignete protestantische Schule in nä chster Nä he. Zundert war eine evangelische Insel in der ü berwiegend katholisc h en Region nahe der belgischen Grenze. Vielleicht war es im Elternnest, mit zu dieser Zeit noch vier anderen Kindern, zu eng geworden.
„ Es war ein Herbsttag“ , erinnert sich van Gogh zwö lf Jahre spä ter, „ und ich stand auf der Vortreppe von Herrn Provilys Sch ule und sah dem Wagen nach, in dem Pa und Ma nach Hause fuhren. Dies gelbe Wä gelchen sah man in der Ferne auf der langen Straß e – nass vom Regen, dü nne Bä ume zu beiden Seiten, lä uft es durch die Wiesen hin.“ [18]
Wenige Wochen vor seinem Tod hat van Gogh die Erinnerung an jenen Abschied gemalt: Eine zweirä drige Kutsche fä hrt auf einem schmalen Weg durch eine weite Felderlandschaft.
Mit 13 Ja hren wechselt Vincent auf die Mittelschule in Tilburg. Dort erhä lt er Zeichenunterricht bei dem Landschaftsmaler Constantijn C. Huysmans. Als einzige Zeichnung aus diesem Unterricht ist ein Blatt mit zwei Rü ckansichten erhalten. Aus van Goghs Kinderzeit b l ieben insgesamt nur ein gutes Dutzend ,Frü hwerke ‘ erhalten. Johanna van Gogh-Bonger ü berliefert eine Anekdote, nach der der Achtjä hrige aus Glaserkitt einen Elefanten modelliert habe, den er wieder zerstö rte, weil die Eltern sei nem Werk zu viel Aufmerksamk eit schenkten. [19]
Aus der Tilburger Zeit stammt auch die erste von zwei Porträ tfotografien van Goghs. Sie zeigt ein weiches Jungengesicht, in dem vor allem die hellen Auge n auf fallen. Als die nä chste Aufnahme g emacht wird, ist van Gogh bereits 19 Jahre alt und seit drei Jahren bei der Den Haager Kunsthandlung Goupil & Co. angestellt. Die Berufswahl wurde wohl mehr durch die Familie als durch den Heranwachsenden selbst getroffen. Ein Onkel und Namensvetter Vince n ts war Teilhaber bei Goupil. Von seiner dreieinhalbjä hrigen Ausbildungszeit in D en Haag erfahren wir durch spä tere Briefe nur soviel, dass von den „ hier verbrachten Jahren zwei ziemlich unerfreu lich waren; das letzte war viel netter“. [20] Seinen Vorgesetzten, den damals 24jä hrigen Leiter der Den Haager Filiale, Hermanus Gijsbertus Tersteeg, charakterisiert van Gogh: „ Damals hat er einen starken Eindruck auf m ich gemacht, er war ein lebens- tü chtiger Mann, ungeheuer geschickt und lebhaft, energisch im Kleinen und im Groß en; ü berdies ging etwas wie Poesie von ihm aus – aber von der echten unsenti mentalen Art. Ich hatte damals so groß en Respekt vor ihm, dass ich mich immer in einer gewissen Entfe rnung von ihm hielt, und ich betr achtete ihn als ein Wesen hö he rer Ordnung, als ich es war.“ [21] Als Maler wird v an Gogh vergeblich um die Aner kennung des von ihm geschä tzten und verehrten Kunsthä ndlers ringen.
Wä hrend seiner Ausbildungszeit lernt van Gogh vor allem die Salonmalerei und die Werke der Barbizon-Schule kennen, deren bedeutendster Vertreter, Jean-Franç ois Millet (1814-1875), zu einer der wichtigsten Leitfigur en fü r den kü nftigen Maler wer den wird. Da bei Goupil Reproduktionsgrafik gehandelt wird, sieht der Lehrling viele Meisterwerke der Kunstgeschichte, wenn au ch nur als Kopie. In der Kunst buchhandlung baut sich van Gogh ein neues Nest, sie wird ihm zu einer ersten „ Heimat der Bilder“. [22] Dieser Platz wird spä ter von den Museen eingenommen werden.
Im August 1872 besucht ihn der jü ngere Bruder Theo in Den Haag. Bei dieser Begegnung kommen sich der 19- und der 15 jä hrige in einer Weise nä he r, die aus der verwandtschaftlichen Beziehung eine tief empfundene Freundschaft werden lä sst. Bis zu seinem Tod sucht Vincent sein Alter ego in Theo. Da sie, bis auf zwei gemeinsame Jahre in Paris, die meiste Zeit an verschiedenen Orten wohnten, teilten s i e sich einander oft schriftlich mit: Sie diskutierten ü ber Kunst, stritten ü ber die Familie, berieten sich bei Krankheit und Liebeskummer. Ü ber 600 Briefe schrieb Vincent in 18 Jahren an seinen Bruder. Sie wurden von Theo sorgsam aufbewahrt un d zum größ ten Teil posthum ver ö ffentlicht. Umgekehrt blieben nur ca. 40 Briefe Theos erhalten – eine Folge von Vincents hä ufigen Umzü gen, bei denen im Ü brigen auch ein groß er Teil seiner Zeichnungen und Gemä lde verloren ging.
„ Was fü r schö ne Tage wir doch in Den Haag z usammen verlebt haben, so oft denke ich noch an unseren Spaziergang auf der Rijswijkschen Straß e, wo wir bei der Mü hle nach dem Regen Milch getrunken haben.“ [23] Diese sehnsuchtsvolle Erinnerung schic kt Vincent seinem Bruder ein Jahr spä ter aus London. Nach Abschluss der Lehrzeit war der 20jä hrige in die Goupil-Filiale nach England versetzt worden: „ Das Geschä ft ist nur ein Magazin und unsere Arbeit ganz anders als in Den Haag, aber daran wird man sic h wohl gewö hnen. Schon abends um sechs bin ich mit meiner Arbeit fertig, so dass ich noch eine schö ne Zeit fü r mich habe, die ich sehr angenehm mit Spazierengehen, Lesen und Briefeschreiben verbringe.“ [24] Eine Freizeitbeschä ftigung unterschlä gt er an dieser Stelle: Zeichnen. Zehn Jahre spä ter, als er in Holland seine ersten Gehversuche als freier Kü nstler unternimmt, erinnert er sich: „ Was habe ich nicht in London am Thames Embankment gestanden und gezeichnet, abends auf dem Heimweg aus der Southampton Street; und es sah nach gar nichts aus.“ [25]
Seine Lieblingslektü re in London ist Die Liebe von Jules Michelet: „ Das Buch ist fü r mich eine Offenbarung gewesen und zugleich ein Evangelium. [… ] Und dass ein Mann und ein Weib eins werden kö nnen, wirklich ein Ganzes und nicht zwei Hä lften, das glaube ich auch.“ [26] Als van Gogh diese Sä tze Ende Juli 1874 an Theo schickt, hofft er, dass diese Offenbarung sich bald fü r ihn erfü llt. Aber seine Liebe zu Eugé nie Loyer, der Tochter seiner Zimmerwirtin, endet mit einer Enttä uschung: „ Ich habe auf ein Mä d chen verzichtet, un d sie heiratete einen anderen, und ich ging weit fort von ihr und konnte sie doch nicht vergessen.“ [27] Diese Darstellung , sieben Jahre spä ter niederge schrieben, ist in zwei Punkten zweifelhaft. Eugé nie war b ereits heimlich verlobt, als Vincent in London eintraf. Und er ging auch nicht weit weg von ihr, sondern wurde – gegen seinen Willen – im Mai 1875 nach Paris versetzt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte van Gogh sein Evangelium der irdischen Liebe bereits gegen das des Glaubens eingetauscht. Sein religiö ser Eifer war mö glicherweise ein Grund, warum man ihn in London loswerden wollte: Die Kunsthandlung war in ein größ eres Haus umgezogen und nicht mehr lä nger nur Magazin. Fü r den Umgang mit Publikum schien der eigenb r ö tlerische van Gogh wenig geeignet. Auch dü rfte die ,Affä re ‘ um Eugé nie, von der die Familie wusste, eine Rolle gespielt haben. Da van Gogh hinter der Zwangsversetzung ein Komplott zwischen Vater und Onkel vermu tete, strafte er die Eltern mit Schweigen – e in Mittel, das er auch spä ter hä ufig in Konflikten anwandte. Nur mit seinem Bruder Theo, der inzwischen seinen Platz in der Den Haager Filiale eingenommen hatte, blieb er in Kontakt. Hauptsä chlich tau schen sich die beiden ü ber Kunst aus. Van Gogh berichtet von seinen Besuchen des Louvre, wo er sich vor allem fü r Ruysdael und Rembrandt begeistert. Mehr als ein Bilderhä ndler war er Bildliebhaber, aber das, wofü r er die Kunden bei Goupil begei stern sollte, liebte er nicht. Ü ber seine Schwierigkeiten im Geschä f t wurden die Eltern durch den Onkel stets unterrichtet, und bereits Weihn achten 1875 legt der Vater sei nem Ä ltesten nah, um Entlassung zu bitten. Dazu kommt es nicht mehr. Der Pariser Geschä ftsfü hrer spricht gleich nach der Rü ckkehr van Goghs nach Paris di e Kü ndigung aus. Offenbar hatte er sich unerlaubt, mö glicherweise sogar gegen das ausdrü ckliche Verbot seines Vorgesetzten, ü ber die Weihnachtstage freigenommen, um nach Holland zu fahren.


6. Sitzende Bä uerin mit weiß er Haube, Nuenen, Dezember 1884. Ö l auf Leinwand auf Holz, 36 x 26 cm. Ort unbekannt.


7. Profil eines Bauern, Nuenen, Januar 1885. Ö l auf Leinwand, 44 x 32 cm. Otterlo, Rijksmuseum Krö ller-Mü ller.


8. Der Garten von Presbytè re im Schnee, Nuenen, Januar 1885. Ö l auf Holz, 53 x 78 cm. Los Angeles, The Armand Hammer Museum of Art.


9. Bä uerin in Blau vor einer Strohhü tte, Nuenen, Juli 1885. Ö l auf Leinwand, 62 x 113 cm. Privatsammlung.


10. Stillleben mit Gemü se in einem Korb, Nuenen, September 1885. Ö l auf Leinwand, 35,5 x 45 cm. Landsberg/Lech (Deutschland), Sammlung Anneliese Brand.
Van Gogh beschließ t, nicht zurü ck nach Holland, sondern wieder nach England zu gehen. Zunä chst arbeitet er als Hilfslehrer in Ramsgate, dann als Hilfsprediger in Isleworth. Im Oktober 1876 hä lt er seine erste Predigt, deren Leitsatz lautet: „ Wir sind Pilger und Fremdlinge auf Erden.“ [28] Als er zwei Monate spä ter zum Weihnachtsfest nach Hause fä hrt, hat die Familie beschlossen, seinen Weg in eine andere Richtung zu leiten: in die Buchhandlung von Piet er Kornelis Braat in Dordrecht. Vincent fü gt sich. Er wird in der Buchhaltung beschä ftigt. Sein Hauptinteresse in dieser Zeit gilt aber weiterhin dem Studium der Bibel. Theo berichtet er vo n den Predigten, die er an sei nem ersten Sonntag in Dordrecht gehö r t hat, morgens „ü ber ,Siehe, ich mache alles neu ‘ , und abends ,Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht ‘ “. [29] In nachfolgenden Briefen kommt er indirekt noch einmal auf die zweite Predigt zurü ck, indem er dem Bruder ankü ndigt: „ Wenn wir nun wieder einmal zusammenkommen, werden wir einander fest in die Augen bli cken, es ist mir manchmal ein so herrlicher Gedanke, dass wir denselben Boden unter den Füß en haben und dieselbe Sprache sprechen.“ [30] Kurz bevor er Dordrecht Ende April 1877 verlä sst – sein nä chtliches Bibelstudium hatte seine tä gliche Arbeit zu sehr beeinträ chtigt – hö rt er noch ein mal die gleiche Predigt: „ Nach der Kirche ging ich den Weg hinterm Bahnhof, wo auch wir zusammen waren, ging in Gedanken an Dich und wü nschte, wir kö nnten zusammen sein“. [31]
In van Goghs Verstä ndnis des Bibelwortes drü ckt sich seine Sehnsucht nach dem Erkennen in einem Gegenü ber aus, eine Sehnsucht, die ihn lebenslang begleiten wird und die er auf verschiedene Weise zu stillen versucht, sei es in der Freundschaft zu Theo, in der Liebe zu Eugé ni e Loyer oder seiner Cousine Kee, in der Religion oder in der Malerei: Immer erhofft er sich im Dialog eine (Selbst-)Erkenntnis. Handel und Gewerbetreiben passen nicht in diese Reihe. In Dordrecht bereitet van Gogh sein eigentliches Ziel vor: Er will Pastor werden.
P. C. Gö rlitz, der zu jener Zeit das Zimmer mit van Gogh teilte, beschreibt ihn so: „ Er war ein Mann, der vom gewö hnlichen Typus der Menschenkinder vö llig abwich. Sein Gesicht war hä sslich, sein Mund mehr oder weniger schief, ü berdies war sein Gesi cht voll Sommersprossen, und seine Haarfarbe ging ins Rö tliche. Wie gesagt, sein Gesicht war hä sslich, aber wenn er ü ber Religion und ü ber Kunst sprach und dabei, was sehr schnell geschah, in Feuer geriet, dann leuchteten s eine Augen, und seine Gesichts zü g e machten auf mich wenigstens einen tiefen Eindruck; es war nicht mehr dasselbe Gesicht, es war schö n geworden. [… ] Wenn er abends um neun aus seinem Geschä ft kam, steckte er sich ein kurzes Pfeifchen an, nahm eine groß e Bibel zur Hand und mach te sich f leiß ig ans Lesen, Texte-Ausschreiben und Auswendiglernen; auch verfertigte er allerlei religiö se Aufsä tze. [… ] Am Sonntag ging van Gogh dreimal zur Kirche, ob nun in die katholische, die protestantische oder die alt-katholische, im Volksmund Jan s enitenkirche genannt. Wenn wir ihm gegenü ber mal bemerkten: ‚ Aber, van Gogh, wie kannst du nur in drei Kirchen mit so stark voneinander abweichenden Richtungen gehen? ‘ , dann sagte er: ,Nun, in jeder Kirche sehe ich Gott, und ob der Pastor predigt oder der katholische Pfarrer, das ist mir gleich, im Dogma steckt es nicht, sondern im Geist des Evangeliums, und diesen Geist finde ich in allen Kirchen. ‘“ [32]
Nachdem er aus der Sicht der Eltern als Hä ndler versagt hat , hofft van Gogh, vom Vater jetzt anerkannt zu werden, da er in seine Fuß stapfen tritt. Pastor van Gogh sieht den religiö sen Eifer seines Ä ltesten indes sehr kritisch, sprengt Vincents Auffassung vom „ Geist des Evangeliums“ doch die Grenzen der Amtskirche. Dennoch verwendet er sich bei seinen in Amsterdam lebenden Brü dern Cornelius und Jan fü r seinen Ä ltesten. Die beiden Onkel erklä ren sich bereit, ihren Neffen zu unterstü tzen: der eine mit Geld, der andere mit Kost und Logis. Im Mai 1877 beginnt van Gogh i n Amsterdam mit den Vorbereitungen auf das Studium. Nach einem Jahr bricht er sie wieder ab. Dass er den Lernstoff nicht bewä ltigt hat, ist relativ unwahrscheinlich. Immerhin hatte er ohne Schwierigkeiten in der Schule mehrere Fremdsprachen gelernt; einen groß en Teil seiner Briefe schrieb er spä ter auf Franzö sisch. Ausschlaggebend war eher, dass er, der danach drä ngte, zu predigen und Gutes zu tun, nicht die Geduld fü r griechische Grammatik auf bringen konnte. Der Sprachlehrer Mendes da Costa beschreibt sein en Schü ler: „ Wie ich es auch anstellte, was fü r Mittel ich auch anwandte , um das Lernen der Verben mö g lichst wenig langweilig zu machen, es wollte nicht gelingen. ,Mendes ‘ , sagte er, [… ],glaubst du denn wirklich, dass solche Scheuß lichkeiten nö tig sind fü r jemand, der will, was ich will: arme Geschö pfe mit ihrem Dasein auf Erden aussö hnen? ’“ [33]
Im Sommer 1878 geht van Gogh nach Brü ssel, um sich auf der dortigen Missionsschule ausbilden zu lassen. Auch diesen Unterricht beendet er ra sch, nach der dreimonatigen Probezeit, und bewirbt sich als Prediger in dem belgischen Bergbaugebiet Borinage. Im Januar 1879 erhä lt er eine provisorische Anstellung fü r sechs Monate. Als ein Inspektor des Comité d ’É vangé lisation entdeckt, dass der neue P r ediger die Worte der Bibel wö rtlicher nimmt, als es der Kirchenobrigkeit lieb ist, wird sein Vertrag nicht verlä ngert. Pastor Bonte, der in einem Nachbarort Dienst tat, charakterisiert van Gogh: „ Er fü hlte sich gehalten, den ersten Christen nachzueifern, a lles zu opf ern, was er ent behren konnte; er wollte ä rmer sein als die meisten Bergarbeiter, denen er das Evangelium predigte. [… ] Mit Vorliebe ging er zu den Allerunglü cklichsten, zu den Verunglü ckten, den Kranken, und blieb lange bei ihnen; er war zu alle n Opfern bereit, wenn es galt, ihnen Erleichterung zu bringen.“ [34]
Sein ,Scheitern ‘ als Prediger zieht den Bruch mit der Kirche nach sich, da van Gogh erkennt, dass sie nur von Konventionen, nicht von Menschenlie be bestimmt wird. Der Konflikt mit der Institution Kirche wirkt sich auch auf sein Verhä ltnis zur Familie aus. Pastor van Gogh reagiert auf das abermalige ,Versagen ‘ seines Sohnes mit der Drohung, ihn zu entmü ndigen und in die belgische Nervenklinik Gheel einweisen zu lassen. Das geht aus einem spä teren Brief van Goghs a n Theo hervor, der bis vor kur zem nur in gekü rzter Fassung bekannt gewesen ist und von dem Kunsthistoriker Matthias Arnold rekonstruiert wurde: „ Dies verursacht mir nun viel Schmerz und Sorg e, aber ich kann nicht glauben, dass ein Vater Recht daran tut, wenn er seinen Sohn verflucht und (denke ans letzte Jahr) ihn in ein Irrenhaus bringen will (etwas, dem ich mit aller Macht entgegentrete) [… ].“ [35]
Nach dem Tod des Va ters 1885 drü ckt van Gogh seine Vorwü rfe gegen Vater und Kirche in zwei Stillleben aus: Das eine zeigt einen Strauß von Blumen, die in Holland Judassilber genannt werden; neben der Vase liegen Pfeife und Tabaksbeutel des Vaters. Das zweite besteht aus eine

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