Das Buch der Wunder
210 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

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Description

Marco Polo wurde im mittelalterlichen Venedig in eine wohlhabende Händlerfamilie geboren. Nach einer 24-jährigen Reise durch Fernost beschrieb er im Jahre 1299 seine Abenteuer einem seiner Mitgefangenen, einem Schriftsteller von Abenteuerromanen namens Rustichello da Pisa. Das vorliegende Buch nimmt eines der ersten Originalmanuskripte des "Il milione" zum Vorbild, das mit auf den Beschreibungen des Marco Polo basierenden Illustrationen ausgeschmückt war, und bringt dem Leser die Reise des Venezianers mit einer reichen Auswahl an Kunstwerken näher.

Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 15 septembre 2015
Nombre de lectures 0
EAN13 9781783106950
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 4 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0025€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

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Autor(en):
Marco Polo
Einleitung und Schlussbemerkung von John Masefield

Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam

© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
Image-Bar www.image-bar.com

© asipeo/Loi Nguyên Khoa (alle Rechte vorbehalten)

Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

ISBN: 978-1-78 310 - 695 - 0
DAS BUCH
DER WUNDER

Auf den Spuren des
Marco Polo
Gaetano Bonutti , Der venezianische Reisende Marco Polo , um 1295. Gravur.
Hulton Archive/Getty Images.
Inhalt


Vorwort & Einleitung
Vorwort
Einleitung
Erstes Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel.
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
Zweites Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
Drittes Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Schlussbemerkung
Abbildungsverzeichnis

Vorwort & Einleitung


Vorwort
Nie haben sich günstigere Umstände und eigentümlichere Verhältnisse für einen Reisenden bei Ausführung seiner Unternehmungen vereinigt als bei Marco Polo (um 1254-1324). Der Aufenthalt und die Reisen des venezianischen Händlers in Asien fallen in die merkwürdigste Geschichtsepoche dieses Erdteils, der damals den Europäern noch eine ‚Terra incognita’ war. Dschingis Khan (um 1155/1162 oder 1167-1227) und seine Nachfolger hatten die weiten Länderstrecken West- und Hochasiens der Mongolenherrschaft unterworfen, sein Enkel Kublai Khan (1215-1294) vollendete die Eroberung Chinas, des damals kultiviertesten, menschen- und schätzereichsten Staates der Welt, und begründete für die Dauer seiner Regierung ein Reich, das in seinem ungeheuren Umfang einzig in der Geschichte blieb.
Marco Polo kam mit seiner Familie an den Hof des Großkhans der Tartaren; der mächtige scharfblickende Herrscher erkannte die Kräfte des reichbegabten Jünglings und vertraute ihm vielerlei Sendungen in verschiedene Länder seines Reiches an. In eigenem Forschertrieb benutzte der Venezianer die Gunst der gebotenen Stunde, sich überall umzuschauen und die Sitten und Gebräuche der Völker, die Einrichtungen der Staaten, die physischen Eigentümlichkeiten der Länder und die Verhältnisse der Städte zu erkunden um von alledem, ein scharfgezeichnetes Bild zu entwerfen. Fast alles, was der Europäer erlebte, musste ihm neu und ungewöhnlich erschienen sein, und in der strengen einfachen Darstellung der Dinge, wie seltsam und unerhört sie auch waren, besteht die Größe Marco Polos. Wie sehr auch die Zeitgenossen und die nachkommenden Generationen die Wichtigkeit der Mitteilungen des Venezianers fühlten, so war ihnen doch alles, was darin abgehandelt wurde, so neu, seltsam und fremd, dass sie den Autor vielfach verkannten. Das Werk wurde von unkundigen Abschreibern sehr verstümmelt und von den Lesern lange missverstanden. Erst durch die Forschungen und Erklärungen bedeutender orientalischer Sprachforscher, Historiker und Geografen sind die Reisen Marco Polos zu der Würdigung und Anerkennung gekommen, die sie in so reichem Maße verdienen.
August Brück

Einleitung
Hochasien, das im Norden von den Bergketten begrenzt wird, die es von Sibirien trennen, im Süden von Korea, China, Tibet, dem Sihoun Fluss und dem Kaspischen Meer, diese ungeheure Länderstrecke, die sich von der Wolga bis zum Japanischen Meer ausbreitet, wird seit jeher von Nomadenvölkern bewohnt, die dem türkischen, tartarischen (mongolischen) sowie dem tschurtschen (tungusischen) Volksstamm angehören, eine Einteilung, die sich mehr durch die Verschiedenheit der Sprachen dieser Völker, als durch ihre physischen Eigentümlichkeiten ergibt. Die Geschichte Chinas erwähnt schon in frühesten Zeiten die Nomadenbewohner Hochasiens als die „Barbaren des Nordens“. Um China vor den Einfallen dieser Barbaren zu schützen, wurde ungefähr zweieinhalb Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung die große Chinesische Mauer errichtet, die den ganzen Rand jenes großen Reiches einfasst. Doch niemals konnte die Mauer China vor feindlichen Einfällen schützen. Die Chinesische Regierung hatte die Gewohnheit, ganze Horden dieser Barbaren in ihren Dienst zu nehmen, die sich an den nördlichen Grenzen des Reichs herumtrieben, um diese gegen die anderen Völker der Tartarei zu verteidigen. Freilich war ihr dieses System oft nachteilig. Das sicherste Mittel, sich vor ihren Waffen zu schützen, war Uneinigkeit unter ihren Anführern zu erhalten; in dieser Sorge bestand ein hauptsächlicher Gegenstand der Chinesischen Politik.
Petrus Vesconte , Wasseratlas des Mittelmeers, Genua, 1313. Viertes Blatt: Östliches Mittelmeer, die Küsten Asiens und Afrikas.
Die Küste von Morea, Rhodos, Kreta und das Nildelta. Sechs Karten,
illuminierte Handschrift auf Pergament, verschiedenen Maßstäbe,
jeweils 48 x 40 cm . Bibliothèque nationale de France, Paris.
Petrus Vesconte , Wasseratlas des Mittelmeers, Genua, 1313.
Sechstes Blatt: Westliches Mittelmeer. Sechs Karten,
illuminierte Handschrift auf Pergament, verschiedenen Maßstäbe,
jeweils 48 x 40 cm . Bibliothèque nationale de France, Paris.


Begünstigt durch ihre Zwistigkeiten machten sich die Kaiser von China zu Oberherren dieser Nomadenvölker; sie erhielten die Huldigung von ihren Tanjus oder Khans, verliehen ihnen Ehrentitel, belehnten sie, indem sie ihnen ein Siegel, ein Diplom, ein königliches Gewand, eine Standarte und Pauken gaben. Waren aber diese Horden unter der Macht eines geschickten und ehrgeizigen Anführers vereinigt, so schrieben sie dem Herrscher von China Gesetze vor. Er war genötigt, den Frieden durch einen jährlichen Tribut in Silber und Seidenstoff zu erkaufen; er musste die unersättliche Habgier der Tartarischen Prinzen befriedigen; Gesandtschaften wurden ihm geschickt, um Geschenke zu erhalten, die in Seidenstoffen, Leinwand, Tee und Silber bestanden, und die Prinzessinnen aus seiner Familie konnte er den Königen dieser Nomaden zur Ehe nicht verweigern. Im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts wurde der westliche Teil des beschriebenen Erdstrichs von türkischen Nationen bewohnt, den Kirgisen, Uiguren, Oghusen, Kiptschaks, Karluken, Kankalis, Calladsches, Agatscheri usw.; Völker, die seit mehr als fünf Jahrhunderten den meisten mahomedanischen Ländern Asiens und Afrikas Herrscher gegeben haben. Die östlichen Gegenden, im Morgen der Berge Hingan, wo der Fluss Eongar seine Quellen hat, gehörten Nationen der Tungusischen Rasse, die damals den nördlichen Teil Chinas inne hatten und deren Nachkommen heutzutage die Herren dieses ganzen Reiches sind. Die zwischenliegenden Gegenden, im Norden der großen Wüste Schamo, waren besetzt von Völkern der Tartarischen Rasse, die unter den Fahnen Dschingis Khans vereinigt, fast ganz Asien und den Osten Europas mit Blut und Ruinen bedeckten. Diese Tartarischen Nationen, die dem Reiche Kin tributbar waren, hatten unter einander eine große Ähnlichkeit in ihren Gesichtszügen, Sprachen, Sitten, Gebräuchen und ihrem Aberglauben. Die Herrschaft der Mongolen reichte vom Japanischen Meer bis an die Grenzen Deutschlands, das ganze Russland war ihr unterworfen; doch waren sie nach der furchtbaren Schlacht bei Liegnitz, wo sie das deutsch-polnische Heer, aber erst nach langem tapferen Widerstand, vernichtet hatten, nicht weiter vorgedrungen. Man hatte von den ungeheuren Schätzen gehört, welche an dem Herrschersitz der Horden, namentlich am Hof des Großkhans, angehäuft waren. Nach den ersten gräuelvollen Unterwerfungskämpfen war einige Ruhe in dem weiten Reich eingetreten und Neugier und Gewinnsucht mochte Einzelne aus zivilisierten Staaten antreiben, den Gefahren zu trotzen und an die Höfe der Mongolenhorden zu kommen; so die Venezianer, deren Reisen und Beobachtungen den Inhalt unseres Buchs abgeben.
Andrea Polo da S. Felice, ein Patrizier oder Edelmann von Venedig, aber von dalmazischem Geschlecht, hatte drei Söhne, Namens Marco, Maffeo und Nicolo, von denen der zweite, welcher der Onkel, und der dritte, welcher der Vater unsers Autors ist, Kaufleute der reichen und stolzen Stadt waren, wo der Handel in höchster Achtung stand und in weitester Ausdehnung von ihren ersten Würdenträgern verfolgt wurde. Diese Brüder, die ein gemeinschaftliches Geschäft gehabt zu haben scheinen, getrieben von dem unternehmenden spekulativen Geist, durch welchen ihre Landsleute sich auszeichneten und der vom Staat besonders unterstützt wurde, schifften sich zusammen zu einer Handelsreise nach Konstantinopel ein, zwischen welcher Stadt und Venedig die engste Verbindung zu der Zeit bestand. Konstantinopel war dem griechischen Kaiser durch die vereinigten Waffen Frankreichs und der Republik entrissen worden, und die Repräsentanten der letzteren hatten in Verbindung mit Balduin II. bedeutenden Anteil an der kaiserlichen Regierung. Über die Zeit, zu welcher unsere beiden Kaufleute dahin kamen, herrscht eine große Verschiedenheit der Angaben. Die größere Zahl der Manuskripte und gedruckten Ausgaben setzt sie in das Jahr 1250, einige 1252 und andere widersinniger Weise 1269; aber das Verhältnis zusammentreffender Umstände zeigt, dass ihre Abreise von Konstantinopel (und es ist nicht gesagt, dass sie Aufenthalt begegnet seien) nicht eher als 1254 oder 1255 stattgefunden haben kann. Ihre Reise und Abenteuer, wie ihre Rückkehr nach Italien und zweite Reise in Begleitung des Sohnes Nicolos, Marco, wird vom Letztgenannten in diesem Werk selbst geschildert. Erst im Jahr 1295 kehrten sie nach vierundzwanzig Jahren Abwesenheit in ihr Vaterland zurück.
Angelino Dulcert , Karte des Mittelmeer- und des Ostseeraums,
Mallorca, 1339. Karte des Baltischen Meeres, der Nordsee,
dem Atlantik östlich des Mittelmeers, des Schwarzen Meeres und
des Roten Meeres. Aus zwei Pergamentseiten zusammengesetzte Karte,
Buchmalerei, 75 x 102 cm . Bibliothèque nationale de France, Paris.
Guillelmus Soleri , Karte vom Mittelmeer und Atlantik (Detail), Mallorca, 1380.
Karte des östlichen Atlantiks, des Mittelmeeres,
dem Schwarzen Meer und des Rote Meeres. Karte,
illuminierte Handschrift auf Pergament, 65 x 102 cm .
Bibliothèque nationale de France, Paris.
Albertinus Virga , Karte des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres, Venedig, 1409. Karte von
einem Teil des Nord-Ost-Atlantiks, des Mittelmeeres
und des Schwarzen Meeres mit Flussmündungen.
Karte, illuminierte Handschrift auf Pergament,
43 x 68 cm . Bibliothèque nationale de France, Paris.
Marco Polo verlässt Venedig auf seiner berühmten Reise in den Fernen Osten , aus dem Roman d ’ Alexandre, um 1400. Bodleian Library, Oxford.


Erstes Buch


1. Kapitel
1) Der Leser möge wissen, dass zu der Zeit, als Balduin II., Graf von Flandern und Vetter Ludwigs IX., Kaiser von Konstantinopel war, wo sich ein Statthalter des Dogen von Venedig befand, und im Jahre 1250 unseres Herrn, Nicolo Polo, der Vater Marcos, und Maffeos (oder Matteos), der Bruder Nicolos, Venezianer aus edler Familie und ehrenwerte und wohlunterrichtete Männer, nach jener Stadt mit einer reichen Schiffsladung von Waren kamen. Nach reiflicher Überlegung, was sie ferner unternehmen sollten, fassten sie den Entschluss, um wo möglich ihr Handelskapital zu vermehren, ihre Reise durch den Eurinus oder das Schwarze Meer fortzusetzen. In dieser Absicht machten sie Einkäufe von vielen schönen und kostbaren Edelsteinen, verließen Konstantinopel und schifften durch jenes Meer nach einem Hafen, Soldaia genannt, von wo sie zu Lande reisten, bis sie den Hof eines mächtigen Herrn der westlichen Tartaren, Namens Barka, erreichten, der in den Städten Bolgar und Assara seinen Sitz hatte und im Rufe stand, einer der freigebigsten und gebildetsten Fürsten zu sein, den man bislang unter den Stämmen der Tartarei gekannt hatte. Er war erfreut über die Ankunft unserer Reisenden und empfing sie mit Auszeichnung. Als sie die Juwelen, welche sie mitgebracht hatten, vor ihm niederlegten und erkannten, dass solche ihm wohl gefielen, boten sie sie ihm zum Geschenk an. Der Khan bewunderte die freigebige Höflichkeit der beiden Brüder und weil er sich von ihnen an Großmut nicht übertreffen lassen wollte, ließ er ihnen nicht allein den doppelten Wert der Juwelen auszahlen, sondern fügte dem auch noch verschiedene reiche Geschenke bei.
Als sie ein Jahr in den Ländern dieses Fürsten gelebt hatten, überkam sie der Wunsch, in ihr Vaterland zurückzukehren, was jedoch durch einen Krieg zwischen ihrem Gönner und einem anderen Khane, Namens Alau, der die östlichen Tartaren beherrschte, verhindert wurde. In der von den beiden Armeen ausgetragenden Schlacht siegte der Letztere und Barkas Truppen erlitten eine vollkommene Niederlage. Da die Straßen in Folge dieses Ereignisses unsicher für Reisende geworden waren, konnten unsere Venezianer es nicht wagen, auf dem Wege, den sie gekommen waren, zurückzukehren; und es wurde ihnen, als die einzig mögliche Weise Konstantinopel zu erreichen, empfohlen, sich in östlicher Richtung auf eine wenig besuchte Bahn zu wenden, so dass sie an den Grenzen von Barkas Gebiet hingingen. Demzufolge nahmen sie ihren Weg nach einer Stadt, Namens Oukaka, die an den Grenzen des Königreichs der westlichen Tartaren liegt. Als sie diesen Platz verlassen hatten und weiter wanderten, setzten sie über den Tigris, einen der vier Flüsse des Paradieses, und kamen in eine Wüste, die sich siebzehn Tagereisen weit ausdehnte, und in der sie weder Stadt noch Schloss, noch andere Gebäude fanden, sondern nur Tartaren mit ihren Herden, die unter Zelten oder auf dem freien Feld lagerten. Als sie diese durchwandert hatten, erreichten sie endlich eine wohlgebaute Stadt, Namens Bokhara, in einer Provinz desselben Namens, die zum Perserreich gehörte, aber unter einem Fürsten stand, der Barak hieß.
Es begab sich aber, dass zu dieser Zeit ein Mann von großem Ansehen und außerordentlichen Gaben in Bokhara erschien. Er war als Gesandter von dem schon erwähnten Alau an den Großkhan, den obersten Fürsten aller Tartaren, der Kublai Khan hieß und seinen Herrschersitz am äußersten Ende des Festlands hatte, in einer Richtung zwischen Nordosten und Osten. Der Gesandte hatte, wie sehr er es auch wünschte, zuvor noch keine Gelegenheit gehabt, Leute aus Italien zu sehen, und war daher sehr erfreut, unsere Reisende, die jetzt einigermaßen erlernt hatten, sich in tartarischer Sprache auszudrücken, zu treffen und sich mit ihnen zu unterhalten. Nachdem er mit ihnen mehre Tage in Gesellschaft gewesen war und ihm ihre Sitten zusagten, schlug er ihnen vor, dass sie ihn zu dem Großkhan begleiten sollten, der sehr erfreut sein würde über ihr Erscheinen an seinem Hofe, denn dieser sei bis jetzt von Leuten aus ihrem Lande noch nicht besucht worden; und gab ihnen die Versicherung, dass sie ehrenvoll empfangen werden und ihnen reiche Gaben zukommen würden. Überzeugt wie sie waren, dass wenn sie es unternehmen wollten in ihre Heimat zurückzukehren, sie sich den größten Gefahren aussetzen würden, willigten sie in sein Anerbieten und setzten, sich dem Schutze des Allmächtigen empfehlend, ihre Reise im Gefolge des Gesandten fort, begleitet von mehren christlichen Dienern, die sie aus Venedig mitgebracht hatten. Die Richtung, die sie dort einschlugen, war zwischen Nordost und Nord, und es verging ein ganzes Jahr, ehe sie die kaiserliche Residenz erreichen konnten, wegen der außerordentlichen Verzüge, die vom Schnee und von den Überschwemmungen der Flüsse veranlasst wurden, die sie nötigten zu verweilen, bis jener geschmolzen war und die Fluten sich wieder verlaufen hatten. Viele bewundernswürdige Dinge sahen sie während ihrer Reise, die wir aber hier nicht erwähnen, da diese von Marco Polo in den folgenden Büchern beschrieben werden sollen.
2) Als die Reisenden dem Großkhan vorgestellt wurden, empfing sie derselbe mit der Huld und Herablassung, die seinem Charakter eigen war, und da sie die ersten Italiener waren, die in diesem Land erschienen, wurden ihnen Feste und andere Beweise von Auszeichnung gegeben. Er ließ sich freundlich in ein Gespräch mit ihnen ein und erkundigte sich über die westlichen Teile der Erde, über den römischen Kaiser und andere christliche Könige und Fürsten. Er ließ sich Mitteilungen geben über die Macht derselben, die Größe ihrer Länder, die Art der Gerechtigkeitspflege in ihren verschiedenen Königreichen und Fürstentümern, über ihre Kriegsführung und vor allem und ganz besonders fragte er sie nach dem Papst, den Angelegenheiten der Kirche, der Gottesverehrung und den heiligen Lehren der Christen. Da sie wohlunterrichtet und bescheidene Männer waren, gaben sie ihm so gut es ging Auskunft über alle diese Punkte, und da sie mit der tartarischen (mongolischen) Sprache vollkommen vertraut waren, drückten sie sich immer in geeigneten Worten aus, sodass der Großkhan, bei dem sie in hohen Ehren standen, sie häufig zu sich rufen ließ.
Als er nun alles in Erfahrung gebracht hatte, was ihm die beiden Brüder in so verständlicher Weise mitgeteilt hatten, erklärte er sich sehr zufrieden mit ihnen, und da er bei sich den Entschluss gefasst hatte, sie als seine Abgesandten an den Papst zu verwenden, machte er ihnen, nachdem er mit seinen Ministern Rat gehalten hatte, in gar freundlicher Weise den Vorschlag, dass sie einen seiner Offiziere, namens Khogatal, auf einer Mission an den Stuhl zu Rom begleiten sollten. Seine Absicht, sagte er ihnen, wäre seine Heiligkeit zu bitten, dass er ihm hundert gelehrte Männer schicken möge, die sowohl durchaus vertraut seien mit den Grundsätzen der christlichen Religion, als auch mit den sieben Wissenschaften und dazu befähigt, den Gelehrten seines Reiches mit klugen und rechten Beweisgründen darzutun, dass der Glaube, zu dem sich die Christen bekennten, höher stehe und auf größerer Wahrheit beruhe, als irgendein anderer; dass die Götter der Tartaren und die Götzenbilder, die in ihren Häusern verehrt würden, nichts anderes seien als böse Geister, und dass sie mit allen Völkern des Ostens in Irrtum begriffen seien, dieselben als Gottheiten zu verehren. Weiter sagte er ihnen, welches Vergnügen er empfinden würde, wenn sie bei ihrer Rückkehr etwas von dem heiligen Öl aus der Lampe mitbringen würden, die ewig über dem Grab unseres Herrn Jesus Christi brenne, für den er hohe Verehrung hege und den er als den wahren Gott erkenne. Als sie vom großen Kahn diese Befehle vernommen hatten, warfen sie sich vor ihm nieder und erklärten ihm augenblickliche Bereitwilligkeit und ihren eifrigen Gehorsam, das mit Aufopferung aller ihrer Kräfte zu vollführen, was sein kaiserlicher Wille ihnen auferlege. Hierauf befahl er, dass in seinem Namen an den Papst zu Rom Briefe in tartarischer Sprache abgefasst und ihnen in ihre Hände übergeben werden sollten. Auch ließ er ihnen eine goldene Tafel geben, auf welche das kaiserliche Zeichen eingegraben war, nach dem Gebrauch, den Seine Majestät eingeführt hatte: „Der, dem diese Tafel verliehen, wird mit samt seinem Gefolge von den Gouverneuren aller Platze in den kaiserlichen Ländern von Station zu Station sicher geleitet und ist während der Zeit seines Aufenthaltes in jedweglicher Stadt, jedem Schloss oder Hof zu einer Lieferung von Lebensmitteln und jedes Dinges, das er zu seiner Bequemlichkeit nötig hat, berechtigt.“
Vaterhaus des Marco Polo. Venedig.
Meister von Boucicaut , Marco Polo mit Elefanten und Kamelen, Ankunft in Hormuz am Persischen Golf von Indien aus (Detail) , aus dem Livre des Merveilles du Monde, um 1410-1412.
Pergament, 42 x 29,8 cm . Bibliothèque nationale de France, Paris.
Sultan Sanja r aufgelauert von einer alten Frau, die sich über das Fehlverhalten seiner Truppen beschwert, aus dem Buch Khamsa ,
um 1539-1543. British Library, London.


In so ehrenvoller Bestellung nahmen sie ihren Abschied von dem Großkhan und begannen ihre Reise. Kaum aber waren sie zwanzig Tagereisen weit gekommen, als der Offizier, ihr Gefährte, gefährlich krank wurde. In dieser unangenehmen Lage wurde, nachdem sie sich mit Allen, die gegenwärtig waren, beraten hatten und mit Beistimmung des Mannes selbst, beschlossen, ihn zurückzulassen. Bei der Fortsetzung ihrer Reise kam es ihnen sehr zu statten, dass sie die königliche Tafel bei sich führten, die ihnen überall wohin sie kamen die beste Aufnahme bereitete. Alles was sie brauchten, wurde ihnen ohne Zahlung gewährt und ihnen Führer und Begleitung mitgegeben. Aber ungeachtet dieser Vorteile – so groß waren die natürlichen Schwierigkeiten, die sie zu beseitigen hatten, von der außerordentlichen Kälte, dem Schnee, dem Eis und den Überschwemmungen der Flüsse – konnten sie nur langsam vorwärtsschreiten und drei Jahre vergingen, bevor sie einen Seehafen in Kleinarmenien, namens Giazza (Ajas), erreichen konnten. Von da reisten sie zur See und kamen im April 1269 nach Acre. Dort erfuhren sie zu ihrem nicht geringen Schrecken, dass Papst Clemens IV. vor Kurzem (am 23. November 1268) gestorben sei. Ein Legat, den er, eingesetzt hatte, namens M. Tebaldo de’ Visconti di Piacenza, residierte zu der Zeit in Acre und diesem statteten sie Bericht ab, mit welchen Aufträgen sie von dem Großkhan der Tartarei betraut worden seien. Er riet ihnen unter allen Umständen, die Wahl eines anderen Papstes abzuwarten, und wenn diese stattgefunden habe, bei demselben ihre Botschaft auszurichten. Sie fanden, dass dieser Rat gut sei und beschlossen, die Zwischenzeit zu einem Besuch bei ihrer Familie zu verwenden. Mit dem Schiff fuhren sie über Negropont nach Venedig, wo Nicolo Polo herausfand, dass sein Weib, welches er bei seiner Abreise schwanger zurückgelassen hatte, gestorben war, nachdem sie ihn mit einem Sohne beschenkt hatte, der den Namen Marco erhalten und jetzt fünfzehn Jahre alt war. Dies ist der Marco, von dem das gegenwärtige Buch verfasst ist, und der darin einen Bericht gibt über alle die Dinge, die er mit Augen gesehen hat.
3) In der Zwischenzeit wurde die Wahl des Papstes durch so viele Hindernisse verzögert, dass sie zwei Jahre in Venedig blieben, immer in der Erwartung, dass sie vor sich gehen würde; aber es besorgte sie, dass dem Großkhan ihr langes Ausbleiben missfallen würde, oder dass er glauben könnte, sie hätten die Absicht, nicht wieder in sein Land zu kommen, und hielten es daher für ratsam, nach Acre zurückzukehren. Bei dieser Gelegenheit nahmen sie den jungen Marco Polo mit sich. In feierlicher Bestätigung des Legaten besuchten sie Jerusalem und versahen sich mit einigem Öl von der Lampe des heiligen Grabes, wie sie vom Großkhan angewiesen worden waren. Darauf nahmen sie den Brief des Legaten an jenen Fürsten in Empfang, in dem ihnen über die Treue, mit welcher sie sich bemüht hätten, seinen Aufträgen nachzukommen, Zeugnis gegeben und erklärt wurde, dass das Oberhaupt der christlichen Kirche bis jetzt noch nicht erwählt worden sei; und zogen weiter nach dem vorerwähnten Hafen Giazza. Kaum aber waren sie abgereist, als der Legat einen Boten aus Italien empfing, abgesendet vom Kollegium der Kardinäle, die ihm seine eigene Erhebung auf den päpstlichcn Stuhl verkündigten, in Folge dessen er den Namen Gregor X. annahm. Indem er nun bedachte, dass er jetzt selbst im Stande sei, den Wünschen des tartarischen Monarchen vollkommen nachzukommen, beeilte er sich, Briefe an den König von Armenien zu schicken, in denen er ihm seine Wahl mitteilte und ihn bat, gesetzt den Fall die beiden Gesandten, die auf dem Wege nach dem Hof des Großkhans seien, hätten sein Reich noch nicht verlassen, ihnen die Weisung zu geben, sogleich zurückzukehren. Diese Briefe trafen sie schon in Armenien, und mit freudigster Hast gehorchten sie der Aufforderung, noch einmal nach Acre zu eilen, für welchen Zweck ihnen der König eine Galone gab und zu gleicher Zeit eigene Gesandte schickte, welche dem christlichen Oberhaupt seine Glückwünsche überbrächten.
Seine Heiligkeit empfing sie mit großer Auszeichnung, bereitete ihnen schleunigst päpstliche Briefe und gab ihnen zwei Mönche vom Predigerorden mit, die sich zufällig zur Stelle befanden sowohl Männer von Kenntnis und Gelehrsamkeit als auch tieferfahrene Theologen. Der eine hieß Fra Nicolo da Vicenza und der andere Fra Guglielmo di Tripoli. Diesen gab er Freiheit und Ermächtigung, Priester zu weihen, Bischöfe zu ernennen und Absolution zu erteilen. Auch übergab er ihnen wertvolle Geschenke und unter diesen verschiedene schöne Kristallvasen, die sie dem Großkhan in seinem Namen und mit seinem Segen überreichen sollten. Sie nahmen Abschied und richteten wiederum ihren Weg nach dem Hafen von Giazza, wo sie landeten und weiter nach Armenien reisten. Hier erfuhren sie, dass der Sultan von Babylonien, namens Bundokdari, das Armenische Land mit einem großen Heer überfallen und in weiter Ausdehnung überwältigt und verwüstet habe. Darüber erschraken die beiden Mönche, und für ihr Leben fürchtend, beschlossen sie nicht weiter zu ziehen. Sie überlieferten den Venezianern die Briefe und Geschenke, die ihnen vom Papst anvertraut worden waren, begaben sich selbst unter den Schutz des Meisters der Tempelherren und kehrten mit diesem sogleich zur Küste zurück. Nicolo, Maffeo und Marco aber gingen unerschrocken den Gefahren und Hindernissen, an die sie schon lange gewöhnt waren, entgegen, überschritten die Grenze von Armenien und verfolgten ihre Reise weiter. Nachdem sie die Wüste mehrere Tagereisen weit durchwandert und manche gefährliche Orte berührt hatten, kamen sie so weit in einer Richtung von Nordost und Nord, dass sie endlich Nachricht über den Großkhan erhielten, der damals seine Residenz in einer großen und prächtigen Stadt, namens Chemenfu, hatte. Ihre ganze Reise bis zu diesem Ort dauerte nicht weniger als dreieinhalb Jahre; denn während der Wintermonate konnten sie nur unbedeutende Strecken vorwärts kommen. Als aber der Kaiser hörte, dass sie kamen, obwohl sie noch weit entfernt waren, und er erkannte, wie viel sie zu erdulden gehabt hatten, schickte er ihnen seine Boten vierzig Tagereisen entgegen und gab Befehl, ihnen in allen Plätzen, durch die sie ziehen müssten, zu bereiten, was immer zu ihrer Bequemlichkeit nötig sei. Auf diese Weise und mit dem Segen Gottes wurden sie in Sicherheit an den königlichen Hof geleitet.
4) Bei ihrer Ankunft wurden sie von dem Großkhan in voller Versammlung der tartarischen Fürsten und Herren ehrenvoll und gnädig empfangen. Als sie sich seiner Person näherten, bezeugten sie ihre Ehrerbietung, indem sie sich an der Tür mit dem Angesicht niederwarfen. Er befahl ihnen sogleich, sich zu erheben und ihm die Umstände ihrer Reise zu erzählen, mit allem, was bei ihrer Unterhaltung mit Seiner Heiligkeit dem Papste stattgefunden habe. Sie erzählten nun die Ereignisse in guter Ordnung und der Kaiser hörte ihnen mit besonderer Aufmerksamkeit zu. Die Briefe und die Geschenke vom Papst Gregorius wurden dann vor ihm hingelegt, und nachdem er die ersteren gelesen hatte, lobte er die Treue, den Eifer und den Fleiß seiner Gesandten, und indem er mit gebührender Ehrfurcht das Öl vom heiligen Grab in Empfang nahm, gab er Befehl, dass es mit religiöser Sorgfalt aufbewahrt werden solle. Er bemerkte Marco Polo und fragte, wer er wäre. Nicolo Polo antwortete, es sei sein Sohn und der Diener Seiner Majestät. Da geruhte der Großkhan ihn unter seinen besonderen Schutz zu nehmen und ernannte ihn zu einem seiner Ehrenbegleiter. In Folge dessen wurde nun Marco von allen denen, die zum Hofe gehörten, in hohen Ehren und großer Würde gehalten. In kurzer Zeit wurde er mit den Sitten der Tartaren bekannt, wusste sie sich zu eigen zu machen und begriff die verschiedenen Sprachen der Tartaren, so dass er sie nicht allein verstand, sondern auch lesen und schreiben konnte. Als sein Herr ihn so fähig fand, wollte er erkunden, wie er sich in Geschäftsangelegenheiten anstelle, und sandte ihn in einer wichtigen Staatssache nach einer Stadt, namens Karazan, die sechs Monatreisen von der kaiserlichen Residenz entfernt lag. Bei dieser Gelegenheit benahm sich Marco mit solcher Weisheit und Klugheit in Ausführung der ihm anvertrauten Angelegenheiten, dass er noch höher in der Gnade des Kaisers stieg. Als er nun seinerseits wahrnahm, dass der Großkhan viel Vergnügen bezeugte, seine Berichte zu hören über alles was neu war in Bezug auf Sitten und Gebräuche des Volkes und über die besonderen Verhältnisse ferner Länder, bestrebte er sich, wohin er ging, genaue Nachricht über diese Gegenstände zu erlangen, und machte sich Bemerkungen über alles, was er sah und hörte, um den Kaiser in seiner Wissbegierde zu befriedigen. Während der siebzehn Jahre, die er in seinen Diensten zubrachte, zeigte er sich so nützlich, dass er zu vertraulichen Missionen in jeden Teil des Reichs gesendet wurde. Zuweilen reiste er auch in seinen eigenen Angelegenheiten, aber immer mit der Zustimmung und Bestätigung des Großkhans. Unter solchen Umständen geschah es, dass Marco Polo Gelegenheit hatte, sich sowohl durch sich selbst als auch durch die Mitteilungen Anderer Kenntnis zu erwerben von so vielen Dingen der östlichen Teile der Welt, die bis zu seiner Zeit unbekannt waren, und die er fleißig und regelmäßig niederschrieb, wie es sich im Folgenden zeigen wird.
Schatzkammer der Umayyaden-Moschee,
789. Damaskus, Syrien.
Schatzkammer der Umayyaden-Moschee (Detail),
789. Damaskus, Syrien.
Schatzkammer der Umayyaden-Moschee (Detail),
789. Damaskus, Syrien.
Innenhof der Umayyaden-Moschee (Detail),
706-715. Damaskus, Syrien.


5) Unsere Venezianer hatten nun viele Jahre an dem kaiserlichen Hof gelebt, in dieser Zeit viele Reichtümer erworben in Juwelen von Wert und in Gold und fühlten große Sehnsucht nach ihrem Vaterlande; und obwohl sie in großen Ehren von dem Khan gehalten wurden, war dieses Gefühl bei ihnen doch vorherrschend. Zum festen Entschluss aber kamen sie, als sie bedachten, wie sehr der Khan im Alter vorgerückt sei; sein Tod aber, wenn er sich vor ihrer Abreise ereignen sollte, würde sie des öffentlichen Beistandes berauben, durch welchen sie allein erwarten konnten, die unzähligen Schwierigkeiten einer so langen Reise zu überwinden und ihre Heimat in Sicherheit zu erreichen, während sie bei seinen Lebzeiten und durch seine Gunst wohl mit Recht hoffen konnten, sie auszuführen. Nicolo Polo nahm daher eines Tages die Gelegenheit, als er ihn mehr als gewöhnlich freundlich fand, sich ihm zu Füßen zu werfen und ihn für sich und seine Familie zu bitten, dass Seine Majestät ihnen in Gnaden ihre Abreise gestatten möge. Aber weit entfernt, sich diesem Gesuch geneigt zu zeigen, schien er unwillig darüber und fragte, was für ein Grund sie zu dem Wunsch verleiten könnte, sich allen den Unbequemlichkeiten und Gefahren einer Reise auszusetzen, bei welcher sie leicht ihr Leben verlieren könnten. Wenn sie nach Gewinn strebten, so sollten sie es nur sagen, er wäre bereit, ihnen das Doppelte von allem, was sie besäßen zu geben und ihnen Ehren zu verleihen, so viel sie deren nur wünschten; aber wegen der Liebe, die er zu ihnen hege, müsse er ihre Bitte abschlagen.
Um diese Zeit geschah es, dass eine Königin, Namens Bolgara, die Gemahlin Argons des Königs von Indien, starb, und als ihre letzte Bitte, die sie auch in einer testamentarischen Schrift hinterließ, beschwor sie ihren Gemahl, dass keine Andere ihre Stelle auf seinem Thron und in seinen Neigungen einnehmen solle, die nicht von ihrer eigenen Familie abstamme, welche sich im Land Cathay [China] wo der Großkhan herrsche, befinde. Mit dem Wunsch, dieser feierlichen Bitte nachzukommen, schickte Argon drei von seinen Edlen, zuverlässige Männer, deren Namen Ulatai, Apusca und Goza waren, mit einer zahlreichen Begleitung als seine Gesandten an den großen Khan, und bat, dass er ihm eine Jungfrau aus der Verwandtschaft seiner verstorbenen Königin zur Gemahlin geben möge. Der Großkhan nahm sie sehr freundlich auf und unter der Leitung seiner Majestät wurde eine junge Dame von siebzehn Jahren erwählt, die sehr schön und wohlgebildet war, mit Namen Kogatin, und die den Gesandten, als sie ihnen gezeigt wurde, außerordentlich wohlgefiel. Als alles zu ihrer Abreise bereitet und ein zahlreiches Gefolge bestellt war, der künftigen Gemahlin König Argons zu Ehren, wurden sie vom Großkhan auf das Huldvollste entlassen und begaben sich mit der Prinzessin auf demselben Weg, den sie gekommen waren, zurück. Acht Monate waren sie gereist, da wurde ihr weiterer Zug gehemmt und ihnen die Wege durch neue Kriege abgeschnitten, die zwischen den tartarischen Fürsten ausgebrochen waren. Sehr gegen ihre Neigung sahen sie sich daher gezwungen, wieder in die Residenz des Großkhans zurückzukehren, dem sie erzählten, wie es ihnen ergangen war.
Gerade zu der Zeit, als sie sich wieder einstellten, kam Marco Polo zufällig von einer Reise, die er mit einigen Schiffen unter seinem Befehl nach verschiedenen Gegenden Ostindiens gemacht hatte zurück und stattete dem Großkhan Bericht über die Länder ab, die er besucht hatte und über die Umstände seiner eigenen Schifffahrt, welche, wie er sagte, mit der größten Sicherheit ausgeführt worden war. Als diese letztere Bemerkung zu Ohren der drei Gesandten kam, die sehr begierig waren, wieder in ihr Land zurückzukehren, von dem sie nun drei Jahre abwesend waren, suchten sie sogleich unseren Venezianer zu einer Unterredung auf, dessen eifriger Wunsch es gleichfalls war, seine Heimat wieder zu sehen, und es wurde zwischen ihnen beschlossen, dass Erstere, begleitet von ihrer jungen Königin, um eine Audienz bei dem Großkhan suchen und ihm vorstellen sollten, mit welcher Bequemlichkeit und Sicherheit sie ihre Rückreise nach dem Reich ihres Herrn zur See bewerkstelligen könnten, wie auch die Seereise mit weit weniger Kosten und in viel kürzerer Zeit ausgeführt werden könnte, nach der Erfahrung Marco Polos, der vor Kurzem nach jenen Gegenden gesegelt sei. Sollte sich Seiner Majestät geneigt zeigen, seine Zustimmung zu geben, dass sie auf diese Art die Reise vornehmen könnten, so sollten sie in ihn dringen, es zu gestatten, dass die drei Europäer, als Personen, die wohlgeschickt seien in der Schifffahrt, sie bis in die Länder König Argons begleiteten. Als der Großkhan dieses Gesuch hörte, zeigte er durch seine Mienen, dass es ihm sehr missfiel und der Abreise der Venezianer abgeneigt war. Da er aber fühlte, dass er nicht umhin konnte, seine Zustimmung zu geben, so wich er ihren Bitten. Hätte er sich nicht selbst durch die Wichtigkeit und Dringlichkeit dieses ganz besonderen Falles dazu veranlasst gesehen, so würden sie nie auf eine andere Weise seine Erlaubnis erhalten haben, sich aus seinem Dienst zurückzuziehen. Er schickte jedoch nach ihnen und redete sie mit großer Freundlichkeit und Herablassung an, indem er sie seiner Gewogenheit versicherte und von ihnen das Versprechen verlangte, dass, wenn sie einige Zeit in Europa und bei ihrer Familie zugebracht, sie wieder einmal zu ihm zurückkehren sollten. Darauf ließ er ihnen eine goldene Tafel zustellen, auf welcher sein Befehl eingegraben war, dass ihnen freie und sichere Aufnahme in allen Teilen seiner Staaten mit aller nötigen Unterstützung für sie und ihre Begleiter zu gewähren sei. Auch gab er ihnen Vollmacht, in der Eigenschaft von Gesandten mit dem Papst und den Königen von Frankreich und Spanien zu verhandeln.
Zu gleicher Zeit wurde Sorge getragen für die Ausrüstung von vierzehn Schiffen, von denen jedes einen Mast hatte und bis zu neun Segel führen konnte. Unter diesen Schiffen waren wenigstens vier oder fünf, die mit 250 oder 260 Leuten bemannt waren. Die Gesandten, welche die Königin unter ihrem Schutz hatten, stachen zusammen mit Nicolo, Maffeo und Marco Polo in See, nachdem diese vorher Abschied vom Großkhan genommen hatten, der sie mit vielen Rubinen und anderen köstlichen Edelsteinen von großem Wert beschenkt hatte. Auch gab er Befehl, die Schiffe mit Vorräten auf zwei Jahre zu versorgen.
6) Nachdem sie ungefähr drei Monate gefahren waren, kamen sie an eine Insel, die in südlicher Richtung lag und Java genannt wird. Diese bot verschiedene Gegenstände dar, die der Beachtung würdig sind und von denen im Laufe des Werkes noch die Rede sein wird. Von da fuhren sie weiter und brauchten achtzehn Monate in den indischen Meeren, ehe sie im Stande waren, den Platz ihrer Bestimmung im Land Argons zu erreichen, und während dieses Teils ihrer Reise hatten sie ebenfalls Gelegenheit, viele Dinge zu beobachten, von denen gleichfalls später noch berichtet werden soll. Aber bemerkt werden muss hier, dass sie von dem Tag ihrer Abfahrt hin bis zu dem ihrer Ankunft in Indien von den Schiffsleuten und Anderen, die mitfuhren, ungefähr 600 Personen durch den Tod verloren hatten, und von den Gesandten nur einer, namens Goza, die Reise überlebte, während von allen Damen und Dienerinnen nur eine starb.
Bei ihrer Landung erfuhren sie, dass König Argon einige Zeit zuvor verstorben sei und dass die Regierung des Landes für seinen Sohn, der noch sehr jung war, von einem Statthalter, Namens Ki-akato [Kai-khatu, der zweite Sohn Abakas und folglich der Bruder Argons], verwaltet wurde. An diesen wandten sie sich, um weitere Befehle in Bezug auf die Prinzessin, die sie auf Gebot des letzten Königs hierher geführt hatten, einzuholen. Er gab ihnen zur Antwort, dass sie die Dame Kasan, dem Sohn Argons, überliefern sollten, der sich damals in einer Gegend an den Grenzen Persiens befand, die ihren Namen von dem „Arbor Secco“ (dürren Baum) hatte, wo eine Armee von 60 000 Mann versammelt war, um gewisse Pässe gegen den Einfall des Feindes zu bewachen. Das geschah nun. Sie aber kehrten nach der Residenz Ki-akatos zurück, weil der Weg, den sie nachher zu nehmen hatten, in dieser Richtung lag. Hier jedoch ruhten sie neun Monate lang aus. Als sie Abschied nahmen, gab er ihnen vier goldene Tafeln, von denen jede anderthalb Ellen lang und fünf Zoll breit war und drei oder vier Mark Gold wog. Darauf stand geschrieben, dass in Kraft des ewigen Gottes der Name des großen Khans allezeit geehrt und gelobt werden solle und ein Jeder, der hierin als ungehorsam befunden werde, solle des Todes sein und seine Güter konfisziert werden. Danach stand geschrieben, dass die drei Gesandten, als seine Stellvertreter, im ganzen Lande mit schuldiger Ehre aufgenommen, ihnen alle Bedürfnisse verabreicht und das nötige Geleit gegeben werden solle. Alles dieses wurde vollkommen erfüllt, und von manchen Plätzen wurden sie durch eine Wache von zweihundert Mann begleitet; ohne diese sie nicht wohl fortgekommen wären, da die Regierung Ki-akatos nicht beliebt und das Volk geneigt war, Schimpf und Gewalttätigkeit zu begehen, was zu versuchen sie unter der Regierung ihres eigenen Herrn nicht gewagt hätten. Im Verfolg ihrer Reise erfuhren sie, dass der Großkhan (Kublai) aus dem Leben geschieden sei, wodurch ihnen alle Aussicht abgeschnitten wurde, diese Gegenden wiederzusehen. Endlich erreichten sie die Stadt Trapezunt, von wo sie nach Konstantinopel gingen, dann nach Negropont und schließlich nach Venedig, wo sie frisch und gesund und mit großen Reichtümern im Jahre 1295 ankamen. Bei dieser Gelegenheit brachten sie Gott, der sie aus so viel Mühe und Arbeit und unzähligen Gefahren befreit und zum Ziele geführt hatte, ihren Dank dar.
Die vorstehende Erzählung mag als ein einleitendes Kapitel betrachtet werden, dessen Zweck ist, den Leser bekannt zu machen mit den Gelegenheiten, die Marco Polo hatte, seine Kenntnis zu erlangen von den Dingen, die er beschreibt, während er sich so viele Jahre in den östlichen Teilen der Welt aufgehalten hatte.
Felsendom, um 687-692. Porzellan und Holz,
21 m. Jerusalem, Israel.
Innenansicht und Aussicht zum Innenhof des Ukhaydir Palastes, 2.
Hälfte des 8. Jh. Kufa, Irak.
Innenansicht mit Minbar, Freitagsmoschee von Nain, 9. Jh. Nain, Iran.
Einganghalle zum Schloss von Khirbat al-Mafjar, 1. Hälfte des 8. Jh. In der
Nähe von Jericho, Palästina.


2. Kapitel
Beim Beginn der Beschreibung der Länder, welche Marco Polo in Asien besuchte, und der der Beachtung würdigen Dinge, die er darin gesehen hat, ist es nötig zu bemerken, dass wir zwei Armenien unterscheiden, Groß- und Kleinarmenien. Der König Kleinarmeniens wohnt in einer Stadt, Sebastoz genannt, und hält gut Regiment und Gerechtigkeit.
Das Land hat viele Städte, Festungen und Schlösser, und es mangelt nichts, was der Mensch zur Nahrung und Bequemlichkeit braucht. Wildbret an Vögeln und vierfüßigen Tieren ist genug da. Bemerkt muss aber werden, dass die Luft des Landes nicht besonders gesund ist. In früheren Zeiten wurden seine Bewohner als gar tapfere und erfahrene Kriegsleute erachtet, aber gegenwärtig sind sie weibisch und weichlich und lieben Essen und Trinken, Müßiggang und Üppigkeit. An der Seeküste liegt eine Stadt, Namens Giazza, ein bedeutender Handelsplatz. Ihr Hafen wird von vielen Kaufleuten aus mancherlei Ländern besucht, auch aus Venedig und Genua, die Gewürze und Spezereien, Seiden- und Wollwaren, samt anderen köstlichen Dingen einhandeln, und wer in das Innere der Levante ziehen will, muss gewöhnlich zuerst in diesen Hafen Giazza kommen. Die Grenzen des Landes nach Mittag sind das Land der Verheißung, welches jetzt die Sarazenen inne haben, nach Mitternacht Karamanien, welches von den Turkomanen bewohnt wird, gegen Nordosten liegen die Städte Kaisariah, Sevasta und viele andere, die den Tartaren unterworfen sind, und gegen Westen wird es vom Meere bespült, darauf man gegen die Christenheit fährt.

3. Kapitel
Die Einwohner Turkomanien sind in drei Klassen zu scheiden. Die Turkomanen, die Mahomet verehren und seinem Gesetz folgen, sind ein rohes Volk und aller Bildung bar. Sie wohnen in den Bergen und in schwer zugänglichen Plätzen, wo sie gute Weiden für ihr Vieh finden, von dem allein sie leben. Es gibt hier eine ganz vortreffliche Zucht von Pferden, welche Turki genannt werden, und schöne Maulesel, die zu hohen Preisen verkauft werden. Die anderen Klassen sind Griechen und Armenier, die in Städten und festen Plätzen wohnen und von Handel und Gewerbe leben. Die besten und schönsten Teppiche werden hier gewirkt und Seidenstoffe von Karmoisin und anderen reichen Farben. Zu den vornehmsten Städten gehören Kogni, Kaisariah und Sevasta, in welcher letzteren St. Blasius die glorreiche Krone des Märtyrertums errang. Sie sind alle dem großen Khan unterworfen, dem Kaiser der orientalischen Tartaren, welcher ihnen Statthalter setzt.
Sümpfe im Südirak. Die reichen Fischbestän
de bieten eine Alternative zum weitgehend
l andwirtschaftlichen Rest des Nahen Ostens.


4. Kapitel
Großarmenien ist eine ausgedehnte Provinz, an derem Eingange die Stadt Arzingan liegt, wo sich eine Manufaktur von feinem Baumwolltuch befindet, welches ‚Bombazin’ genannt wird, wie noch eine Menge anderer merkwürdiger Fabriken, die aufzuzählen zu weitläufig sein würde. Es gibt hier die schönsten warmen Quellen und die heilsamsten Bäder. Seine Einwohner sind größtenteils Armenier, aber unter der Herrschaft der Tartaren. In diesem Land gibt es viele Städte, aber Arzingan ist die vorzüglichste und der Sitz eines Großbischofs. Die wichtigsten nach ihr sind Argiron und Darziz. Im Sommer kommt ein Teil des Heeres der östlichen Tartaren in das Land mit ihrem Vieh wegen der guten Weiden, die hier sind, aber beim Herannahen des Winters ziehen sie hinweg, weil der Schnee dann so hoch fällt, dass die Pferde keine Nahrung finden würden. Darum ziehen die Tartaren wegen der Wärme mit ihrem Vieh mittagwärts.

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