Kunst des 20. Jahrhunderts
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German, Middle High (ca.1050-1500)
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Das 20. Jahrhundert löste eine Revolution in der Kunstgeschichte aus. Innerhalb weniger Jahre brach sich die Moderne Bahn und scheute nicht davor zurück, sich über die jahrhundertelange Tradition gegenständlicher Darstellung hinwegzusetzen, um etwas radikal Neues zu schaffen.
Dieses umfassende Überblickswerk der Moderne stellt alle wichtigen künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts vor, vom Fauvismus bis hin zur Pop Art. Die instruktiven, von Experten der Kunstgeschichte verfassten Beiträge sind mit zahlreichen Bildbeispielen der einflussreichsten Werke jener Ära illustriert. Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts gibt einen einzigartigen Einblick in das Innenleben der größten Künstler der Moderne und ist ein Muss für jeden Liebhaber zeitgenössischer Kunst.

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Informations

Publié par
Date de parution 09 mars 2016
Nombre de lectures 1
EAN13 9781785257254
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 102 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0022€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

unst desK
20. Jahrhunderts
DOROTHEA EIMERTText: Dr. Dorothea Eimert
Redaktion der deutschen Ausgabe: Klaus H. Carl
Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam
© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
Image-Bar www.image-bar.com
Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen
Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz
intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte
festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.
ISBN: 978-1-78525-725-4
2DOROTHEA EIMERT
Kunst und
Architektur des
20. JahrhundertsInhalt
Einführung: Ein neues Bild der Welt – Technik und Naturwissenschaften verändern das mechanistische Weltbild 7
Ausdruck und Zersplitterung 8
Matisse und die Wilden in Paris: Die Fauves und die Autonomie der Farbe 9
Paula Modersohn-Becker und die Beschaulichkeit in Worpswede 19
Futurismus: Die Dynamisierung des Bildes 22
Der Expressionismus und die Suche nach zeitgemäßer Form 29
Kubismus, Materialität und Collage 63
Abstraktionen 76
Die russische Avantgarde 77
De Stijl: Die Gleichförmigkeit der Bildfläche 89
Das Bauhaus 90
Eine Spiraldrehung höher: Während des Ersten Weltkriegs 94
Dada und Umfeld 95
Explosive Bildsprache 98
Veristische Tendenzen 101
Surreal und Magisch: Zwischen den beiden Weltkriegen 102
Pittura Metafisica 103
Surrealismus 104
Magischer Realismus und Neue Sachlichkeit 114
Die ıEntarteten„ 123
Autonomie und Expansion – Entwicklung der Skulptur 126
Erste Schritte 127
Die Aufsplitterung der Form 131
Materialkonstruktionen 141
Bauhaus und De Stijl 145
Readymade und surreale Objekte 146
Homogen wie die Natur 154
Konkret 155
Gigantische Visionen und technische Innovationen in der Architektur 156
Ein Wort zuvor 157
Die USA 158
Europa in den ersten beiden Jahrzehnten 167
Die Dreißiger Jahre: Moskau – San Francisco – Nürnberg 207
Internationaler Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg 214
Die Realisten 216
New York und der Abstrakte Expressionismus 225
Europa und der Abstrakte Expressionismus 239
Plastik des Abstrakten Expressionismus 250
Die sechziger Jahre: Lebensnähe 254
Nouveaux Réalistes: Die Wesenheit des Gegenstandes 256
Konkrete Kunst 262
Op Art und Kinetik: Der Betrachter im Mittelpunkt 286
4Pop Art 292
Neue Figuration und Neuer Realismus 309
Fotorealismus 317
Langes Intermezzo: Was du siehst, ist, was du siehst 320
Minimal Art 321
Conceptual Art 331
Sensibilisierung der Sinne 334
Aktionen, Happening, Fluxus 335
Joseph Beuys 337
Arte povera: Energie des Organischen 337
Natürliche Prozesse 340
Spurensicherung: Das Gedächtnis der Materialien 345
Land Art: Feinstoffliche Energien 355
Umbruch und Aufbruch 356
Von den sechziger zu den achtziger Jahren 357
Die neue Expressivität 358
Malerei als Malerei – eine immerwährende Sprache 363
Medien 374
Video und neue Medien 375
Fotografie: Ein kurzer Blick zurück und vor 383
Im Sog der Jahrtausendwende: Ungeahnte Möglichkeiten 390
Skulptur und Readymades 391
Malerei und Installationen gegen Ende des Jahrtausends 401
Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg 406
Die ersten beiden Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg 407
Kulturbauten Ende der 50er bis Mitte der 70er Jahre 423
Weiterentwicklung der Wolkenkratzer: Vier Beispiele 431
Pariser Kulturbauten in der Zeit von François Mitterand 438
Postmoderne und Dekonstruktion 444
Eine neue Sensibilität 452
Berlin nach der Wiedervereinigung 459
Bauen im neuen Jahrtausend 472
Ein kurzer Blick zurück und vor 473
Bauen für die FIFA-Weltmeisterschaft und für Olympia 475
Gigantische Dimensionen des Bauens in den Emiraten 477
Eine Zukunft: Subtiles Bauen 489
Schlussbemerkung 494
Bibliographie 496
Personenregister 500
56Einführung
Ein neues Bild der Welt – Technik und Naturwissenschaften verändern das
mechanistische Weltbild
Im 20. Jahrhundert überstürzen sich die kulturellen Revolutionen und Konterrevolutionen. gemeinsame Suche nach einer neuen bildlichen Bewegungsform, nach autonomer
Grenzen und Möglichkeiten künstlerischer Arbeit werden bis aufs Äußerste ausge- Farbgestalt und nach abstrahierender, gegenstandsunabhängiger Formensprache. In
lotet. Entfaltungen und Behinderungen mit extremen Konfrontationen zeichnen ein Paris zeigten im Jahr 1905 die Fauves, die neuen Wilden, im Salon dÊAutomne zum
divergentes Kaleidoskop künstlerischer Sprachen. Ein übergreifender, allgemeinver- ersten Mal ihre umstürzlerischen Farbexplosionen.
bindlicher Stil – wie er sich in anderen Jahrhunderten herauskristallisiert hat – fehlt In Deutschland bildete sich der Expressionismus, der 1905 mit der Gründung der
augenscheinlich auf Grund turbulenter politischer Ereignisse, wirtschaftlicher und Dresdner Künstlergemeinschaft Die Brücke seinen Ausgang nahm. Paris widmete 1907
sozialer Veränderungen, der technischen Erfindungen und naturwissenschaftlichen Paul Cézanne eine umfangreiche Ausstellung, unter deren Einfluss Georges Braque und
Erkenntnisse. Die Kriege und politischen Spannungen sowie die sich rapide entwi- Pablo Picasso zum grautönigen Kubismus gelangten, der die Renaissanceperspektive
ckelnde Industrialisierung hatten im ausgehenden 19. Jahrhundert einen deutlichen negierte, die sichtbare Welt aufsplitterte und die Bildwelt von den Naturerscheinungen
Wandel des bisherigen Weltempfindens herbeigeführt und die herrschenden in radikaler Weise trennte. Im Jahr 1911 stellten die Kubisten erstmals im Pariser Salon
ethischen Vorstellungen in steigendem Maße erschüttert. Die Forschungsergebnisse dÊAutomne aus, im gleichen Jahr entwickelte Robert Delaunay in Paris seinen von
futurisder Naturwissenschaften, vor allem in der Chemie, der Physik und der Medizin tischen Ideen nicht ganz freien Orphismus, der die Autonomie der Farbe zudachte. In
veränderten den Alltag der Menschen, ermöglichten eine höhere Lebensqualität und Italien gründete Emilio Filippo Tommaso Marinetti 1909 den lautstarken Futurismus, der
stärkten die Hoffnungen auf ein längeres Leben. die sichtbare Welt mit einem Netz von dynamisierenden Energien durchdrang. Sein
Der Alltag wandelte sich zudem durch Auto, Funk und Telefon. Die erstes Manifest veröffentlichte er im Februar 1909 in Paris, die futuristischen Maler
Sehgewohnheiten änderten sich durch die neuen Geschwindigkeiten und die Art des verkündeten 1910 ihre ersten beiden Manifeste. Unter der Leitung von Wassily
Sehens aus großer Höhe, aus Flugzeugen, Heißlufballons und von hohen Gebäuden. Kandinsky bildete sich 1909 in München die Neue Künstlervereinigung, aus der der
Naturwissenschaftliche Forschungen und deren neue Erkenntnisse führten zur Blaue Reiter hervorging, deren geistigen Mittelpunkt Kandinsky und Marianne von
Hinterfragung der so genannten Realität. Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte 1895 Werefkin bildeten. Im Frühjahr 1912 nahm in Paris eine Wanderausstellung der
futurisdie nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Plötzlich war es möglich, in den Menschen tischen Maler ihren Ausgang, die in fast allen westlich orientierten Ländern der Welt
hinein zu sehen. Max Planck fand im Jahr 1900 zur Quantentheorie, die zu den bis eine wahre Lawine explosiver Bildsprachen auslöste.
dahin unbestrittenen Grundsätzen der Physik im Widerspruch stand. Im selben Jahr Durch die Schriften von Sigmund Freud in den Jahren um 1900 und die
bewegte die Welt die Traumdeutung Sigmund Freuds und damit das Eindringen in nachfolgenden von Alfred Adler und Carl Gustav Jung wurde das Phänomen des
die tiefsten Schichten des Menschen. Der aus Litauen (damals zu Russland gehörend) Unbewussten zum allgemeinen Bildungsgut. Maler schilderten das Bilderreich der
stammende Hermann Minkowski entwickelte 1908 die mathematische Formulierung Seele und verfassten märchenhafte Berichte, so wie der ehemalige Zöllner Henri
der raum-zeitlichen Dimension, die wiederum seinen Schüler Albert Einstein 1913 zu Rousseau oder Marc Chagall. Künstler wie Max Ernst, Francis Bacon, Salvador Dali
seiner allgemeinen Relativitätstheorie führte, nachdem er bereits 1905 die spezielle und René Magritte verbildlichten die von der Psychologie entdeckten Tiefen der Seele
Relativitätstheorie formuliert hatte. und des Unbewussten in ihren psychologisierenden surrealen Bildwelten. Bei James
In der Kunst westlicher Kulturen vollzogen sich seit etwa 1890 grundlegende Ensor kamen persönliche Ängste hinzu, zwanghafte Wahnvorstellungen,
Veränderungsprozesse. Die Entwicklung ging von dem Streben nach ungetrübtem, Halluzinationen und Todesphantasien. Für die Kunst der 1980er Jahre schließlich
voraussetzungslosem Sehen aus. Dieses wandelte sich im Laufe der Jahre dahin- wurde James Ensor im Hinblick auf den selbstverständlichen Umgang mit
halluzinatogehend, dass nicht mehr die Neugestaltung des Gegenstands, sondern die ızweite„ rischen Extremen und in der Methode intuitiver Darstellung und Metaphorik der große
Wirklichkeit, also diejenige Wirklichkeit, die nicht mehr allein mit unseren fünf Sinnen Lehrmeister. Im Übrigen beruhten Werke großer Maler schon immer auf den
erkannt und erlebt werden kann, Ziel künstlerischer Darstellung wurde. Erlebnistiefen der menschlichen Seele, so wie es die Gemälde von Hieronymus
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen sich Tendenzen abzuzeichnen, die Bosch, Jan van Eyck, Francisco Goya, Leonardo da Vinci, Vincent van Gogh oder
stärker als bis dahin von einer naturalistischen Wirklichkeitsauffassung abrückten Henri de Toulouse-Lautrec verdeutlichen.
und hinter das bloße äußere Erscheinungsbild der Dinge zu kommen trachteten. Ein weiteres Thema im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
Unabhängig von sehr unterschiedlichen stilistischen Ausprägungen in den einzelnen beschäftigte Kunst und Wissenschaft ganz besonders, nämlich der Aspekt von
westlichen Ländern setzte sich überall die neue Erkenntnis durch, dass ein Bild nicht nicht sichtbaren Phänomenen bei Materie und in der Natur. Wissenschaftliche
mehr im Sinne der alten Nachahmungsästhetik gemalt, gleichsam von der Natur Entdeckungen veränderten die Auffassung von Raum und Materie grundlegend.
abgemalt, sondern vielmehr in eine eigene, unabhängige Dimension des Seins Aufgrund des Nachweises elektromagnetischer Wellen durch Heinrich Rudolf
erhoben wird. Ein Kunstwerk ist nun autonom. Hertz im Jahr 1888 und der Erfindung einer praktikablen drahtlosen Telegrafie
Innerer Auftrag des Künstlers ist nicht mehr das Abbilden oder Interpretieren wie in im Jahr 1900 gewann der Laie eine Vorstellung vom Raum, die nun voller
den Jahrhunderten zuvor. Diese Aufgabe hat weitgehend die durch die beiden Schwingungswellen war. Die Annahme war, jede Materie sei radioaktiv und sende
Franzosen Louis Jacques Mandé Daguerre und Joseph Nicéphore Niépce zwischen Partikel in den umgebenden Raum.
1822 und 1838 erfundene und differenziert entwickelte Fotografie übernommen. Der Künstler und Schriftsteller reagierten nachhaltig auf die neuen Modelle des
Malerei als Zeitdokument und Situationsschilderung machte die Fotografie mehr und Sehens und Kommunizierens. Der für die Verbreitung solcher Vorstellungen
entscheimehr Konkurrenz, war aber auch Künstlern als Unterstützung erweiterten Sehens nützlich. dende Bestseller LÊEvolution de la matière von Gustave Le Bon erschien 1905 in
Fast alle künstlerischen Bewegungen der Moderne gewannen ihre treibende Paris. Der französische Astronom Camille Flammarion forderte in seinem im Jahr
Kraft aus dem neuen optischen Verhältnis zum nichtstationären Gegenstand, der 1900 publizierten Buch LÊInconnu, die Wissenschaft müsse sich der Erforschung ı⁄
sich plötzlich als mobiler, zersplitterter, von mehreren Seiten her als ein- und anseh- geheimnisvoller Phänomene„ wie der Telepathie widmen, da die Realität nicht den
barer Gegenstand enthüllte und auf solche Weise einen Malprozess einleitete, Grenzen unseres Wissens und unserer Beobachtung entspreche. Man verknüpfte
den das stationäre Guckkastenbild nicht kannte. Bei aller Verschiedenheit der damals okkulte Phänomene mit wissenschaftlichen Ergebnissen wie Röntgenstrahlen
Kunstentwicklungen in den einzelnen Ländern vereinte alle innovativen Künstler die mit Hellsichtigkeit, Telepathie mit drahtloser Telegrafie, Radioaktivität mit Alchimie.
7Ausdruck und ZersplitterungMatisse und die Wilden in Paris: Die Fauves und
die Autonomie der Farbe
ie Farben wurden für uns zu Dynamitpatronen. Sie Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts,
sollten Licht entladen„, äußerte André Derain. Als der Reinheit, der Ruhe... von einer Kunst, die fürıDReaktion auf die nuancenreiche, atmosphärisch- jeden ... ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung
flirrende Farbigkeit der Impressionisten entdeckten die Fauves mit für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl,
ihren Hauptvertretern André Derain, Henri Matisse und Maurice in dem man sich von physischen Anstrengungen
de Vlaminck das gemalte Bild als über die Wirklichkeit hinaus- erholen kann.
gehend, als ein früher Versuch einer Befreiung aus der jahrhunder- Aus seiner Hand erwuchs eine Art Paradies. Der Betrachter
telangen Tradition, als Bild von Wirklichkeit referierend oder inter- wird unmerklich von einem mysteriösen Zauber, von
farbenpretierend zu dienen. Erstmals in der Geschichte der Kunst setzte prächtiger Wärme und tiefer Zufriedenheit eingehüllt. Matisse
sich eine Malerei in Szene, die allein sich selbst genügte und malte Stillleben und Interieurs, Menschen in ihrer Beschaulichkeit
nur sich selbst verpflichtet war. Das Ziel war die spontane und ihrem Ambiente, Figuren in ihrer naturgegebenen
Wiedergabe emotional erlebter Natur und Situationen allein aus Unbefangenheit und Vitalität. Niemals befasste er sich mit
der Farbe. ıWir gingen direkt die Farbe an„, sagte Derain. Helle, kommerziellen oder industriellen Themen. Natur ohne von
ungemischte Töne, direkt und unverfälscht aus der Farbtube, Menschenhand geschaffene Kultur war sein immer währendes
gelangten mit Vehemenz auf die Leinwand. Sie wirkten mit einer und nie versiegendes Thema.
bis dahin nicht gekannten Intensität. Ihre Suggestivkraft erfuhr Als frühes Beispiel dient die Harmonie in Rot aus dem Jahr
durch den breitflächigen Farbauftrag eine weitere Steigerung. 1908, die der russische Kaufmann und Sammler Sergei
Formen aus reinen Farbflächen zu modellieren, auf einen zentral- Schtschukin erwarb und den Künstlern seines Heimatlandes
perspektivischen Bildaufbau grundsätzlich zu verzichten – diese zugänglich machte. Wir schauen in einen Salon in Rot. Der
unbändige Freude an der Sinnlichkeit der Farben brachte den Tisch und die Tapete tragen dasselbe Rot. Auch das florale,
Künstlern bei ihrer ersten Ausstellung 1905 in Paris im Salon großzügige Rankenmuster ist gleich. So dringen Tisch und
dÊAutomne den vom Kunstkritiker Louis Vauxcelles als Beschimpfung Wand ineinander, werden eins. Eine mögliche Perspektive
geäußerten Namen Les Fauves (die Wilden) ein. verschwimmt. Eine waagerechte feine Linie deutet zaghaft die
Ihre Kerngestalt, stärkste schöpferische und unabhängige Abgrenzungen an. Nur an einer Tischkante, die sich vor der
Malerpersönlichkeit unter ihnen, war der ehemalige Jurist Henri Schürze der weiblichen Figur abzeichnet, findet das Auge
Matisse. Mit scheinbarer Selbstverständlichkeit ignorierte er perspektivischen Halt. Der Ausblick durch das seitlich
Tradition und Gesetzmäßigkeiten von Farbe und Bildaufbau, angeschnittene Fenster wirkt wie der Blick auf ein Plakat in
formte das Bild mit einfachen, dekorativen Farbflächen und Grün. Die Früchte auf dem Tisch zeigen kein angeordnetes
umgab den Betrachter mit dem Zauber von Leichtigkeit. Unser Stillleben. Wie hingewürfelt, wie gerade vom Baum gefallen,
Ausgangspunkt war, so Matisse, ı⁄ der Mut, die Reinheit der schmücken sie als selbstbewusste Elemente den Tisch. Matisse
Mittel wiederzufinden.„ Matisse schwebte eine Kunst des nimmt mit diesem Bild Bezug auf ein eigenes Frühwerk aus
Gleichgewichts vor, ein eigener Organismus, ein Bild, kein dem Jahr 1896/97 mit gleichem Motiv in zeitgemäß
naturaAbbild, keine Dekoration, eine Kunst der Ruhe und Reinheit, listischer, perspektivischer Handschrift. Auch weist ihn sein
ohne ablenkende Gegenständlichkeit. Das von Matisse 1908 Thema als Kenner historischer Meisterwerke aus. Bildaufbau
geschriebene Essay Notizen eines Malers wurde zu einem der und Fensterausblick entsprechen manchem Gemälde mit
einflussreichsten Künstlerbekenntnisse des 20. Jahrhunderts. Darstellung von Interieurs der Renaissance, so etwa von
Darin heißt es: Diego Velázquez.
Henri Rousseau, Selbstporträt, 1890.
Öl auf Leinwand, 143 x 110 cm. Národní Galerie, Prag. (S. 6)
9In dem Gemälde Harmonie in Rot zeichnete sich schon ab, und Krümmungen den Rhythmus. Ihre nackten, rot glühenden
was für den späteren Matisse bildtypisch wurde, nämlich das Körper tanzen den Reigen vor blauem und grünem Grund.
einfache und ganz selbstverständliche Nebeneinander von Die Gemälde riefen zunächst Bestürzung hervor. Denn die
Farbflächen. Dieser Bildaufbau von Fläche neben Fläche, ohne Bildgestaltung war von bisher nicht gesehener Schlichtheit,
perspektivisch täuschenden Zusatz, beeinflusste manche fast asketisch: ein Hintergrund in nur zwei Farben mit fünf
Künstler des 20. Jahrhunderts. Nach dem Erwerb des Bildes roten Körpern. Gerade diese Schlichtheit ist es, weswegen
Harmonie in Rot gab Schtschukin nun bei Matisse zwei Werke das Gemälde die Erhabenheit des Augenblicks, die Anmut
für sein Haus in Moskau mit den Themen ÊTanzÊ und ÊMusikÊ und Grazie in der Ekstase, die Weite des Universums, in der
in Auftrag. Sie wurden fast doppelt so groß wie das die Szene spielt, ausstrahlt. Faszination und tiefe Ergriffenheit
Vorgängerbild, nämlich bei einer Höhe von 2,60 m nahezu 4 erfasst den Betrachter auch heute noch – nach nahezu
m breit. Matisse malte sie in den Monaten des späten Jahres einhundert Jahren.
1909 bis zum Sommer 1910. Im Der Tanz vollführen fünf Dem Gemälde Der Tanz ging ein großes Gemälde voraus,
überlebensgroße Figuren auf einem Hügel einen ekstatischen das Matisse im Winter 1905/06 malte: Joie de vivre. Dies war
Tanz. Ihre Körper, Arme und Beine markieren durch ihre Biegungen 1906 sein einziger Beitrag zum Salon des Indépendants. Es
André Derain, Trocknende Segel, 1905.
Öl auf Leinwand, 82 x 101 cm. Puschkin Museum, I. A. Sammlung Morosov, Moskau.
10Henri Matisse, Harmonie in Rot, 1908.
Öl auf Leinwand, 180 x 220 cm. Eremitage Museum, St. Petersburg.
11erregte wegen seiner Ausmaße und seiner leuchtenden Farben Sechzehn Aktfiguren gruppieren sich vor einer Lichtung,
Ärger und Aufmerksamkeit. Auch Paul Signac, der zu dieser Zeit manche liegen, manche stehen, andere wirbeln im Tanz. Ein
Vizepräsident der Indépendants war, reagierte gereizt und schrieb geschmeidiger Rhythmus durchzieht die Komposition. Die tanzende
einem Freund abfällig und enttäuscht über das malerische Ergebnis: Linienführung umfährt die Figuren und die sie umgebende Natur,
Matisse, dessen Experimente mir bisher gefielen, hüllt die Szenerie in einen rhythmischen Gleichklang, der Menschen
scheint vor die Hunde gegangen zu sein. Auf eine und Natur eins werden lässt. Joie de vivre ist heute eines der
Leinwand von etwa zweieinhalb Metern Breite wichtigen Frühwerke des Künstlers, ein großer Wurf.
umgab er ein paar seltsame Gestalten mit einer Bis ins hohe Alter hinein bewahrte Matisse seine
erfindedaumendicken Linie. Dann überzog er das Ganze rische Frische. ıWas ich schaffe, was ich forme, hat seinen
mit klar definierten Farbtönen, die – wie rein sie auch Sinn darin, dass ich es schaffe, dass ich es forme; erfüllt sich
sein mögen – widerwärtig erscheinen. in der Freude, die meine Arbeit mir macht – meine Arbeit?„
Henri Matisse, Der Tanz, 1909-1910.
Öl auf Leinwand, 260 x 391 cm. Eremitage Museum, St. Petersburg.
12Gotthard Jedlicka, der ihn in der Nähe von Nizza besuchte, In Farbe direkt hinein zu schneiden, erinnert mich an die
unmitantwortete Matisse: telbare Arbeit eines Bildhauers in Stein.„ Matisse hat zwar nicht
Der reinste Spieler ist das Kind, weil es in seinem Skulptur gehauen, aber modelliert in Gips oder Ton. Als Maler,
Spiel aufgeht. Auch ich spiele mit der Schere, wie der Bildhauerwerke schuf, gehört er neben Pablo Picasso zu den
ein Kind, und ebenso wenig wie ein Kind frage ich Großen des Jahrhunderts. Die Rosenkranzkapelle in Vence, sein
danach, was aus dem Spiel wird, das mir so Gesamtkunstwerk, wurde fast ausschließlich nach seinen Plänen
köstliche Stunden bereitet. verwirklicht. Die Wandbilder mit den Themen der Passion
Daraus entstehen die Meisterwerke konzentrierter Christi, Maria mit dem Kinde und der Heilige Dominikus
Vereinfachung, seine späten Papiers découpés. In ihrer Reinheit gehören zu seinen Meisterwerken. In einfacher Handschrift,
von Form und Farbe sind sie von unglaublicher Schönheit. formelhaft verkürzt und lediglich in Linien die Umrisse umfahrend,
ıEin farbiges Papier ausschneiden heißt, der Farbe Form geben. verbildlichte er seine religiöse Grundhaltung.
Henri Matisse, Joie de vivre, 1905-1906.
Öl auf Leinwand, 175 x 241 cm. The Barnes Foundation, Merion.
13Raoul Dufy, Markthallen in Trouville, 1906.
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm. Musée National d’Art Moderne, Centre Georges Pompidou, Paris.
14ıWir haben das Bedürfnis nach etwas, was wahrer ist Fluss mit seinen Schiffen, die Wasseroberfläche im Spiel des
als bloßes Sehen; man muss die Welt der Energie schaffen, die Lichtes, der Blick von erhöhtem Standort aus sind immer
man nicht sieht„, war das Ziel von Raoul Dufy. Er verband wiederkehrende Aspekte seines Schaffens. Dieses
impressionistische Leichtigkeit mit der Farbenpracht der Fauves. Kaleidoskop fauvistischer Virtuosität ohne die optische
Die Markthallen in Trouville malte er 1906, im selben Jahr Geschlossenheit eines einheitlichen Stils hatte seine Wurzeln
wie Marquet. Schriften der Reklamewände, eine wehende in den unterschiedlichen Vorentwicklungen der Künstler. Für
Fahne, flanierende Paare beschreiben die heitere, von flirrender Matisse und Marquet hatte der Symbolismus Gustave
Atmosphäre getragene Impression des Augenblicks. Die Moreaus als erste Orientierung gedient, Vlaminck wurde von
kräftige, kontrapunktisch agierende Farbe unterstreicht die prä-expressionistischen Zeitschriftenillustrationen inspiriert,
anmutige Alltagsszene. Seine Bilder aus der späten Kees van Dongen von Toulouse-Lautrec, Derain und Friesz
Schaffenszeit wirken wie Arabesken, wie Notationen von vom Vater der Moderne schlechthin, von Paul Cézanne. Aber
Wirklichkeit. Sie sprühen vor Grazie und Heiterkeit. auch die großzügige, flächige Farbmalerei von Paul
André Derain ist einer der Fauves der ersten Stunde. Mit Gauguin bewirkte vieles. Nicht zu vergessen ist die
seinen Themse-Szenen von 1905/1906 ist er zu Recht berühmt nachhaltige Wirkung der japanischen Farbholzschnitte, die
geworden. Doch schon bald schloss er sich den kubistischen bereits Gauguin und Toulouse-Lautrec in ihren Bann gezogen
Experimenten von Braque und Picasso an, wandte sich dann hatten sowie das Streben nach kompositorischer Vereinfachung,
aber ab 1912 einem klassischen Stil zu. Er wurde ein wie dies bereits Manet verbildlicht hatte. Und schon
bekannter Dekorateur für Bühne und Ballett. während des nur kurzzeitigen Höhepunktes des Fauvismus
Nach dem Besuch der van-Gogh-Ausstellung 1901 in der zwischen 1905 und 1907 entwickelte sich Braque bereits in
Galerie Bernheim soll Maurice de Vlaminck beim Verlassen Richtung Kubismus.
den berühmt gewordenen Ausspruch getan haben: ıVan Entscheidend für die Entwicklung der fauvistischen
Gogh bedeutet mir mehr als Vater und Mutter.„ Ein breiter, Farbensprache wurde die 1899 erschienene Farbtheorie
heftiger und dicker Farbauftrag kennzeichnet Vlamincks Bilder. des Neoimpressionisten Signac: Eugène Delacroix au
Die Farben drückte er unmittelbar aus der Tube auf die Néoimpressionisme, dessen theoretische Erkenntnisse sie
Leinwand. Seine unkonventionelle Vorgehensweise beim nutzten. Der Umbruch zur Bewusstmachung einer neuen
Malakt kennzeichnet seine Handschrift der dynamischen Sehweise hatte seine Ursprünge auch in der
medizinisch-physioFarbwirbel wie bei keinem anderen der Fauves. Der Akt des logischen Erkenntnis über das menschliche Auge, das niemals
Malens, so äußerte er, sei für ihn vergleichbar mit dem Akt still steht und Ausschnittbilder auf die Netzhaut wirft, die
des Liebens. zudem noch auf dem Kopf stehen und erst im Großhirn
Um diese drei zentralen Persönlichkeiten scharten sich nach zur Einheit verschmelzen. Zudem lehrte die Psychologie
und nach und für unterschiedliche Dauer Henri Manguin aus erstmals, dass die persönliche Befindlichkeit auf das Erfassen
Paris, Albert Marquet aus Bordeaux, Charles Camoin aus und Betrachten beispielsweise von Landschaft und Situationen
Marseille, Jean Puy aus der Nähe von Lyon und die vier von der Einfluss nimmt.
Kanalküste: Georges Braque, Raoul Dufy, Emile-Othon Friesz Die Bildsprache der Fauves fand Anregung und
und Louis Valtat sowie als einziger Nichtfranzose der Beeinflussung vor allem auch durch die seit 1901
durchgeNiederländer Kees van Dongen. führten, Aufsehen erregenden Retrospektiven ihrer Vorbilder, der
Marquets Werk zeichnet sich durch Einfachheit und drei großen Maler, die neue Wege des bildlichen Ausdrucks
Zurückhaltung aus. Er malte zahlreiche Ansichten von Paris fanden und als Urväter der Moderne fungierten: Vincent van
und der Seine, Hafenbilder, Strandbilder mit flanierenden Gogh, Paul Cézanne und Paul Gauguin. Nachhaltig wirkte
Menschen und mit Fahnen geschmückte Straßenszenen. Der auch die Entdeckung der afrikanischen Plastik, der so
15genannten Primitiven Kunst. Vlaminck hatte 1904 von seiner Malen. ... Was hier betrieben wird, ist die ureigentliche Suche
Reise an die Elfenbeinküste eine große Maske und zwei nach dem Absoluten.„
Statuetten mitgebracht. Derain verschlug es die Sprache, als er Der als religiöser Maler bekannt gewordene Georges
die weiße Maske sah, und auch Picasso und Matisse waren Rouault blieb sein ganzes Leben lang Einzelgänger. Nur kurze
zutiefst ergriffen. Zeit fühlte er sich den Fauves locker zugehörig. Seine
Henri Matisse gründete 1908 die Académie Matisse. Zu erstaunlich heftige, expressive Malweise weicht entschieden
seinen Schülern zählten das schwedische Ehepaar Isaac von der lockeren Heiterkeit der Fauves ab, mit denen
Grünewald und Sigrid Hjerten-Grünewald, die später dem gemeinsam er 1905 im Salon dÊAutomne ausstellte. Rouault
Sturm-Kreis in Berlin nahe standen und nachfolgend den kam mit 14 Jahren zu einem Glasmaler in die Lehre. Dies
Fauvismus und Expressionismus in ihre Heimat brachten. Der wurde prägend für seine Ausdruckssprache. Ein breiter,
Amerikaner Max Weber, ebenfalls Schüler von Matisse, kräftiger und in dunklen Farben gehaltener Pinselstrich umfährt
brachte Fauvismus und Kubismus nach New York. Die seine Farbflächen abgrenzend und verbindend, so wie in der
Deutschen an der Académie Matisse waren Oskar und Marg Glasmalerei des Mittelalters das Bleilot beispielsweise
Moll, Rudolf Levy, Franz Nölken, Hans Purrmann und Friedrich einzelne farbige Gläser als ıKonstruktionsgerüst„ verbindet.
Ahlers-Hestermann. Matisse schloss seine Akademie im Jahr Einen ersten Höhepunkt erreichte sein Expressionismus in den
1911. Gewiss wurden nicht alle Künstler von der ungestümen, Jahren 1905/06. Sein damaliges Hauptthema waren
emotionalen Malerei der Fauves und deren befreiender Kraft Zirkusgestalten, so etwa Clown und Theaterloge von 1906,
ergriffen, schließlich blieb Pierre Bonnard ebenso Einzelgänger bevor in späteren Jahren Porträts und religiöse Darstellungen
wie Maurice Denis und Édouard Vuillard. Denis hat die hinzukamen. Mit aller Kraft trug er die Farbe mit kühnen
Bedeutung der Fauves früh erkannt, wie einem Brief von 1905 Pinselstrichen auf die Leinwand, um die eindringliche
zu entnehmen ist: ıWas wir hier haben, ist eine Malerei, die Persönlichkeit des Clowns und die Einsamkeit der Figuren in
jeder Zufälligkeit entrissen ist, die Malerei an sich, das reine der Loge einzufangen.
Maurice de Vlaminck, View of the Seine, 1905-06. Kees van Dongen, Spring, um 1908.
Öl auf Leinwand, 54,5 x 65,5 cm. Öl auf Leinwand, 81 x 100,5 cm.
Eremitage Museum, St. Petersburg. Eremitage Museum, St. Petersburg.
André Derain, Das Schloss (Cagnes), um 1910.
Öl auf Leinwand. Puschkin Museum für bildende Künste, Moskau. (S. 17)
1617Albert Marquet, Der Hafen von Honfleur, um 1911.
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm. Puschkin Museum für bildende Künste, St. Petersburg.
18Paula Modersohn-Becker und die Beschaulichkeit
in Worpswede
Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Hans am Ende zogen reiste sie zum ersten Mal nach Paris, bis 1907 folgten mehrere
1889 in das kleine, unberührte Dorf Worpswede, am Rande kürzere und längere Aufenthalte. Hier begegnete sie erstmals der
des Teufelsmoores nördlich von Bremen. Sie gründeten eine Künstleravantgarde. Sie war von der Pariser Atmosphäre und
Arbeits- und Lebensgemeinschaft und taten es ihren französi- den Sinneseindrücken berauscht. Die Bilder von van Gogh und
schen Vorbildern gleich, den Künstlern der Schule von Barbizon: Paul Gauguin beeindruckten sie ungemein. Im Auktionshaus
Camille Corot, Théodor Rousseau und Charles-François Drouot sah sie gemeinsam mit Clara und Rainer Maria Rilke
Daubigny. Ähnlich ihren süddeutschen Malerkollegen in Dachau Malerei und Kunstgewerbe aus China und Japan.
war es, wie Otto Modersohn seinem Tagebuch anvertraute, das Mich packte die große Merkwürdigkeit dieser
Ziel der Worpsweder, das tiefe poetische Gefühl für die Natur Dinge. Mir scheint unsere Kunst noch viel zu
konvenins Bild zu setzen. Weitere junge, großstadtmüde Maler folgten, tionell. Sie drückt sehr mangelhaft jene Regungen
so 1893 Fritz Overbeck, 1894 Heinrich Vogeler und schließlich aus, die unser Inneres durchziehen. Das scheint mir
Clara Westhoff und deren späterer Mann, der Dichter Rainer in der altjapanischen Kunst mehr gelöst,
Maria Rilke. Eine Künstlerkolonie entstand, der sich im Laufe der schrieb sie in ihr Tagebuch. Eine wesentliche Anregung
Zeit verschiedene Künstler anschlossen und die bis heute Künstler erhielt sie beim Besuch im Louvre 1903, bei der Begegnung
unterschiedlichen Metiers anzieht. mit der Antike.
Diese Maler, dem Traditionalismus der Kunstakademien Wie sind sie groß und einfach gesehen„, schrieb sie
entflohen, suchten das tiefe, innige Erleben der Natur zu über die ägyptischen Mumienporträts, ı⁄ Stirn,
malen: Natureindrücke, das klare Licht und Sonnenuntergänge Mund, Augen, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es
in der Moorlandschaft, fliehende Wolken über dem klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel.
Teufelsmoor. Die Grundtendenz ihrer malerischen Handschrift Unter dem Eindruck der ägyptischen Mumienporträts
war lyrisch und verhalten. Nicht kritisch wollten sie sein, begann sie eine Serie von Selbstporträts. Wie die Mumien
vielmehr suchten sie in der freien Natur die Verklärung, das zeigt sie sich selbst nun mit eigentümlich großen Augen und
Lebensideal. Die Malerin Paula Becker aus Dresden, die in entrücktem, äußerst suggestivem Blick. Ihr Atelier zierte nun ein
Bremen, London und Berlin Kunst studiert hatte, gesellte sich Fries mit Reproduktionen dieser Mumien, die den Betrachter
1898/99 hinzu. Hier in Worpswede fand sie Gleichgesinnte ansehen und zugleich in eine entrückte Ferne blicken.
und ihre große Liebe. Im September 1900 verlobte sie sich Aus Paris zurück in Worpswede, wurden Bauern und
heimlich mit Otto Modersohn, der kurz zuvor seine erste Frau Kinder des Dorfes ihre bevorzugten Modelle. Sie sucht die
verloren hatte. Im darauf folgenden Jahr heiratete der bereits Vereinfachung. Die Farbe ist ihr wichtiger als die Darstellung.
renommierte Maler Otto Modersohn die junge, unbekannte Das Wesentliche dieser von harter Arbeit, Armut und rauer
Paula Becker. Ihre ersten Porträts und Studien der Moor- und Landschaft gezeichneten Menschen setzte sie ins Bild. Sie
Birkenlandschaft sind vom Impressionismus geprägt, zeigen modellierte ihre Bauern und Kinder gleichsam in pastosen, jede
aber bereits Ansätze von einem reduzierten Bildaufbau und Glätte vermeidende Farbflächen, kantig, monumental, herb im
die Verabschiedung von der Raumillusion. Ausdruck, aber voller Sinnlichkeit. In ihren Bildern gab sie den
Paula Modersohn-Becker genügte der Naturlyrismus ihrer Menschen ihr Selbstverständnis, ihre Kraft, ihre innere Größe
Kollegen in Worpswede nicht. Sie erkannte, dass die entschei- und ihre Würde. In ihren Gemälden vermochte sie eine
denden Impulse nur in der Kunstmetropole Paris zu finden wären. große Empfindsamkeit und seelische Tiefe auszudrücken. Ein
Sie floh sehr bald aus der Enge von Worpswede. Im Jahr 1900 Beispiel ist das Gemälde Alte Armenhäuslerin im Garten.
19Erdverbunden, körnig, breitschultrig, ihre schweren Händen in
den Schoß gelegt, malt Paula Modersohn-Becker eine Ikone der
alten Frau. Sie platziert sie zwischen wildem Mohn, bekränzt sie
und ehrt sie mit der Glut einer verhaltenen, tonigen Farbigkeit.
Das Motiv ÊMutter und KindÊ erhält in ihren Bildern eine
ganz eigene Qualität von Liebe, Innigkeit und Intimität. Die
Stärke ihrer Empfindung wirkt unsentimental, herb und
aufrichtig. Sie verstand es meisterhaft, das Körperlich-Seelische,
das Wesentliche einer Person ins Bild zu setzen, befreit von
allem zierenden Beiwerk. Sie suchte die große Einfachheit der
Form. ıIch möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe
geben, das Mächtige„, schrieb sie in ihr Tagebuch. Gerade
einmal sieben Jahre blieben Paula Modersohn-Becker für ihre
künstlerische Entwicklung. Sie wurde nur 31 Jahre alt. Wenige
Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde starb sie an einer
Embolie. Trotz der sehr kurzen Schaffenszeit, die ihr gewährt
war, hinterließ sie ein umfangreiches Oeuvre, rund 750
Gemälde und über 1000 Zeichnungen, Tagebücher und
Briefe. Zu Lebzeiten verkaufte sie nur fünf Bilder.
Rainer Maria Rilke nannte ihre unorthodoxe Malweise
ırücksichtslos und geradeaus.„ Anfang November 1908
schrieb er in Paris das Requiem für Paula, in dem es heißt:
... und sagtest nicht: das bin ich; nein: das ist./ So
ohne Neugier war zuletzt dein Schaun/ und so
besitzlos, von so wahrer Anmut/ dass es dich selbst
nicht mehr begehrte: heilig ⁄
Im Dezember 1908 wurde in Bremen die erste
Retrospektive für Paula Modersohn-Becker gezeigt. Im Frühjahr
1909 zeigte Paul Cassirer in Berlin Paulas Bilder neben denen
von van Gogh, Manet, Monet und Renoir. Ludwig Roselius, der
Gründer der Kaffee-Handels-Aktien-Gesellschaft (HAG) in der
Böttcherstraße in Bremen richtete 1927 ein Museum für sie ein
– mit der Begründung: ıPaula ist die Malerin der Wahrheit. Vor
ihr gab es niemals einen Maler, der die Wahrheit gemalt hat,
die großen Maler unserer Zeit: Munch, Gauguin, van Gogh,
Cézanne und andere haben um diese Wahrheit gerungen.„
Während des Nationalsozialismus wurden ihre Bilder aus
den Museen entfernt, 1937 auf der Ausstellung entarteter Kunst
gezeigt. Heute gilt Paula Modersohn-Becker als die große
Wegbereiterin zum Expressionismus.
Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis mit Kamelienzweig, 1907.
Öl auf Holz, 61,5 x 30,5 cm. Museum Folkwang, Essen.
Paula Modersohn-Becker, Alte Armenhäuslerin mit Glaskugel und Mohnblumen, 1907.
Öl auf Leinwand, 96,3 x 80,2 cm. Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen. (S. 21)
2021Futurismus: Die Dynamisierung des Bildes
Unter den künstlerischen Bewegungen zu Anfang des 20. nicht gespart worden. Am Vorabend waren die Namen der fünf
Jahrhunderts ist der italienische Futurismus eine der geräusch- Maler Giacomo Balla, Carlo Carrà, Umberto Boccioni, Luigi
vollsten gewesen. Manifeste und Proklamationen waren die Russolo und Gino Severini mit Leuchtbuchstaben in die Nacht
Form, neue künstlerische Thesen zu formulieren und öffentlich geschrieben worden. Im März zeigten die Futuristen ihre Kunst
vorzutragen. Dabei kam es nicht selten zu Tumulten und sogar zu in London in der Sackville Gallery. Der Erfolg steigerte sich noch
Schlägereien. Die lautstarke Aggressivität war in der gesellschaft- gegenüber Paris. ıMehr als 350 Kritiker sind in einem Monat
lichen Tradition der italienischen Kunst begründet, die im Verlauf und vier Tagen erschienen, und die Galerie wollte wegen des
des 19. Jahrhunderts eine steril akademische und museale Kunst großen Zustroms von zahlendem Publikum die Bilder nicht
geworden war. Gegen diese mumifizierte Kunst richtete sich der abhängen„, schrieb Marinetti an seinen Freund Praletta.
kämpferische Zorn der Futuristen. Die futuristische Revolte verstand Im April/Mai 1912 wanderte die Futuristenausstellung
sich als eine moderne, allen Energien des Lebens sich öffnende nach Berlin in die Galerie Der Sturm. Auch in der
gleichnaund alle Kunstgattungen erfassende Revolte. migen Zeitschrift bot Herwarth Walden den Futuristen ein
Der erweckende Impuls dieser, die gesamte westliche Forum. Von Berlin aus reiste die Ausstellung nach Brüssel, Den
Kulturszene erfassenden Bewegung ging von dem Dichter Haag, Amsterdam, Köln und, in etwas reduzierter Form, in
Tommaso Marinetti aus. Sein erstes futuristisches Manifest lag andere deutsche Städte sowie nach Österreich, Ungarn und in
Ende des Jahres 1908 vor. Darin formulierte er Tendenzen des die Schweiz. In Frankreich nahmen Duchamp, Kupka, Léger,
neuen Denkens, das die Intelligenz damals bewegte: ıZeit und Delaunay und Mondrian futuristische Anregungen auf. In
Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten.„ England gründeten Wyndham Lewis und Christopher Richard
Und weiter heißt es: Wynne Nevinson daraufhin den Vorticismus, in Ungarn
... denn wir haben schon die ewige, allgegen- nahmen Sándor Bortnyik, Béla Uitz und Gizella Dömötör
futuriswärtige Geschwindigkeit erschaffen. ... Wir tische Ideen auf und in Polen wurde der Formismus davon
erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine berührt. Von Paris aus trugen John Marin und Joseph Stella die
neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Gedanken in die ÊNeue WeltÊ. In Deutschland hinterließ der
Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie Futurismus seine Spuren nachhaltig bei den Künstlern des
große Rohre schmücken, die Schlangen mit explo- Blauen Reiter, den Werken von August Macke und den
rheinisivem Atem gleichen ... das aufheulende Auto ... ist schen Expressionisten, bei Otto Dix, George Grosz und Lyonel
schöner als die Nike von Samothrake.... Feininger, bei Künstlern in Berlin, die sich um den Sturm und die
Durchschlagenden Erfolg, vor allem für die Kunstwelt Novembergruppe gruppierten. Der internationale Einfluss des
Frankreichs, brachte die Veröffentlichung dieses Manifestes am Futurismus beschränkte sich zwar auf wenige Jahre, war aber
20. Februar 1909 auf der ersten Seite der konservativen Pariser so nachhaltig, dass er in den Künsten tiefe Spuren hinterließ.
Zeitung Figaro in französischer Sprache. In Russland erschien es Sogar in Japan stellten die Futuristen aus.
kurze Zeit später, am 8. März 1909, ins Russische übersetzt, in Der Futurismus gibt ein dynamisches Bild der Welt im
der Petersburger Zeitung Wetscher. Die Wirkung, zunächst auf Zustand der Unruhe und einen Prozess wider, der nicht fertig,
die literarische Avantgarde, war erheblich. Die bildkünstlerische nicht im letzten überschaubar und verfügbar ist. Ihre Vertreter
Umsetzung des neuen Geistesgutes erfolgte später. Den entschei- fühlten sich als Wegbereiter einer neuen Zeit, als Revolutionäre
denden Durchbruch erlebten die futuristischen Maler allerdings der Gesellschaft. Ihre kühnen, extravaganten Wagnisse
erst mit ihrer Wanderausstellung, die im Februar 1912 in Paris, erprobten sie in allen Bereichen der ästhetischen Medien,
in der Galerie Bernheim-Jeune eröffnet wurde. Mit Reklame war in Malerei, Plastik und Architektur, Musik und Theater.
Otto Dix, Selbstbildnis als Mars, 1915.
Öl auf Leinwand, 81 x 66 cm. Haus der Heimat, Freital.
2223Georges Grosz, Metropolis, 1916-1917.
Öl auf Leinwand, 100 x 102 cm.
Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid.
24Das moderne Leben und das Sein sollte in allen seinen baren in ihren Linien Trägheit und Wildheit,
Erscheinungsformen begriffen werden, den sichtbaren und Heiterkeit und Traurigkeit.
unsichtbaren, den alltäglichen und metaphysischen. Vor allem Die Sichtbarmachung des Unsichtbaren bedingte die
sollten alle lebendigen und statisch erscheinenden Dinge auch Forderung nach der Durchsichtigkeit aller Dinge. Im Technischen
in ihren Gemütsbewegungen und ihren Beziehungen zuein- Manifest von 1910 äußern die futuristischen Maler Balla,
ander dargestellt werden. Carrá, Boccioni, Russolo und Severini:
Unsere Körper dringen in die Sofas ein, auf denen Wer kann noch an die Undurchsichtigkeit der Körper
wir sitzen und die Sofas dringen in uns ein, wie die glauben, wenn uns unsere verschärfte und
vervielfälvorüberfahrende Straßenbahn in die Häuser dringt, tigte Sensibilität die dunklen Offenbarungen
mediudie sich ihrerseits auf die Straßenbahn stürzen und mistischer Phänomene erahnen lässt? Warum sollen
sich mit ihr verquicken. wir weiterhin schaffen, ohne unserer visuellen Kraft
Der Mensch war dabei nicht mehr Mittelpunkt, sondern Rechnung zu tragen, die Röntgenstrahlen vergleichbare
lediglich ein empfindendes Wesen unter vielen leidensfähigen Ergebnisse erzielt?
Dingen. Die Futuristen sprachen hiermit die Vernetzung allen Neueste wissenschaftliche Forschungsergebnisse bewegten
Seins an. Der Betrachter sollte in den Dynamismus des Bildes nicht nur die Intelligenz, zumal diese Ergebnisse in verkürzter
eingeschlossen werden. Form auch in der Tagespresse erschienen. Marie Curie, der
Um den Betrachter im Zentrum des Bildes leben 1903 zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie und
Antoinezu lassen, muss das Bild die Synthese sein von Henri Becquerel für die Entdeckung der Radioaktivität der
dem, woran man sich erinnert und dem, was man Nobelpreis für Physik zugesprochen wurde, schrieb 1904 in
sieht. ... Auch alle unbelebten Gegenstände offen- ihrer Abhandlung Radium and Radioactivity:
Gino Severini, Dynamische Hieroglyphen des Bal Tabarin, 1912. Carlo Carrà, Manifestazione Interventista, 1914.
Öl auf Leinwand mit Pailletten, 161,6 x 156,2 cm. Geklebtes Papier und Zeitungspapier auf Leinwand, auf Holz
The Museum of Modern Art, New York. aufgezogen, 38,5 x 30 cm. Mattioli Sammlung, Mailand.
25Die Entdeckung des Phänomens der Radioaktivität sondern das, was bislang als unsichtbar galt, das nämlich, was
fügt der großen Zahl unsichtbarer Strahlen, die jetzt der hellsichtige Maler sieht.„ Die Futuristischen Maler
bekannt sind, eine weitere Gruppe hinzu, und wir versuchten, das neue Bild der Welt künstlerisch umzusetzen.
müssen erneut erkennen, wie begrenzt unsere unmit- Alle Bewegungen und Gemütszustände, alle Geräusche und
telbare Wahrnehmung der Welt um uns ist. Gerüche, alles Bewegte und Statische, alles Leben und alle
Nicht nur die Futuristen wurden eingefangen in den Geist Materie verpflichtete der Futurismus einem universellen
der Zeit, der durch viele neue Ergebnisse einer ganzen Reihe Dynamismus. Dieser verbildlichte sich im Kunstwerk in
von Forschern und Erfindern vom historisch-mechanistischen wirbelnder Zersplitterung oder in vervielfältigenden Umrissen
Weltbild abrückte. Im Jahr 1907 erschien die Abhandlung eines Gegenstands, und zwar durch bewegte Perspektiven,
LÊevolution créatrice (Schöpferische Entwicklung) des französi- durch den Wechsel von Fern- und Nahsicht, durch Zeitdehnung
schen Philosophen Henri Bergson. Die Futuristen bezogen sich und Zeitraffung oder durch wechselnde Ereignisdichte. Ziel war
betont auf ihn. Bei Bergson spielt der Begriff ıIntuition„ eine es, das Sichtbare und Unsichtbare als Konglomerat
verganRolle. Dieser bezeichnet einen Zustand der Wechselbeziehung gener, gegenwärtiger und zukünftiger Begebenheiten, quasi als
zwischen Zukunft und Vergangenheit, Raum und Zeit. Kraft der Zeit- und Raum-Cluster in ein Bild einzufangen und darzustellen.
ısympathetischen„ Berührung, die die Intuition zwischen uns Bewegung kann unterschiedlich dargestellt werden, entweder
und allem Lebendigen herstellt, gelangen wir zu einer als ıabsolute Bewegung„ mittels Kraftlinien, die ı⁄ wie Pfeile auf
Bewusstseinserweiterung, so Bergson, die eine wechselseitige das Gemüt des Betrachters fallen„ oder als Zick-Zack- oder als
Durchdringung ermöglicht – einer Intuition, mit deren Hilfe man Wellenlinien. Die ırelative Bewegung„ stellt zeitlich aufeinander
sich ins Innere z.B. eines Gegenstands versetzen kann, um mit folgende Bewegungsphasen dar und zwar in der Art übereinander
seinem einmaligen Wesenskern eins zu werden. kopierter Fotos nebeneinander gesetzt. Durch die Simultaneität und
Umberto Boccioni bezog sich auf Marie Curie und wechselseitige Durchdringung aller Dinge und Ereignisse zu einem
Bergson, wenn er in seinen Notizen für eine Vorlesung 1911 Motiv tritt zu den bekannten drei räumlichen Dimensionen die vierte
niederschrieb: ıNicht das Sichtbare muss gemalt werden, Dimension, die Zeit. Ein Raum- und Zeit-Cluster entsteht im Bild.
Luigi Russolo, Dynamismus eines Automobils, 1912-1913. Giacomo Balla, Mädchen, über einen Balkon laufend, 1912.
Öl auf Leinwand, 106 x 140 cm. Musée National d’Art Moderne, Öl auf Leinwand, 125 x 125 cm. Galleria d’Arte moderna, Mailand.
Centre Georges Pompidou, Geschenk von Sonia Delaunay, Paris.
26Umberto Boccioni, Die Straße dringt ins Haus, 1911.
Öl auf Leinwand, 100 x 100,6 cm. Sprengel Museum, Hannover.
27Lyonel Feininger, Vollersroda V, 1916.
Aquarell auf Papier, 23 x 30 cm. Museum Ludwig, Stiftung Günther und Carola Peill, Köln.
28Der Expressionismus und die Suche nach
zeitgemäßer Form
Der Expressionismus ist eine vielfältig schillernde, europäische war die Antwort der Künstler auf zunehmende Reglementierungen,
Bewegung, zu der Franzosen, Deutsche, Österreicher, Russen auf die sozialen Spannungen, auf die kulturellen Konflikte und
und Amerikaner Entscheidendes beigetragen haben. Es ist eine psychologischen Belastungen.
Entwicklung, die, vom gleichen Geist getrieben, sich von der Das Essay von Franz Marc, das er für den Almanach Der
Naturdarstellung abwandte und zu neuen Ufern des Ausdrucks Blaue Reiter schrieb, mag die Situation annähernd andeuten:
und der Êinneren Wahrheit aufbrach. Sein Erscheinungsbild In unserer Epoche des großen Kampfes um die neue
ist ein Kaleidoskop unterschiedlichster Ausprägungen. Zur Kunst streiten wir als ÊWildeÂ, nicht als Organisierte
gemeinschaftlichen Aktion des Neuen haben die internationalen gegen eine alte organisierte Macht. Der Kampf scheint
Ausstellungen, die öffentlichen Kunstsammlungen und Museen, ungleich; aber in geistigen Dingen siegt nie die Zahl,
die Bildveröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften und vor sondern die Stärke der Ideen. Die gefürchteten Waffen
allem Studienreisen der Künstler nicht wenig beigetragen. der ÊWilden sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser
Paris war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Zentrum der als Stahl und brechen, was als unzerbrechlich galt.
innovativen künstlerischen Kräfte und begehrt besuchte Die Expressionisten erhoben sich gegen den kalten
Kunstmetropole von Künstlern aus der ganzen Welt. Französische Mechanismus, gegen das gängelnde Obrigkeitsdenken. Sie
Maler – geniale Einzelgänger wie Paul Cézanne, Claude Monet, wollten die Künstlichkeit beiseite schaffen und forschten wie
Paul Gauguin, Henri Matisse oder der in Frankreich lebende auch die Fauves nach den Quellgründen menschlicher Existenz
Vincent van Gogh – prägten auch durch Ausstellungen nachhaltig und fanden diese ebenfalls bei den Naturvölkern, den so
den Aufbruch der Moderne. Unter diesen Ausstellungen haben genannten Primitiven. Bereits 1904 erlebte Ernst Ludwig
einige epochale Bedeutung erlangt, so die Internationale Kirchner eine magische Anziehungskraft der Kunst Afrikas und
Sonderbund Ausstellung 1912 in Köln, im selben Jahr in Berlin die der Südsee, als er diese im Dresdner Völkerkundemuseum
Ausstellung Blaue Reiter, 1913 ebenfalls in Berlin der Erste entdeckt hatte. Nicht nur die Masken und geschnitzten
Deutsche Herbstsalon und im gleichen Jahr die Armory Show in Kultfiguren dieser Völker faszinierten, sondern auch deren Riten
New York. In den Jahren 1912 bis 1914 wanderte auch eine und Lebensweisen. Zu dieser Zeit publizierten die Ethnologen
Ausstellung der italienischen Futuristen durch die Welt. Leo Frobenius und Paul Ehrenreich Bücher und Schriften über
Im Gegensatz zum Fauvismus entwickelte sich der die Kulturkreise der Urvölker, die breites Interesse fanden.
Expressionismus in reich facettierten Wegen und prägte über Anders als die Fauves, die sich vorwiegend
stilistisch-dekoraviele Jahre hinweg die europäische und amerikanische tiver Elemente bedienten, richteten die Künstler der Brücke ihr
Kunstszene. Expressionismus bedeutete Lebenshaltung und Interesse auf den spirituellen Aspekt, auf Ursprünglichkeit, auf
beschränkte sich nicht auf das Bildkünstlerische. Neben Plastik archaische Ausdruckskraft. Sie nannten sich selbst ıPrimitive einer
und Malerei ergriff dieser liberale, ungebundene Umgang mit neuen Kunst.„ Die Steigerung des Ausdrucks in größtmöglicher
Kunsttraditionen auch die Architektur, die Literatur, den Film, die Intensität war das Ziel, Zerschlagung der Ênatürlichen Ordnung.
Musik und das Theater. Expressionismus war mehr als eine Formen wurden zersplittert, überdehnt, gespalten, Farben brannten
Kunstrichtung, er bedeutete Rebellion und den leidenschaftlichen in wahren Strömen, erregter als bei den Fauves. ıEinfühlung„
Aufbruch der jungen Elite zwischen der Jahrhundertwende und wurde zum Schlagwort, das der Kunsthistoriker Wilhelm
dem Ersten Weltkrieg. Zahlreiche Doppelbegabungen finden Worringer für diese in die tiefsten Empfindungen vordringende
sich: Dichter und Maler wie Ludwig Meidner, Oskar Kokoschka, Ausdruckssprache fand. Franz Marc formulierte in Wort und Bild
Else Lasker-Schüler, Bildhauer und Dramatiker wie Ernst Barlach, das ı⁄ pantheistische sich Einfühlen in das Zittern und Rinnen des
Komponist und Maler wie Arnold Schönberg. Expressionismus Blutes in der Natur, in den Bäumen, in den Tieren, in der Luft.„
29Die Brücke und ihr Umfeld
In Dresden schlossen sich 1905 die Studenten der Architektur Menschen in der Natur. Von 1910 an zogen die Maler in den
Fritz Bleyl, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Sommermonaten gemeinsam an die Moritzburger Seen, nach
Schmidt Rottluff zu einer Künstlergemeinschaft mit dem Namen Dangast oder Nidden. Hier in der Natur bei Licht, Luft und
Brücke zusammen. Ihre Absicht war es, den Akademismus zu Sonne fühlten sie sich ungebunden, frei von zivilisatorischen
überwinden, mit den Traditionen zu brechen und ı⁄ alle Zwängen. Sie malten Landschaften und Akte im Freien, nackte
gärenden und revolutionären Kräfte an sich zu ziehen„, wie Menschen in unverfälschter Landschaft. Mensch und Natur
Schmidt-Rottluff ein Jahr später an Emil Nolde schrieb, den er wurden in freier, unmittelbarer Farben- und Formensprache
für kurze Zeit für die Gemeinschaft gewinnen konnte. Bald als kosmische Einheit begriffen. Eine starke, unmittelbare
gesellten sich noch die Maler Otto Mueller, Max Pechstein und Farbgebung kennzeichnet die Bilder, wie auch eine an
ıprimider Schweizer Cuno Amiet zu ihnen. Gemeinsamer Nenner tiven„ Kulturen orientierte ursprüngliche Schroffheit und Steifheit
für eine Mitgliedschaft war die ı⁄ Erweiterung bestehender der Form. Die Malweise ist rasch und eruptiv, der Stil spontan
Wertvorstellungen im Hinblick auf eine Ganzheitsvision des und emotional. Bildliche Raumvorstellungen werden allein aus
inneren Bildes.„ Ernst Ludwig Kirchner, treibende Kraft der der Farbe erzeugt. Das Ergebnis ist eine räumliche Verflachung
Brücke, formulierte dies 1906 im Programm der Brücke: der Farbe.
Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Gerade der Holzschnitt passte zum Typus der Brücke-Kunst.
Generation der Schaffenden und Genießenden, Die materialimmanente Vergröberung der Formen und des
rufen wir alle Jugend zusammen. [...] Jeder gehört zu Ausdrucks, die damit verbundenen Härten und festen Flächen
uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, kam der Absicht der Ausdruckssteigerung entgegen. Sie fühlten
was ihn zum Schaffen drängt. sich wie ıAristokraten des Geistes„, wie aus ihrem gemeinsam
Sie wollten, wie ihr Name besagt, zwischen geführten Tagebuch zu entnehmen ist. Ziel war nicht die
Gleichgesinnten eine Brücke aufbauen. Erich Heckel war der Uniformität ihres Ausdrucksstils, sondern das immer intensiver
Organisator der Gruppe. So war auch er es, der für 10 Mark werdende Aufspüren der Quellen des mystischen
Monatsmiete einen leeren Metzgerladen anmietete, der als Seinsgeheimnisses, ı⁄ das hinter den Vorgängen und Dingen
gemeinsames Atelier genutzt wurde und in dem die erste der Umwelt steht„, so Kirchner.
gemeinsame Ausstellung stattfand. Im Übrigen unternahmen die Anfangs waren die Künstler der Brücke vom Jugendstil und
Brücke-Künstler alles gemeinsam – im Sinne der mittelalterlichen Symbolismus beeinflusst. Es folgte die Auseinandersetzung mit
Bauhütten. Ihre Identifikation ging so weit, dass ihre Werke in dem ekstatisch bewegten Stil Edvard Munchs und Paul
der frühen Schaffensperiode kaum zu unterscheiden waren. Sie Gauguins und deren Thematik von Mensch und Sein. Die
taten alles gemeinsam, hatten dieselben Modelle, erlernten markante, eigenwillige und typische Handschrift ihres
Brückegemeinsam neue Techniken, vor allem die des Holzschnitts, der Expressionismus mit ihrer schroffen Direktheit, Strenge und
Radierung, der Lithographie. In den Jahren 1906 bis 1912 linearen Einfachheit entwickelten die Maler erst nach Kenntnis
publizierten sie für ihre Mitglieder die heute eine Rarität darstel- der Werke von van Gogh und Cézanne. In Erinnerung an Paul
lenden Jahresmappen. Gauguins Südseeaufenthalte brachen Emil Nolde und Max
In den Wintermonaten trafen sich die Maler zu einem Pechstein in den Jahren 1913 und 1914 zu eigenen Reisen
ıViertelstundenakt„. Das Aktmodell änderte nach jeweils einer nach Neuguinea und zu den Palau-Inseln auf. Otto Mueller, der
Viertelstunde die Pose. Es entstanden Aktzeichnungen von 1910 zur Brücke stieß, suchte die Schönheit des Fremdartigen
großer Spontaneität, jenseits akademischer Vorgaben. Aus in Zigeunerdarstellungen. Mit einfachen, großen Formen und
diesen Studien entwickelten sie die Thematik des nackten klaren Farben wollten sie ı⁄ den Reichtum, die Freude des
30Karl Schmidt-Rottluff, Nach dem Bade, 1912.
Öl auf Leinwand, 87 x 95 cm. Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden.
31Lebens, wollten die Menschen malen in ihren Festen, in ihren obwohl oder gerade weil Ernst Ludwig Kirchner in der
BrückeEmpfindungen zueinander und miteinander. Die Liebe gestalten Chronik das Gemeinsame zu betonen suchte. Befreundet
wie den Hass„, so Kirchner. blieben die Maler aber ihr Leben lang.
Im Jahr 1911 siedelten Heckel, Kirchner, Pechstein und Berlin entwickelte sich vor dem Ersten Weltkrieg neben
Schmidt-Rottluff nach Berlin über. Jeder der Künstler ging von Paris, Dresden und München zum wichtigsten europäischen
nun an seinen eigenen Weg. Herwarth Walden, dessen Kunstzentrum. Den Auftakt bildete eine Ausstellung von Edvard
Galerie und Zeitschrift Der Sturm wurden Anlaufstelle der Maler. Munch im Jahr 1892, die konservative Wogen aufschäumen
Erstmals veröffentlichte Walden Holzschnitte Kirchners. ließ. Ausstellungen anderer Aktueller folgten, progressive
Gemeinsam mit Erich Heckel beteiligte sich Kirchner an der Kunstzeitschriften begannen zu erscheinen, Hugo von Tschudi,
Sonderbund-Ausstellung in Köln. Kirchners erste Ausstellung 1896 zum Direktor der Nationalgalerie ernannt, setzte sich
fand 1913 im Folkwang-Museum in Hagen statt. Aber zielstrebig für die Moderne ein. Bruno Cassirer zeigte 1901
Zwistigkeiten und Meinungsverschiedenheiten innerhalb die erste Cézanne-Ausstellung und 1904 gründete sich der
der Brücke führten schließlich 1913 zu deren Auflösung, Deutsche Künstlerbund, der im folgenden Jahr in Berlin seine
Ernst Ludwig Kirchner, Zirkusreiter, 1913.
Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm. Pinakothek der Moderne, München.
32erste Ausstellung aktueller Kunst zeigte. Von 1907 an hielten sind die Talentlosen in Reih und Glied ausgestellt.„ Franz
Fauvismus, Expressionismus und alle anderen modernen Marc und die anderen nannte man ı⁄ eine Horde
farbspritTendenzen Einzug in eine ganze Reihe Berliner Galerien. Die zender Brüllaffen.„ Aber es gab auch positive Ausnahmen
Neue Secession bildete sich 1910, ein Jahr später die Erste der Kritik: ıDer Tag, an dem der Erste Deutsche Herbstsalon
juryfreie Kunstausstellung. eröffnet wurde, darf als historisches Datum gelten. Es hat
Die entscheidenden kreativen Kräfte sammelte Herwarth etwas Überwältigendes, allüberall Kämpfer und Vertreter
Walden – der Visionär mit dem sicheren Gespür für das neuer Prinzipien am Werk zu sehen.„
Kommende – in seiner im Frühjahr 1912 gegründeten Das pulsierende, fast fiebrige Großstadtleben, die geistige
Galerie Der Sturm. Seit 1910 erschien bereits seine gleich- und kulturelle Intensität, die sozialen Gegensätze hatten
namige Zeitschrift, ı⁄ um den von Kritik und Publikum Einfluss auf den neuen Malstil der Brücke-Künstler. Die
geächteten Künstlern eine Möglichkeit zu verschaffen.„ Diese Handschrift von Ernst Ludwig Kirchner, zweifelsohne die
Zeitschrift wurde zum ÊKampforganÊ der neuen Bewegungen, herausragendste Künstlerpersönlichkeit der Brücke-Gemeinschaft,
für Futurismus, Expressionismus, Kubismus und Konstruktivismus. entwickelte hier in der rauschenden Metropole die für ihn
In vierzehn Jahrgängen publizierten hier namhafte Künstler charakteristische nervöse Exzentrik. Seine Menschen und
und Schriftsteller, darunter Hans Arp, Gottfried Benn, Franz Straßenszenen atmen von nun an das Flair mondänen und
Marc, August Stramm, Alfred Döblin, Fernand Léger, Max intensiven Großstadtlebens. Die Struktur der Bilder wird
Pechstein, Kurt Schwitters, August Strindberg, Tristan Tzara, straffer, kantiger, die Formen gewinnen an Dynamik. Die
Guillaume Apollinaire, Umberto Boccioni, Robert Delaunay, vitale Energie der Gegenwart ist gleichsam in die mit
Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, Filippo Marinetti und Elektrizität aufgeladene Bildfläche eingedrungen; Dandys,
Wilhelm Worringer. Kokotten und Straßenpassanten huschen gespenstisch dahin.
Die Galerie Der Sturm debütierte im März 1912 mit dem Ernst Ludwig Kirchner faszinierte in den Jahren 1912 bis
Blauen Reiter und mit Oskar Kokoschka, gefolgt von den 1914 die futuristische Möglichkeit, Figuren im Straßenbild
italienischen Futuristen. Die Sommerausstellung reservierte gleichsam aufreihen zu können und so den Eindruck von sich
Herwarth Walden für die von der Kölner Sonderbund- kontinuierlich fortbewegenden Menschen hervorzurufen. Ein
Ausstellung Zurückgewiesenen mit Marc, Münter, Jawlensky, gelockerter Pinselstrich verwischt die Konturen der Figuren und
Kandinsky und Werefkin. Es folgten Französische Graphik demonstriert durch Richtungsangabe Bewegung. Im Gemälde
mit Herbin, Gauguin und Picasso sowie die Fauves und die Straßenszene (Friedrichstraße Berlin) von 1914 reihen sich
expressiven Belgier. Im Sturm, so verkündete Walden, ı⁄ viele immer kleiner werdende Figuren in einer nach
stellen alle Künstler aus, die man später als die bestim- hinten sich perspektivisch verjüngenden Straße gleichsam
menden Kräfte ihrer Zeit ansehen wird„, und seine Vision mobil hintereinander. Die Konturen sind ein wenig verwischt,
sollte sich bestätigen. Höhepunkt von Waldens die Gestalten etwas verzerrt. Sie scheinen auf einem magischen
Ausstellungstätigkeit wurde im Herbst 1913 der Erste Bewegungsdiagramm zu wandeln.
Deutsche Herbstsalon, ein Pendant zum Pariser Salon Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich
dÊAutomne. Der Erste Deutsche Herbstsalon vereinte 366 Kirchner freiwillig als Fahrer bei der Artillerie. Die
Werke von 86 zeitgenössischen Künstlern der Avantgarde Kriegserlebnisse schwächten seine von jeher hinfällige
aus zwölf Ländern, darunter auch aus Amerika, Russland und physische und psychische Natur. Kirchner zog 1917
schwerSpanien. Organisiert wurde der Herbstsalon von Walden, krank in die Schweiz nach Davos und ließ sich schließlich in
Marc und Macke mit der finanziellen Unterstützung des Frauenkirch nieder. Die Bergwelt, die Kraft und Macht der
Sammlers und Mäzens Bernhard Koehler. Die Öffentlichkeit Natur ergriffen ihn im Innersten. Sie wurde von nun an seine
reagierte auf den Herbstsalon oft mit Unverständnis: ıHier Bildwelt, der er mit großartiger Einfachheit geheimnisvolle
33sein Alterswerk kennzeichnet einen gewissen Lyrismus. Im
ıDritten Reich„ wurden 729 seiner Werke aus deutschen
Museen und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt,
dreizehn davon zeigte 1937 die Ausstellung Entartete Kunst.
Ein Bombenangriff zerstörte 1944 Heckels Atelier in Berlin.
Eine große Anzahl seiner Werke, darunter fast alle Druckstöcke,
wurden vernichtet. Resigniert zog er sich nach Hemmenhofen
am Bodensee zurück.
Karl Schmidt, der sich ab 1905 nach dem Beitritt zur
Künstlergemeinschaft Schmidt-Rottluff nennt, gab der Brücke den
Namen. Seine Frühwerke sind heute schlechthin zum Inbegriff
des frühen Expressionismus geworden. Er widmete sich vier
Hauptthemen: dem Akt, der Landschaft, dem Porträt und dem
Stillleben; damit ist er der vielseitigste unter den
BrückeFreunden. Im Jahr 1907 lernte er die Kunsthistoriker Rosa
Schapire und Wilhelm Niemeyer kennen, die sich zeitlebens für
ihn einsetzten. Auf der Ausstellung Entartete Kunst war er mit 25
Gemälden, zwei Aquarellen und 24 grafischen Blättern
vertreten. Im Jahr 1938 wurden 608 Arbeiten Schmidt-Rottluffs
in deutschen Museen beschlagnahmt. Im selben Jahr zeigte die
Galerie Nierendorf in New York seine Aquarelle. Drei Jahre
danach erhielt er Malverbot. Auch sein Atelier wurde 1943
völlig ausgebombt, deswegen siedelte er nach Rottluff bei
Chemnitz über. Und 1945 verlor er alle Gemälde, die er auf
zwei Gütern in Schlesien ausgelagert hatte.
Max Pechstein ist der einzige der Brücke-Künstler, der
eine akademische Ausbildung hatte. Das Studium an der
Sinngebung verlieh. Trotz wiederkehrender Erkrankung und Kunstgewerbeschule in Dresden schloss er als Meisterschüler
Depressionen schuf er ein umfangreiches Werk und beteiligte und mit der Auszeichnung des Sächsischen Staatspreises,
sich an vielen Ausstellungen. dem so genannten Rompreis, ab. Der Brücke trat er 1906 bei
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in und arbeitete gemeinsam mit den neuen Freunden sommers in
Deutschland wurden 639 Werke von Ernst Ludwig Kirchner der freien Natur und in den Wintermonaten im Atelier.
beschlagnahmt, 32 von ihnen auf der Ausstellung Entartete Während des Aufenthalts in Nidden im Jahr 1911
beschäfKunst 1937 in München gezeigt. Im selben Jahr zeigte das tigte er sich nachdrücklich mit der Aktdarstellung. In seinen
Detroit Institute of Arts die erste Retrospektive Kirchners in Erinnerungen schrieb er dazu: ıSo setzte ich mein Trachten
Amerika. Am 15. Mai 1938 nahm er sich im Alter von 58 fort, Mensch und Natur in eins zu erfassen, stärker und
innerJahren das Leben. licher als in Moritzburg.„
Erich Heckels frühe Werke zeichnen sich durch eine In der avantgardistischen Kunstszene von Berlin traten
flächige, klar konturierte Malweise und eine rohe, aggressive neue kompositorische Erprobungen in seinen Gesichtskreis, der
Handschrift aus. Seine besondere Vorliebe galt dem Holzschnitt, Orphismus Delaunays, der italienische Futurismus und der
Ernst Ludwig Kirchner, Straßenszene (Friedrichstraße Berlin), 1914.
Öl auf Leinwand, 125 x 91 cm. Staatsgalerie, Stuttgart.
Erich Heckel, Gläserner Tag, 1913.
Öl auf Leinwand, 138 x 114 cm. Pinakothek der Moderne, München. (S. 35)
343536französische Kubismus. Kompositionen aus dieser Zeit, etwa
1912 und 1913, wie das Stillleben mit Putto und Calla
zeigen deutlich die Zurücknahme expressiver Farb- und
Formgebung. An ihre Stelle treten kubische und geometrische
Elemente, die dem Bildraum eine verfestigte Konstruktion
unterlegen. Max Pechstein wurde 1922 Mitglied der Preußischen
Akademie der Künste, 1928 erhielt er den
Staatspreis und wurde Mitglied der Ausstellungskommission
der Preußischen Akademie der Künste. Aber schon 1933
wurde er mit Berufs- und Ausstellungsverbot belegt und 1937
aus der Akademie der Künste ausgeschlossen. Die Ausstellung
Entartete Kunst zeigte auch Werke von Max Pechstein. Aus
deutschen Museen wurden 326 seiner Werke entfernt. Aber
1951 berief man ihn zum Ehrensenator der Hochschule für
Bildende Künste Berlin.
Otto Mueller ist Meister der Figurenkomposition. Seine
Themenwelt kreist um die von der Zivilisation unberührte
Zigeunerwelt. ıHauptziel meines Strebens ist es, mit
größtmöglicher Einfachheit Empfindungen von Mensch und
Landschaft auszudrücken„, schrieb er 1919 anlässlich einer
Ausstellung bei Paul Cassirer in Berlin. Otto Mueller ist der
Romantiker unter den Brücke-Künstlern. Seine grazilen,
exotisch anmutenden Zigeuner komponierte er in
naturbelassener Landschaft, in ein Paradies. Er bevorzugte ein
gedämpftes Kolorit meist in Grün und Ocker. In den Jahren
1924 bis 1930 reiste Mueller wiederholt nach Ungarn, Leinwand so folgerichtig auswirkten, wie die
Bulgarien, Rumänien und Jugoslawien, um die ihn faszinie- Natur selbst ihre Gebilde schafft, wie Erz und
rende Welt der Zigeuner mitzuerleben, denn seine Mutter soll Kristallisierungen sich bilden, wie Moos und Algen
das uneheliche Kind einer böhmischen Magd und eines wachsen, wie unter den Strahlen der Sonne die
Zigeuners gewesen sein. Blume sich entfaltet und blühen muss.„
Die Blumenbilder von Emil Nolde als Aquarell und Sein Thema ist das Großartige und Überwältigende in der
Gemälde sind von bezaubernder Schönheit. Er hatte 1909 mit Natur, seine Vorstellung von Natur ist eng verbunden mit
diesem Themenkreis begonnen: ıEs war auf Alsen mitten im inneren Vorstellungen und Empfindungen.
Sommer. Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich ıAlles Urwesenhafte fesselte immer meine Sinne. Das große
an, und fast plötzlich war ich beim Malen. Es entstanden meine tosende Meer ist noch im Urzustand, der Wind, die Sonne, ja
ersten Gartenbilder.„ der Sternenhimmel wohl fast auch noch so, wie er vor fast
ıMit der Farbe„, so lesen wir in seiner fünfzigtausend Jahren war.„
Niederschrift Mein Leben, ıwar es ein schweres Aus solchem Urerlebnis steigerte sich Noldes Kolorit zu
Ringen. [...] Ich wollte im Malen auch immer gern, geballter Intensität. Sein Bestreben, nur durch die Kraft und
dass sich die Farben durch mich als Maler auf der Wirkung der reinen Farbe seine Visionen der Welt zu malen,
Otto Mueller, Drei Akte im Wald, ohne Datum.
Aquarell, 68 x 51,5 cm. Staatliche Kunstsammlungen, Dresden. (S. 36)
Max Pechstein, Stillleben mit Putto und Calla, 1913.
Öl auf Leinwand, 100,5 x 77 cm. Privatsammlung.
37entwickelte sich in langsamer Reife. Seine ersten Blumen- und Im Jahr 1912 malte er den neunteiligen Altar Das Leben
Gartenbilder von 1906/08 sind die erste Erfüllung. Erst 1905 Christi und das Triptychon Maria Aegyptica. ıFarben, das
lernte er van Gogh, Gauguin, Monet und die übrigen Material des Malers, Farben in ihrem Eigenleben, weinend
Franzosen und die Kunst der Naturvölker kennen. und lachend, Glück und Traum, heiß und heilig wie
Diese Seherlebnisse brachten seiner künstlerischen Potenz das Liebeslieder und Erotik, wie Gesänge und Choräle„, lesen
Schlüsselerlebnis. Nun fand Emil Hansen, geboren in Nolde, wir in seinen Notizen. In diesen Bildern bricht die
sein spezifisches malerisches Vokabular, das im ekstatischen Erregtheit, ein ekstatisches religiöses Erleben und
Farbrausch, getragen von barbarischer Glut und Sinnlichkeit, Empfinden hervor. Das Erhabene, das Heilige, das
seinen Höhepunkt fand. Emil Nolde ist einer der großen Verklärte spricht aus diesen Werken. Sie sollten auf der
Erneuerer des Aquarells gewesen. Weltausstellung in Brüssel 1956 einen Zentralplatz in der
Zu den ergreifendsten Zeugnissen ursprünglichen religiösen Abteilung einnehmen. Aber die katholische
Erlebens zählt die Reihe religiöser Gemälde von Emil Nolde. Geistlichkeit erhob Einspruch.
Karl Schmidt-Rottluff, Sommer, 1913.
Öl auf Leinwand, 88 x 104 cm. Kunstsammlung Hannover mit Sammlung Sprengel, Hannover.
Max Pechstein, Sitzendes Mädchen (Moritzburg), 1910.
Öl auf Leinwand, 80 x 70 cm. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Berlin, Berlin. (S. 39)
3839Emil Nolde, Blühender Garten, 1908.
Öl auf Leinwand, 63 x 78,5 cm. Osthaus Museum, Hagen.
40Einzelpersönlichkeiten
Nur am Rande wird Christian Rohlfs der Brücke zugeordnet. Immateriellen. Seinem gesamten Werk liegt die enge Verbindung
Mit Emil Nolde verband ihn seit 1905 eine lebenslange zur Natur zugrunde.
Freundschaft. Beide Künstler vereinte ihre Liebe zur Natur. Beide In den Jahren 1911/1912 wandelte sich die Handschrift
versuchten, ihr Bild der Welt durch reine Farben einzufangen. vieler Maler, die sich nun bewegter und erregter auszeichnet.
Rohlfs war 1901 an die Folkwang-Schule in Hagen berufen Lovis Corinth, ein temperamentvoller Impressionist, spiegelt nun
worden, 1927 reiste er im Alter von 78 Jahren erstmals in den in seinem Spätwerk Reflexe des Expressionismus wieder. Paul
Süden, nach Ascona. In der lichten, gelösten Atmosphäre fand Klee zeigt in dieser Zeit eine rhythmische, meist linienhafte
er zu seinem ureigentlichen späten Malstil. Ihn faszinierte das oder flächenhafte Handschrift, inspiriert von Simultaneität und
kraftvolle südliche Licht, er war verzaubert von der tropischen universeller Dynamik. Technisch-maschinelles übersetzt Klee in
Pflanzenwelt. Er, der aus dem nebligen Norden kam, war Bewegung und drückt diese durch Pfeile, Dreiecke und
überwältigt vom Farbenrausch, der alle Vegetation umgab. Formwiederholungen aus.
ıAlles ist Farbe, Licht und Augenreiz, Verzauberung und Unter der Führung von Ludwig Meidner bildete sich im
Entzücken in stetem Wechsel von Stunde zu Stunde.„ Die stoff- Frühjahr 1912 die Gruppe der Pathetiker. Zugehörig zu ihr
lichen Möglichkeiten der Malmittel haben Christian Rohlfs stets waren Otto Gleichmann, Richard Janthur, Jakob Steinhardt und
interessiert und ihn neugierig experimentieren lassen. In frühen Erich Waske. Der Kunsthistoriker Paul Vogt kommentierte: ıIhr
Jahren trug er die Farbe mit Spachtel auf und setzte sie mit Ausbruch musste mit den stärksten Mitteln erfolgen, wie ein
Hieben auf die Leinwand. Bei dünnem Farbauftrag tupfte er sie entfesselter Schrei klingen, um das babylonische Sprachgewirr
mit dem Lappen auf. Die Papiergründe für seine Aquarelle der Zeit zu übertönen.„ Kaum ein anderes expressionistisches
wählte er mit Bedacht, da er sie gestaltend mit in die Frühwerk der Jahre 1912 bis 1914 atmet so ausschließlich
Komposition einbezog. Seine Aquarelle tragen das Flair des von einem einzigen, alles umfassenden Impuls der Erschütterung
Christian Rohlfs, Haus in Soest, 1916. Lovis Corinth, Walchensee, 1921.
Tempera auf Leinwand, 80 x 100 cm. Privatsammlung. Öl auf Leinwand, Neue Pinakothek, München.
41und Explosion wie das von Ludwig Meidner. Seine
Apokalyptischen Landschaften sind das Substrat geballter
Energie. Berstende Häuser, sich krümmende, brechende
Straßenfluchten und flüchtende Menschen bestimmen die
chaotische Landschaft. Meidner beschrieb seinen damaligen,
das nahe Unheil des Weltkrieges seismographisch
erfassenden Zustand:
⁄ ein schmerzhafter Drang gab mir ein, alles
Gradlinige und Vertikale zu zerbrechen. Auf alle
Landschaften Trümmer, Fetzen und Asche zu breiten.
Wie baute ich immer auf meine Felsen die
Häuserruinen, klagevoll gespalten, und der Weheruf
der kahlen Bäume zackte zu den krächzenden
Himmeln hinauf. Wie rufende, warnende Stimmen
schwebten Berge in den Hintergründen; der Komet
lachte heiser, und Aeroplane segelten wie höllische
Libellen im gelben Nachtsturm.
In den zwanziger Jahren widmete sich Meidner zunehmend
seiner schriftstellerischen Begabung.
Von den Hauptvertretern des deutschen Expressionismus
unterscheidet sich Karl Hofer durch die starke Betonung
des Formalen und durch die Reduzierung der Farbwahl. Sein
unverwechselbarer Stil hatte sich um 1919 ausgebildet. Es sind
Gemälde von kantiger Spröde und trockener Farbigkeit, die zu
klassischer, konstruktiver Komposition neigen.
Das Romantische besaß ich, das Klassische habe ich
gesucht. ... Nie habe ich eine Figuration nach der
äußeren Natur des Zufälligen geschaffen. ... Die
Ekstasen des Expressionismus lagen mir nicht. ... Der
Mensch und das Menschliche war und ist
immerdauerndes Objekt meiner Darstellung, schrieb er 1953
in seinen Erinnerungen.
Ludwig Meidner, Apokalyptische Stadt, 1913. Öl auf Leinwand, 81,3 x 115,5 cm.
LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster.
Karl Hofer, Zirkusleute, ca. 1921. Öl auf Leinwand, 148 x 118,5 cm. Museum Folkwang, Essen.
Paul Klee, Villa R, 1919. Öl auf Karton, 26,5 x 22 cm. Kunstmuseum, Basel. (S. 43)
4243Der Blaue Reiter und sein Umfeld
Der in Süddeutschland, in und um München beheimatete
Expressionismus entwickelte sich aus Künstlerpersönlichkeiten
unterschiedlichen Temperaments. Aus gemeinsamer Geisteshaltung
entwickelten sie gemeinsame Ziele. Internationalität
charakterisierte diese Künstler unterschiedlicher Nationalität. Die deutsche
Kunstmetropole um die Jahrhundertwende war, bevor sich um
1910/12 auch Berlin zum Zentrum neuer Kunst entwickelte,
München. Die Stadt zog Maler und Bildhauer an, ihre Museen
lockten ein größeres Publikum, die hier tätigen Künstlergruppen,
das pulsierende Künstlerleben und die berühmt gewordenen
Schwabinger Künstlerfeste hielten den Vergleich mit Paris stand.
Neben der Akademie und der Kunstgewerbeschule hatten sich
einige private Kunstschulen etabliert, so beispielsweise die
Kunstschule von Anton Azbé. Hier fanden sich, ohne sich zuvor Wassily Kandinsky und Franz Marc gründeten Der Blaue
gekannt zu haben, die beiden jungen Russen Wassily Kandinsky Reiter. Den Namen, berichtete Kandinsky später, fanden beide
und Alexej von Jawlensky. in der Gartenlaube von Franz Marc in Sindelsdorf: ıBeide
Kandinsky gründete 1901 die Künstlergruppe Phalanx und liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name
1902 eine eigene Kunstschule. Er gehörte bald, auch wegen von selbst.„ Den Titel sollte zunächst nur der Almanach tragen,
seiner inzwischen steigenden Reputation im Ausland und vor das ı⁄ Organ aller neuen echten Ideen unserer Tage.„ Der
allem in Paris, zu den bekanntesten jungen Malern Münchens. Almanach erschien 1912, gleichzeitig mit Kandinskys
In der dörflichen Abgeschiedenheit von Murnau und in Publikation Über das Geistige in der Kunst.
Erinnerung an die russische Volkskunst erhielten seine Bilder eine Die meisten Künstler der Neuen Künstlervereinigung
festliche Klangfarbe und drängten nach expressiver Überfülle. schlossen sich spontan der Redaktion des Blauen Reiter an. Ihre
Die konservative Münchner Sezession verweigerte ihm die denkwürdige erste Ausstellung fand im Dezember 1911
Teilnahme an Ausstellungen. Daraufhin gründete er im Jahr wiederum in der Galerie Thannhauser statt. Hierzu wurden
1909 gemeinsam mit Jawlensky und dessen Lebensgefährtin Heinrich Campendonk, der sich fortan der Gruppe anschloss,
Marianne von Werefkin, mit Adolf Erbslöh, Alexander Kanoldt, Robert Delaunay aus Paris, die beiden Russen David und
Alfred Kubin und Gabriele Münter die Neue Künstlervereinigung. Wladimir Burliuk sowie der malende Komponist Arnold
Ihre erste Ausstellung fand im Dezember 1909 in der Galerie Schönberg eingeladen. Auch Bilder des Vaters der Naiven,
Thannhauser statt, die zweite folgte im September 1910, in der Henri Rousseau, waren zu sehen, wohl erklärbar aus der
dann auch fauvistische und frühe kubistische Werke ausgestellt Vorliebe der jungen Münchner für die bayerische Volkskunst und
wurden. Dies bewog Franz Marc und August Macke zum Hinterglasmalerei. Ihre zweite Ausstellung mit Aquarellen,
Beitritt. Aber die Jurierung zur dritten Ausstellung im Herbst Zeichnungen und Druckgraphik zeigte die Münchner Galerie
1911 wurde zum Eklat: Kandinskys Bilder hatten sich nämlich Hanns Goltz im März 1912, an der auch Paul Klee teilnahm,
immer mehr vom Gegenständlichen entfernt, was Erbslöh und Lyonel Feininger kam erst bei der Ausstellung 1913 dazu. Den
Kanoldt widerstrebte. Die Gruppe Neue Künstlervereinigung, Kern des Blauen Reiter bildeten neben Kandinsky und Franz
die einiges Aufsehen erregt und eigene Positionen in der Marc der Russe Alexej von Jawlensky und seine Lebensgefährtin,
Kunstwelt errungen hatte, spaltete sich. die Malerin und russische Baronin Marianne von Werefkin,
Franz Marc, Im Regen, 1912.
Öl auf Leinwand, 81 x 105 cm. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München.
44Kandinskys Schülerin und spätere Lebensgefährtin Gabriele Franz Marc auf gleicher Ebene zu nennen mit religiöser Haltung.
Münter sowie August Macke und Heinrich Campendonk. Kunst wurde aus ı⁄ innerer Notwendigkeit„ geschaffen, aus der
Zugehörig fühlten sich auch Lyonel Feininger, Adolf Erbslöh, seelischen Vertiefung heraus, und nur so war es möglich, ı⁄ die
Alexander Kanoldt, der Zeichner Alfred Kubin, der französische Seele des Betrachters zum Vibrieren„ zu bringen. Ihre Denkweise
Kubist Henri Le Fauconnier, Karl Hofer und der Komponist orientierte sich am pantheistischen Hineinfühlen in die Natur, an
Arnold Schönberg. der Überwindung des Stofflichen und des Gegenständlichen,
Ein kollektiver Stil wie bei der Brücke war bei diesen an der Entdeckung des eigenen Ichs. Farbharmonien,
Künstlern unterschiedlichster künstlerischer Herkunft und Zergliederung und Analyse von Formen und nicht deren
Temperamente ausgeschlossen. Jeder gestand dem anderen die Zersplitterung gaben sie den Vorzug. Ihre philosophische
individuelle Entwicklung und schöpferische Ausdrucksweise zu. Grundhaltung, aus dem Unsichtbaren und nicht Greifbaren, rein
Ihr künstlerischer Ansatz war ein vornehmer, ein philosophischer. und schlicht Erfahrenen, eine sichtbare und greifbare Realität zu
Es ging um Transzendenz. Kunst war vor allem für Kandinsky und machen, führte sie zwangsläufig in die Nichtgegenständlichkeit.
Franz Marc, Kämpfende Formen, 1914.
Öl auf Leinwand, 91 x 131,5 cm. Pinakothek der Moderne, München.
4546Franz Marc nutzte von den Fauves die Farbe, vom Kubismus Formen, die nur als Form sprechen, fast ganz ohne
gegenständden Blick für die Dinge und vom Futurismus das dynamische lichen Beiklang„ und setzte dann seine späteren
nichtgegenständElement. Was schon seit dem 19. Jahrhundert galt, hat auch er lichen Bildfindungen vorwegnehmend hinzu: ıAlle Formen sind
betont: den Ausschnitt, nach der Devise, das Fragment kann mehr Erinnerungen.„ Im Dezember 1913 malte er die Bilder Stallungen
sagen als das Ganze. Sein nahezu pantheistisch zu nennendes und Rinder. Aus einem gleichsam grätenartigen Bahnengrund
Naturverhältnis führte zu einem neuen Symbolgehalt der Farben. tauchen hier und da rundförmige Details von Tieren auf. Aus
Die ursprüngliche Erfassung des Lebendigen in der Natur und der einem rhythmisch gleichmäßigen, nahezu stereotyp gestalteten
Tierwelt fasste er eigenwillig in eine Darstellung. Wassily Kandinsky Bildgrund hat Marc Figuren und Tiere gleichsam mit dem Pinsel
beschrieb seine Bilder: ıMarc ist weder Tiermaler, noch Naturalist, heraus modelliert. Der Gegensatz von statischen und bewegten
noch Kubist. Auf seinen Bildern sind die Tiere mit der Landschaft so Formen vermittelt eine eigenartig bewegte, vibrierende Wirkung.
eng verschmolzen, dass sie trotz der Stärke des Ausdrucks gleich- Franz Marc war Zeit seines Lebens auf der Suche gewesen,
zeitig immer nur ein organischer Teil des Ganzen sind.„ eine adäquate Bilddarstellung für den organischen Rhythmus zu
Franz Marc reflektierte immer wieder über sein Tun und finden, der alles Seiende umfängt und durchdringt. Auf diesem
Wollen im Malen: intensiven, zeitlich nur kurzen Entwicklungsweg verwirklichte er
Ich suche mein Empfinden für den organischen Rhythmus im Jahr 1914 seine ersten ungegenständlichen Bilder wie
aller Dinge zu steigern, suche mich pantheistisch einzu- Spielende Formen oder Kämpfende Formen. Diese Kompositionen
fühlen in das Zittern und Rinnen des Blutes in der Natur, genügen sich selbst im Spiel des Organischen, der Rhythmen,
in den Bäumen, in den Tieren, in der Luft, – suche zum die alles Sein umschließen, die alles Sein sind. In Kämpfende
Bild zu machen, mit neuen Bewegungen und mit Formen handelt es sich, wie der Titel vermuten lässt, um das
Farben, die unseres alten Staffeleibildes spotten. Gegeneinander zweier Farbgebilde. Das leuchtende Rot mit
Sein Gemälde Im Regen von 1912 stellt die Einheit alles bizarren Formausläufern stürzt sich mit voller Macht auf eine
Seienden bildlich dar. Die Realismen im Bild, die beiden schwarz-blaue geschlossene Form. Im Dualismus der Farben –
Kauernden, der Hund und die Pflanzenwelt werden teilweise hier die rote expansive Kraft, dort die dunkle geballte Energie –
vereint, teilweise überfangen von einem Netzwerk schillernder äußert sich dynamische Spannung. Der Publizist Franz Röthel
Farbstrahlen. Es verläuft schräg wie ein Farbteppich über die beschrieb 1956 in angemessen expressiver Art:
Leinwand, gelegentlich in prismatischen Kristallisationen. Eine In der rauschenden Farbigkeit ... ist es wie ein
konkrete Vorstellung von Regen wird dem Betrachter vermittelt, prunkendes Waffengeklirr. Dröhnend prallen die
Regen jedoch nicht als Phänomen, das Figuren und Natur großen Farbungeheuer aufeinander. An den
überzieht, sondern als ein Element, das alles Dargestellte Randzonen tasten schlingernde Kurven den Gegner
verbindet und mit sich vereint. In leuchtenden Farben, einem ab. Blitzende Florettstiche scheinen schneidend und
starken Rot, einem kräftigen Smaragdgrün schildert Marc die scharf das Formgetümmel zu erhellen.
Einheit, das Ambiente, und ab und an schimmert ein Weiß oder Franz Marc wurde im Ersten Weltkrieg Soldat und fiel
Violett hindurch. Starre Form löst Franz Marc in Flächenbewegung bereits 1916. Trotz der kurzen Schaffensphase hat er uns seine
auf, das Organische in dynamische Bewegung. So kommt es in Sicht der Welt in wunderbaren Bildern als Botschaft hinterlassen
seinen Bildern oft zu einem kaleidoskopartigen Farbenspiel, in können, eine Botschaft, die ausdrucksstark von der Harmonie
dem das fast noch Gegenständliche versinkt und sich der alles Seienden und vom Einssein mit der Natur und allem
farbigen Struktur unterordnet. Lebendigen eindringlich spricht. ıGerade die Êreine Kunst ...
In dem Bestreben, alles Lebendige und Wachsende auf der verfolgt überhaupt keine Zwecke„, schrieb Franz Marc aus dem
Leinwand in Einklang zu bringen, gelang es Franz Marc, immer Krieg an seine Frau, ısondern ist einfach sinnbildlicher
größere Formenspiele zu entwickeln. Der Besuch des Ersten Schöpfungsakt, stolz und ganz Êfür sich„. Aus der Ausstellung
Deutschen Herbstsalons in Berlin beeindruckte ihn nachhaltig. Er Entartete Kunst mussten die Nazis seine Bilder entfernen, weil
berichtete: ı⁄ ein bedeutendes Überwiegen der abstrakten die Betrachter allzu andächtig davor stehen blieben.
Alexej von Jawlensky, Märchenprinzessin mit Fächer, 1912.
Öl auf Pappe, 65,5 x 54 cm. Museum Ludwig, Stiftung Günther und Carola Peill, Köln.
47Der Russe Wassily Kandinsky ist der Genius, der den allge- methodischen Leistung Kandinskys keinen Abbruch. Die ersten
meinen Aufbruch der Zeit in ein neues Wissen, Denken und Fühlen Ergebnisse seines nichtgegenständlichen Malens waren von
mit seiner ganzen Persönlichkeit wahrnahm, im Theoretischen und lebhafter, leuchtender Farbigkeit. Linien laufen heftig
durcheinMethodischen die Zusammenhänge zwischen Sein und Kunst ander oder stürzen gepaart in eine Richtung. Dieses scheinbare
erforschte und der Kunst den geistigen Impetus gab. Seine Chaos gehorchte der immanenten Ordnung, kosmische Kräfte
Weltanschauung wurde vom deutschen poetischen Symbolismus bildlich einzufangen. Im Jahr 1912 stellte er im Berliner Sturm
geformt, von Stefan George, von der Philosophie eines Johann aus, 1913 veröffentlichte Herwarth Walden einen
KandinskyGottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Schelling und Henri Bergson, Almanach. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zog er in die
von der Theosophie und Anthroposophie und den Erkenntnissen Schweiz und kehrte über Skandinavien nach Moskau zurück.
der Naturwissenschaften und auch denjenigen über die verän- Hier übertrug man ihm offizielle Ämter und eine Professur. Aber
derten Vorstellungen von Raum und Zeit. Ihn interessierten indische 1921 kehrte er nach Deutschland zurück, lehrte am Bauhaus
Meditationspraktiken. In seiner Bibliothek fand sich Literatur zu Weimar und später in Dessau zusammen mit Klee, Feininger und
Atemtechniken, okkultes Heilen, Chromotherapie. Jawlensky, mit denen er die Gruppe Die Blauen Vier gründete,
Sein Bekenntnis zum Geistigen in der Kunst, seine Suche nach bis zur Schließung 1933. Die Nazis beschlagnahmten seine
Unendlichkeit und kosmischer Energie wurde ihm Grundlage, das Bilder. Wassily Kandinsky emigrierte 1933 nach Paris.
Gegenständliche zu überwinden und zur Ungegenständlichkeit In seiner Schrift Über das Geistige in der Kunst, 1910
vorzudringen. Er fand neue, bisher nicht betretene Welten des geschrieben und 1912 veröffentlicht, publizierte er seine
geistigen Neubeginns, was kein Künstler vor ihm gewagt hatte. Forschungsergebnisse über die Farben und Formen in den ihnen
Der Weg führte ihn zur Entdeckung gegenstandsbezogener innewohnenden Werten. Ähnlich einer Partitur der Musik
Formen und schließlich zur Findung von Bildelementen, die in erstrebte er eine Partitur des Bildes.
verschlüsselter Form geistige Inhalte als Botschaft transportierten. In Gelb ist die typisch irdische Farbe. Gelb kann nicht weit
seinem späten ausgereiften Stil werden das kosmische Sein und in die Tiefe getrieben werden. Bei Abkühlung durch
dessen Mannigfaltigkeit spürbar. Mithilfe von Intuition vermochte er Blau bekommt es ... einen kränklichen Ton. Verglichen
Stimmungen der Gedanken und Geheimnisses des Kosmos in mit dem Gemütszustand des Menschen könnte es als
mystischen, zugleich rationalen Bildern voll koloristischer und farbige Darstellung des Wahnsinns wirken.
kompositorischer Dramaturgie mitzuteilen. Die entsprechende Form ist das Dreieck. Weiß wirkt ı⁄ als
Sein Urerlebnis in der Begegnung mit der Avantgarde hatte großes Schweigen„, Schwarz klingt ı⁄ wie ein totes Nichts
er im Jahr 1898, als er in einer Ausstellung Claude Monets Bild nach Erlöschen der Sonne„, Grau ist ı⁄ klanglos und
Les meules sah. In seinen Selbstzeugnissen berichtet er: unbeweglich„, Zinnober ist ı⁄ wie eine gleichmäßig glühende
Ich empfand dumpf, dass der Gegenstand in diesem Leidenschaft.„ Auch der Form unterlegt er Charakter und
Bild fehlt, und merkte mit Erstaunen und Verwirrung, Stimmung. Blau ist die Farbe des Kreises und Kreis bedeutet
dass das Bild nicht nur packt, sondern sich unver- Vollkommenheit, der gekuppelte Halbkreis Ruhe. Eine
wischbar einprägt. Das war die ungeahnte, mir bis horizontale Linie bedeutet Ruhe, aufwärts Freude und nach unten
dahin verborgene Kraft der Palette, die über alle gerichtet Trauer. Kandinsky entwickelte im Laufe seines
meine Träume hinausging. Die Malerei bekam eine Malerlebens ein Vokabular der Zeichen und Farben. Seine
märchenhafte Kraft und Pracht. Bilder werden zur gemalten Schrift, mit Rhythmus und
Seitdem war Kandinsky auf der Suche nach dem Gesetzmäßigkeit. ıKomposition ist eine Zusammenstellung
Geheimnis, das sich zwischen Kunst und Natur verbarg. Das farbiger und zeichnerischer Formen„, sagte Kandinsky, eine
erste nichtgegenständliche Aquarell soll im Jahr 1910 Hierarchie der Mittel gäbe es nicht. Die Ordnung in der
entstanden sein, wahrscheinlich datierte der Künstler aber vor Komposition unterliege der Kontrolle des Verstandes. Aber der
und es stammt erst aus 1913. Dies tut jedoch der geistigen und Ursprung des Tuns wäre die ı⁄ innere Notwendigkeit.„ In den
Alexej von Jawlensky, Porträt des Tänzers Alexander Sakharov, 1909. Öl auf Karton, 69,5 x 66,5 cm.
Städtische Galerie im Lenbachhaus, München.
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