Soutine
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Description

Chaïm Soutine (1893-1943), der unkonventionelle und umstrittene Maler aus Weißrussland, vereint Einflüsse der klassischen europäischen Malerei mit denen des Post-Impressionismus und des Expressionismus. Als Mitglied der Künstler aus Weißrussland, einer Gruppe innerhalb der École de Paris, schuf er ein Werk, das hauptsächlich aus Landschaften, Stillleben und Porträts besteht. Sein individueller Stil, der sich durch Humor und Trauer und den Gebrauch von leuchtenden Farben auszeichnet, machen ihn zu einem modernen Meister, der immer noch wenig verstanden ist. Klaus H. Carl, Schriftsteller, Professor und Fotograf, ist der Autor zahlreicher Bücher und Artikel. Er widmet sich gerade dem Bildband Weltgeschichte der Kunst: 180000 v. Chr. -- 2000 n. Chr.

Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 13 juillet 2015
Nombre de lectures 1
EAN13 9781785250590
Langue English
Poids de l'ouvrage 2 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0022€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

Autor:
Klaus H. Carl

Layout:
Baseline Co. Ltd
Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam

© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
Image-Bar www.image-bar.com

Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

ISBN: 978-1-78525-059-0
Klaus H. Carl



Chaim Soutine

Inhalt


Einleitung
Von Smilavichy nach Paris
Die ersten Jahre in Paris
Cagnes-sur-Mer und Céret
Paris – Die 1920er Jahre
Paris – Die erste Hälfte der 1930er Jahre
Die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren
Die „Entartete Kunst“
Der Zweite Weltkrieg und die Verfolgung der Juden in Frankreich
Italien und Spanien
Gerda Groth
Marie-Berthe Aurenche
Verfolgung und Verhöre
Erinnerungen an Chaim Soutine
Eine Auswahl der Ausstellungen
Biografie
Literaturhinweise
Abbildungsverzeichnis
Selbstbildnis , um 1918. Öl auf Leinwand,
54,6 x 45,7 cm . Henry and Rose Pearlman Foundation,
Inc., New York; Dauerleihgabe an das Princeton
University Art Museum, Princeton.



Einleitung


Chaim Soutine wurde 1893 – in einigen Biografien wird das Geburtsjahr auch nach 1894 verlegt – in dem in der Nähe der Stadt Minsk gelegenen Smilavichy geboren, einem Dorf im heutigen (oft „Weißrussland“ genannten) Staat Belarus mit zu jener Zeit deutlich weniger als tausend Einwohnern. Dieser Ort Smilavichy lag im damaligen Fürstentum Polozk, einem Siedlungsgebiet der ostslawischen Dregowitschi und der Kriwitzen, die sich bereits im 9. Jahrhundert mit weiteren Stämmen zusammengeschlossen hatten. Dieses Gebiet bildete die Basis des altrussischen Staates, der Kiewer Rus, und gehörte vom 14. bis zum 16. Jahrhundert zum Großfürstentum Litauen. Im 18. Jahrhundert auch als Weißreußen bezeichnet, entwickelten sie nur recht zögerlich und erst im 19. Jahrhundert ein eigentliches Nationalbewusstsein. Dies war umso schwieriger, als das gesamte Gebiet von St. Petersburg aus zentralistisch regiert wurde und massiven Russifizierungsversuchen ausgesetzt war, unter denen vor allem die polnische Oberschicht zu leiden hatte und die so weit gingen, dass der autochthone Dialekt verboten wurde.
In diesem Fürstentum Polozk lag die als Festung gegründete und bereits 1067 erstmals urkundlich erwähnte Stadt Minsk, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zunächst an Litauen und Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge insbesondere der dritten der drei Polnischen Teilungen (1772, 1793 und 1795), an denen Preußen, Russland und Österreich beteiligt waren, mit dem gesamten Staat Belarus an das Russische Reich fiel. Minsk hatte bereits 1499 das Stadtrecht erhalten. Das Stadtbild wies außer der zweitürmigen Kathedrale aus dem Jahr 1611 und drei weiteren christlichen Kirchen und Klöstern auch eine Synagoge und immerhin vierzig jüdische Bethäuser auf – ein Spiegel des hohen jüdischen Bevölkerungsanteils. Minsk ist seit 1919 die Hauptstadt von Belarus.
In der damals wie heute vergleichsweise recht dünn besiedelten Region Minsk lebten viele osteuropäische Juden, die hier ihr traditionelles Handwerk ausübten, das in vielen Familien vom Vater auf den Sohn überging. Diese „Ostjuden“ blieben in ihrem Alltag den überlieferten Lebensgewohnheiten treu und der strengen rabbinischen Orthodoxie verhaftet, deren wesentliche Merkmale sich in der Gemeinschaft des Schtetl, in der jiddischen Sprache und des aus Galizien kommenden und in Osteuropa weit verbreiteten Chassidismus finden. In den Kleinstädten waren die jüdischen Bewohner nicht nur geduldet, sondern trotz zeitweiliger Verfolgungen durchaus akzeptiert. Die stets sehr frommen und konservativen Chassidim streben eine Verinnerlichung des religiösen Lebens an, neigen zur Askese und haben eine enge Bindung an einen „Meister“ (Rebbe) als Gotteslehrer. In der darstellenden Kunst gehört Marc Chagall (1887-1985) zu den berühmtesten Anhängern der Chassidim.
Cité Falguière bei Montparnasse , um 1918.
Öl auf Leinwand, 81 x 54 cm . Privatsammlung, Israel.



Von Smilavichy nach Paris


Die meisten Gebäude in Soutines Heimatdorf Smilavichy waren eigentlich mehr oder weniger heruntergekommene, von einem oft baufälligen Lattenzaun um ein kleines Grundstück umgebene Bretterbuden, die den meist recht kinderreichen Familien nur eine dürftige Unterkunft boten. Unter diesen äußeren Gegebenheiten wurde Chaim Soutine irgendwann – das genaue Datum liegt im Dunklen – im Jahr 1893 als zehntes von elf Kindern geboren. Sein Vater Zalman Soutine war ein auch für „ostjüdische“ Verhältnisse ungewöhnlich armer und deswegen von der übrigen Bevölkerung des Schtetl gering geachteter Flickschneider, der seine dreizehnköpfige Familie nur mühevoll ernähren konnte. Er saß, was von der Straße aus zu sehen war, mit untergeschlagenen Beinen wie ein überschlanker, man kann auch sagen: halb verhungerter Buddha auf seinem Arbeitstisch und erledigte, wenn es denn überhaupt eine Kleinigkeit für ihn zu tun gab, seine Flickarbeiten. Chaims sorgengeplagte Mutter war vom harten Leben gezeichnet und sprach nicht nur mit den Kindern sehr wenig. Besonders dann, wenn sie den Brotvorrat für die nächste Woche backen musste, gingen ihr die Kinder nach Möglichkeit weiträumig aus dem Weg, um den ständig drohenden Ohrfeigen auszuweichen. Von seinen strenggläubigen Brüdern, die älter waren als Chaim, ist nur bekannt, dass sie ihn, wenn sie ihn mit einem Zettel oder einem Fetzen Papier in der Hand zeichnend oder skizzierend antrafen oder festgestellt hatten, dass er wieder einmal die Pfosten oder Wände der Hütte bemalt hatte, wegen der damit gegen die orthodoxen religiösen Gebote verstoßenden Tat stets heftig verprügelten. Wie und woher der kleine Chaim sich in dieser Zeit seine Zeichenkreide oder auch seine Zeichenutensilien beschaffte, ist kaum noch festzustellen. Vielleicht hat er sich gelegentlich von seiner Mutter einfach einen Bleistift „entliehen“ und dann schlicht vergessen, ihn zurückzugeben. In der überaus doktrinären Gemeinde waren Malen und Zeichnen strikt verboten, jegliche künstlerische Tätigkeit wurde mit Häresie und Gotteslästerung gleichgesetzt. Chaim versuchte der Prügelei zu entgehen, indem er sich in einem der umliegenden Wälder versteckte und erst wieder nach Hause kam, wenn der Hunger nicht mehr auszuhalten war. Anderes oder gar Positives ist weder über seine Brüder noch über seine Schwestern überliefert.
Äpfel , um 1916.
Öl auf Leinwand, 38,4 x 79,1 cm .
The Metropolitan Museum of Art, New York.


Auch seine Eltern waren von seinen künstlerischen Neigungen nicht begeistert, schließlich hatte der Vater für ihn eine Tätigkeit als Schneider oder Schuster geplant – selbstverständlich ohne ihn zu fragen und ohne Rücksicht auf seine bereits erkennbaren Neigungen –, eben so, wie es damals üblich war. Über Chaims schulische Entwicklung ist gleichermaßen nichts bekannt. Sie kann aber, wie sich später auch erwies, nicht allzu gründlich gewesen sein, denn der Vater nahm ihn als zehnjährigen für rund zwei Jahre in seiner Werkstatt als Lehrling auf. Aus dieser Zeit des heranwachsenden Jugendlichen stammt aber ein Ereignis, das vermutlich mehr ist als eine Anekdote: Chaim bat eines Tages, er war nun ungefähr 15 Jahre alt, einen ihm bekannten, recht frommen Juden aus seiner Gemeinde, ihm Modell zu sitzen. Der, im Geheimen vielleicht ein klein wenig eitel, ließ sich nicht lange bitten. Allerdings schätzte er die Reaktion seiner strenggläubigen Söhne nicht richtig ein oder vergaß einfach, sie zu berücksichtigen. Die hatten jedenfalls am Tag nach der Sitzung nichts Eiligeres zu tun, als Chaim so erbost zu verprügeln, dass er hilflos liegen blieb und zunächst sogar für tot gehalten wurde. In dieser Situation sprang ihm aber unerwarteterweise seine Mutter bei und verklagte die brutalen Schläger. Das Gericht gab ihr Recht und sprach Chaim sogar eine Entschädigung von 25 Silberrubeln zu (das entsprach umgerechnet nach dem Stand vor 1915 näherungsweise 55 der damaligen Goldmark, nach heutigem Wert wären dies geschätzte 550 €). Diese Begebenheit und die vermutlich unter heftigem Lamento der Schläger gezahlte Entschädigung waren für Chaim der Anlass, sein Dorf oder Schtetl, in dem für künstlerisch Begabte oder für das außerhalb des Wissens- und Erfahrungsbereichs der Schtetl-Bewohner Liegende offenbar kein Platz war und alles vom geregelten orthodoxen Alltag Abweichende als bedrohlich oder als Teufelswerk aufgefasst wurde, zu verlassen. Chaim wanderte gemeinsam mit seinem Freund aus Schulzeiten, mit Michel Kikoïne (1892-1968), in die am Switlotsch gelegene und überwiegend von strenggläubigen Juden bewohnte Stadt Minsk – für die beiden vom Dorf der erste Schritt in eine größere Welt. Hier in Minsk blieb Chaim beinahe ein Jahr lang – wobei über diese Zeit keine Informationen vorliegen –; wie und wovon er gelebt hat, wo er untergekommen ist, wie er sich kleiden konnte, dies alles liegt ziemlich im Dunklen. Beide nahmen beim einzigen Zeichenlehrer der Stadt privaten Zeichenunterricht. Der kümmerte sich nicht nur in dieser Hinsicht um seine Schüler, sondern verstand es auch, Chaims Eltern, die ihrem vermeintlich verlorenen Sohn hinterher jammerten, von der Richtigkeit von Chaims Absichten zu überzeugen. Aber im Grunde war der Aufenthalt hier für Chaim nur ein – geplanter? – Übergang, denn er wechselte bald in die Hauptstadt Wilna (Vilnius) und bewarb sich an der dortigen Kunstakademie für ein dreijähriges Studium. Bei der Aufnahmeprüfung fiel er aber wegen der falschen Perspektivdarstellung einer geometrischen Figur durch.
Auch hier muss wegen fehlender präziser Informationen wieder auf eine Anekdote zurückgegriffen werden, die sich so gut anhört: Es wird erzählt, Chaim habe wegen seiner panischen Sorge, erfolglos und kleinmütig wieder in sein Dorf zurückkehren und einen der vom Vater ausgesuchten Berufe ausüben zu müssen, den Professor kniefällig und unter Tränen gebeten, ihn doch zum Studium zuzulassen. Und dieser Professor sei davon so gerührt gewesen, dass er ihn tatsächlich in seine Vorlesungen aufnahm. Chaim schloss sich hier sehr schnell seinem ebenfalls aus einer jüdischen Handwerkerfamilie stammenden Kommilitonen Pinchus Krémègne (1890-1981) an. Beide studierten nun drei Jahre lang. Ob die traurigen Themen seiner Arbeiten – Tod, Elend, Begräbnisse – auf seine deprimierende Kindheit und Jugend zurückzuführen waren oder einfach als eine Entwicklungsstufe zu betrachten sind, kann nur spekuliert werden. Chaim schaffte jedenfalls als einer der besten Studenten auf Anhieb den Abschluss und hatte dann nichts Eiligeres zu tun, als sein Schtetl und Wilna zu vergessen und möglichst weit hinter sich zu lassen. Zusammen mit einer großzügigen Spende des jüdischen Arztes Dr. Rafelkess, der sich als ein leider nur kurzzeitiger Mäzen erweisen sollte, war es ihm sogar gelungen, so viel Geld zurückzulegen, dass er damit eine Fahrkarte für eine insgesamt fast 2000 km weite, allerdings in Berlin für einige Zeit unterbrochene Reise von Wilna nach Paris, dem damaligen Nabel der Kunstwelt, lösen konnte. Und damit ging es dann in die wirklich große Welt.
Stillleben mit Suppenterrine , 1914-1915.
Öl auf Leinwand, 61 x 73,7 cm .
Sammlung Ralph F. Colin, New York.
Das Atelier des Künstlers, Cité Falguière , um 1915-1916.
Öl auf Leinwand, 65,1 x 50 cm . Privatsammlung, Paris.
Stillleben mit Pfefferschoten und Karotten ,
um 1918. Öl auf Leinwand, 61 x 46 cm .
Sammmlung Rafael und Eva Efrat, Tel Aviv.
Selbstbildnis mit Bart , um 1917.
Öl auf Leinwand, 81 x 65,1 cm . Privatsammlung.



Die ersten Jahre in Paris


Soutine war nun wissbegierige zwanzig Jahre alt. Klapperdürr, des Französischen absolut nicht mächtig und daher außerhalb seines Jiddisch nahezu sprachlos, nur mit einem Rucksack ausgerüstet, in dem er neben ein bisschen Wäsche vor allem einige eingerollte Bilder mitgebracht hatte, kam er auf dem Pariser Bahnhof an. Es war der gleiche Bahnhof Gare du Nord , auf dem vor ihm schon viele Künstler aus östlichen Ländern angekommen waren und nach ihm noch ankommen sollten.
Damit hatte er ein weiteres Ziel seiner Träume erreicht. Vom Bahnhof wurde er, so wie es die beiden vereinbart hatten, von seinem einstmaligen Kommilitonen Krémègne, der schon vor ihm in Paris angekommen war und wie eine ganze Reihe anderer weitgehend mittelloser Künstler im La Ruche (franz.: Der Bienenkorb) wohnte, abgeholt. Dieses im Quartier Montparnasse in der Passage de Dantzig gelegene Gebäude liegt ein bisschen versteckt hinter einigen Bäumen und hat die Form – und deswegen die Bezeichnung La Ruche – eines auf den Stockwerken in wabenförmige, türlose Räume eingeteilten Rundbaus, der ursprünglich als Pavillon für die Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 von Gustave Eiffel (1832-1928) geplant und realisiert worden war. Der Bildhauer Alfred Boucher (1850-1934) – der nicht mit dem Maler François Boucher (1703-1770) verwechselt werden darf – gründete 1902 auf dem freien und mit Blumenrabatten geschmückten Grundstück als Künstlerunterkunft einen La Chapelle genannten Pavillon, der von da an als Atelier diente.
Wer für diese Unterkunft, die immerhin 200 Künstlern Platz bot, die Bezeichnung Villa Medici des Elends erfunden hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Für die Künstler war es aber fast lebensnotwendig, dass Albert Boucher es mit den Mietzahlungen nicht so genau nahm. Wer gerade kein Geld hatte, und das traf oft und für viele zu, durfte auch mal eine Weile mietfrei wohnen. Hier also, in dieser nicht gerade komfortablen, außer mit Künstlern auch mit huschendem und krabbelndem Ungeziefer bevölkerten Unterkunft konnte Soutine bei seinen Freunden Kikoïne und Krémègne unterschlüpfen, ein Studio beziehen und der näheren Zukunft gespannt entgegensehen. Es war eine ärmliche, erbärmliche Zukunft, die da zunächst auf ihn wartete. In dieser Zeit, und das ist wohl keine Anekdote, litt Chaim an Ohrenschmerzen. Und als er deswegen einen Ohrenarzt aufsuchte, stellte der keine Entzündung fest, sondern fand in Chaims Gehörgang ein Wanzennest.
Den Ende der 1960er Jahre drohenden Abriss der La Ruche haben u. a. die Franzosen Jean-Paul Sartre (Philosoph und Dramatiker; 1905-1980), Jean Renoir (Regisseur und Schauspieler; 1894-1979) und René Char (Dichter; 1907-1988) sowie der Amerikaner Alexander Calder (Bildhauer; 1898-1976) erfolgreich verhindert. Das Gebäude wurde einige Jahre später renoviert und steht heute noch mit dreiundzwanzig neu eingerichteten Ateliers wieder Künstlern zur Verfügung.
Blumenvase auf einem Stuhl , um 1917.
Öl auf Leinwand, 61,6 x 49,5 cm .
Engel Gallery, Jerusalem.
La Maison blanche (Das weiße Haus), um 1918.
Öl auf Leinwand, 65,1 x 50 cm . Sammlung Jean Walter
und Paul Guillaume, Musée de l’Orangerie, Paris.


In diesem La Ruche haben außer einer ganzen Reihe anderer berühmter Künstler auch die Maler Marc Chagall (1887-1985), Fernand Léger (1881-1955) und Henri Matisse (1869-1954) sowie die Bildhauer Constantin Brâncusi (1876-1957) und Ossip Zadkine (1890-1967) gewohnt und gearbeitet. Und hier im La Ruche lernte Chaim mit dem Spanier Pablo Picasso (1881-1973) und dem Italiener Amedeo Modigliani (1884-1920), der bereits seit 1906 in Paris, dem Zentrum der künstlerischen Erneuerung und des Kunsthandels lebte und früher schon in der Cité Falguière gearbeitet hatte, die bekanntesten Maler jener Jahre kennen. Modigliani malte vor allem Porträts – unter anderen auch ein Porträt Soutines – und Akte von erhabener Schönheit und andersartiger Erotik.
Wenn man diese Künstler nimmt und noch einige weitere dazu, wie den in Griechenland geborenen Italiener Giorgio de Chirico (1888-1978) oder den Deutschen Max Ernst (1891-1976) und den Spanier Joan Miró (1893-1983), dann hat man die Hauptvertreter der École de Paris jener Jahre zusammen. Dass diese Schule keine Schule im bis dahin üblichen Sinn war, schließlich werden ihre ersten Mitglieder schon dem Ende des 19. Jahrhunderts und damit dem Art Nouveau und den Fauvisten zugerechnet, sondern mehr eine lockere Verbindung gleichgesinnter Künstler, die alle auf der Suche nach Neuem waren, muss hier nicht extra betont werden. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die obige Aufzählung aufgrund der Vielzahl an hervorragenden Künstlern bei Weitem unvollständig ist. Und auch auf ein Drittes muss sicherlich nicht extra aufmerksam gemacht werden: Die Arbeiten dieser Künstler – wobei auffällt, dass keine Künstlerin dabei ist – hängen heute in den renommiertesten Museen und bei vielen privaten Sammlern. Sie gehören zu den gesuchtesten Werken überhaupt und erzielen Preise, die sich die Künstler zu ihren Lebzeiten nie hätten träumen lassen.
Modigliani stellte Soutine – die beiden sollte eine lebenslange Freundschaft verbinden – 1915 dem als Chaim Jakoff Lipschitz in Litauen geborenen französisch-nordamerikanischen Bildhauer Jaques Lipchitz (1891-1973) vor. Und Modigliani war auch derjenige, der den nun 23-Jährigen Soutine mit dem Kunsthändler Georges Chéron bekannt machte, der erst kurz zuvor im 8. Arrondissement in der Nähe der Champs Élysées die kleine Galerie des Indépendants eröffnet hatte und schon bald eine Arbeit Soutines präsentierte: das Porträt des Malers Richard (1915). Dies war somit die erste in einer Galerie ausgestellte Arbeit Soutines. Eben dieser Lipchitz, der sich gar nicht sicher war, ob er Soutine mochte oder nicht, charakterisierte ihn:
„Soutine ist eines der seltenen Beispiele eines Malers unserer Zeit, der mit seinen Farbpigmenten das Licht leuchten lassen kann. Dies ist etwas, was weder erlernt noch erworben werden kann. Es ist eine Gottesgabe.“
Pappeln , um 1919. Öl auf Leinwand,
65,1 x 81 cm . Privatsammlung.
La Table (Der Tisch), um 1919.
Öl auf Leinwand, 81 x 100 cm . Sammlung Jean Walter
und Paul Guillaume, Musée de l’Orangerie, Paris.
Amedeo Modigliani , Chaim Soutine , 1917.
Öl auf Leinwand, 91,7 x 59,7 cm .
Sammlung Chester Dale,
National Gallery of Art, Washington, D.C.


Die Freundschaft Modiglianis mit Soutine zeigt sich auch in den beiden Porträts von Chaim Soutin e (1915, Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart; und 1917). Auf diesen beiden Porträts wird Soutines dichter, schwarzer Haarschopf sichtbar, den er intensiv pflegte. Man erzählte sich, dass er aus lauter Sorge vor frühzeitigem Haarausfall aufgeschlagene frische Eier in seine Haare einmassierte und, ohne die Schmiere wieder ausgewaschen zu haben, einen Hut aufsetzte und spazieren ging. Mit Hüten verband Soutine übrigens ein nahezu unerschütterlicher Glaube, der so weit ging, dass er später als etablierter Künstler ungezählte blaue Hüte kaufte und zeitweise sogar annahm, damit unerkannt durch Paris spazieren zu können.
In der Zwischenzeit hatte auch Soutine sich, genau wie Kikoïne, 1913 an der École des Beaux-Arts eingeschrieben und sein Studium bei dem zu seiner Zeit recht bekannten Historienmaler Fernand Cormon (1845-1924) begonnen, der einige Jahre zuvor in seiner privaten Kunstschule, dem Atelier Cormon , neben vielen anderen auch Vincent van Gogh (1853-1890) und Henri Toulouse-Lautrec (1864-1901) unterrichtet hatte. Bei diesem Lehrer fühlte Soutine sich offenbar unterfordert, hielt es deswegen auch nicht allzu lang aus und machte sich lieber selbstständig. Er fand 1914 in der im 15. Pariser Arrondissement gelegenen Cité Falguière genannten Sackgasse Nr. 11 bei dem Bildhauer Oscar Miestchaninoff (1886-1956) ein sehr schlichtes, winziges Atelier, das er beinahe drei Jahre lang bewohnte und auch in Öl festhielt: Das Atelier des Künstlers , Cité Falguière . Die Gasse kannte er bereits, denn er hatte sich ein Jahr zuvor mit ihr befasst und sie in La Cité Falguière (1914; Privatsammlung) überliefert. Und auch Miestchaninoff hielt er in einem Porträt fest: Der Bildha u er Oscar Miestchaninoff .
Von hier aus wanderte er durch die Straßen der Stadt und stellte da, wo er ein Motiv fand, seine wacklige Staffelei auf und malte, malte, malte. Er suchte, er suchte sich und begann in dieser Zeit allmählich, seinen eigenen Stil zu entwickeln, der weit abseits des bisher gewohnten klassizistischen Salonstils lag. Nicht nur er, sondern auch die anderen Künstler im La Ruche experimentierten in alle Richtungen, nicht zuletzt mit Form und Textur. Angesagt waren in jener Zeit des ausklingenden Impressionismus, des Art Nouveau und des Kubismus die bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu rechnende Klassische Moderne und der als Gegenbewegung nicht nur zum Impressionismus, sondern zum Naturalismus und vor allem zum Akademismus zu verstehende aufkommende Expressionismus.
Die tieferen Wurzeln des Expressionismus reichen weit in die Geschichte zurück und sind geografisch ebenso weit verzweigt. Zwei der wichtigsten Quellen sind weder modern noch europäisch: die Kunst des Mittelalters und die Stammeskunst bzw. Kunst der sogenannten „primitiven“ Völker. Eine dritte hat im Grunde kaum mit visueller Kunst zu tun – die Philosophie Friedrich Nietzsches (1844-1900). Noch komplizierter wird das Ganze dadurch, dass das Wort „Expressionismus“ ursprünglich eine ganz andere Bedeutung hatte. Ungefähr bis 1912 wurden damit ganz allgemein alle progressiven Kunstrichtungen nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa bezeichnet, die sich deutlich vom Impressionismus unterschieden bzw. mehr noch „anti-impressionistisch“ wirkten. Der Begriff galt damit zunächst vor allem Künstlern wie Paul Gauguin (1848-1903), Paul Cézanne (1839-1906), Henri Matisse und Vincent van Gogh. Tatsächlich war „Expressionismus“ noch bis nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Oberbegriff für die aktuelle moderne – fauvistische, futuristische oder kubistische – Kunst. In Deutschland gehörten als herausragende Bewegungen Die Brücke und Der Blaue Reiter zum Expressionismus.
Stillleben mit Zitronen , um 1916.
Öl auf Leinwan d, 63 x 54 cm . Privatsammlung.
Stillleben mit Heringen , um 1916.
Öl auf Leinwand, 64,5 x 48,6 cm .
Galerie Larock-Granoff, Paris.


Der Expressionismus hatte sich die Aufgabe gestellt, das Seelische mit anderen als den bisher verwendeten Mitteln zu gestalten und statt einer Wiedergabe des Gegenständlichen mit Form und Farbe zu arbeiten, er war damit in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts der Ursprung der modernen Kunst. Als der Expressionismus an Bedeutung gewann, wurde eines mehr als deutlich: er war kein „Stil“. Dies erklärt, warum unter Händlern, Künstlern, Kritikern und Kuratoren nur selten Einigkeit über die Bedeutung oder Verwendung des Begriffs bestand. Dennoch nahm der Expressionismus in der Kunst eine wichtige Position ein. Zunächst galt er der Malerei, Skulptur und Druckgrafik, wenig später dann auch dem Tanz, Theater und der Literatur. Aber die Historiker sind sich nach wie vor uneinig darüber, was unter „Expressionismus“ eigentlich zu verstehen ist. Viele Künstler, die heute als die Expressionisten gelten, lehnten das Etikett selbst ab. Die expressionistische Phase endete Mitte der 1920er Jahre und wurde vom Surrealismus abgelöst.
Auch Soutine zählt, obwohl meistens so eingeordnet, nicht zu den Expressionisten. In seinen sehr pastosen Bildern arbeitet er mit wirbeligen Formen und einer eindrucksvollen Farbstruktur. Besonders in den Stillleben der 1920er Jahre Jahre spiegelt sich sein physischer und psychischer Zustand. Seine häufigen Themen sind Alleinsein, Depressivität und Resignation, die Figuren werden mit verzerrten Gesichtern in expressionistischen Verformungen dargestellt und befinden sich in unergründlichen Räumen.
Sein Mäzen, der erwähnte Dr. Rafelkess, war kurz nach Soutines Abreise aus Wilna verstorben, sodass plötzlich jegliche weitere finanzielle Unterstützung aus der Heimat ausblieb. Um nicht zu verhungern, arbeitete er nicht nur als Gepäckträger oder als Hilfskraft bei einer Automobil-Ausstellung, sondern hub zu Beginn des Ersten Weltkriegs (1914-1918) gemeinsam mit anderen eingewanderten Künstlern als Mitglied einer Arbeitsbrigade zeitweise Schützengräben aus. Zum einen eine Arbeit, die er wegen seiner auffallend instabilen Gesundheit nicht allzu lange durchhalten konnte und zum anderen auch nicht gerade eine Arbeit für die feingliedrigen Finger eines Künstlers.
Stillleben mit Fasan , um 1919.
Öl auf Leinwand, 91,8 x 60,3 cm . Privatsammlung.
Mann mit rotem Halstuch , 1921.
Öl auf Leinwand, 100 x 70 cm .
Privatsammlung, Frankreich.


Im Verlauf seiner Studienzeit erhielt Soutine eine offizielle Aufenthaltserlaubnis (1914), die es ihm ermöglichte, den verheirateten und am anderen Ende der Stadt wohnenden Kikoïne zu besuchen. Er benutzte dabei die Metro, in deren verschlungenen unterirdischen Gängen er sich in seiner Anfangszeit mehrmals fast verlaufen hatte. Soutine war ständig hungrig und aß im La Ruche so viel, dass den anderen am Tisch oft nichts übrig blieb und sie sich bitter beklagten und auch seine Begründung mit einem (vorgeschobenen?) Bandwurm nur knurrend hinnahmen. Er wartete auch oft endlos und geduldig in einem Bistro auf eine Einladung zu einem Café oder einer kleinen anderweitigen Stärkung oder bis ihm einer der Gäste stillschweigend eine Kleinigkeit zuschob. Das Quartier Montparnasse wies einige als Künstlertreffs beliebte Cafés auf, so neben einigen anderen auch das nach der altrömischen Göttin des Frühlings, der Blumen und der Gärtnerei, der Göttin Flora, benannte Café de Flore , das im 6. Bezirk an der Place Saint Germain des Prés gelegene Café Les Deux Magots mit seinen beiden geschnitzten lebensgroßen Sitzfiguren im Inneren oder die neben einer ehemaligen Poststation gelegene Closerie des Lilas und vor allem das erst 1911 eröffnete Ecklokal La Rotonde .
Der russische Journalist und Schriftsteller Ilja Ehrenburg (1891-1967), jüdischer Abstammung wie Soutine, der Amedeo Modigliani, Pablo Picasso, den mexikanischen Maler Diego Rivera (1886-1957) und den französischen Maler und Filmregisseur Fernand Léger (1881-1955) zu seinen Freunden zählte und das La Rotonde in seinem Roman Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito (1922) erwähnt, traf eines Tages Soutine in einem dieser Cafés und beschrieb ihn folgendermaßen:
„In der allerdunkelsten Ecke saßen regelmäßig Krémègne und Soutine. Soutine blickte verschreckt und schläfrig drein – als hätte man ihn aus seinen Träumen gerissen und ihm keine Zeit zum Waschen und Rasieren gelassen. Er hatte die Augen eines gejagten Wildes – vielleicht vor Hunger.“
Soutines Armut war sprichwörtlich, und seine Freunde haben nie verstanden, wie er das Elend in so stoischer Haltung ertragen und darüber hinaus trotz der wiederholt auftretenden heftigen Magenbeschwerden auch noch so intensiv arbeiten konnte – er lebte unter Bedingungen, die heute kaum mehr vorstellbar oder zumutbar sind. Als Marc Chagall eines Tages, ungefähr ein Jahr nach Soutines Ankunft in Paris, seine Unterkunft wechselte und Chaim das Zimmer gern übernommen hätte, soll Chagall dies mit der Bemerkung auf Soutines „... landstreicherhaftes Aussehen“ abgelehnt haben. Ob das nun stimmt oder nicht, ist nicht so wichtig, aber es ist sicherlich ein Hinweis auf Soutines äußere Erscheinung.
Élie Faure, von dem später noch ausführlicher die Rede sein wird und an dem niemand vorbeikommt, der über Soutine berichtet, schreibt über diese Zeit:
„Wenn Sie ihn auf der Straße sehen, im Regen, mit seinem fliehenden Schritt, mit gerundetem Rücken, seinen Hut bis über die Augen gezogen, mit seinen schönen, ein wenig blassen Händen, mit dem Gesicht eines Kalmücken, dessen Haare die Stirn versperren, erhalten Sie das Gefühl, einem Drama beizuwohnen, das den Ruhe suchenden Magier zu den Sternen hin schiebt.
Er geht in Richtung eines Horizonts, der sich ständig bewegt, und seine nächtlichen Wanderungen, seine plötzliche Flucht, symbolisieren wohl die Notwendigkeit, vor sich selbst zu entkommen und an der Straßenwende eine Dauerhaftigkeit zu finden, die ihm immer verweigert wurde. Slawe war er auch durch den Abgrund, den er in sich trägt, das Verlangen, etwas zu ergreifen, das viel zu beweglich ist, um es mit der Hand zu fangen. Woher kommt seine Genialität als Maler […]?“
Mann mit Pfeife (Bildnis Chauveau) , um 1916.
Öl auf Leinwand, 54,9 x 46 cm .
Privatsammlung, Paris.
Frau mit Hund , um 1915-1916.
Öl auf Leinwand, 64,8 x 49,8 cm .
The University of Iowa Museum of Art, Iowa City.


Sein ständiger Begleiter in jenen Jahren war der Hunger, der sich in allen seinen Stillleben widerspiegelt, in denen er irgendein geschlachtetes Tier malte: seine Hasen, Fische, Fasane. Nahrung war in diesen Jahren für ihn das Thema. Wenn man diese Bilder betrachtet, bemerkt man, dass die Tiere alle fein säuberlich an Fleischerhaken aufgehängt sind. Damit hat er aber gegen die Vorschriften des Talmud für die Vorbereitung der Mahlzeiten und damit natürlich auch gegen die in seinem strenggläubigen Schtetl erlernten und strikt angewendeten Vorschriften verstoßen. Aber dieses Schtetl hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits weit hinter sich gelassen.
Soutine besuchte häufig den Louvre und war begeistert von den Werken Camille Corots (1796-1875), Gustave Courbets (1819-1877), Jean-Siméon Chardins (1699-1779) und Rembrandt van Rijns (1606-1669), den er regelrecht vergötterte. Als er eines Tages mit der aus der Ukraine stammenden Chana (Hanna) Orloff (1888-1968), die an der École des arts décoratifs Bildhauerei studierte, im Louvre die alten Meister bewunderte, soll Soutine geäußert haben: „Das ist so schön, dass ich davon noch verrückt werde!“
Bei seinen wiederholten Besuchen des Louvre entdeckte er dort als weitere Vorbilder für sich vor allem noch Domínicos Theotokópoulos, genannt El Greco (1541-1614), und Francisco de Goya (1746-1828), die ihm schließlich fast wichtiger waren als das im Studium Erlernte. Und um mehr Werke des von ihm hoch verehrten Rembrandt zu sehen, machte Soutine sich eines Tages sogar auf nach Amsterdam zu seinem ersten von mehreren Besuchen.
Wegen seiner knappen finanziellen Mittel natürlich nicht am Tage und in einem bequem gepolsterten Abteil, sondern mit dem billigeren Nachtzug in der sogenannten „Holzklasse“, also der dritten Klasse. Gerädert und durchgerüttelt dort angekommen, machte er sich ohne zu verschnaufen gleich auf den Weg in das dortige Rijksmuseum und bewunderte neben anderen Arbeiten stundenlang und ehrfurchtsvoll Rembrandts Geschlachteter O chse .
Und bewundern heißt hier nicht nur, einen längeren Blick auf ein Gemälde zu werfen und dann weiter zu gehen, wie das in Museen so häufig zu beobachten ist, sondern das ausgewählte Bild zentimeterweise zu studieren, jede Farbnuance auf sich wirken zu lassen, jeden Pinsels

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