Hans Memling

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German, Middle High (ca.1050-1500)
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Im Gegensatz zu seinem Vorgänger van Eyck war Memling, der lange Zeit als ein weniger bedeutender Maler galt, kein Hofmaler, sondern ein Maler des Bürgertums. Memling geriet im 17. und 18. Jahrhundert in Vergessenheit, wird heute aber aufgrund des seine Porträts prägenden perfekten Gleichgewichts aus Realismus und Idealisierung als einer der größten Maler der Vereinigten Provinzen des 15. Jahrhunderts angesehen. Seine Kompositionen, zumeist Diptychen und Triptychen für Altarbilder, offenbaren ein vergleichbares Talent mit dem van Eycks. Sein Auge für Details und seine zeichnerische Präzision, seine technische Meisterschaft und seine kompositorische Begabung brachten so großartige Meisterwerke wie Das Jüngste Gericht (1466-1473), Die mystische Vermählung der Heiligen Katharina (1479) und Die sieben Freuden Mariä (1480) hervor.
Dieses Buch untersucht auf der Grundlage einer reichhaltigen Sammlung aus Reproduktionen von Memlings wichtigsten Gemälden, die die schönen Gesichter und die von den damaligen künstlerischen Konventionen vorgesehenen demütigen Posen unterstreichen, das komplexe Talent dieses bedeutenden Künstlers.

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Date de parution 15 septembre 2015
Nombre de lectures 0
EAN13 9781783106554
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 2 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0025€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

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Autor: Alfred Michiels (Auszug)
Übersetzung: Claudia Ade und Waltraud Boll
Redaktion der deutschen Veröffentlichung: Klaus H. Carl

Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam

© Parkstone Press USA, New York
© Confidential Concepts, Worldwide, USA
Image-Bar www.image-bar.com
© The National Gallery, London, Abbildung 1, 2, 3, 4, 5

Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen. Trotz
intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte
festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

ISBN: 978-1-78310-655-4

Anmerkung des Herausgebers
Aus Respekt vor der einzigartigen Arbeit des Autors wurde der Text nicht aktualisiert, was die
Änderungen bezüglich der Zuschreibungen und Datierungen der Werke betrifft, die bisher unsicher
waren und es in manchen Fällen immer noch sind.Alfred Michiels




HANS MEMLING






I n h a l t


Vorwort
I. Memlings Anfänge
II. Memling zwischen Geschichte und Legende
Volkstümliche Traditionen
Authentische Informationen
III. Alter und Genie Memlings
IV. Memlings bedeutendste Werke
In Belgien aufbewahrte Werke
Die Werke außerhalb Belgiens
Die Geschichte des Christophorus
Memling als Miniaturenmaler
Eigene Untersuchungen
GOSSART
MABV
MABUSIUS.
V. Meister Memling, zwischen Einflüssen und Authentizierungen
Memlings Schüler
Memlings authentische Werke
BRÜGGE
ANTWERPEN
BRÜSSEL
DEN HAAG
LONDON
CHISWICK
SHREWSBURY
BERLIN
MÜNCHEN
LÜBECK
WIEN
TURIN
FLORENZ
PARIS
KUPFERSTICH
Memling zugerechnete WerkeFälschlicherweise Memling zugerechnete Werke
Verloren gegangene Werke
Index
NotesHans Memling,
Bildnis eines Mannes, um 1470.
Öl auf Eichenholz, 33,3 x 23,2 cm.
The Frick Collection, New York.


Vorwort


Wenn man sich Brügge nähert, sieht man einen hohen, kriegerisch anmutenden Turm, der die Dächer
der Stadt überragt und vom Aussehen her eher einem Bergfried als dem Glockenturm einer Kirche
ähnelt. Dennoch gehört er zur Kirche Notre Dame. Weder Leisten noch Statuen oder Verzierungen
aus Stein schmücken das imposante Gemäuer. Seine mächtigen Mauern ragen stolz empor, ernst wie
ein Gedanke aus einer anderen Welt, nackt und trist wie ein Gefängnis. Schwärme von Dohlen
umkreisen den Turm und rufen mit kurzen, heiseren Schreien oder lassen sich in einer Reihe auf
seiner Spitze nieder wie eine Gruppe mystischer Vögel. Von Norden her taucht die Sonne das
Gebäude in ihr fahles Licht und der neblige niederländische Himmel lässt scharfkantige Gebilde
daraus entstehen. Vom Turm aus sieht man in der Ferne das mit Schaumkronen bedeckte Meer. Und
dieses Bild inspiriert den Betrachter auf ganz natürliche Weise zu poetischen Empfindungen und
versetzt ihn in einen Zustand der Meditation.
In der malerischen Stadt Brügge offenbaren sich jedem Liebhaber alter niederländischer Kunst
immer wieder wundervolle Überraschungen. Wenn ihre Sehenswürdigkeiten auch nicht mit denen
anderer großartiger Städte Europas konkurrieren können, so war die Stadt Brügge doch im 14. und
15. Jahrhundert ein zentraler Warenumschlagplatz und die bedeutendste Hansestadt, in der die
Handelsfürsten ihren Wohnsitz hatten. Leider hat sich all dies geändert; heute ist Brügge nicht mehr
Tummelplatz der Reichen und hat keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Früher waren die Häuser
mit heute über die ganze Welt verteilten Gemälden von Memling und anderen großen Künstlern
angefüllt. Heute besitzt Brügge nur noch wenige authentische Werke seiner großen Meister.
Ganz in der Nähe dieser heiligen Zufluchtsstätte, im Schatten des Glockenturms, befindet sich ein
weiterer Ort, der ebenfalls unter dem Schutz und der Herrschaft des Wortes Gottes steht: das
SaintJean-Hospital. Seine Gründungszeit ist nicht bekannt, es wird jedoch bereits im 12. Jahrhundert
urkundlich erwähnt. Um das Jahr 1397 nahmen die dort lebenden Mönche die Regeln des Hl.
Augustinus an. Sie gelobten, das menschliche Leid zu erleichtern, waren jedoch durch die
Gründungsurkunde daran gebunden, nur Bürger aus Brügge und Maldeghem aufzunehmen. In der
Folge verbrachten die Ordensleute viel von ihrer Zeit damit, an den Betten der Leidenden zu sitzen
und ihnen tröstliche Worte zuzusprechen. In der Zwischenzeit wurde ein Museum daraus, das
Gebäude an sich hat sich jedoch kaum verändert. Durch die gotischen Spitzbogenfenster dringt
Tageslicht in das Gebäude mit seinen Giebeln und Wasserspeiern. Unter dem Spitzbogengewölbe
erwarteten die Kranken das Ende all ihrer Leiden auf Erden. Zwischen den einzelnen Gebäuden
befand sich ein ruhiger Innenhof mit saftig-grünen Lindenbäumen und einem kleinen Teich, auf dem
Enten schwammen. Einige Patienten genossen hier an schönen Tagen die frische, von einer süßen, tief
sitzenden Melancholie erfüllte Luft, die ihren Ursprung in vergangenen Ängsten hat, sämtliche
Organe schwächt und von der Hoffnung mit ihren magischen Visionen erheitert wird.Hans Memling, Bildnis eines Mannes, um 1472.
Öl auf Eichenholz, 35,3 x 25,7 cm.
Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel.


Im Inneren der Hospitalkirche (die Gebäude wurden im 19. Jahrhundert getrennt) stößt man auf
den berühmten Reliquienschrein der Hl. Ursula aus dem Jahr 1489 und auf weitere Meisterwerke
von Hans Memling. Über fünf Jahrhunderte lang wurden sie sorgsam aufbewahrt, und der von ihnen
ausgehende Zauber zieht den Betrachter in seinen Bann und versetzt ihn in längst vergangene Zeiten.
Er folgt dem Lauf des ewigen Flusses und entsteigt seinem Boot fernab von unserer Zeit, inmitten
von anderen Bauten und anderen Generationen, an Gestaden, die die Menschheit schon längst
verlassen hat. Die Menschentypen, Sitten, Trachten, Leidenschaften und Überzeugungen dieser Zeit
werden vom Pinsel des Künstlers festgehalten für alle Ewigkeit – genau wie die Natur. Sanftes,
gedämpftes Licht erhellt die Gemälde und eine tiefe Stille umgibt den Betrachter; das von draußen
hereindringende Raunen unterstreicht die poetischen Empfindungen: Der Wind säuselt und streichelt
die Fensterkreuze, Schwalben fliegen zwitschernd um die Dächer, von weitem lärmt es aus der Stadt
wie ein reißender Bergbach. In den Gedanken nehmen diese Geräusche Gestalt an und - überwältigt
vom Geist der Vergangenheit – meint man, die Stimmen längst vergangener Zeiten zu vernehmen.
Weshalb waren diese Gemälde im Besitz eines Hospizes?
Diese lästige, aber unausweichliche Frage bekümmert jeden Kunsthistoriker, weil es darauf keine
befriedigende Antwort gibt. Memling – wie so viele flämische Meister – wurde vor missgünstigen
Blicken versteckt und seine Existenz hinterließ keine Erinnerungen. Ein schier undurchdringliches
Geheimnis umgibt ihn: Zwar kennt und bewundert man seine Begabung, doch von seiner Biographie
ist nichts bzw. kaum etwas bekannt; seine Geschichte setzt sich aus einigen vagen Überlieferungen
und nüchternen Aufzeichnungen zusammen. Selbst sein Name war lange Zeit umstritten, so dass
dessen Schreibweise erst Anfang 1861 festgelegt wurde.[1]Hans Memling, Bildnis eines
Mannes der Lespinette Familie, um 1485-1490.
Öl auf Holz, 30,1 x 22,3 cm. Mauritshuis, Den Haag.Hans Memling, Bildnis eines Mannes mit Brief, um 1475.
Öl auf Holz, 35 x 26 cm. Uffizien, Florenz.


I. Memlings Anfänge


In der Zeit des italienischen Quattrocento schlossen sich die nordeuropäischen Künstler nicht einer
einzigen Kunstrichtung an, sondern entwickelten sich schnell und beständig weiter. Wenn auch die
Werke einiger Künstler Ähnlichkeiten aufweisen, so gibt es in den Gemälden der großen Meister
dieser Epoche, wie beispielsweise Jan van Eyck (um 1390 bis 1441), Rogier van der Weyden (um
1399 bis 1464), Hugo van der Goes (um 1440 bis 1482) oder auch Hans Memling (um 1433 bis
1494) doch grundlegende Unterschiede. Jeder von ihnen steht auf seine Weise für die „alte“ bzw.
„neue Schule“. Wenn auch das XV. Jahrhundert in Flandern gelegentlich als „einfache Skizze“ des
blühenden XVII. Jahrhunderts eines Rembrandt Harmens van Rijn (1606 bis 1669) oder eines Jan
Vermeer van Delft (1632 bis 1675) dargestellt wird, so bleibt es doch eine reiche und einzigartige
Epoche. Die vorangegangenen Jahrzehnte dieser bewegten Zeit waren von Migrationsbewegungen der
niederländischen Künstler geprägt, die zwar den Ruhm ihrer Kunst mit sich brachten, aber in gewisser
Hinsicht auch das Ende der „alten Schule“ kennzeichneten. Hans Memling war einer von ihnen. Und
unter all den großen Namen, die ihr angehörten, ist es Memling, auf den Brügge ganz besonders stolz
sein kann.
Und dennoch war er bereits hundert Jahre nach seinem Tod in dem Land, das er mit so vielen
seiner Werke bereichert hatte, in völlige Vergessenheit geraten. In seinem 1604 veröffentlichten Buch
Buch der Maler (Het Schilder-Boeck), einer wertvollen Sammlung von Biographien deutscher und
niederländischer Künstler des XV. und XVI. Jahrhunderts, erwähnt Carel van Mander (1548 bis
1606) nur, dass Hans Memling ein großer Meister seiner Zeit, d.h. vor der Zeit Pieter Pourbus’ (um
1523 bis 1584), also vor 1540, war. Ihm zufolge stammte Memling aus der Stadt Brügge[2],
während er nach Auffassung von Jean-Baptiste Descamps (1714 bis 1791) in Damme geboren sein
soll.
Zweifellos war er jedoch deutscher Herkunft. Von allen Autoren und in allen Dokumenten wird er
einhellig als „Meister Hans“ betitelt, was als Beweis ausreichen sollte: Hans ist die deutsche
Bezeichnung für Jean: in den Niederlanden wird daraus Jan, ausgesprochen wie Yann, da der Laut „j“
in den germanischen Sprachen unbekannt ist und stattdessen die Verkleinerungsform Hanneken.[3]
verwendet wird. Im Übrigen wird dies von dem Maler und Biographen Marc van Vaernewyck (1518
bis 1569) noch bestätigt: „In Brügge,“ so sagt er, „sind nicht nur die Kirchen, sondern auch besondere
Gebäude mit Gemälden von Meister Hugues, Meister Rogier und von Hans dem Deutschen,
geschmückt.“[4]
Wenn Brügge auch nicht Geburtsort vieler renommierter Maler war, so zog es doch in der ersten
Hälfte des XV. Jahrhunderts zahlreiche Künstler in diese Stadt, die einen guten Kunstmarkt und eine
hohe Lebensqualität zu bieten hatte. Die berühmtesten – und diejenigen, deren authentische Werke
dort aufbewahrt wurden – waren wahrscheinlich die Brüder Hubert (1370 bis 1426) und Jan van
Eyck. Der Ältere lebte dort zu Beginn des Jahrhunderts, später ließ er sich in Gent nieder. Jan
hingegen lebte zunächst nur von Mai bis August des Jahres 1425 in der Stadt. Im Jahr 1431 ließ er
sich dann endgültig dort nieder, bis zu seinem Tod im Jahr 1441.
Auch der aus Baarle stammende Peter Christus, ein Schüler der Brüder van Eyck, lebte bis zu
seinem Tod im Jahr 1473 (bzw. 1474) in Brügge. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die
Familie Memling in diese Stadt zog. Die Mutter des Künstlers könnte jedoch flämischer Herkunft
gewesen sein - der ausgeprägte Charakter der Gemälde lässt es vermuten. Seine deutsche
Abstammung bestätigt sich schließlich durch die Entdeckung einer Eintragung ins Bürgerregister von
Brügge vom 30. Januar 1465 unter dem Namen Jan van Mimmelynghe, Sohn des Hamman, geboren
im hessischen Seligenstadt, einer der ältesten Städte in Deutschland. Allerdings gibt es noch einige
Alternativnamen für ihn, so etwa Jan van Memmelynghe, Jean van Memlync und Johannes Memelinc.
Im Register von Seligenstadt wird Memling als einer der großen Söhne dieser Stadt geführt. Es kann
durchaus sein, dass Memling bereits ein bedeutender Maler war, als er sich in Brügge niederließ: DieTatsache, dass er in keinem Register der Brügger Malergilde eingetragen ist, zeigt, dass er seine Kunst
wahrscheinlich ohne jede Einschränkung ausüben konnte.
Memling wurde vermutlich im Jahr 1435 geboren. Der Arzt und Kunsthistoriker Don Giovanni
Morelli (1816 bis 1891) hat die Aufzeichnungen eines anonymen Reisenden veröffentlicht, nachdem
er im Jahr 1521 bei Kardinal Grimani ein Selbstportrait des Künstlers gesehen hatte, auf dem er etwa
siebzig Jahre alt war. Da er im Jahr 1494 verstarb, müsste er somit etwa 1424 geboren worden sein.
Als er sich aber vor dem Spiegel selbst porträtierte, war er wohlbeleibt und von blühendem Aussehen,
so dass die Annahme, dass er das Bildnis in seinem Todesjahr fertig stellte, doch sehr gewagt scheint.
Es ist daher wahrscheinlicher, dass er zu diesem Zeitpunkt noch nicht am Ende seiner Laufbahn
angelangt war und man somit seine Geburt zwischen 1433 und 1440 vermuten kann. Man kann sich
vielleicht auf das Jahr 1433 festlegen, damit seine Hochzeit mit der Frau, mit der er drei Kinder hatte,
nicht zu spät erfolgt.
Zwar wuchs Memling zweifellos nach niederländischer Tradition auf, seine Lehrzeit und die
Identität seines Meisters werfen jedoch zahlreiche Fragen auf. Da er erst acht Jahre alt war, als Jan
van Eyck im Juli des Jahres 1441 verstarb, kann man wohl kaum davon ausgehen, dass er unter
dessen Anleitung die Malkunst erlernte: Überdies weisen die Werke der beiden Künstler grundlegende
Unterschiede auf. Trotz allem muss er ihn wohl viele Male in den Straßen der Stadt, in den Kirchen
oder bei öffentlichen Veranstaltungen an Feiertagen getroffen und ihn mit dem frühreifen Instinkt, der
allen Hochbegabten zu Eigen ist, studiert haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er auch bei
seinem Begräbnis in den Gewölben von Saint-Donat zugegen. Eine sichtlich bewegte
Menschenmenge umgab den schlichten Sarg Jan van Eycks, während die Orgel mit ihren klagenden
Tönen die Kirchenschiffe vor erhabener Verzweiflung erzittern ließ und die Priester während der
Totenmesse die folgenden schönen Worte sangen: „Was aus der Erde kommt, kehrt zur Erde zurück,
was von Gott kommt, kehrt zu Gott zurück!“Hans Memling, Bildnis eines jungen Mannes,
um 1480-1485. Öl auf Holz, 26,7 x 19,8 cm.
Kunsthaus Zürich, Zürich.Raffael (Raffaello Sanzio), Bildnis des
jungen Pietro Bembo, 1504-1505.
Öl auf Leinwand, 54 x 39 cm.
Museum of Fine Arts, Budapest.Hans Memling, Bildnis eines Mannes,
um 1465-1470. Öl auf Holz, 41,8 x 30,6 cm.
Städel Museum, Frankfurt.Hans Memling, Bildnis eines jungen Mannes
vor einer Landschaft, um 1475-1480.
Öl auf Holz, 26 x 20 cm.
Galleria dell’Accademia, Venedig.


Doch schon sehr bald wird Memling vom Historiker Francesco Guichardin (1482 bis 1540), vom
Maler, Bildhauer und Architekten Giorgio Vasari (1511 bis 1574) und auch vom Biographen und
Historiker Filippo Baldinucci (1624-1696/1697) zu den Schülern von Rogier van der Weydens[5]
gezählt. Vasari spricht von einem «Ausse disciple de Rogier»[6] („großen Schüler von Rogier“);
Guichardin nennt ihn «Hausse» („den Großen“) und Baldinucci „Ans di Brugia“. Wenn auch die im
Laufe der Jahrhunderte gesammelten Informationen und die angebliche „Verwandtschaft“ zwischen
bestimmten Werken der beiden Meister diese Verbindung zu bestätigen scheinen, so spricht doch der
beträchtliche stilistische Unterschied zwischen Memlings Jugendwerken und den späten Werken eines
van der Weyden gegen diese Hypothese. Und wenn auch sein Stil größere Ähnlichkeit mit dem von
Hugo van der Goes aufweist, so spricht doch die Tatsache, dass die beiden der gleichen Generation
angehören, eindeutig gegen ein Meister-/Schüler-Verhältnis.
Im Herrschaftshaus der Margarete von Österreich (1480 bis 1530) war im XVI. Jahrhundert ein
Triptychon zu sehen, dessen Hauptgemälde von Rogier van der Weyden selbst, die beiden Flügel
jedoch von einem seiner Schüler gemalt worden waren. Auf dem Mittelteil ist die Hl. Jungfrau
dargestellt, wie sie den toten Christus in ihren Armen hält; die Innenseite der Flügelteile zeigt zwei
trauernde Engel, auf der Außenseite ist Grau in Grau die Verkündigung abgebildet.[7] Memlings
Gemälde sind eindeutig von Rogier van der Weyden beeinflusst, als der alternde Künstler seine
zweite Arbeitsphase durchlief. So kann man sich auch vorstellen, dass Memling Brügge verließ, um
unter van der Weyden in Brüssel zu arbeiten, der ihm nicht nur den Umgang mit Stift und Pinsel
beibrachte, sondern ebenso die Kunst der Ölmalerei. Descamps behauptete jedoch, dass Memling
nicht gewillt war, die neue Methode anzuwenden und seine Farben weiterhin in Eiweiß und Leinöl
anrührte.
Zu jener Zeit war Tempera die am häufigsten verwendete Maltechnik, wobei die speziellen Zutaten
in unterschiedlich großer Menge miteinander vermengt wurden. Durch Hinzufügen von Bier, Essig
oder Honig konnte man den Flüssigkeitsgrad der so entstandenen Substanz regulieren, die Farbe
erhielt man durch das Auftragen von Farblack: Dieser hatte einen doppelten Vorteil, er verlieh zum
einen der Masse ihren Farbton und ihre Strahlkraft, zum anderen schützte er die Tempera vor
schädlichen Umwelteinflüssen. Lange Zeit traf diese Fehleinschätzung auf offene Ohren: Nie zuvor
hatte es eine Meinung gegeben, die so falsch war und den Leser so täuschte. Wie hätte ein so fähiger
Mann, ein Mann, der in alles Schöne verliebt war und die Verhältnisse so gut einschätzen konnte, eine
so wunderbare Methode ablehnen können, um an seiner alten Arbeitsweise festzuhalten? Diese
Hypothese erschien sehr unwahrscheinlich und widersprach im Übrigen den Fakten. Einige,
wahrscheinlich durch seine Lehrzeit im Rheinland beeinflusste, Gemälde wurden mit Tempera
begonnen und später in Öl fertig gestellt. Auf diese Weise betonte der Meister die Hauptlinien seiner
Kompositionen, vervollständigte das Übrige mit unendlicher Zartheit, während seine Farben – wie
einer unverrückbaren Regel folgend – so licht erschienen, dass die Originalzeichnung sie zu
durchdringen schien.
Doch kaum haben uns diese geringfügigen Informationen einen kurzen Blick auf den feinen
Koloristen gewährt, da entkommt er uns schon wieder und wir finden Memling erneut in den
Aufzeichnungen des von Morelli publizierten Anonymen Reisenden. Diesmal bewundert der
unbekannte Reisende, der sich immer noch bei Kardinal Grimani aufhält, ein mit der Jahreszahl 1450
versehenes Werk aus seiner Hand, auf dem Isabella von Portugal (1397 bis 1471), die dritte Gattin
Philipps des Guten (1396 bis 1467), dargestellt ist. Dieses Gemälde ist der Beweis dafür, dass der
Herzog von Burgund, ein ausgesprochener Kunstkenner, eine sehr hohe Meinung über den Künstler
hatte, sonst hätte er ihn nicht mit einer so bedeutenden Aufgabe betraut und seine Frau porträtieren
lassen, die bereits zuvor schon von Jan van Eyck gemalt worden war. Auf dem neuen Bildnis ist die
Prinzessin bis zur Taille abgebildet und nicht ganz so groß wie in natura.[8] Sie hatte ihre Blütezeit
bereits überschritten: Zweiundzwanzig Jahre waren vergangen, seit sie vom Meister der BrüggerSchule in ihrer ganzen Schönheit porträtiert worden war. Was sind schon zweiundzwanzig Jahre,
wenn man einmal darüber nachdenkt? Eine kleine Welle im unendlichen Abgrund der Ewigkeit.
Dennoch reicht dieser kurze Zeitraum aus, um die Seele zu erschöpfen und den Körper welken zu
lassen: Er umfasst all unsere fruchtbaren Jahre und beinahe unsere gesamte moralische Existenz; aber
wie viele Male haben wir dennoch gewünscht, ihn zu verkürzen und haben immer wieder mit
Bitterkeit die Worte gesprochen: „Herr, Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“
Isabella hatte es verdient, vor einem großen Künstler zu posieren: Sie war eine außergewöhnliche
Frau. Für den Herzog von Burgund war sie eine beherzte Begleiterin und eine fähige Beraterin, die
ihm in allen Lebenslagen bei seinen Reden, Entscheidungen und Unternehmungen zur Seite stand.
Kein Premierminister hätte es besser machen und seinem Herrscher eine größere Hilfe sein können.
Im Jahr 1434, während eines gemeinsamen Aufenthalts in Dijon, beauftragte der Herzog Isabella
damit, Burgund in seiner Abwesenheit zu regieren, da er nach Flandern zurück musste, um sich dort
um wichtige Angelegenheiten zu kümmern.
Es war eine turbulente Zeit, in der sich die Menschen kaum Ruhe gönnten. Kaum war Philipp der
Gute abgereist, da dröhnte im Herzogtum auch schon Trompetenschall, Waffengeklirr und das
Gewieher der Schlachtrösser: Die Gegner des Prinzen und die Unzufriedenen glaubten leichtes Spiel
mit einer Frau zu haben. Isabella bot daraufhin sogleich den gesamten Heerbann der Vasallen auf, zog
ins Feld und zwang die Rebellen, um Gnade zu flehen. Durch diesen brillanten Einstieg fasste der
Herzog von Burgund volles Vertrauen in das Talent seiner Prinzessin und setzte sie fortan als
Elitebeamten ein – vor allem bei Verhandlungen, bei denen sie großes Geschick bewies.
Sie war von einer würdevollen, ihrer geistigen Natur entsprechenden Schönheit, ihr edles,
ernsthaftes und intelligentes Wesen beeindruckte die Zuhörer und stärkte ihre Eloquenz bzw. die
Subtilität ihrer Rede. Im Jahr 1436 baten die Brügger um ihre Hilfe bei der Lösung der Konflikte, die
sie mit ihrem eigenen Ehegatten hatte. Im Verlauf des Jahres 1435 hatte sie einen beträchtlichen
Anteil an den Kongressverhandlungen in Arras, mit deren Hilfe die Monarchie aus einer gefährlichen
Situation manövriert wurde. Um das Jahr 1437 arrangierte sie die Heirat der Erbin von Penthièvre
und beendete damit die langjährigen Querelen zwischen dem alten und jungen Zweig des Hauses
Bretagne.
Der Herzog von Orléans, der seit der Schlacht von Azincourt im Jahr 1415, Gefangener der
Engländer war, verdankte Isabelle nach fünfundzwanzigjährigem Exil seine Freiheit und außerdem
eine glückliche Verbindung mit der Burgunder Prinzessin Marie de Clèves (1426 bis 1487). Zu
Marie de Clèves Hauptbeschäftigungen gehörte auch die zu dieser Zeit übliche praktische Medizin.
Da sie eine wohltätige Ader hatte, kümmerte sie sich persönlich um die Armen und Kranken und
vollbrachte viele gute Werke. Als ihre Kräfte im Alter allmählich schwanden, ließ sie sich auf Schloss
Nieppe bei Hazebrouck (Département du Nord) nieder, das sie zuvor eingerichtet hatte, und
verbrachte dort das Ende ihrer Tage.
Seine Dankbarkeit Isabelle gegenüber brachte der Herzog von Orléans in naiven und anmutigen
Versen zum Ausdruck. Eine ganz besondere, doch fast in Vergessenheit geratene Biographie des
Historikers Prosper de Barante (1782 bis 1866), die sich mit Isabelle beschäftigte, erweckte bei den
Lesern lebhaftes Interesse.
Möglicherweise haben Philipp der Gute und Isabella das Triptychon bei Memling in Auftrag
gegeben, das sich im Besitz Margaretes von Österreich befand und das auf seinem Mittelteil die Hl.
Jungfrau mit Kind, auf dem einen Seitenflügel Adam und Eva und auf dem anderen die Hll. Johannes
und Barbara zeigt.[9]Hans Memling, Der Kanoniker Gilles Joye, 1472.
Öl auf Holz, 37,3 x 29,2 cm. Sterling and Francine
Clark Art Institute, Williamstown.Jan van Eyck, Bildnis des Jan de Leeuw, 1436.
Öl auf Holz, 25 x 19 cm. Kunsthistorisches Museum, Wien.Hans Memling, Bildnis eines Mannes, um 1480.
The Royal Collection, London.Jan van Eyck, Bildnis eines Mannes (Selbstbildnis?), 1433.
Öl auf Holz, 26 x 19 cm. The National Gallery, London.


Das Portrait eines jungen Mannes, das sich zuerst in der Sammlung von Aders, danach in der des
Dichters Rogers befand und jetzt in der National Gallery in London zu sehen ist, soll angeblich ein
Selbstporträt Memlings sein. Ein Kritiker vom rechten Rheinufer hatte diese Hypothese gewagt und
jeder hatte sie wie ein Glaubensbekenntnis angenommen. Es ist ein bewundernswertes Werk. Die
Person ist darauf bis zur Körpermitte abgebildet und befindet sich in einem ärmlich wirkenden,
unmöblierten Raum: Der Kopf hebt sich scharf ab vom Schatten in einer Ecke des Zimmers und von
der Fensterscheibe, die sich hinter ihm abzeichnet. Er ist noch jung, seine Haare blond und
ungekämmt.
Aber anders als auf der Radierung vom Historiker Johann David Passavant (1787 bis 1861), ist er
nicht schielend dargestellt, sondern blickt mit einem träumerischen Ausdruck geradeaus, während er
seine Hände ergeben übereinander gelegt hat. Die unansehnlichen Hände mit den langen, knochigen
Fingern zeugen von seiner einfachen Herkunft. Die Gesichtszüge des Unbekannten wirken sehr
einfach, wie die eines Kindes aus dem Volk, ja sogar so, als sei er in einer dunklen Gasse, wo sich die
einfachen Menschen aufhalten, geboren worden. Die große, regelmäßige Stirn und der nachdenkliche
Gesichtsausdruck passen zu einem begabten Mann, doch die gewöhnlich geschnittene Nase, die
hervorstehenden Wangenknochen, der große Mund mit den schmalen, ungeschwungenen Lippen, der
knochige Kiefer und das ausgeprägte Kinn weisen ihn als einer niedrigen Schicht angehörig aus. Seine
Kleidung fügt sich harmonisch in den Kreis dieser Merkmale ein. Der vermeintliche Memling trägt
ein schmuckloses Gewand aus einem einfachen, weinroten Stoff ohne jegliche Verzierungen: Eine
Mütze aus demselben Stoff bedeckt seinen Kopf. Und doch umgibt ihn ein gewisser Charme. Woran
denkt er, als sich die letzten Sonnenstrahlen verabschieden? Betrachtet er die triste, bereits herbstlich
anmutende Landschaft, die und die man durchs Fenster entdeckt? Er scheint nichts zu sehen, nicht
einmal das kahle Zimmer, in dem er sitzt: Man könnte sagen, dass seine Fantasie auf eine weite Reise
in das Reich der Trugbilder geht. Der Mensch, der ihm diesen träumerischen Ausdruck auf so
vollendete Weise verliehen hat, muss zweifellos ein Poet, nicht nur ein Maler, gewesen sein. Und der
äußere Aufbau ist der zart fühlenden Inspiration gleichzusetzen. Der Strich ist zart, klar und doch
weich: Die Farben sind in sanften, gedämpften Tönen gehalten. Echtes Licht hüllt die Objekte ein. Die
großen holländischen Meister haben zweihundert Jahre später auch nicht exquisiter gemalt.
Wurde auf diesem Gemälde wirklich Memling dargestellt? Die für die dargestellte Person
vorgelegte Beschreibung mutet etwas merkwürdig an. „Dieser junge, etwas kränklich wirkende
Mann“, so wird berichtet, «… trägt das Gewand des Saint-Jean-Hospital in Brügge. Die Haare sind
von einem hellen Kastanienbraun, Mütze und Anzug sind dunkelviolett, der rechte Ärmel ist
zerrissen. In der oberen rechten Ecke erkennt man die Zahl 1462. Es muss sich um das Portrait von
Memling handeln und er muss sich damals im Saint-Jean-Hospital befunden haben». „Das Werk
wurde ganz und gar nach der Art und Weise Memlings gemalt und ist seiner würdig. Wenn man davon
ausgeht, dass das Gemälde ihn selbst darstellt, dann würden sein verletzter Arm und die Jahreszahl auf
die Zeit hindeuten, in der er sich im Hospiz aufhielt. Man weiß, dass die beiden Gemälde von seiner
Hand, die sich im Besitz der erwähnten Einrichtung befanden, aus dem Jahr 1479 stammen, d.h. sie
wurden siebzehn Jahre später gemalt.“[10]
Was für willkürliche Behauptungen, Fehler und Widersprüche in wenigen Zeilen! Zuerst einmal
trägt der geheimnisvolle junge Mann keineswegs Hospizkleidung, sondern ein Gewand und eine
Mütze in Form eines Kegelstumpfs wie sie zu Zeiten Philipps des Guten Mode waren; sein Anzug ist
sogar aus einem sehr guten Stoff und von eleganter Farbe. Wenn der rechte Ärmel einen Riss
aufweist, so wird dieser durch einen Knopf geschlossen: dies war, wie noch nachgewiesen wird,
ebenfalls zu dieser Zeit so üblich. Durch die Haltung der Person wird die Öffnung des anderen
Ärmels verdeckt. Man hat ihn also nicht abgeschnitten, um eine Wunde zu verbinden.Hans Memling,
Tommaso di Folco Portinari (1428-1501),
(vermutlich) 1470. Öl auf Holz, 44,1 x 33,7 cm.
The Metropolitan Museum of Art, New York.