Malewitsch

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German, Middle High (ca.1050-1500)
229 pages
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Kasimir Malewitsch (1878-1935) war ein Maler und ein großer Kunsttheoretiker, vor allem aber war er der Begründer des Suprematismus, einer auf geometrische Formen gegründeten Ausprägung der reinen abstrakten Kunst. „Der Suprematismus“, schrieb er, „hat mich etwas entdecken lassen, das bis dahin noch nicht verstanden worden war, … im menschlichen Bewusstsein gibt es ein unüberwindliches Verlangen nach Raum und den Willen, der Erde zu entfliehen.“
Diese neue Publikation präsentiert die brillanten Arbeiten Malewitschs, dieses höchst originellen Künstlers, der sich erst im Alter von 27 Jahren wirklich ernsthaft der Malerei zuwandte und sich das Zeichnen aus bloßer Neugier und reiner Freude am Lernen aneignete. Gerry Souter macht uns einmal mehr mit den Werken eines brillanten Künstlers sowie einer neuen Sichtweise der Persönlichkeit des Künstlers vertraut.

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Date de parution 15 septembre 2015
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EAN13 9781783106622
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 2 Mo

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Text: Gerry Souter
Übersetzung: Dr. Martin Goch und Isabelle Weiss
Redaktion der deutschen Veröffentlichung: Klaus H. Carl

Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam

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© Parkstone Press International, New York, USA
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Verbindung zu setzen.

ISBN: 978-1-78310-662-2Gerry Souter



M A L E W I T S C H
Reise ins Unendliche





I n h a l t


Einleitung
I Jugend in den Steppen
II Die Entdeckung der Kunst und ihre Experimente: Impressionismus, Fauvisten,
Kubisten und Futuristen
Erwachen seiner künstlerischen Natur
An der Kunstschule in Kiew
Impressionismus und Experimente
Fauvisten, Kubisten und Futuristen
III Die Suprematisten
Filippo Tommaso Marinetti
IV Der Flug stürzt auf die Erde
Biografie
Liste der Abbildungen
Bibliografische AnmerkungenSelbstbildnis, 1910-1911.
Gouache auf Karton, 27 x 26,8 cm.
Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau.


E i n l e i t u n g


Aus dem Orchester der osteuropäischen Kunst ertönte 1915 ganz plötzlich ein schriller Missklang,
der die Aufmerksamkeit des künstlerischen Establishments weckte. Der schrille Ton kam von einem
Künstler, der zunächst figürlich gemalt und sich anschließend auch als Kubist und als Futurist
versucht hatte. Es war Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, Sohn eines ukrainischen, in der
Zuckerrübenindustrie tätigen Angestellten. Dieser junge Maler entsprang dem Chaos des russischen
Realismus und Futurismus als ein voll ausgereifter, ungegenständlicher Suprematist mit einer ganz
eigenen, stark verschlüsselten und scheinbar undurchdringlichen visuellen Sprache. Kein Zweifel, da
war etwas Besonderes, etwas Geniales, es musste entweder ein massiver Intellekt hinter diesen
Bildern stecken oder ein schwer fassliches, fragiles, durch Osmose entstandenes Talent.
Malewitsch war ein Spätentwickler, bei dem sich viele Einflüsse über Jahre hinweg angestaut
hatten, ohne dass eine geradlinige, kontinuierliche Entwicklung bemerkbar gewesen wäre. Künstler
aller Zeiten haben sich bei ihrer Suche nach geistiger Orientierung in philosophische Werke vertieft
und dann anhand der vielfältigen gewonnenen Eindrücke und Einsichten schließlich ihren
individuellen Stil gefunden. Auch Kasimir Malewitsch tat dies. In seinem Fall ist es jedoch das
Kometenhafte seines Aufstiegs an die Spitze der Welt der Kunst, das ihn von anderen unterscheidet.
Bei ihm gab es keine allmähliche Evolution, er schlug ein wie ein Meteorit.
Während die abstrakten neuen Strömungen wie Dadaismus, Surrealismus, Futurismus, Kubismus
und Expressionismus zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Westeuropa und den USA zur Blüte
gelangten, entstand der Suprematismus in dem brodelnden geopolitischen Hexenkessel Russlands und
des Ostens. Diese Form der gegenstandslosen Malerei war das Produkt eines großen, von den
aufstrebenden besitzlosen Klassen angeführten Kampfes, der Gleichgesinnte in Ost und West zu
Verbündeten machte, die über Jahrhunderte von Kaisern und Zaren unterjocht und ausgebeutet
worden waren. Der Suprematismus war in einem solchen Maß revolutionär, dass er mit der Zeit in
eine Gegenrevolution umschlagen musste. Denn unter der unbarmherzigen Ideologie Lenins und der
eisernen Faust Stalins gab es nur Platz für eine Revolution. Jegliche von den verbindlichen Vorgaben
der kommunistischen Parteilinie abweichende Ausdrucksform wurde damit notwendigerweise als
antipatriotisch und volksfeindlich verschrien und verfolgt. So konnte das Kunstestablishment der
westlichen Welt nur tatenlos zusehen, wie die Suprematisten nach und nach lautlos ihren Abschied
nahmen.
Genau so schnell, wie er die gegenstandsfreie Malerei für sich entdeckt hatte, so schnell wandte
sich Malewitsch auch wieder von ihr ab. Er übernahm Lehrtätigkeiten an einer Reihe staatlicher,
teilweise neu gegründeter russischer Akademien und verschrieb sich dem Aufbau neuer Strukturen in
Kunst und Kultur des jungen sowjetischen Staats. Doch ab 1921 drehte sich der Wind. Die
kommunistische Bürokratie stellte sich gegen den Suprematismus als einer bürgerlichen
Kunstrichtung und schloss das Institut, dem Malewitsch vorstand. In der Gewissheit der ständigen
Überwachung durch Stalins Geheimpolizei OGPU beschloss Malewitsch, den
spätimpressionistischen Malstil seiner Anfangsjahre wieder aufzunehmen und seine neuen, nun
wieder gegenständlichen Werke auf die Zeit vor 1910 zurückzudatieren. Vermutlich war dieser
Schritt zurück zum Gegenständlichen eine Überlebenstaktik oder eine Folge der Resignation,
jedenfalls war er ein gezeichneter Mann. Er konnte sein Werk vor der gigantischen Maschine des
patriotischen Sozialistischen Realismus der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) nicht
verstecken, die Kunst nur in dem Maß zuließ, als sie den Zielen der kommunistischen Doktrin diente.
Malewitsch erlag 1935 einer Krebserkrankung und starb in völliger Vergessenheit, während die Welt
von der Krise der großen Depression unaufhaltsam auf einen erneuten Krieg zusteuerte.
Glücklicherweise haben etliche von Malewitschs Werken die Jahrzehnte der Anfeindung und der
Repressalien überstanden. So kann eine neue Generation versuchen, seine Bilder aus ihrer eigenenSicht und vor dem historischen und politischen Hintergrund zu interpretieren. Während der
Suprematismus von vielen als eine bloße Fußnote in der Geschichte der Kunst abgetan wird, kommt
Kasimir Malewitsch auf jeden Fall ein Platz unter den großen Namen der Malerei zu. Mit seinem
plötzlichen Erscheinen auf der Bühne der abstrakten Kunst verdient er es durchaus, neben Paul Klee,
Clyfford Still, Juan Miro, Jackson Pollock, Yves Tanguy, Wassili Kandinski, Piet Mondrian und
László Moholy-Nagy genannt zu werden. Ihm ging es darum, das nicht Ausdrückbare auszudrücken
und innere Synapsen auf völlig neue Weise zu verknüpfen, um so Momente gemeinsamer
Erkenntnisse und Bewusstseinszustände zu erzeugen. Er reduzierte sein inneres Erleben auf ein
visuelles Destillat auf dem Fundament einer Reihe philosophischer Konstrukte, die er mit religiöser
Inbrunst verinnerlicht hatte.
Wie bei den anderen großen abstrakten Malern überfällt uns auch bei Malewitsch die
unwiderstehliche Neugier, den Schleier zu lüften und zu entdecken, was diesen Künstler antrieb.
Leben und Wirken von Kasimir Malewitsch erzeugten eine Welle von ungeheurer Dynamik im ruhig
dahinplätschernden Fluss der Kunstgeschichte. Seinem Beitrag zur nicht gegenständlichen Kunst
gingen zahlreiche evolutionäre Werke voraus, die dem Spätimpressionismus, dem Fauvismus, dem
Kubismus und dem Futurismus zuzurechnen sind. In ihnen offenbart sich seine Suche nach einer ganz
persönlichen Weltschau. Gefolgt wurden sie von einer ebenso bedeutsamen Reihe von figürlichen
Bildern, Ausdruck einer sich aufbäumenden Vitalität unter dem Joch der Repression. Und auch wenn
die daraus entstehende Flutwelle des Suprematismus sich allmählich wieder legte und höchstens ein
bisschen Schaum auf der Wasseroberfläche zurückließ, so erzeugte sie doch die Neugierde, zahlreiche
philosophische Konzepte unter die Lupe zu nehmen und neu zu deuten. Was immer man auch von
Malewitsch halten mag, er hatte den Mut und das Durchhaltevermögen, sein künstlerisches Wirken in
einem Klima fortzuführen, das Neuerungen und radikalen Ideen äußerst feindselig gegenüberstand.
Heute haben wir ein besseres Verständnis für Kasimir Malewitsch, einen Gefangenen seiner Zeit
und des damaligen politischen Milieus. Die Undurchdringlichkeit und das Geheimnis seiner
persönlichen Philosophie haben zu einer Fülle von durchaus unterschiedlichen, wenn auch
gleichermaßen gültigen Interpretationen geführt. Doch in einem sind sich alle seine Interpreten einig:
Malewitsch war ein Genie, dem unsere Bewunderung und unser Respekt gebührt.
Ein Künstler, der schöpferisch tätig ist statt nachahmt, drückt sich selbst aus. Seine
Werke sind nicht Spiegelbilder der Natur, sondern neue Tatsächlichkeiten, die nicht
weniger bedeutsam sind als die Tatsächlichkeiten der Natur selbst.
Kasimir Malewitsch, Die Gegenstandslose Welt.

B e s i n n u n g

Es zieht der Strom unendlich sich
Hinab zum blauen Meer;
Vergebens wandert der Kosak,
Dem Glücke hinterher.
Kommt er an am fernen Strand;
Rauscht des Meeres Gischt.
Es leidet des Kosaken Herz,
Doch seine Seele spricht:
“Wohin, du ungebet’ner Gast?
Was ließest du daheim
Den Vater und die Mutter dein,
Dazu ein Mägdelein?
Menschen leben im fremden Land
in anderer Manier.
Niemand reicht dir seine Hand,
Keiner red’t mit dir.”
Der Kosak ruht am fernen Strand;
Vor einem aufgewühlten Meer.
Er ist dem Glücke nachgerannt -
Nun ist’s in Leid verkehrt.Am Himmel fliegt der Kranichzug,
In die alte Heimat fort.
Nun wein’, Kosak! – Dein Weg verwuchs,
Mit Disteln und mit Dorn ...
Taras Schewtschenko
St. Petersburg, 1838I Jugend in den Steppen

S t a d t , um 1908. Gouache, Tusche und
auf Karton geklebtes Papier, 17,5 x 17 cm.
Staatliches Kunstmuseum A.N. Radiscev, Saratow.


Er ging neben dem Wagen in beinahe kniehohen Stiefeln, ein kräftiger Junge mit dunkler
Gesichtsfarbe unter einem Schopf dunkelbraunen Haares. Von seiner erdfarbenen Kleidung stach nur
die rote, von seiner Mutter kunstvoll bestickte Weste heraus. Wenn er mit Vater und Mutter
unterwegs war, sollte die Familie nicht wie Feldarbeiter aussehen, sondern wie Leute eines höheren
Stands, schließlich bestritt der Vater seinen Lebensunterhalt nicht im Schweiße seines Angesichts,
sondern mit seinen geistigen Fähigkeiten. Als Angestellter und Leiter der chemischen
Qualitätskontrolle reiste er mit seiner Familie von einer Zuckerraffinerie zur nächsten. Sie führten
alle zusammen in ihrem Wagen ein unstetes Nomadenleben: die Mutter, Liudvika, der Vater Sewerin
Malewitsch sowie Kasimir und seine Geschwister. So lauteten ihre Namen in ukrainischer Sprache.
Sie waren Nachkömmlinge polnischer Flüchtlinge, die sich nach der Unterdrückung des polnischen
Aufstands im Jahr 1862 durch die Russen unter Zar Alexander II. über die ukrainische Grenze in
Sicherheit gebracht hatten. Die polnische Aussprache ihrer Namen war feiner, weicher – Sewerin und
Ludwika Malewicz und Kazimierz.
Von klein auf war Kasimirs Zuhause das Haus seiner Tante und Patin, Maria Orzechchowska,
Kostiolna Straße Nr. 13 im Bezirk Schitomir der Provinz Wolin. Sein Geburtstag wurde am 11.
Februar 1878 gefeiert, die Taufe fand in der römisch-katholischen Pfarrkirche von Kiew statt. Er war
der Älteste der 14 Kinder, von denen neun das Erwachsenenalter erreichten. Sie entstammten einer
geachteten und gebildeten Familie der vorrevolutionären polnischen Aristokratie. Aus den Unterlagen
der katholischen Kathedrale von Kiew und den verstaubten Archiven des Bezirks Schitomir geht
hervor, dass Kasimirs Genealogie voller prunkvoller Wappen war und der Familie der Malewicz, die
der S c h l a c h t a, also der polnischen Adelsklasse, angehörte, vom König zahlreiche Auszeichnungen
verliehen worden waren.
In den Venen des Jungen, der sich am Wagen festhielt, flossen das Blut und die Gene seinesUrgroßvaters Iwan, eines Artilleriehauptmanns, und seiner zwei Vettern, eines Gemeindepfarrers und
eines Kanons, die beide die Tradition des geistlichen Berufs weiterführten. Der Malewicz-Clan
bildete ein solides Kernstück der polnischen Bourgeoisie, deren Leben bis ins 19. Jahrhundert auf der
einen Seite durch das Militär, auf der anderen durch die Religion sehr streng reglementiert war. Doch
die Angehörigen dieser folgsamen und konservativen Bürokratie waren über die russisch-polnische
Grenze ins ukrainische Exil geflohen. Sewerin Malewitsch arbeitete für die Besitzer von
Zuckerrübenfabriken.
„Die Umstände meiner Kindheit“, schrieb Kasimir später, „waren folgende: Mein Vater arbeitete
in den Zuckerraffinerien, meist tief im Hinterland, in großer Entfernung zu den kleineren und
größeren Städten. Es gab dort riesige Zuckerrübenplantagen. Auf diesen Plantagen wurden viele
Arbeiter gebraucht, meist Bauern. Während die Bauern – Erwachsene und Kinder – den ganzen
Sommer und Herbst über in den Pflanzungen arbeiteten, schaute ich, der zukünftige Maler, auf die
Felder und auf die farbenprächtigen Bauern, die Unkraut jäteten und die Beten aus der Erde zogen.
Kolonnen von bunt gekleideten Mädchen gingen im Gänsemarsch über die Felder. Es war ein Kampf.
Die Truppen in ihren farbigen Gewändern kämpften gegen das Unkraut und sorgten dafür, dass die
Zuckerrüben nicht von den schädlichen Gewächsen erstickt wurden. Ich liebte es, morgens auf diese
Felder zu sehen, wenn die Sonne noch tief am Himmel stand und die Lerchen gen Himmel stoben. [...]
Die Zuckerrüben-Plantagen schienen ins Endlose zu reichen, mit dem entfernten Horizont zu
verschmelzen und die Dörfer mit ihren grünen Händen zu umfassen. So verbrachte ich meine
Kindheit in diesen vielen Dörfern an schönen Orten, die sich wie ein Puzzle zu einer wunderbaren
Landschaft fügten.“
Doch seine Erinnerungen werden grau und bleiern, wenn er von seinem Leben in den Fabrikstädten
berichtete, in denen die Menschen ihren kargen Lebensunterhalt mit Schichtarbeit verdienten.
„Ein anderes Umfeld – die Fabrik – kam mir vor wie eine Art Festung, in der die Menschen sich
unter der unbarmherzigen Kontrolle einer schrillen Sirene Tag und Nacht abrackern mussten. Diese
Menschen waren auf Zeit an eine Zentrifuge oder eine andere Maschine gefesselt: zwölf Stunden in
Dampf, Schmutz und Gestank. Ich sehe noch immer meinen Vater vor mir, an einem riesigen,
wundersamen Apparat. Es war eine schöne Maschine mit vielen verschiedenen Mechanismen,
Glasteilen und kleinen Sichtfenstern, durch die man im Innern die Melasse kochen sehen und die
Kristallisation des Zuckers kontrollieren konnte. Neben jedem Fenster waren mehrere kleine,
glänzende Hähne angebracht sowie auch ein Thermometer, und auf dem Tisch standen Testgläser, mit
deren Hilfe der Kristallisierungsgrad des Zuckers gemessen wurde. Stundenlang stand er da, drehte
die Hähne auf und zu und guckte durch die Fenster. Von Zeit zu Zeit entnahm er eine Probe zuckriger
Flüssigkeit und hielt dann das Glas aufmerksam gegen das Licht, um die Größe der Kristalle zu
prüfen.
Jede Bewegung der Maschinen wurde von den Arbeitern aufmerksam beobachtet, wie die
Bewegungen eines Raubtiers. Gleichzeitig mussten sie aber auch auf sich selbst und ihre eigenen
Bewegungen achten. Denn jede falsche Bewegung konnte den Tod oder eine Verstümmelung
bedeuten. Als kleiner Junge waren diese Maschinen für mich immer wilde Tiere mit Reißzähnen Mir
erschienen sie wie böse, grausame Tiere, unablässig auf der Lauer, einen Menschen mit einem
Prankenhieb niederzuschmettern, ihre Sklavenhalter zu verwunden. Ich war sehr beeindruckt von den
Bewegungen und Mechanismen der Riemen und der riesigen Schwungräder. Manche Maschinen
waren durch Metallstäbe eingezäunt, sie glichen Hunden in einem Zwinger. Die anderen, weniger
gefährlichen Maschinen, hatten keine solchen Käfige.“ [1]Gebärende Frau, 1908.
Gouache auf Karton, 24 x 25 cm.
Sammlung Costakis, Athen.S e l b s t p o r t r ä t (Studie für ein Fresko), 1907.
Tempera auf Karton, 69,3 x 70 cm.
Russisches Museum, St. Petersburg.


Kasimirs Welt war unterteilt in diese zwei sehr unterschiedlichen Milieus: das der Sklaven in den
Fabriken und das der Landbewohner. Die Fabrikarbeiter lebten auf dem Fabrikgelände oder, wenn sie
Familie hatten, in der näheren Umgebung in fabrikeigenen Häusern oder sie waren in Baracken
untergebracht. Sie arbeiteten in Schichten, um sicherzustellen, dass die Maschinen in der Erntezeit
rund um die Uhr bedient wurden und der Raffinerieprozess ununterbrochen lief. Die Arbeiter waren
eine graue Gesellschaft, gesichtslose Handlanger und Technokraten wie sein Vater, die durch dieselbe
heulende Sirene zu ihrer Schicht gerufen wurden, die sie auch aus dem Trancezustand ihrer Arbeit zu
ihren Mahlzeiten und ihren Schlafstätten rief. In den Korridoren der Fabrikanlagen gesellte sich zu
dem Geruch von Öl, heißem Schmierfett, Schweiß und kochenden Rüben der penetrante Geruch von
Sauerkraut, Kohlsuppe und mit Rindsfett vermischter Hafergrütze.
Der widerwärtige säuerliche Geruch der Kohlsuppe verbreitete sich überall in die Baracken, ja
sogar auf die Straße hinaus. Er drang aus den kleinen Mietshäusern der technischen Angestellten und
aus den Männerbaracken, wo er sich mit dem Geruch ungewaschener Leintücher, schweißnasser
Hemden und der Gemeinschaftsklos vermengte.
Kasimir fühlte sich unwohl in dieser Welt der Fabrikarbeiter. Wie viel besser hatten es doch die
Landarbeiter: Sie konnten die ganze Nacht ungestört schlafen, in der Morgenfrühe gingen sie auf die
Felder, von morgens bis abends hatten sie den freien Himmel und die Sonne über sich. Sie kauten ihre
Speckschwarten (salo), aßen Knoblauch und ukrainischen Borschtsch aus frischen roten Rüben und
eine kalte, b o t v i n i a genannte Gemüsesuppe aus Fisch, Bohnen, Rüben und Kartoffeln. Daneben gab
es saure Sahne mit k n i s h und Zwiebeln, p a l y a n i t s a – ein flaches Gebäck – und m a m a l y g a – eine Art
Mais (Polenta) mit Milch oder Butter und kalte Buttermilch mit Kartoffeln.
„Ich suchte mir meine Freunde mit Vorliebe unter den Bauernkindern, weil sie frei waren und auf
dem Feld, den Wiesen und in den Wäldern lebten, in der Gesellschaft von Pferden, Schafen und
Schweinen. Ich habe die Bauernjungen immer beneidet, die, wie mir schien, inmitten der Natur in
völliger Freiheit lebten, die Pferde auf die Weide führten, unter freiem Himmel schliefen, große
Schweineherden hüteten, die sie am Abend zurück in den Stall trieben, rittlings auf ihnen sitzend,
wobei sie sich an ihren Ohren festhielten. Die Schweine quiekten, wenn sie schneller als die Pferde
auf den Dorfstraßen dahingaloppierten, so dass der Staub nur so hochwirbelte.“ [2]
Allerdings hat Malewitschs romantisch-idyllische Vision der Welt seiner Kindheit, die er viele
Jahre später (1918) in seiner Autobiografie vor seinem geistigen Auge aufsteigen lässt, in der letzten
Dekade des 19. Jahrhunderts wohl nur eine ganz entfernte Ähnlichkeit mit der Realität des harten
Lebens in den Steppen und Wäldern der Ukraine. Dieser durch den Rückzug der Gletscher entstandene
fruchtbare Streifen von Grasland läuft quer durch die Mitte der Ukraine und bedeckt ungefähr 35
Prozent der Gesamtfläche des Landes. Er erstreckt sich von den Küsten des Schwarzen Meeres bis
nach Ostkasachstan und ist mit einer tiefen Schicht fruchtbarer Schwarzerde bedeckt. Diese
Schwarzerde sorgt in Verbindung mit dem gemäßigten Klima, das sich im Temperaturbereich
zwischen -4 Grad im Januar bis zu 21 Grad Celsius im Juli bewegt, für einen großzügigen
Erntezyklus sowohl für Weizen als auch für Zuckerrüben, solange der Boden regenerativ genutzt
wird.
Die „… bunt gekleideten Mädchen“, die im Gänsemarsch durch das schwarze Feld liefen, waren
ein Teil der „Armee“ von Bauern, die den „Kampf“ gegen Unkraut und das Ausdünnen der
Zuckerrüben fochten, um später große, kräftige Pflanzen ernten zu können. Überall in der
Steppenlandschaft verstreut lagen Höfe, Weiler und kleine Dörfer, deren Bewohner ursprünglich die
Leibeigenen der Adligen waren, den Besitzern riesiger Ländereien. Jeder Haushalt schuldete seinem
Herrn eine bestimmte Anzahl von Stunden Feldarbeit, die sich nach der Anzahl der erwachsenen
Söhne der Familie bemaß. Als die Leibeigenschaft im Jahr 1861 aufgehoben wurde, verließen viele
dieser Bauern die Dörfer ihrer Herren und ließen sich in eigenen kleinen Bauernhäusern nieder, so
genannten k h u t o r. Viele dieser kleinen Anwesen gruppierten sich zu Siedlungen, die als v y s e l k i
bezeichnet wurden, was in der wörtlichen Übersetzung „die aus ihrem Dorf Weggezogenen“ bedeutet.Zucker war in Mittel- und Osteuropa ein lebensnotwendiges Grundprodukt, sowohl zum Süßen
von Speisen als auch als Konservierungsmittel. Zwar war die Zuckergewinnung aus der Bete im
Vergleich zum Zuckerrohr aus den Äquatorialgegenden weniger effizient, doch in großen
Produktionsmengen war die Zuckerrübe recht Gewinn bringend und es bestand eine ständige
Nachfrage, allerdings waren Züchtung, Anbau, Ernte und Zuckergewinnung äußerst arbeitsintensiv.Eiche und Dryaden, 1908.
Aquarell und Gouache auf Karton,
17,7 x 18,5 cm. Ort unbekannt.O b s t e r n t e, 1909. Gouache auf Karton,
52,7 x 51 cm. Stiftung Kulturzentrum
Chardshijew-Tschaga, Amsterdam.


Sewerin Malewitsch war ein „fahrender“ Fabrikangestellter; er und seine Familie legten
ausgedehnte Fahrten durch die Steppenlandschaften zurück, um zu den entferntesten
Zuckerrübenfabriken zu gelangen. Auf diesen langen Fahrten lernte der junge Kasimir den Kreislauf
der Erde, der Landwirtschaft und der Bauern aus unmittelbarer Nähe kennen. Diese Eindrücke prägten
ihn für sein ganzes Leben. Die Strecken zu den Fabriken führten über verdreckte Straßen mitten durch
Dörfer hindurch, vorbei an den einfachen Hütten, die die Straßen beidseitig säumten. Jede Hütte besaß
einen kleinen Gemüsegarten, und jede Familie hielt ein paar Milchkühe oder Ziegen für Milch und
Käse.
Der Mist wurde als Dünger für die Äcker verwendet und diente außerdem als Bindemittel für die
Fußböden aus Lehm. Das Abwasser wurde in offene Jauchegruben geleitet. Kasimir konnte ein Dorf
aus großer Entfernung riechen, oft noch ehe es zu sehen war, je nachdem, aus welcher Richtung der
Wind gerade blies. Die Bauernweiler waren weniger klar definiert, doch immerhin teilte sich die
Gemeinschaft das in den weit entfernt gelegenen Wäldern gefällte Holz, das an den sandigen
Flussufern aufgestapelt wurde. Während des Winters, wenn der Schnee die Straßen blockierte und die
Weiler wie kleine Inseln isolierte, teilten sich die Bauern das Futter für ihr Vieh. Im Frühjahr
schmolz der Schnee auf den Holzstapeln schnell in der warmen Sonne und hinterließ schwarze
Flecken auf dem noch immer weißen Boden.
Wie oft wohl mag die Familie Malewitsch in einem Dorf angehalten haben, um als Gäste an einem
Fest – vielleicht einer Hochzeit, einer Kommunion oder einer Taufe – teilzunehmen? Die
Dorfbewohner ließen sich keine Gelegenheit entgehen, um der täglichen Routine zu entkommen. Es
wurde gekocht, gegessen und zur Musik der Bandura getanzt, dem traditionellen Saiteninstrument der
Ukraine, sowie dem Zimbal, einer Art Hackbrett, das mit zwei hölzernen Hämmerchen gespielt wird.
Diese Instrumente begleiteten die Volksmelodien und sentimentalen Balladen sowie die von den
Kobzaren, den fahrenden, von Dorf zu Dorf ziehenden und die Heldentaten der ukrainischen Kosaken
besingenden Spielleuten übernommenen Lieder. Die Männer tanzten in reich bestickten langen
Hemden und in Hosen aus blauer Wolle, die statt von einem Gürtel durch eine leuchtend rote, seitlich
verknotete Schärpe hochgehalten wurde. Darüber trugen sie einen s y y t a, eine lange, offene Weste mit
schwarzem Samtstreifenbesatz und auf ihren Köpfen einen Hut aus persischem Lammfell. Ihre Beine
steckten in den feinsten roten Lederstiefeln.
Unverheiratete Frauen bewegten sich tänzelnd und boten selbst gemachte Delikatessen an, wobei
sie ihr Augenmerk auf die noch ledigen Bauernsöhne richteten. Diese kräftigen Mädchen trugen
ebenfalls schmucke, bestickte Hemdblusen, und über einem gewebten Rock ( p l a c h t a) mit schwarzem
Samtband besetzte Westen ( k e r s e l k a), im Haar einen Kranz von Bändern und ebensolche rote
Lederstiefel wie die Mannsleute. Die älteren, verheirateten Frauen, Mütter, Tanten, Großmütter
trugen ihre wunderschönsten mit Kreuzstich bestickten Gewänder zur Schau. Dazu gehörten
o c h i p o k s (Kopfbedeckungen), mit Silber- und Goldmünzen verzierte Korallenhalsbänder und j u p k a s
(Mäntel) mit kovtunts (Quasten).
Als schweigende Zuschauer blicken die an den Wänden hängenden Ikonen auf das fröhliche
Treiben der kaleidoskopischen Farben der Kostüme und hören das Klimpern der zu Halsbändern
aufgereihten Münzen, das sich mit dem Klang der Banduras und den komplexen Mustern des Zymbals
mischt. Jedes Haus hatte mindestens ein und nicht selten bis zu einem Dutzend solcher Heiligenbilder
in der ‘roten’ oder ‘schönen’ Ecke. Sie waren die Kunst und die Religion der Bauern, idealisierte
Darstellungen, verzückte oder auch vor Qual oder Reue verzerrte Gesichter: Heilige und Apostel,
Szenen aus der Bibel, aber auch stilisierte volkstümliche Szenen, obwohl diese von der Kirche eher
verpönt und oft nur widerwillig geduldet wurden. Sie waren auf Holz oder auf selbst gewebte
Leinwand gemalt. Die Ikone des brennenden Dornbusches hielt Feuersbrünste fern, die des Hl. Georg
war für die Gesundheit der Haustiere zuständig.
Die Ikonenmaler waren als b o h m a z i bekannt ( b o h heißt „Gott“ und m a z y bedeutet „auf eine
Fläche malen“). Diese bäuerischen Maler lernten ihr Handwerk durch eine Lehre bei einem Meister,und da sie als Bauern und Hirten kaum je ihre Siedlungen verließen, bildete sich in jeder Region ein
eigener Stil der Ikonenmalerei heraus, dessen gestalterische Formen und Stilmittel von Generation zu
Generation weitergereicht wurden.
Ein eigenes Haus zu haben, war für eine Bauernfamilie ein Zeichen des Wohlstands und des
Ansehens, und man ließ es sich nicht nehmen, ganze Wände mit komplizierten farbigen Mustern zu
verzieren. Bänke, Hocker, Stühle, Decken, Wände, Türen und Fensterläden – auf all diesen Flächen
entfalteten die Maler, Schreiner und Holzschnitzer ihre kreative Ader, jeder mit seiner subjektiven
Interpretation der überlieferten Motive. Doch auch die Mädchen lernten neben dem Weben und der
Kreuzstichstickerei malen. Ihnen oblag die Aufgabe, die Holz- und Lehmwände mit Farbe zu
schmücken.
Kasimir war zutiefst beeindruckt von den künstlerischen Tätigkeiten der Bauern, die diese von den
Fabrikarbeitern unterschied:
„Die Fabrikarbeiter malten nicht, sie waren nicht in der Lage, ihr Haus auszuschmücken, noch
kümmerten sie sich um solche Dinge. Auf dem Lande hingegen interessierte man sich für die Kunst
(zur damaligen Zeit kannte ich dieses Wort noch gar nicht). Deshalb ist es wohl richtiger zu sagen,
dass sie Gegenstände herstellten, die mir außerordentlich gut gefielen [...] Mit großer Freude
beobachtete ich die Bauern bei der Herstellung ihrer Ornamente und half ihnen, den Fußboden ihrer
Häuser mit Tonerde zu bestreichen und ihre Öfen mit Verzierungen zu bemalen.“Epitaphios (Leichentuch Christi), 1908.
Gouache auf Karton, 23,4 x 34,3 cm.
Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau.Auf der Datscha/Zimmermann II,
Motiv: 1911-1912, Version: 1928-1929.
Öl auf Sperrholz, 105 x 70 cm.
Russisches Museum, St. Petersburg.Zimmermann I,
Motiv: 1911-1912, Version: 1928-1929.
Öl auf Sperrholz, 71,8 x 53,8 cm.
Russisches Museum, St. Petersburg.


Er beobachtete, wie die einheimischen Künstler ihre Farben durch Zerstampfen von Mineralien
herstellten, doch bei seinem Versuch, es ihnen gleichzutun, stieß er bei seinen Eltern wegen des
entstehenden Drecks und Staubs auf wenig Verständnis.
Wie dem auch sei, Kasimir genoss die Freiheit des Lebens in der „Wildnis“, weit weg von den
Fabrikstädten. Die ungebundene Lebensweise der Bauern entsprach seiner sinnlichen Natur. Hören
wir, wie er dies selbst in Worte fasst:
„Alles am Leben der Bauern war für mich faszinierend. Ich fasste den Entschluss, niemals in einer
Fabrik zu leben und zu arbeiten. Auch studieren werde ich niemals. Meiner Meinung nach haben die
Bauern ein gutes Leben: Sie haben alles, was sie brauchen, sie versorgen sich selbst, sie brauchen
weder Fabriken noch müssen sie lesen und schreiben können. Sie stellen alles für ihren eigenen
Bedarf selbst her, ja sie malen sogar selbst. Als Süßmittel haben sie Honig, sie brauchen also keinen
Zucker zu gewinnen. Die alten Männer in jedem Dorf haben so viel Honig wie sie nur wollen. Sie
sitzen den ganzen schönen Sommer lang vor ihrem Bienenhaus irgendwo mitten in einem blühenden
Garten, einem wunderbaren Garten voller Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumenbäumen. Ach wie
wunderbar schmeckten doch die Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen aus diesen Gärten. Eine
meiner Lieblingsspeisen waren die vareniki (kleine Piroggen) mit Kirschen und saurer Sahne oder
Honig.
Ich ahmte den Lebensstil der Bauern mit großer Begeisterung nach. Genau wie sie rieb ich
Knoblauchzehen auf meine Brotschnitte, ich aß Speck mit den Fingern, rannte barfuß in der
Nachbarschaft herum und hielt Stiefel für einen unnötigen Luxus. Mir kamen die Dorfbewohner
immer sehr adrett und fein gekleidet vor.“
Doch wenn die Feuerstellen der Feste nur noch glimmende Asche waren, dann mussten die Bauern
ihre schweren Stiefel überziehen, ihre Arbeitspferde aus den Ställen führen und ihre Hacken, Sicheln
und Heugabeln sowie die Essenskörbe auf die Karren laden. Und die Malewitschs spannten ihr
Fuhrwerk wieder an und machten sich auf den mühsamen Weg zur nächsten Zuckerrübenfabrik.
Einige Dorfbewohner sprachen zum Abschied vor der Ikone des Hl. Niklaus, dem Beschützer der
Reisenden, ein stilles Gebet.
Von seinem Sitz auf dem Wagen warf Kasimir einen letzten Blick auf die Sänger, Tänzer und
Spielleute des Vorabends, die nun mit den anderen zusammen aufs Feld zogen, um die unterbrochene
Arbeit auf dem Acker wieder aufzunehmen. Sie schritten hinter den von kräftigen braunen Pferden
mit blonden Mähnen gezogenen Pflügen, rissen die Rüben an ihren Blättern aus dem Boden,
schüttelten die lose Erde ab und legten sie in Reihen nebeneinander. Der nächste Arbeiter entfernte
mit einem Rübenhaken die Blätter und die Krone. In diesem Zustand wurden sie dann mit der Gabel
auf den Karren geworfen. Eingehüllt vom penetranten Gestank der Ausdünstungen und des frischen
Mists der Ackergäule, vermengt mit dem säuerlichen Geruch der aufgeworfenen Schwarzerde und
dem nussigen Aroma der Beten, wurde diese knochenharte Feldarbeit von den Bauern verrichtet.
Der ständige, durch den Beruf des Vaters bedingte Ortswechsel gab Kasimir kaum die
Gelegenheit, Freundschaften zu schließen, war er doch in jeder Fabrikstadt und in jedem Dorf immer
wieder „der Neue“. Dabei zog er sich nicht selten durch seine forsche Art und seine unbändige
Neugierde eine Tracht Prügel zu.
„Bei einer Gelegenheit war ich so wütend auf die Fabrikjungen, dass ich ihnen den Krieg erklärte.
Ich heuerte eine Armee von Dorfkindern an, denen ich als Tagessold ein Stück Zucker versprach. Ich
stahl ein ganzes Pfund raffinierten Zuckers aus unserem Haus – eine Schachtel mit 54 Zuckerstücken.
Damit kaufte ich ein ganzes Heer von Söldnern: Ich rechnete damit, dass der Krieg zwei oder drei
Tage andauern würde. Meine Armee und ich rüsteten uns zum Kampf: Aus den Metallreifen der
Zuckerfässer stellten wir Bogen her, als Pfeile nahmen wir Schilfrohre, deren Spitzen wir mit Teer
verstärkten. Jeder meiner Krieger war mit nicht weniger als 70 Pfeilen bewaffnet. Natürlich saßen
auch die Fabrikjungen nicht tatenlos herum. Am Vorabend der Schlacht schossen wir auf jedenFabrikjungen, der zufällig in unsere Nähe kam, einen Pfeil, sozusagen als Übung. Am folgenden Tag
ging der Kampf den ganzen Tag weiter, so lange, bis wir sie aus ihrer Stellung hinter der Hecke
vertrieben hatten und sie sich in ein Lagerhaus mit Feuerholz verkrochen. Die Schlacht ging zu Ende,
als einer meiner Pfeile den Anführer ins Auge traf, während sein Pfeil hoch über meinen Kopf
hinwegschwirrte. Wir standen uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Es war ein echter Kampf. Als ich an dem Abend nach Haus kam, musste ich die Strafe von meinem
Vater über mich ergehen lassen. Ich musste diese Schande auf mich nehmen, aber tief in meinem
Herzen fühlte ich mich als Held.“ [3]
Als Kasimir das elfte Lebensjahr erreichte, wurde den Malewitschs das unstete Nomadenleben auf
den staubigen Straßen der Steppe und in den ständig wechselnden Häusern und Wohnungen in den
Fabriken allmählich zu mühsam, zumal die Familie inzwischen gewachsen war. Sewerin Malewitsch
arbeitete nun in einer Fabrik im Dorf Parchomowka, in dem die Grenzen von drei Bezirken
aneinander stießen – Charkow, Poltawa und Sumi – und das in der Mitte zwischen zwei der
wichtigsten Städte der Ukraine lag: Kiew und Kursk. Im Dorf gab es eine Schule mit fünf Klassen. So
kam es, dass Kasimir zu einem Dorfjungen wurde und bis 1894 regelmäßig die Schule besuchte. Die
Bewohner von Parchomowka behielten ihn als einen wissbegierigen Jungen in Erinnerung, der sie
ständig mit Fragen durchlöcherte.S c h n i t t e r i n n e n, Motiv: 1911, Version: 1928-1929.
Öl auf Holzplatte, 70,3 x 103,4 cm.
Russisches Museum, St. Petersburg.II Die Entdeckung der Kunst und
ihre Experimente: Impressionismus,
Fauvisten, Kubisten und Futuristen

Blühende Apfelbäume, Motiv: um 1906,
Version: Ende 1920er Jahre.
Öl auf Leinwand, 58,5 x 49,5 cm.
Russisches Museum, St. Petersburg.


Erwachen seiner künstlerischen Natur
Schon mit zwölf Jahren präparierte Kasimir seine eigenen Wasserfarben und stellte seinen eigenen
Pinsel her. Er begann, Pferde in verschiedenen Stellungen zu zeichnen und sie in Landschaften
einzubetten oder sie zusammen mit Menschen darzustellen. Er kolorierte sie mit den selbst
gemischten Farben, oft in Gesellschaft eines Freundes, der sich ebenso wie er zum Künstler berufen
fühlte. In diese Zeit fällt auch seine erste Begegnung mit professionellen Malern, einer Gruppe aus St.
Petersburg, die den Auftrag hatte, eine Kirche auszuschmücken. Dieses für die beiden Jungen
unerhört eindrucksvolle Erlebnis hielt Kasimir in seinen autobiografischen Aufzeichnungen fest.
„Zu der Zeit lebten wir in einer kleinen Stadt, Belopolja, in der Provinz Charkow, in der ich einen
Freund hatte, der mit großer Begeisterung malte und zeichnete. Was die Herstellung von Farbe
anging, war er mir ein ganzes Stück voraus. Er zermalmte seine Pigmente mithilfe flacher Steine. Wir
fabrizierten Farben nicht nur aus verschiedenen Lehmarten, sondern auch aus Pulvern. Wir machten
sowohl Wasser- als auch Ölfarben, wobei wir den Wasserfarben den Vorzug gaben.
Eines Tages kam mein Freund aufgeregt zu uns ins Haus gerannt, zog mich hinaus hinter ein Tor
und flüsterte mir ins Ohr: ‚Ich habe gehört, wie mein Onkel meiner Tante erzählte, dass berühmte
Künstler aus St. Petersburg hierher kommen sollen, um die Kirche mit Ikonen auszumalen‘.“
Kasimir und sein Freund hatten noch nie wirkliche Künstler zu Gesicht bekommen. Jeden Tag
lauschten sie den Gesprächen der Erwachsenen in ihrer Umgebung und horchten an den
Schlüssellöchern, um herauszufinden, wann denn nun die Künstler eintreffen würden.
Schließlich vernahmen sie, die drei Künstler seien aus einem Zug gestiegen. Die Mitglieder der
Pfarrgemeinde waren glücklich, dass nun endlich die notwendigen Reparaturen an ihrer Kirche
vorgenommen würden und sammelten dafür eifrig Spenden. Von den Künstlern nahm kaum jemand
Notiz, außer natürlich Kasimir und seinem Freund, die an nichts anderes mehr denken konnten. Sie
suchten verzweifelt nach Möglichkeiten, sich unbemerkt in die Kirche zu schleichen, um den
Künstlern bei ihrer Arbeit zuzusehen und untersuchten sämtliche Fenster und Türen der
verschlossenen Kirche, um einen Durchschlupf zu finden. Kasimirs Freund hatte in seiner Vaterstadt
Belopolja viele Bekannte, deswegen sollte er ausfindig machen, wo die Künstler untergebracht
waren. Seinen Onkel konnte er nicht danach fragen, da die Unternehmung geheim bleiben musste.
Die beiden Jungen gingen jeden Tag die Hauptstraße der Stadt auf und ab, Kasimir auf der einen,
sein Freund auf der anderen Seite, immer auf Ausschau nach den Künstlern. Ein Fremder würde in
Belopolja nicht unentdeckt bleiben und in der Bevölkerung sofort auffallen. Morgens und abends
hielten die Jungen bei der großen Bäckerei und beim Krämer Wache, doch alle Kunden waren
Einheimische. Schließlich beschlossen die beiden, einen Wachposten bei der Kirche zu beziehen.
Wenn einer von ihnen zum Essen nach Hause musste, stand der andere Wache. Schließlich brachten
sie Verpflegung mit und blieben die ganze Zeit in ihrem Versteck vor der Kirche. Aber es war keine
Spur von den Künstlern zu sehen.
So vergingen mehrere Tage vergeblichen Wartens, bis sie schließlich an einem schwülen
Sommerabend nach einem Bad im Fluss eine Schar von Kindern durch die Scheiben eines Hauses am
Rand von Belopolja spähen sahen. Sie schlossen sich diesem kleinen Trupp an und entdeckten im
Inneren des Hauses
„... viele Tücher (wie wir es nannten) mit Köpfen von Jungen und Mädchen und mit trinkenden