Russische Malerei

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Russland hat während Jahrhunderten keine großen Maler
hervorgebracht, weil es seine ganze kreative Energie auf eine
systematische Darstellung der Ikonen, durch Rublow beispielsweise,
konzentrierte. Mit der Thronbesteigung von Peter dem Großen hält
die Aufklärung in diesem als rückständig verschrieenen Reich
Einzug. Sankt Petersburg ersteht aus den Sümpfen, wie durch ein
Wunder dank des Genies eines italienischen Architekten. Es sollte
für mehr als ein Jahrhundert ein kulturelles Zentrum und eine
Stätte der Begegnung sein. Der allmächtige Zar und später
Katharina die Große ermöglichen einen regen Austausch zwischen
den russischen und den europäischen Künstlern. Aus diesem
Dialog entsteht eine Malerei, die sich von Italien und seinen
Farben inspirieren läßt und gleichzeitig der russischen Seele treu
bleibt.
Doch erst im 19. Jahrhundert erblickt eine wirklich nationale
Malerei, in der Gestalt der Wanderer und der Blauen Rose das
Tageslicht. Es folgt die Zeit der Revolutionen, die die russische
Avant-Garde und schließlich den Modernismus hervorbringt.
In dem vorliegenden Buch geht der Autor der russischen Kultur
nach, die für ihn ein Zusammenspiel von westlichen und östlichen
Elementen ist. Diese beiden Einflüsse werden bei jedem Bild und
jeder Zeichnung hervorgehoben. Dabei werden alle Stilrichtungen
und Bewegungen berücksichtigt und dadurch die Vielfalt der
russischen Malerei aufgezeigt. Künstler wie Borowikowski, Serow,
Wrubel, Brüllow, Fedotow, Repin, Schischkin und Lewitan leisten
so einen fundamentalen Beitrag zur Kunstgeschichte.
Nach dem Fall des Kommunismus verleiht Peter Leek der
Geschichte der russischen Malerei eine neue Perspektive.

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Publié par
Date de parution 15 septembre 2015
Nombre de lectures 0
EAN13 9781783106455
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)

Informations légales : prix de location à la page 0,0025€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

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Autor: Peter Leek

Übersetzung aus dem Englischen: Dr. M. Goch

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Eigentumsrechte festzustellen. Wo dies der Fall ist, würden wir eine entsprechende Information
begrüßen.

ISBN: 978-1-78310-645-5Peter Leek



Russische Malerei





I n h a l t


Einleitung
Ikonenmalerei
Parsunas
Die Akademie
Gegenströmungen in der Kunst
Die Wanderer
Die Entstehung der russischen “Avantgarde”
Religiöse Malerei
Vom 18. Jahrhundert bis zu den 1860er Jahren
Von den 1860er bis zu den 1890er Jahren
Porträtmalerei
Vom 18. Jahrhundert bis zu den 1860er Jahren
Von den 1860er bis zu den 1890er Jahren
Von den 1890er Jahren bis zur nachrevolutionären Zeit
Historienmalerei
Vom 18. Jahrhundert bis zu den 1860er Jahren
Von den 1860er bis zu den 1890er Jahren
Von den 1890er Jahren bis zur nachrevolutionären Zeit
Interieurs und Genremalerei
Interieurs im 18. und 19. Jahrhundert
Genremalerei vom 18. Jahrhundert bis zu den 1860er Jahren
Genremalerei von den 1860er bis zu den 1890er Jahren
Die nachrevolutionäre Periode: Das Leben des Volkes
Landschaftsmalerei
Vom 18. Jahrhundert bis zu den 1860er Jahren
Von den 1860er bis zu den 1890er Jahren
Von den 1890er Jahren bis zur nachrevolutionären Zeit
Stillleben
Vom 18. Jahrhundert bis zu den 1860er Jahren
Von den 1860er bis zu den 1890er Jahren
Von den 1890er Jahren bis zur nachrevolutionären Zeit
Die “Avantgarde” des 20. Jahrhunderts und die revolutionäre Kunst
Eine neue Welt der Kunst
AbstraktionSymbolismus
Biographien
ALEXANDER BENOIS
IWAN BILIBIN
LEON BAKST
KONSTANTIN SOMOW
VALENTIN SEROW
ALEXANDER GOLOWIN
NIKOLAI ROERICH
JEWGENI LANCERAY
MSTISLAW DOBUSCHINSKI
BORIS KUSTODIJEW
SINAIDA SEREBRJAKOWA
IGOR GRABAR
NIKOLAI SAPUNOW
SERGEJ SUDEIKIN
DMITRI MOTROCHIN
GEORGI NARBUT
SERGEJ TSCHECHONIN
Künstlerverzeichnis
Bildverzeichnis1. Unbekannter Künstler, Die Muttergottes von Wladimir,
11. bis frühes 12. Jahrhundert. Ei-Tempera auf Lindenholz,
100 x 76 cm, Tretjakow-Galerie, Moskau.


E i n l e i t u n g


Die erhabene Metaphorik der großen Ikonenmaler, die Porträtmalerei des 18. und des
19. Jahrhunderts, die Bilder der See, des Schnees und der Wälder, die Darstellungen des bäuerlichen
Lebens und die historischen Gemälde der Wanderer, die Eleganz der Bewegung Welt der Kunst, die
kühnen Experimente der Künstler des frühen 20. Jahrhunderts ... Wer mit der russischen Malerei nicht
vertraut ist, wird ihren Reichtum und ihre Vielseitigkeit als eine Überraschung oder zumindest als
eine aufregende Entdeckung empfinden. In der Tat ist die Kreativität der russischen Künstler der
letzten zweieinhalb Jahrhunderte so ausgeprägt gewesen, dass ein Buch wie das vorliegende
hoffnungslos überfordert wäre, wollte es einen erschöpfenden Überblick über ihr Schaffen geben.
Sein Ziel ist es eher, eine repräsentative Auswahl der russischen Malerei vom 18. Jahrhundert bis zum
Beginn der nachrevolutionären Epoche (sowie einige Ausblicke auf jüngere Arbeiten) zu bieten. In
diesem Rahmen werden lediglich einige Bemerkungen zu Russlands reichem Erbe der Ikonenmalerei
möglich sein. Ebenso wenig kann die Kunst der sowjetischen Ära ausführlich berücksichtigt werden.

I k o n e n m a l e r e i

Obwohl die Ikonenmalerei sich rasch zu einem genuinen Bestandteil der russischen Kultur
entwickelte, handelte es sich zunächst um eine importierte Kunstform, die von Konstantinopel aus
nach Russland gelangt war. Der Begriff Ikone, eine Übertragung des griechischen Wortes für
Abbildung oder Bild, verweist auf seinen byzantinischen Ursprung. Nachdem der Großfürst Wladimir
der Heilige des Kiewer Reiches (des ersten russischen Staatsgebildes) Gesandte ausgeschickt hatte,
die ihm über die unterschiedlichen existierenden Religionen berichten sollten, nahm er im Jahr 988,
und zwar sowohl für sich selbst wie auch für seine gesamten Untertanen, den christlichen Glauben an
und veranstaltete im Dnjepr eine Massentaufe. Er lud byzantinische Künstler und Baumeister nach
Kiew ein, um christliche Kultstätten zu bauen und zu schmücken. Auf diese Weise wurden die
Steinkirchen Kiews mit großartigen Fresken und Mosaiken ausgestattet. Wandmalereien waren
unzweckmäßig, weil viele der frühen Kirchen in Kiew aus Holz errichtet worden waren, stattdessen
wurden religiöse Bilder auf hölzerne Tafeln gemalt. Diese wiederum zierten häufig einen
Wandschirm, der den Altarraum vom Hauptteil der Kirche trennte und sich schließlich zur Ikonostase
entwickelte, einer mit gestuft angeordneten Ikonen kunstvoll dekorierten Trennwand.2. Der Heilige Georg als Drachentöter, 15. Jh.
Eitempera aus Holz, 114 x 79 cm,
Nationales Kunstmuseum, Kiew.3. Passion Christi, 15. Jh. Eitempera aus Holz,
192 x 133 cm, Nationalmuseum, Lwow.


Man nimmt an, dass die berühmteste dieser frühen Ikonen, Die Gottesmutter von Wladimir (heute
in der Tretjakow-Galerie in Moskau), während des ersten Viertels des 12. Jahrhunderts in
Konstantinopel gemalt wurde. Zwischen dieser Zeit und der des Simon Uschakow (1626-1686),
vermutlich der letzte bedeutsame Ikonenmaler, bildete sich eine große Vielfalt an Schulen und Stilen
der Ikonenmalerei heraus, unter denen die von Wladimir-Suzdal, Jaroslawl, Pskow, Nowgorod und
Moskau herausragten.
Die ersten Ikonenmaler sind biographisch nicht fassbar, man weiß jedoch, dass es sich nicht
ausnahmslos um Mönche handelte, und bald schon waren Werkstätten, die sich auf Ikonen und andere
Formen des Kirchenschmucks spezialisiert hatten, in vielen Teilen Russlands verbreitet.
Theophanes der Grieche (ca. 1340-1405), einer der großen Meister der Ikonenmalerei, kam aus
Konstantinopel nach Russland und übte großen Einfluss sowohl auf die Nowgoroder wie auch auf
die Moskauer Schule aus. Weitere bekannte Meister sind Andrej Rubljow, dessen berühmtestes Werk,
die Alttestamentliche Trinität, sich in der Tretjakow-Galerie befindet, und sein Freund und Partner
Daniil Tschorny (wie Rubljow ein Mönch) sowie Dionysius, einer der ersten Laien unter den
führenden Ikonenmalern. Als Dionysius (ca. 1440-1508) und seine Söhne ihre Werke schufen,
verbreitete sich zunehmend der Besitz von Ikonen. Zunächst hatten Adlige und Kaufleute sie an einem
besonderen Ehrenplatz in ihren Häusern ausgestellt, zuweilen sogar in einem eigens für diesen Zweck
vorgesehenen Raum. Aber dann begannen auch vermögende Bauernfamilien, Ikonen in einer “schönen
Ecke” (krasny ugol) aufzuhängen.4. Andrej Rubljow,
Alttestamentliche Trinität, 1422-1427.
Ei-Tempera auf Holztafel, 142 x 114 cm,
Tretjakow-Galerie, Moskau.5. Unbekannter Künstler,
Porträt von Jakob Turgenjew, vor 1696.
Öl auf Leinwand, 105 x 97,5 cm,
Russisches Museum, St. Petersburg.


P a r s u n a s

Die Ikonenmaler stellten neben Christus, der Jungfrau Maria und Heiligen oder Engeln bis zur Mitte
des 16. Jahrhunderts grundsätzlich nur Figuren aus dem Alten und Neuen Testament dar. Dann aber
rief Iwan IV., der Schreckliche, im Jahr 1551 ein Kirchenkonzil (Stoglav) zusammen, um eine Reihe
strittiger Fragen zu klären, unter anderem die, ob die Darstellung lebender Menschen in Ikonen
frevelhaft sei. Der etwas kryptische Beschluss des Konzils in dieser Angelegenheit wurde so gedeutet,
dass die Aufnahme von Zaren und Personen aus Geschichte und Sage neben biblischen Figuren
zulässig sei. In der Folge öffnete sich die Ikonenmalerei neuen Stilrichtungen und Inhalten, bis im
Rahmen des Schismas, das die russisch-orthodoxe Kirche Mitte des 17. Jahrhunderts spaltete, Nikon
(der Patriarch der Reformpartei) und Awwakum (der Führer der konservativen Altgläubigen) sich
gegenseitig in ihren Bemühungen zu übertreffen trachteten, die Reinheit der Ikonenmalerei
wiederherzustellen. Nikon zerschmetterte, verbrannte oder verunstaltete durch das Ausstechen der
Augen der Ikonengestalten jene Ikonen, die von der byzantinischen Tradition abwichen, insbesondere
dann, wenn sie weltliche Figuren darstellten. Und Awwakum geißelte Neuerungen und fremde
Einflüsse in einer Sprache, die kaum weniger drastisch war als die Nikons.
Aber der Beschluss von Iwans Stoglav hatte unbeabsichtigt den Weg für die Ausbreitung der
weltlichen Kunst geebnet. Maler wandten sich Porträts und anderen künstlerischen Ausdrucksformen
zu, um nicht die Aufmerksamkeit Nikons und Awwakums sowie ihrer Anhänger zu erregen. Eine
Folge davon war die Mode der Parsunas (abgeleitet von dem lateinischen persona). Dies waren im
Stil den Ikonen ähnelnde Bilder lebender Menschen, die aber keinen religiösen Charakter hatten und
häufig auf hölzerne Tafeln, seltener auf Leinwand gemalt wurden. Zunächst außerordentlich stilisiert,
wurde das Hauptaugenmerk weniger darauf gerichtet, den Charakter der Personen einzufangen als
vielmehr ihren gesellschaftlichen Rang darzustellen. Aber die Parsunas machten in der
Porträtmalerei schon bald einer realistischeren Form Platz. Das vor 1696 von einem unbekannten
Künstler gemalte Porträt des Hofnarren Peters des Großen, Jakob Turgenjew, zum Beispiel weist eine
psychologische Tiefe und eine Ironie auf, die man in den meisten Parsunas vermisst. Die zweifelnde
Schläue, die den Gesichtsausdruck des Narren kennzeichnet, und die Art und Weise, in der diese
kraftvolle Figur die Leinwand besetzt, mögen ein Hinweis darauf gewesen sein, dass Weisheit nicht
allein Prinzen und Torheit ebenso wenig allein den Narren vorbehalten ist.6. Iwan Kramskoj, Porträt von Pawel Tretjakow, 1876.
Öl auf Leinwand, 59 x 49 cm, Tretjakow-Galerie, Moskau.


Die Akademie

Die Entscheidung Peters des Großen, eine Hauptstadt zu bauen, die “... ein Fenster nach Europa” sein
würde, war für die russische Malerei von beträchtlicher Bedeutung. Zum einen holte er Architekten,
Handwerker und Künstler aus verschiedenen Teilen Europas nach Russland. Sie sollten sowohl die
Bauten St. Petersburgs entwerfen und verzieren als auch ihre russischen Zeitgenossen in den
Fertigkeiten unterweisen, die erforderlich waren, um seinen Plan der Modernisierung des gesamten
Landes umzusetzen. Mit einer ähnlichen Intention finanzierte er die Ausbildung russischer Künstler
im Ausland, und auch seine Planungen zur Einrichtung einer Kunstabteilung in der gerade neu
gegründeten Akademie der Wissenschaften sollten diesem Ziel dienen. Diese Pläne trugen nach dem
Tod Peters des Großen erste Früchte: Man gründete im Jahre 1757 die Kaiserliche Akademie der
Künste, die sechs Jahre später ihren eigentlichen Betrieb aufnahm und über ein Jahrhundert lang einen
außerordentlich starken Einfluss auf die russische Kunst ausübte. Sie wurde durch eine
Vorbereitungsschule ergänzt, in die hoffnungsvolle künstlerische Talente schon mit sechs oder zehn
Jahren geschickt wurden. Die Akademie war durch eine äußerst strenge Hierarchie gekennzeichnet, in
der die vergebenen Titel von “Künstler ohne Rang” bis hin zum Akademiemitglied, Professor und
Ratsmitglied reichten. Studenten, die über die nötige Ausdauer verfügten, mühten sich 15 Jahre mit
ihren Studien ab. Bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde die Akademie durch das
bedingungslose Festhalten an klassischen Ideen beherrscht. Russische Künstler empfanden die
Vorschriften und Einstellungen der Akademie häufig als frustrierend. Ihr Verdienst bestand jedoch
zweifellos darin, dass sie verheißungsvollen Talenten eine umfassende und strenge künstlerische
Ausbildung ermöglichte.

Gegenströmungen in der Kunst

Anfangs stellten ausländische Künstler die Mehrheit des Lehrkörpers der Akademie dar, in erster
Linie Franzosen und Italiener. Dies hatte zur Folge, dass die russische Malerei während der zweiten
Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark von den Modeströmungen beeinflusst
wurden, die in anderen Teilen Europas vorherrschten und Russland erfahrungsgemäß mit einer
leichten Verzögerung erreichten. Angesichts der Entfernung zwischen St. Petersburg und Moskau
einerseits und den westeuropäischen Hauptstädten andererseits ist dieser Rückstand kaum
verwunderlich. Aber die russischen Maler hatten durchaus Möglichkeiten, sich mit russischer und
nicht-russischer Kunst vertraut zu machen. Sie verdankten dies sowohl der Verbreitung von
Reproduktionen – häufig Stiche und Lithographien – als auch der Angewohnheit der herrschenden
Klasse, im großen Stil Kunstwerke zu erwerben. Katharina II., die Große, unterstützte die Akademie
nicht nur finanziell (unter anderem durch Reisestipendien für Absolventen), sondern kaufte auch
Meisterwerke französischer, italienischer und niederländischer Künstler für die Eremitage. Während
der Französischen Revolution (1789) gelang ihren Agenten – und im Allgemeinen auch anderen
russischen Besuchern der französischen Hauptstadt – eine Reihe günstiger Gelegenheitskäufe, als die
Ausstattungen von Schlössern geplündert und verscherbelt wurden.7. Jean-Marc Nattier, Porträt von Peter dem Großen, 1717.
Öl auf Leinwand, 142,5 x 110 cm, Eremitage, St. Petersburg.8. Viktor Wasnetzow, Iwan der
Zarensohn und der graue Wolf, 1889.
Öl auf Leinwand, 249 x 187 cm,
Tretjakow-Galerie, Moskau.


Die Wanderer

Im Jahr 1863, in dem der erste Salon der Abgelehnten (Salon des Refusés) in Paris veranstaltet
wurde, verließen vierzehn hoch begabte Kunststudenten (dreizehn Maler und ein Bildhauer) die
Kaiserliche Akademie der Künste in St. Petersburg aus Protest gegen deren konservative Haltung und
restriktiven Vorschriften. Ihr nächster Schritt bestand in der Gründung eines Künstlerbundes, bei dem
aber sehr schnell deutlich wurde, dass es eines breiter verankerten und besser organisierten Verbandes
bedurfte. Dies führte schließlich zur Bildung der Gesellschaft für Wanderkunstausstellungen. Die
Gesellschaft wurde im November 1870 eingetragen, und die erste ihrer insgesamt 43 Ausstellungen
fand im November 1871 statt (die letzte im Jahre 1923). Iwan Kramskoj, Porträt-, Historien- und
Genremaler, unterrichtete an der Zeichenschule der Förderungsgesellschaft von St. Peterburg, bevor
er 1869 zum Akademiemitglied befördert wurde. Wassili Perow, Porträt-, Historien- und
Genremaler, unterrichtete 1871-1883 Malerei an der Schule für Malerei, Bildhauerei und Architektur
zu Moskau; Grigori Mjassojedon, Porträt-, Historien- und Genremaler, hielt sich nach seinen Studien
an der Akademie der Künste zu St. Petersburg in Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich auf. Er
war Direktionsmitglied der Gesellschaft für Wanderkunstausstellungen; weiterhin Nikolai Gay, Maler
von religiösen und geschichtlichen Themen, sowie Porträt- und Landschaftsmaler, Bildhauer,
Kupferstecher und Autor von Artikeln über Kunst, waren die treibenden Kräfte hinter der Gründung.
Eines ihrer Hauptanliegen, das sich im Namen der Gesellschaft niederschlug, war, dass sich die Kunst
um ein breiteres Publikum bemühen müsse. Um dieses Ziel zu erreichen, organisierten sie –
möglicherweise von den narodniki (den zu dieser Zeit durch Russland ziehenden populistischen
Verfechtern sozialer und politischer Reformen) angeregt – Wanderausstellungen, die von einer Stadt
zur nächsten zogen.
Wie die Impressionisten in Frankreich, die ihre erste Ausstellung ebenfalls 1871 organisierten,
vereinigten die Peredwischniki – als Reisende, Wanderer und Wandervögel übersetzt – bald ein
breites Spektrum von Künstlern unterschiedlicher Stilrichtungen und stark voneinander abweichender
künstlerischer Interessen. Zu Anfang allerdings handelte es sich bei der Gesellschaft um eine fest
gefügte Organisation mit einer einheitlichen Zielsetzung. Zu einer Zeit, da die Schriften von Herzen,
Tschernyschewski, Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi das soziale Gewissen weckten, widmeten
sich die meisten Mitglieder der Gesellschaft den Lebensbedingungen der einfachen russischen
Bevölkerung und bemühten sich, das Bewusstsein für die entsetzliche Ungerechtigkeit und
Ungleichheit in der damaligen Gesellschaft zu wecken. Die Kunstbewegung, die sich auf diese
Anliegen konzentrierte, wurde als Kritischer Realismus bekannt.

Die Entstehung der russischen “Avantgarde”

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wollten die Künstler der russischen Moderne der Malerei einen
größeren Ausblick verleihen. Es galt, ihre tiefe Verbundenheit zur russischen Tradition mit einem
Erneuerungsprinzip zu vereinen, das sich in den verschiedensten Strömungen äußerte. Die russische
Avantgarde fand ihre Inspiration sowohl in den Quellen des eigenen Landes als auch in jenen fremder
Länder, sodass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die russische Kunst weltweit an der Spitze aller
künstlerischen Progresse stand.
Ungefähr ein Jahrhundert später erwarben Sergej Schtschukin und die Brüder Michail und Iwan
Morosow zahlreiche Gemälde der Impressionisten und brachten sie mit zurück nach Russland. Im
Jahr 1892 vermachte der Kaufmann und Industrielle Pawel Tretjakow seine riesige
Gemäldesammlung – darunter mehr als tausend verschiedene russische Künstler – der Stadt Moskau.
Sechs Jahre später öffnete das Russische Museum im Michaelspalast in St. Petersburg seine Pforten(heute beherbergt es mehr als 300.000 Exponate, darunter etwa 14.000 Gemälde).
Ausstellungen spielten bei der Entwicklung der russischen Kunst ebenfalls eine wichtige Rolle.
Am Ende des 19. Jahrhunderts dauerte der allmähliche künstlerische Niedergang der Ikonen bereits
etwa zweihundert Jahre an, auch wenn sie als Objekte religiöser Verehrung weiterhin hoch geschätzt
wurden. Während dieser Zeit waren viele von ihnen beschädigt, dilettantisch restauriert oder durch
Ruß fast unkenntlich geworden.
Aber 1904 wurde die volle Pracht von Rubljows Alttestamentlicher Trinität wieder hergestellt,
und im Jahr 1913 zeigte, um das tausendjährige Bestehen der Dynastie der Romanows zu begehen,
eine großartige Ausstellung in Moskau restaurierte und gesäuberte Ikonen. In den ersten ein oder zwei
Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden daraufhin die wieder entdeckten Farben und stilistischen
Eigenarten der Ikonenmalerei von einer Reihe von Malern erkundet und verwendet. In ähnlicher
Weise bewirkte eine 1905 von Diaghilew initiierte große Ausstellung zur Porträtmalerei des
18. Jahrhunderts im Taurischen Palais in St. Petersburg ein merkliches Wiederaufleben des Interesses
an Porträts und der überkommenen russischen Kunst im Allgemeinen.
Internationale Ausstellungen, wie sie 1908 und 1909 die Zeitschrift Das Goldene Vlies
organisierte, ermöglichten es russischen Künstlern im Verbund mit Auslandsreisen und
Russlandbesuchen ausländischer Künstler, sich mit Bewegungen wie dem Impressionismus, dem
Symbolismus, dem Futurismus und dem Kubismus vertraut zu machen. Es ist außerordentlich
faszinierend zu sehen, wie so unterschiedliche Künstler wie Grabar, Wrubel, Chagall oder Larionow
und Gontscharowa diese Einflüsse aufnahmen und nutzten, um ihr eigenes Werk zu schaffen – wobei
sie häufig russische Elemente einfließen ließen.9. Nikolai Sujetin, Entwurf für
die Ausmalung einer Wand. Witebsk. 1920.
Tusche auf Papier, 20.3 x 18.2 cm.10. Nikolai Gay, Quid est veritas? Jesus und Pilatus, 1890.
Öl auf Leinwand, 233 x 171 cm, Tretjakow-Galerie, Moskau.


Religiöse Malerei


Vom 18. Jahrhundert bis zu den 1860er Jahren

Brüllow und eine Anzahl weiterer Künstler, darunter auch Bruni, wurden 1843 beauftragt, das Innere
der Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg auszuschmücken. Brüllow, russischer Künstler aus
französischer Abstammung (seine Familie war als Konsequenz der Aufhebung des Edikts von Nantes
im Jahr 1685 durch Ludwig XIV. aus Frankreich geflohen), hob die russische Malerei auf
europäisches Niveau. Er hat in den pompösen Klassizismus romantische Wärme gebracht und so die
Schönheit des Menschen auf lebendige und geistreiche Weise verkörpert. Er lebte bis 1835 in Italien
und malte Bilder mit verschiedenen Themen und Stilarten. Bibel und Antike dienten ihm zuerst als
Bildgegenstand. Dann wurden ihm die wichtigsten Wandgemälde der St. Isaaks-Kathedrale anvertraut;
an der Kuppel sind die Figuren der vier Evangelisten, der zwölf Apostel, sowie vier große
Kompositionen aus dem Neuen Testament gemalt. Seine Darstellung der hl. Jungfrau, von Heiligen
und Engeln umgeben, füllt das Innere des beeindruckenden mittleren Gewölbes (Deckengemälde
größer als 800 m², von vergoldetem Stuck und weißem Marmor umgeben). Die Skizzen dieser
Kompositionen, sowie naturgetreue Entwürfe sind bis heute konserviert.
Die Feuchtigkeit, die Kälte und der Steinstaub in der neu errichteten Kathedrale zerrütteten seine
Gesundheit, so dass er sich 1847 gezwungen sah, äußerst widerwillig die Arbeit an den
Wandgemälden einzustellen, mit denen er gehofft hatte, seine künstlerische Laufbahn krönen zu
können.Zwei weitere Maler herausragender geschichtlicher und religiöser Werke waren Anton Lossenko
und Alexander Iwanow, dessen Vater Andrej Iwanow der schon erwähnte Professor für
Historienmalerei an der Akademie war. Lossenko, der aus einem kleinen ukrainischen Dorf stammte,
hatte sehr früh beide Eltern verloren. Nach einigen Gesangskursen wurde er auf Grund seiner
bemerkenswerten Stimme nach St. Petersburg geschickt. Im Alter von 16 Jahren wurde er der Obhut
Argunows (zu dieser Zeit schon einer der führenden Porträtmaler) anvertraut und studierte
anschließend an der Akademie, an der er später Professor für Historienmalerei wurde. Lossenkos
künstlerische Ausbildung fand in Paris und Rom ihren Abschluss und mehrere seiner religiösen
Werke – wie etwa Der wunderbare Fischzug und Das Opfer Abrahams – zeigen den Einfluss der
italienischen Renaissance-Malerei. Interessanterweise waren seine Bilder Kain (1768) und Abel
(1769) als Übungen in der Darstellung lebender Personen gedacht und erhielten erst mehrere
Jahrzehnte nach seinem Tod ihre biblischen Namen.
Alexander Iwanow, ein Zeitgenosse Brüllows, war unbestritten der einflussreichste religiöse Maler
seiner Zeit. Nachdem er sich mit Bildern wie Apollo, Hyazinth und Kyparissos beim Musizieren und
Christus erscheint Maria Magdalena nach seiner Auferstehung (1836) etabliert hatte, widmete er
sich in Christus erscheint dem Volk einer riesigen Leinwand, die für die nächsten 20 Jahre, von 1837
bis zum Jahr vor seinem Tode, einen Großteil seiner Energie beanspruchen sollte. Trotz all dieser
mühseligen Jahre war Iwanow jedoch niemals zufrieden mit diesem Bild, und er betrachtete es nie als
vollendet. Tatsächlich aber sind die Bemühungen des Malers deutlich sichtbar, und vielen von
Iwanows vorbereitenden Studien – Landschaften, Naturstudien, Akten und Porträts, darunter ein Kopf
von Johannes dem Täufer, der schon für sich genommen ein Meisterwerk ist – ist eine Vitalität eigen,
die man in dem Gemälde selbst vermisst. Während des letzten Jahrzehnts seines Lebens schuf Iwanow
mehr als 250 biblische Skizzen, von denen sich zahlreiche durch ihre klaren Farben und ihre
spirituelle Intensität auszeichnen. Sein großer Ehrgeiz bestand darin, diese Aquarellstudien in
Wandgemälde für einen Tempel umzusetzen, das alle Formen menschlicher Spiritualität erfassen
sollte. Dieses sowohl von der Mythologie wie auch christlichen Ideen genährte Projekt nahm in seiner
Vorstellung einen so großen Raum ein, dass er sich immer wieder mit neuen Entschuldigungen der
Arbeit am Inneren der Isaaks-Kathedrale entzog, um sich auf die Konzeption dieses perfekten
Tempels konzentrieren zu können.11. Nikolai Gay,
Der Kalvarienberg (Unvollendet), 1893.
Öl auf Leinwand, 22,4 x 191,8 cm,
Tretjakow-Galerie, Moskau.12. Iwan Kramskoj, Christus in der Wüste, 1872.
Öl auf Leinwand, 180 x 120 cm, Tretjakow-Galerie, Moskau.


Von den 1860er bis zu den 1890er Jahren

Die religiöse Malerei der Wanderer war durch eine künstlerische und psychologische Intensität
gekennzeichnet, der man seit den Tagen Alexander Iwanows im 19. Jahrhundert nicht mehr begegnet
war.
Im Jahre 1863, dem Jahr, als die vierzehn Künstler gegen den Konservatismus der Akademie
rebellierten, wurde Nikolai Gays ausdrucksstarkes Gemälde Das Abendmahl in St. Petersburg
ausgestellt und entfachte eine leidenschaftliche Kontroverse. Dostojewski gehörte zu jenen, die von
dem Realismus und der Theatralik des Bildes verstört waren – von der geistergleichen Silhouette des
Judas, den unheimlichen Schatten und der drohenden Atmosphäre, als die anderen Apostel zusehen
müssen, wie er sie verlässt. Viele Künstler vor ihm (die wichtigsten darunter Leonardo da Vinci,
Tintoretto) versuchten sich an der Darstellung dieser biblischen Episode. Doch von seinem Bild, das
überaus ausdrucksvolle Figuren inszeniert, wurden die Betrachter zutiefst berührt. Obwohl Gay die
klassischen Regeln beiseite ließ, erzielte er so großen Erfolg (Kaiser Alexander II. kaufte sogar das
Bild), dass ihm der Professortitel erteilt wurde. Später versicherte er, dass er bei der Arbeit an diesem
Bild “den modernen Sinn der Heiligen Schrift erkannte ... Denn das war keine Legende, sondern ein
reales, lebendiges und ewiges Drama”. Gays spätere Bilder, die er als einen Versuch bezeichnete, “...
ein Evangelium aus Farben” zu erschaffen, schockierten nicht minder. In mehreren von ihnen wird
Christus als gewöhnlicher, leidender Mensch gezeigt, der eher einem politischen Gefangenen als dem
Sohn Gottes ähnelt – ein derart schockierender Gedanke, dass das Bild Quid est veritas? (Was ist die
Wahrheit?) 1860 aus einer Ausstellung genommen werden musste, weil es als gotteslästerlich
empfunden wurde. Nikolai Gay wollte, im Gegensatz zu Kramskoj oder Polenow, die Darstellung
Christi nicht idealisieren, sondern bezweckte das Mitleiden des Betrachters. Das wird im
Kalvarienberg oder in der Kreuzigung deutlich. Er verleiht dem Auferstandenen einen sehr
menschlichen Ausdruck und sagt dazu: “Ich werde ihnen das Gehirn erschüttern mit den Leiden
Christi. Zum Leiden zwinge ich sie, ohne sie zu bemitleiden. Sie werden lange ihre belanglosen
Interessen nach der Ausstellung vergessen.” Dank technischer und bildnerischer Mittel, wie Licht- und
Schattenkontraste, oder nervöser Linienführung, erzielt Gay mit Virtuosität expressive und
realistische Werke.13. Nikolai Gay, Das Abendmahl, 1863.
Öl auf Leinwand, 283 x 382 cm,
Russisches Museum, St. Petersburg.14. Alexander Iwanow,
Christus erscheint dem Volk, 1837-1857.
Öl auf Leinwand, 540 x 750 cm,
Tretjakow-Galerie, Moskau.15. Iwan Kramskoj, Die Verspottung Christi
(“Sei gegrüßt, König der Juden”), 1877-1882.
Öl auf Leinwand, 375 x 501 cm,
Russisches Museum, St. Petersburg.16. Ilja Repin, Nikolaus von Myra rettet
drei Unschuldige vor der Hinrichtung, 1888.
Öl auf Leinwand, 215 x 196 cm,
Russisches Museum, St. Petersburg.


Nikolai Gay wurde in einer Adelsfamilie französischer Abstammung geboren. Sein Großvater
wanderte Ende des 18. Jahrhunderts, während der Französischen Revolution, aus Frankreich aus. Die
Eltern des Malers starben, als er noch ein Kind war. Er wurde von seiner Amme aufgezogen, die ihm,
wie man später erzählte, das Mitleid gegenüber den Armen beibrachte. Sein ganzes Leben lang
bewegte ihn das Elend der Armen. Nach einem Studium von Physik und Mathematik trat er in die
Akademie der Künste von St. Petersburg ein. Dort nahm er an Kursen der Historien-und
Porträtmalerei teil. Nach der Auffassung von Gay wurde er mehr von Karl Brüllow beeinflusst, was
man mit seinen Gemälden Leila et khadji-Abrek (1852), Das Urteil des Königs Salomon (1854) und
Achill weint über den Tod des Patroklos (1855) nachvollziehen kann. All diese Werke, obwohl sehr
romantisiert, erfüllen die klassischen Ansprüche der Akademie. Dank des Gemäldes Die Hexe von
Endor ruft den Geist des Propheten Samuel erhielt er nicht nur eine Goldmedaille, sondern wurde
1857 auch Mitglied der Akademie. Er war sechs Jahre auf Reisen. Während dieser Jahre entdeckte er
Deutschland, die Schweiz, 1860 Frankreich, und ließ sich endlich in Italien nieder. Sein Interesse für
Historien-und Porträtmalerei wuchs. 1863 kehrte er mit seinem Bild Das Abendmahl (1863) nach St.
Petersburg zurück. Im darauffolgenden Jahr verließ Nikolai Gay die Akademie, kündigte seinen
Lehrauftrag und verbrachte wieder mehrere Jahre in Italien. Er malte das Porträt von Alexander
Herzen (1867), seinem russischen Lieblingsmaler.
Zurück in St. Petersburg wurde er 1870 der Mitbegründer und Leiter der Gesellschaft für
Wanderkunstausstellungen. Sodann wandte er sich der Geschichte Russlands zu. Das Gemälde Peter
der Große befragt seinen Sohn, den Zarewitsch Alexis in Peterhof (1871) erweckte wiederum
allgemeines Interesse. Das Bild erzählt von neuem den historischen Konflikt zwischen Vater und
Sohn. Seinen anderen historischen Themen gegenüber blieb sowohl die Kritik als auch die
Öffentlichkeit kalt. Diese Niederlage erschütterte das Vertrauen in sein Talent, sodass er mit dem
Malen aufhörte und sich 1876 ein Gut kaufte, um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Zu Beginn
der 80er Jahre kam er dank der Bekanntschaft mit Tolstoi zur Malerei zurück. Sie wurden enge
Freunde. Seitdem widmete er sich hauptsächlich biblischen Themen und der Porträtmalerei. Unter den
berühmtesten Porträts befinden sich Bildnisse des Schriftstellers Saltykow-Schehedrim, der Dichter
N. Nekrassow und Leo Tolstoi, sowie von Familienmitgliedern. Das Urteil von Sanhedrim: er ist
schuldig (1892), wurde zur Jahresausstellung der Kunstakademie nicht zugelassen; Der
Kalvarienberg, oder Golgotha (1893) bleibt unvollendet.
Die Kreuzigung (1894) wurde von Alexander III. ausgeschlossen. Der Künstler starb plötzlich im
März 1894.17. Ilja Repin, Auferweckung der Tochter des Jairus, 1871.
Öl auf Leinwand, 213 x 382 cm, Russisches Museum, St. Petersburg.


Kramskojs Christus in der Wüste verursachte ebenfalls eine Sensation, als es 1872 ausgestellt
wurde. Es zeigt Christus in einem Zustand schmerzhafter Unentschlossenheit und
Niedergeschlagenheit, mit Händen, die nicht im Gebet, sondern aus innerer Anspannung gefaltet sind.
Kramskoj fühlte sich von seinem Verlangen, Christus so zu malen wie noch nie zuvor, gleichzeitig
angetrieben und entmutigt, und er sagte, dass er seine Bilder mit “... seinem eigenen Blut und seinen
eigenen Tränen” male. Der Maler erhob des öfteren Zweifel an seiner Darstellungsweise: “Ist das
Christus? Nein, das ist nicht Christus, oder genauer, ich weiß nicht, wer das ist. Das ist eher der
Ausdruck meiner eigenen Gedanken. (...) getrieben von den Ereignissen des Lebens, sah ich das Leben
wie etwas Tragisches. Es wurde mir ziemlich klar, dass im Leben eines jeden Menschen früher oder
später ein Moment kommt, wo er seinen Weg wählen muss: rechts oder links abbiegen, Gott für einen
Rubel verraten oder dem Bösen widerstehen.” Seine Malerei gewann also an Tiefe, da sie die Suche
des Menschen symbolisierte und nicht nur religiöse Darstellung ist. An seinem Bild Verspottung
(“Gegrüßet seist du, König der Juden”) hat er fünf Jahre gearbeitet, bevor er es unvollendet liegen
ließ. “Solange wir über Güte und Ehrlichkeit mit Unbesonnenheit reden, haben wir zu jedermann die
besten Beziehungen; sobald man aber versucht, seine Anschauungen in die Praxis umzusetzen, so
erntet man rund herum Gelächter”, sagte er. Auch in diesem Bild übertrifft seine Malerei eine bloße
Wiedergabe.
Sowohl Repin als auch Wassili Polenow malten Bilder, in denen Jesus die Tochter des Jairus
auferweckt. Beiden gelingt es in bewundernswerter Weise, das Charisma Christi zu vermitteln, aber
Repins Bild ist atmosphärischer. Er erhielt 1870 die große Goldmedaille der Akademie der Künste
für dieses Gemälde. Ergreifend ist hier der Einfluss des Gemäldes von Iwanow Christus erscheint
dem Volk. Nüchtern in den Farben, zurückhaltend in der Bewegung; die religiöse Szene wirkt
feierlich und tiefgründig. Repin wurde 1844 in einer Provinz von Charkow (Ukraine) geboren. Im
Alter von zwölf Jahren trat er ins Atelier von Iwan Bounakow ein und lernte die Ikonenmalerei.
Religiöse Darstellungen haben bei ihm große Bedeutung. Danach studierte er von 1864-1873 an der
Akademie der Künste von St. Petersburg mit Kramskoj. 1872 begann die Galerie Trétjakow seine
Bilder anzukaufen. Mit seiner Frau und der ganzen Familie besuchte er dann Wien und Rom. Er
verbringt zwei Studienjahre in Paris, wo er von den Freilichtmalern stark beeinflusst wird, ohne sich
deshalb zum Impressionismus zu bekennen, der für ihn als Malstil zu weit von der Realität entfernt
ist. Er versuchte, die Rolle der französischen Kunst und Kultur im Hinblick auf die Entwicklung der
zeitgenössischen Kunst zu verstehen. In den Jahren 1874-1875 stellte er im Salon von Paris sowie in
der Gesellschaft für Wanderkunstausstellungen in St. Petersburg aus. Ein Jahr später wurde er zumAkademiemitglied ernannt. Anerkannt als Meister des Realismus bemühte er sich, Leben und Werk
seiner Zeitgenossen darzustellen: Schriftsteller, Künstler, bekannte russische Intellektuelle, Bauern
bei der Arbeit, Gläubige während einer Prozession, Revolutionäre auf den Barrikaden, sowie auch
viele Porträts seiner engsten Bekannten wie Tolstoi und Gay. Er verstand wie kein anderer die Mühen,
Nöte und Freuden des Volkes, sodass Krawskoj nicht umhin kann zu sagen: “Repin besitzt die Gabe,
den Bauern so wiederzugeben, wie er ist. Ich kenne viele Maler, die den moujik darstellen, und sie
machen es gut; aber keiner ist so talentiert wie Repin.” 1886 realisierte er eine Anzahl von Skizzen
biblischen Inhalts. Danach ging er ein Jahr auf Reisen und verließ 1887 die Verwaltung der
Gesellschaft für Wanderkunstausstellungen. 1888 arbeitete er an seinem Bild St. Nikolaus rettet drei
Unschuldige vor der Todesstrafe als Demonstration gegen die Todesstrafe. Er fuhr zur
Weltausstellung nach Paris. 1891 wurde er zum Mitglied der Regierungskommission für die
Ausarbeitung eines neuen Statuts der kaiserlichen Kunstakademie ernannt. Ein Jahr später verließ er
die Gesellschaft für Wanderkunstausstellungen, da er nicht einverstanden war mit den neuen Statuten,
die die Rechte junger Künstler als Gesellschaftsmitglieder beeinträchtigten. 1897 wurde er doch
wieder Mitglied und gleichfalls Rektor an der Kunsthochschule.