35. Der Herzensbrecher - Die zeitlose Romansammlung von Barbara Cartland

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Nach dem Tod ihrer Eltern hat Candida nur noch ihr geliebtes Pferd Pegasus – aber auch finanzielle Verpflichtungen, die seinen Verkauf erfordern. Als Candida auf dem Pferdemarkt in Potters Bar in Major Hooper einen Käufer gefunden zu haben glaubt, bietet dieser ihr an, Pegasus zu begleiten und ihn in seinem Mietstall zu unterstützen. Doch was Candida nicht weiß, ist dass sich hinter dem Mietstall noch einen Nebengeschäft verbirgt, das der ‚schönen Zureiterinnen‘ – und Hooper hat schon den perfekten Kunden für Pegasus und seinen schöne Reiterin gefunden. Barbara Cartland wurde 1901 geboren und stammt mütterlicherseits aus einem alten englischen Adelsgeschlecht. Nach dem Tod des Vaters und Großvaters ernährte ihre Mutter die Familie allein. Sie war zweimal verheiratet und hatte drei Kinder. Ihre Tochter Raine war die Stiefmutter von Prinzessin Diana von Wales. Sie schrieb über 700 Romane, die ein Millionenpublikum ansprechen. Barbara Cartland starb im Jahr 2000.

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Date de parution 14 février 2016
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EAN13 9781782138327
Langue Deutsch

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DER HERZENSBRECHER
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2016
Copyright Cartland Promotions 1985
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
Der Herzensbrecher
„Ruhig, Junge, wir haben es nicht eilig“, sagte Candida und zog an den Zügeln. Aber noch während sie sprach, erkannte sie, daß sie es doch eilig hatte, daß sie das Unvermeidliche nur hinauszögern wollte. Immer wieder sagte sie sic h: ,Das ist das letzte Mal - das letzte Mal, daß ich Pegasus reite, vielleicht überhaupt da s letzte Mal, daß ich auf einem so wunderbaren Pferd sitze.’ Unaufhörlich schienen diese Worte in ihrem Gehirn zu hämmern, und sie glaubte sie aus dem Rhythmus der Pferdehufe herauszuhören, die über die Straße trommelten. ,Das letzte Mal - das letzte Mal - das letzte- mal ...‘ Sie blickte sich in der Landschaft um, durch die sie ritt. Die Hecken zeigten die ersten grünen Frühlingskeime. Die Wiesen sahen frisch und wie neugeboren aus. Die Primeln schauten aus dem Moos hervor, und die Anemonen, weiß und jungfräulich, bildeten ganze Teppiche in den Wäldern. ,Das letzte Mal - das letzte Mal...‘ „Oh Pegasus“, sagte Candida leise, beugte sich vor und klopfte auf den Pferdehals. „Wie kann ich es ertragen, dich gehen zu lassen? Wi e konnte es überhaupt so weit kommen?“ Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, a ber sie schluckte sie hinunter. Was hatte es denn für einen Sinn zu weinen? Es war alles so hoffnungslos. Sie konnte nichts tun, um Pegasus zu retten - oder sich selbst. Sie hätte wissen müssen, daß dies passieren würde, als ihre Mutter vor einem Jahr gestorben war. Nur Candida hatte geahnt, wie mühsam ihre Mutter mit sich gekämpft hatte, um vor ihrem Mann die Schwäche und die Schmerzen zu verbergen, die mit jedem Tag größer geworden waren. Candida hätte auch wissen müssen, daß ihr Vater nic ht lange ohne seine Frau würde leben können - ihr heiterer, liebenswürdiger, aber charakterschwacher Vater. Jede Nacht hatte er im Gasthaus ,The King’s Head‘ gesessen, um sich zu betrinken, um die plötzliche Leere in seinem Haus zu vergessen. „Warum hat sie mich verlassen?“ schrie er, und die Worte schienen von den Wänden widerzuhallen. „Emmeline - Em- meline...“ Ich hätte es wissen müssen, dachte Candida, daß ich ihn nie wiedersehen würde, als er an jenem letzten Abend ausritt. Es war den ganzen Tag kalt und feucht gewesen, und in der Abenddämmerung hatte es zu regnen begonnen. „Bleib heute zu Hause, Papa“, hatte Candida ihn gebeten, als er dem alten Stallknecht Ned die rotbraune Stute Juno zu satteln befahl. „Ich habe eine Verabredung“, antwortete er. Aber er wich ihrem Blick aus, und sie wußte nur zu gut, daß er im ,King’s Head‘ mit einer Flasche Brandy verabredet war. „Sieh doch, Papa, ich habe in der Bibliothek das Ka minfeuer angemacht, und ich glaube, im Keller steht auch noch eine Flasche von deinem Lieblingsrotwein. Dann kannst du vor dem Feuer sitzen und ein Glas trinken.“ „Allein?“ stieß er hervor, und sie hörte den Schmerz, der in seiner Stimme mitklang. „Ich werde mich zu dir setzen“, sagte sie schüchtern. Für einen Augenblick glaubte sie die Mauer des Elends durchbrochen zu haben, die er um sich errichtet hatte. „Sicher würdest du das tun“, erwiderte er. „Und dann würdest du mich hinauf ins Bett tragen. Du bist ein gutes Kind, Candida.“ Er beugte sich zu ihr herab, um sie zu küssen, und sie glaubte schon, sie hätte ihn zum Bleiben überredet. Aber dann schob er sie fast grob von sich. „Ich muß meine Verabredung einhalten.“ Wieder einmal trieb ihn die Verzweiflung über den Verlust seiner Frau aus dem Haus.
Er konnte die Räume und die Gegenstände nicht sehen , die ihn so schmerzlich an sie erinnerten - ihren Lieblingsstuhl mit dem kleinen K issen, das sie bestickt, die Tische, auf denen sie in Vasen Blumen arrangiert hatte. Oder das Nähtischchen, das immer neben ihr gestanden hatte, damit sie sich beschäftigen konnte, wenn er ihr seine Gedichte vorlas. Candida wußte, daß es diese Gedichte waren, derentw egen sich die Familie ihrer Mutter so erbittert gegen die Heirat gestellt hatte. Als Kind hatte sie sich oft gewundert, warum sie so wenige Verwandte besaß, während andere kleine Mädchen Großeltern und Onkel und Tanten und Vettern und Kusinen hatten. Sie waren arm, aber das hatte Candida stets fraglos akzeptiert. Wenn einer der Verleger unerwartet Geld schickte, gab es immer einen Grund zum Feiern. Dann kochte ihre Mutter ein köstliches Essen, spielte Klavier, und ihr Vater sang dazu. „Gladys’ Großvater hat ihr zu Weihnachten ein Pony geschenkt“, hatte Candida einmal ihrer Mutter erzählt. „Warum habe ich keinen Großvater?“ Ihre Mutter hatte ängstlich über die Schulter geblickt. „Still, Liebling, sprich jetzt nicht davon. Es könnte deinen Vater aufregen.“ „Warum?“ fragte Candida. Jahrelang hatte sie immer die gleiche ausweichende Antwort erhalten. Dann hatte sie durch eine zufällige Bemerkung erfahren, daß ihre E ltern miteinander durchgebrannt waren. „Wie aufregend, Mama! Erzähl mir davon - bitte!“ „Ich habe deinem Vater versprochen, daß ich niemals mehr über das Leben sprechen werde, das ich vor der Begegnung mit ihm geführt habe.“ „Du mußt es mir erzählen, Mama. Die anderen Kinder im Dorf reden auch über ihre Verwandten. Und ich komme mir dann immer so dumm vo r, wenn ich nichts erzählen kann. Und es ist doch seltsam, daß ich keine Verwandten habe.“ „Du hast doch Papa und mich. Ist das nicht genug, Liebling?“ „Natürlich.“ Impulsiv schlang Candida die Arme um den Hals ihrer Mutter. „Ich könnte mir keine besseren Eltern als euch beide wünschen. Aber ...“ Sie brach ab, und ihre Mutter beendete lächelnd den Satz. „Aber du bist neugierig.“ „Ja, sicher. Verstehst du das denn nicht?“ Sie war damals zwölf Jahre alt gewesen, und es hatte sie oft in Verlegenheit gebracht, daß die Leute sich über ihre Mutter zu wundern schienen. Denn die Mutter sprach nie von ihren Eltern, erwähnte nie, wo sie gelebt hatte, be vor sie nach Little Berkhamsted gekommen war. Little Berkhamsted war ein Dorf in Hertfordshire. Es hatte knapp hundert Einwohner und bestand nur aus ein paar Häusern, die sich um e ine graue normannische Kirche scharten. Candidas Eltern lebten in einem kleinen e lisabethanischen Haus. Es hatte niedere Decken mit Eichenbalken, kleine Räume und einen winzigen Garten, in dem ihre Mutter nicht nur Blumen, sondern auch Kräuter züchtete. Aus diesen Kräutern braute sie Medizin für die Leute, die es sich nicht leisten konnten, zum Arzt zu gehen. Sie hatte den kleinen Ort geliebt, und als sie beerdigt wurde, wa r ihr Grab mit unzähligen Kränzen und Blumen geschmückt, in Liebe und Dankbarkeit von den Dorfbewohnern gespendet. „Bitte, erzähl es mir doch“, hatte die zwölfjährige Candida immer wieder gebettelt. Schließlich war ihre Mutter aufgestanden und zu ein em der Fenster mit dem Gitterwerk gegangen. „Ich bin hier so glücklich. Ich hatte gehofft, die Vergangenheit wäre vergessen. Aber wahrscheinlich hast du ein Recht, alles zu wissen. Du mußt mir nur versprechen, daß du deinem Vater gegenüber nie erwähnen wirst, was ich dir jetzt erzähle. Ich möchte nicht, daß er sich aufregt.“ „Natürlich verspreche ich es, Mama.“ „Es scheint schon lange her zu sein“, begann ihre Mutter. „Ich hatte so viele Dinge, die
du nie haben wirst - Schmuck, schöne Kleider und za hllose Unterröcke. Die waren viel hübscher als die Krinolinen, die immer noch in Mode sein sollen, wie ich im ,Ladies Journal’ gelesen habe. Ich hatte viele Verehrer, un d meine Eltern gaben einem sehr distinguierten, adeligen Herrn den Vorzug, dessen Name hier ungenannt bleiben soll.“ „Sah er gut aus?“ „Ja, sehr gut sogar. Und man beneidete mich, weil ich seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Aber dann lernte ich deinen Vater kennen.“ „Hast du dich in ihn verliebt, Mama?“ „Unsterblich. Ich kann dir nicht erklären, warum. Sicher, er sah sehr gut aus, aber er hatte weder die Herkunft noch das Auftreten meines anderen Verehrers. Und was meinen Eltern am meisten mißfiel, er hatte kein Geld. Nur eine kleine Erbschaft, die ihm ein Onkel vermacht hatte. Aber wir dachten, dieses Geld würde genügen.“ „Wozu?“ fragte Candida mit großen Augen. „Um zu heiraten und miteinander leben zu können. We il wir einander so sehr brauchten. Dein Großvater war wütend, als er von unserer Liebe erfuhr. Er war ein sehr autokratischer Mann und konnte es nicht vertragen, wenn man seine Pläne durchkreuzte. Er hatte, wie er glaubte, einen passenden Schwieger sohn ausgesucht, und jetzt wollte er sich nicht von einem armen, unbedeutenden Dichter a lles verderben lassen. Mein Vater haßte die Dichtkunst. Er ließ deinen Papa von seinen Dienern aus dem Haus werfen.“ „Oh, der arme Papa! Hat es ihm sehr viel ausgemacht?“ „Allerdings, denn er wurde ziemlich grausam behande lt. Mein Vater drohte ihm sogar, ihn auspeitschen zu lassen, wenn er noch einmal mit mir sprechen würde.“ „Wie schrecklich!“ rief Candida. „Es war wirklich gräßlich. Dein Vater ist sehr empf indsam, und er hat sehr unter dieser sadistischen Behandlung gelitten. Aber wir sahen uns trotzdem wieder. Weil ich zu ihm ging.“ Ihre Stimme klang jetzt triumphierend. „Nach allem, was vorgefallen war, gab es nur mehr einen Weg, beieinander zu bleiben. Wir mußten davonlaufen.“ „Wie tapfer von dir!“ sagte Candida bewundernd. „Ich hatte Angst, mein Vater würde die Heirat verhindern, aber da brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Von dem Augenblick an, da ich von zu Hause weggelaufen war, war ich für ihn gestorben.“ „Wieso weißt du das? Hast du noch einmal mit ihm gesprochen?“ „Nein, Liebes. Aber ein Jahr später, als du auf die Welt gekommen warst, schrieb ich meiner Mutter. Sie hatte mich immer geliebt, das wu ßte ich. Natürlich sagte ich Papa nichts von diesem Brief. Sie antwortete mir nicht, und ich nehme an, mein Vater hatte den Brief vor ihr in die Hände bekommen und meine Handschrift erkannt. Jedenfalls wurde er ungeöffnet zurückgeschickt.“ „Wie grausam!“ rief Candida. „Ich hätte es mir denken können“, erwiderte ihre Mu tter. „Ich hatte gewußt, daß es keinen Weg zurück gab. Die Vergangenheit mußte ausgelöscht und vergessen werden.“ „Hast du jemals bereut, daß du mit Papa davongelaufen bist?“ Ihre Mutter nahm sie in die Arme. „Nein, Liebling, nie. Ich bin so glücklich. Keine Frau könnte einen rücksichtsvolleren, zärtlicheren Ehemann haben als ich. So, jetzt habe ich dir alles erzählt. Vergiß nicht, was du mir versprochen hast! Papa wäre sehr traurig, wenn er erführe, daß ich dich in unser Geheimnis eingeweiht habe.“ „Ich werde bestimmt nichts sagen“, versicherte Cand ida. „Aber du hast mir noch nicht deinen Mädchennamen genannt.“ Zu ihrer Überraschung klang die Stimme ihrer Mutter plötzlich hart. „Mein Name ist Emmeline Walcott. Ich habe keinen anderen. Und sonst brauchst du nichts zu wissen, Candida.“ Damit mußte sich Candida zufriedengeben. Die Geschichte, die ihre Mutter ihr erzählt hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Großva ter mußte ein sehr reicher und auch
bedeutender Mann gewesen sein. Manchmal malte Candida sich aus, er sei ein Herzog oder ein Prinz, und er würde ihrer Mutter plötzlich verzeihen und ihrer Familie ein Leben in Luxus ermöglichen, wie sie es sich nie hatten leisten können. Diese Phantasievorstellung wechselte sich mit einer anderen ab, in der ihr Vater zu plötzlichem Ruhm gelangte. Seine Gedichte waren über Nacht erfolgreich geworden, und er wurde berühmt wie Lord Byron, bewundert und vere hrt. Ihre Mutter konnte wieder schöne Kleider und Juwelen tragen. Für sich selbst wollte Candida nichts. Solange sie Pegasus besaß, den ihr Vater ihr als Fohlen geschenkt hatte, war sie wunschlos glücklich. Das Fohlen war ein Geburtstagsgeschenk gewesen. Ihr Vater hatte es von einem reisenden Pferdehändler gekauft. Das ungelenke Tier mit den langen Beinen hatte sich zu einem kohlschwarzen eleganten Hengst entwickelt. Und jetzt mußte sich Candida von ihm trennen. Sie hatte nichts mehr, was sie noch verkaufen konnt e. Als ihr Vater in jener Regennacht auf dem Rückweg über ein Gatter gespreng t war, hatte er sich das Genick gebrochen. Und Juno hatte den Gnadenschuß bekommen. Erst nach dem Tod ihres Vaters fand Candida heraus, daß das Haus mit Hypotheken belastet war. Sie mußte Möbel verkaufen, um die Glä ubiger bezahlen zu können. Als die Schulden beglichen waren, blieb nichts mehr übrig a ußer ein paar persönlichen Sachen von ihrer Mutter und Pegasus. Sie wehrte sich verzw eifelt dagegen, den Hengst zu verkaufen, aber schließlich sah sie ein, daß es ihr e Pflicht war, dem alten Ned eine Rente auszusetzen. Seit der Heirat ihrer Eltern hatte er als Butler, Koch, Gärtner und sogar als Kindermädchen gedient. Jetzt mit seinen siebzig Jah ren würde er keine neue Stellung mehr finden, und deshalb mußte Candida dafür sorgen , daß er einen gesicherten Lebensabend hatte. Das war nur möglich, wenn sie Pegasus verkaufte. Ned hatte ihr erzählt, daß in Potters Bar ein Pferdemarkt abgehalten wurde. „Wie jedes Jahr, Miss Candida. Die Pferdehändler aus der ganzen Umgebung werden kommen, und sogar ein paar Adelige aus London. In P otters Bar kann man oft einen besseren Preis erzielen als sonst wo in der Gegend.“ Neds Worte drangen schmerzhaft wie Messer in ihr Herz. Aber dann sah sie in seine gütigen alten Augen und erkannte, daß er sich nur ihretwegen sorgte. Sie brauchte ja Geld, um leben zu können, zumindest bis sie eine Stellung fand. Candida hatte schon überlegt, ob sie nicht als Gouv ernante arbeiten könnte. Aber vorerst einmal mußte sie Pegasus verkaufen. Sie konnte unmöglich mit einem Pferd am Zügel auf Stellungssuche gehen, und der alte Ned sollte nicht am Hungertuch nagen. Als sie in Potters Bar ankam und die Pferde sah, die auf den Markt gebracht wurden, als sie den Lärm ringsum hörte, hatte sie das Gefüh l, Pegasus auf die Schlachtbank zu führen. Ein paar Heuwagen bildeten einen Kreis, in dem die Pferde paradierten. Außerhalb des Kreises warteten die Tiere auf ihren Auftritt. Manche Zügel wurden von dunkeläugigen Zigeunern oder von Bauernknechten geh alten. Andere Tiere mit glänzendem Fell und gestriegelten Mähnen und Schwän zen wurden von livrierten Stallburschen geritten. Das Stimmengewirr wurde gelegentlich vom Geschrei d er Marktbesucher übertönt, die bereits im Gasthaus waren, oder von lautem Kinderlachen. Im ersten Augenblick kam sich Candida verloren vor. Am liebsten wäre sie umgekehrt und nach Hause geritten. Aber dann erinnerte sie sich, daß sie ja kein Zuhause me hr hatte. Es war bereits in fremde Hände übergegangen, und morgen mußte sie mit ihren wenigen Habseligkeiten ausziehen. Sie atmete erleichtert auf, als sie Ned am Eingang des Vorführplatzes stehen sah. „Da sind Sie ja, Miss Candida.“ Er kam zu ihr und ü bernahm Pegasus’ Zügel. „Ich habe mich schon gefragt, wo Sie bleiben.“ „Ich brachte es einfach nicht fertig, schneller zu reiten, Ned.“ „Das verstehe ich, Miss Steigen Sie ab. Ich habe sc hon einen Herrn gesehen, der sich für unseren Hengst interessieren könnte. Er hat ber eits zwei oder drei Spitzenpferde gekauft.“
„Nimm du Pegasus“, sagte sie, als sie aus dem Sattel glitt. Sie strich über die weichen Nüstern des Pferdes, und als es ihr den Kopf zuwandte und sanft gegen ihren Nacken stieß, wußte sie, daß sie es nicht länger ertragen konnte. „Führ ihn weg, Ned“, sagte sie mit erstickter Stimm e. „Ich kann es nicht mitansehen, wie er verkauft wird.“ Mit tränenblinden Augen drängte sie sich durch die Menge. Sie wollte nicht hören und sehen, was hier geschah. Sie wußte nur, daß alle, die sie jemals geliebt hatte, nun von ihr gegangen waren. Erst Mutter, dann Vater - und jetzt auch noch Pegasus. Sie waren ihre kleine Welt gewesen. Und jetzt war nichts mehr da, nur Leere und Trauer. Sie wußte nicht, wie lange sie schon auf dem Marktplatz stand, sah und hörte nichts, spürte nur ihre Verzweiflung. Plötzlich stand Ned neben ihr.  „Er will ihn kaufen, Miss Candida. Kommen Sie lieb er mit, und reden Sie mit ihm. Ich habe den Preis auf fünfundsiebzig Guineen hinau fgetrieben, aber vielleicht geht der Herr noch höher, wenn er Sie sieht.“ „Fünfundsiebzig Guineen!“ wiederholte Candida überrascht. „Das ist nicht genug für Pegasus“, sagte Ned. „Ich hatte auf hundert Guineen gehofft. Kommen Sie mit, sprechen Sie mit dem Herrn, Miss Candida.“ „Ja, das will ich tun.“ Candida war plötzlich entschlossen, Pegasus keinesf alls unter seinem Wert zu verkaufen. Er hatte hier auf dem Markt von Potters Bar keine Konkurrenz. Hier gab es kein Pferd, das auch nur halb so schön war wie Pegasus. Sie folgte Ned an den Rand des Vorführplatzes, wo ein Reitknecht stand und Pegasus am Zügel festhielt. Neben ihm stand ein Mann, offenbar der Herr, der sich für den Hengst interessierte. Candida sah ihm sofort an, daß er etwas von Pferden verstand. Mit seinem langen, faltigen Gesicht und der wettergegerbten Haut sah er beinahe selbst wie ein Pferd aus. Die gute Paßform seiner Reithosen und die polierten Stiefel verrieten ihr, daß er ein langjähriger, guter Reiter war. Er konnte zweifellos ein erstklassiges Pferd wie Pegasus richtig einschätzen. „Das ist die Besitzerin von Pegasus, Sir“, hörte sie Ned sagen, und der Herr wandte sich ihr erstaunt zu. „Mein Name ist Major Hooper, Ma’am. Ich würde sehr gern Ihr Pferd kaufen.“ „Wollen Sie Pegasus selbst reiten, Sir?“ fragte sie. Sie merkte ihm an, daß dies nicht die Frage war, die er von ihr erwartet hatte. „Ich besitze einen Mietstall, Ma’am. Ich betreue di e Pferde des Adels und der hübschesten Ladies der Stadt. Ihr Pferd wird es gut bei mir haben, denn meine Stallburschen verstehen ihr Handwerk, Ma’am.“ „Und wird Pegasus auch bei Ihnen bleiben?“ „Ja - wenn man mir nicht eine außergewöhnlich hohe Summe für ihn bietet“, erwiderte Major Hooper. „Dann würde er in irgendeinen herzoglichen Stall wandern. Er ist ein sehr hübsches Pferd, und ich versichere Ihnen, Ma’am, daß er niemals eine Postkutsche oder einen Pflug ziehen wird.“ Pegasus stieß mit den Nüstern an Candidas Wangen, und sie streichelte seinen Hals. Dann sah sie Major Hooper prüfend an.  „Ich glaube Ihnen. Aber Pegasus ist wirklich ein s ehr ungewöhnliches Pferd, in mancher Hinsicht.“ Sie merkte aus seinem skeptische n Lächeln, daß er solche Worte schon von vielen begeisterten Pferdebesitzern gehör t hatte. „Warten Sie, ich werde es Ihnen beweisen“, sagte sie impulsiv. Sie winkte Ned heran, der sie sofort verstanden hat te und ihr in den Sattel half. Candida nahm die Zügel und lenkte Pegasus auf den V orführplatz, etwas abseits von der Menge. Erst versetzte sie den Hengst in gewöhnlichen Trab, dann ließ sie ihn bei jedem Schritt ein Vorderbein heben. Auf ihren Befehl kniete er nieder, erhob sich wieder, drehte