Anatomie Skript Band 1-3
172 pages
German, Middle High (ca.1050-1500)

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Description

Endlich gibt's wirklich schlagkräftige Themenskripte zur Vorbereitung auf das Physikum!

Wiederholen Sie das gesamte GK-Wissen in kleinen Portionen, kaufen Sie nur das, was Sie auch wirklich brauchen! Die neue Physikumsskript-Reihe konzentriert sich ausschließlich auf den Stoff, der vom IMPP geprüft wird. Optimal zusammengefaßt, gut erklärt mit vielen klinischen Beispielen, jedes Thema als extra Heft. Zielgenauer und flexibler geht's nicht!

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Sujets

Informations

Publié par
Date de parution 15 février 2013
Nombre de lectures 0
EAN13 9783437293931
Langue German, Middle High (ca.1050-1500)
Poids de l'ouvrage 2 Mo

Informations légales : prix de location à la page 0,0068€. Cette information est donnée uniquement à titre indicatif conformément à la législation en vigueur.

Exrait

Medizinische Psychologie/Soziologie Skript
zum Physikum
2. Auflage

Mark Buchta
Andreas Sönnichsen
URBAN & FISCHER
Inhaltsverzeichnis
Cover image
Haupttitel
Impressum
Information durch den Verlag
Quellennachweis
Kapitel 1: Entstehung und Verlauf von Krankheit
1.1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit
1.2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle
1.3 Methodische Grundlagen
Kapitel 2: Ärztliches Handeln
2.1 Arzt-Patient-Beziehung
2.2 Untersuchung und Gespräch
2.3 Urteilsbildung und Entscheidung
2.4 Interventionsformen
2.5 Besondere medizinische Situationen
2.6 Patient und Gesundheitssystem
Kapitel 3: Förderung und Erhaltung von Gesundheit
3.1 Prävention
3.2 Maßnahmen
Weiterführende Literatur
Register
Impressum


Zuschriften an:
Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, Hackerbrücke 6, 80335 München
E-Mail: medizinstudium@elsevier .
Wichtiger Hinweis für den Benutzer
Die Erkenntnisse in der Medizin unterliegen laufendem Wandel durch Forschung und klinische Erfahrungen. Herausgeber und Autoren dieses Werkes haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass die in diesem Werk gemachten therapeutischen Angaben (insbesondere hinsichtlich Indikation, Dosierung und unerwünschter Wirkungen) dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Das entbindet den Nutzer dieses Werkes aber nicht von der Verpflichtung, anhand weiterer schriftlicher Informationsquellen zu überprüfen, ob die dort gemachten Angaben von denen in diesem Werk abweichen und seine Verordnung in eigener Verantwortung zu treffen.
Für die Vollständigkeit und Auswahl der aufgeführten Medikamente übernimmt der Verlag keine Gewähr.
Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden in der Regel besonders kenntlich gemacht ( ® ). Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann jedoch nicht automatisch geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de/abrufbar .
Alle Rechte vorbehalten
02. Auflage 2013
© Elsevier GmbH, München Der Urban & Fischer Verlag ist ein Imprint der Elsevier GmbH.
13 14 15 16 17     5 4 3 2 1
Für Copyright in Bezug auf das verwendete Bildmaterial siehe Quellennachweis .
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Um den Textfluss nicht zu stören, wurde bei Patienten und Berufsbezeichnungen die grammatikalisch maskuline Form gewählt. Selbstverständlich sind in diesen Fällen immer Frauen und Männer gemeint.
Planung: Veronika Rojacher, München
Projektmanagement: Stefanie Schröder, München
Redaktion: Lisa Link, Ulm
Herstellung: Antje Arnold, München; Renate Hausdorf, München
Satz: abavo GmbH, Buchloe/Deutschland; TnQ, Chennai/Indien
Druck und Bindung: Stürtz AG, Würzburg
Zeichnungen: Wolfgang Zettlmeier, Barbing; Henriette Rintelen, Velbert
Umschlaggestaltung: Spiesz Design, Neu-Ulm
Titelfotografie: www.colourbox.com
ISBN Print 978-3-437-43032-9
ISBN e-Book 978-3-437-29393-1


Aktuelle Informationen finden Sie im Internet unter www.elsevier.de und www.elsevier.com .
Information durch den Verlag
Das vorliegende Werk ist integraler Bestandteil einer Skripten-Reihe zur Vorbereitung auf das Physikum. Die einzelnen Skripte beziehen sich aufeinander und enthalten entsprechende Querverweise. Sollten Sie nicht alle Skripte besitzen, haben Sie die Möglichkeit durch das Aktivieren des PIN-Codes online alle Kapitel des Werkes Buchta, M.; Sönnichsen, A.: Das Physikum. Kompendium zum 1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung für 3 Monate freizuschalten. Den Code finden Sie auf der Umschlaginnenseite eines jeden Einzelskriptes bzw. im 1. Band jedes Skripten-Pakets (Skripten-Pakete: Anatomie, Biochemie und Physiologie).
Mit den handlichen Skripten dieser Reihe haben Sie die einmalige Möglichkeit, vor dem Examen das GK-Wissen in übersichtlicher und portabler Form in kleinen Portionen zu wiederholen. Lernen Sie nur, was wichtig ist: Prüfungsrelevante Passagen sind zusätzlich farbig markiert.
Quellennachweis
Der Verweis auf die jeweilige Abbildungsquelle befindet sich bei allen Abbildungen im Werk am Ende des Legendentextes in eckigen Klammern. Alle nicht besonders gekennzeichneten Grafiken und Abbildungen © Elsevier GmbH, München. Der Quellennachweis findet sich am Ende des Skripts.
1 Entstehung und Verlauf von Krankheit


„Man kann es mit großer Sicherheit aussprechen, daß die Beziehung dessen, was man begrifflich als ‚Individuum’ und als ‚Gesellschaft’ verarbeitet, so lange nicht erfassbar bleiben wird, als man mit diesen Begriffen eo ipso so hantiert, als ob man es mit zwei getrennt existierenden Körpern zu tun hätte und überdies noch mit zwei normalerweise ruhenden Körpern, die erst sozusagen nachträglich miteinander in Berührung kommen“ ( Norbert Elias, 1897–1990).
Bereits in der Vorklinik sollen Studenten der Medizin Kenntnisse über die Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum erwerben. Diese ermöglichen eine Anamnese, die auch Gesellschaftliches nicht außer Acht lässt und damit individuelle Behandlungspläne ermöglicht. Inhalte der medizinischen Psychologie und Soziologie finden sich in den klinischen Fächern Neurologie, Psychiatrie, Arbeits- und Sozialmedizin, aber auch in der epidemiologischen Public-Health-Forschung, in der ganze Bevölkerungsgruppen untersucht werden.
In der medizinischen Psychologie wird eine Vielzahl von Modellvorstellungen und Konstrukten herangezogen, um menschliches Verhalten und Bewusstsein zu erklären. Pioniere wie Sigmund Freud gaben entscheidende Impulse, das Puzzle um das „Biopsychosoziale“ zusammenzusetzen. Dennoch ist nach wie vor eines der größten ungelösten Probleme von Philosophie und Naturwissenschaft, das Bewusstsein zu erforschen.
Der rasante technische Fortschritt bringt dem Gesundheitssystem jährlich neue Errungenschaften. Allerdings sollte die Arzt-Patient-Beziehung keinesfalls darunter leiden, steht sie doch nach wie vor im Mittelpunkt des Heilungsprozesses.


Merke
Kap. 1 deckt etwa 75% der Fragen des GK 1 zum Thema Medizinische Psychologie/Medizinische Soziologie ab. Die theoretischen Grundlagen in Kap. 1.4 machen ca. 50% der Fragen aus. Die Einteilung der Kapitel entspricht dem GK.


Gesellschaft besteht aus Einzelbeziehungen.


Zusammenfassung
Gesundheit und Krankheit sind ein dynamisches Geschehen, das durch die Wechselwirkung des menschlichen Organismus mit seiner näheren und ferneren Umgebung bedingt ist. Krankheiten können als kurzfristige Störungen der Gesundheit auftreten, sich aber auch zu langfristigen körperlichen Beeinträchtigungen entwickeln.
„De sedibus et causis morborum“ – den Sitz und die Ursache der Krankheiten ausfindig zu machen, versuchte Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) mit Hilfe der Anatomie im Jahre 1761 und wurde somit Wegbereiter für die Medizin der beginnenden Neuzeit.
In den nachfolgenden Kapiteln soll gezeigt werden, dass das heutige Verständnis vom Ursprung der Krankheiten weit mehr bedeutet, als pathologische Veränderungen des menschlichen Organismus morphologisch zu beschreiben. Darüber hinaus soll deutlich werden, dass „der kranke Mensch“ mehr ist als die Summe der zusammengetragenen Teile seiner klinischen Untersuchungsbefunde.

1.1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit


Zusammenfassung
Gesundheit und Krankheit sind Begriffe, die einer Definition bedürfen. Die Medizin versucht, die Beschwerden und Symptome des Kranken (der betroffenen Person ) in ein Wissens- und Handlungssystem einzuordnen. Dabei sind Patient und Arzt sowie die Klassifizierung der Krankheiten den Norm- und Rollenvorstellungen der Gesellschaft unterworfen. Dies ist besonders wichtig, da die Gesellschaft und auch das Auftreten von bestimmten Erkrankungen einem immerwährenden Wandel unterliegt. In entwickelten Industriegesellschaften – und zunehmend in Schwellenländern – erfolgt eine epidemiologische Transition insofern, als Infektionskrankheiten ihre führende Rolle im Morbiditätsspektrum verlieren und an ihre Stelle chronisch degenerative Erkrankungen treten.

1.1.1 Die Medizin als Wissens- und Handlungssystem

Befunderhebung und Diagnose
Zur Befunderhebung und Diagnosestellung bedient sich die moderne Medizin verschiedener Methoden:

•  Die Exploration (lat. explorare: ausforschen, untersuchen) dient der Erhebung der Vorgeschichte durch Befragen des Patienten.
•  Die früheren Krankheiten, an die sich der Patient (subjektiv) noch erinnern kann, charakterisieren bei der Anamnese die Vorgeschichte einer aktuellen Krankheit.
•  Die Katamnese reflektiert kritisch einen Krankheitsfall nach Ablauf der Erkrankung und nach Abschluss der Behandlung (evtl. einschließlich Prognose).
•  Die Sozialanamnese bezieht auch das soziale Umfeld eines Patienten in die Betrachtung der Vorgeschichte ein; somit spielen nicht nur die Vorerkrankungen bei der Befragung eine Rolle.
•  Die weiterentwickelte Gerätemedizin eröffnet neue, nicht-invasive Untersuchungs- und Diagnosemethoden. Dazu zählen bildgebende Verfahren wie MRT (Magnetresonanztomographie), CT (Computertomographie) und PET (Positronenemissionstomographie), aber auch Laboranalysen.

Klassifikationssysteme für somatische und psychische Krankheiten

•  ICD: International Classification of Diseases. Dabei handelt es sich um eine internationale statistische Klassifikation von Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen und damit in Verbindung stehenden Gesundheitsproblemen. Die bereits seit 1893 formulierte „Liste von Ursachen des Todes“ wurde 1948 von der WHO als fünfstelliger Diagnoseschlüssel verifiziert, vom Statistischen Bundesamt Wiesbaden 1968 veröffentlicht und für Deutschland als verbindlich erklärt (zzt. in der 10. Auflage, ICD-10).
•  DSM: Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung. In deutscher Sprache liegt dieses psychiatrische Klassifikationssystem seit 1996 in der 4. Fassung vor (DSM-IV).
Diese Klassifikationssysteme werden regelmäßig revidiert. Es folgt eine Diagnoseklassifikation aus dem Bereich der psychosomatischen Medizin:


Klinik
Die Somatisierungsstörung wird (nach ICD-10) definiert als chronisches, mit gravierenden Gesundheitseinschränkungen verlaufendes Krankheitsbild. Um eine Diagnose stellen zu können, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

•  Mindestens zwei Jahre anhaltende multiple körperliche Symptome in unterschiedlichen Organbereichen, für die keine ausreichende somatische Erklärung gefunden wurde.
•  Hartnäckige Weigerung, den Rat oder die Versicherung mehrerer Ärzte anzunehmen, dass für die Symptome keine körperliche Erklärung zu finden ist.
•  Eine gewisse Beeinträchtigung familiärer und sozialer Funktionen durch die Art der Symptome und durch das daraus resultierende Verhalten.
•  Zur Diagnosestellung müssen mindestens sechs Symptome aus einer Liste (s.u.) von insgesamt 14 verschiedenen Symptomen vorliegen, die mindestens zwei unterschiedlichen Symptomgruppen zugehören:
–  Kopfschmerzen
–  Ermüdung, Erschöpfung
–  Muskel-, Skelettschmerzen
–  Atembeschwerden
–  Herzschmerzen
–  Palpitationen (Herzklopfen, -rasen)
–  starkes Schwitzen
–  Schluckstörungen, Globusgefühl
–  Oberbauchbeschwerden
–  Unterbauchbeschwerden
–  Appetit-, Essstörungen
–  Übelkeit, Erbrechen
–  Schwindel, Ohnmacht
–  Alibidinie (chronisches Fehlen sexuellen Interesses).
In den ICD-10-Forschungskriterien gibt es noch weitere signifikante Punkte für eine Somatisierungsstörung:

•  gastrointestinale Beschwerden: Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Reflux
•  kardiovaskuläre Beschwerden: Brustschmerzen, Atemlosigkeit ohne jegliche Anstrengung
•  urogenitale Beschwerden: Dysurie, unangenehmes Empfinden im Genitalbereich
•  Haut- und Schmerzsymptome: Schmerzen in den Gliedern und Gelenken, unangenehme Taubheit oder Kribbelgefühle.

Konvergenz und Divergenz von subjektivem Empfinden und medizinischem Befund
Das Verhältnis von subjektivem Befinden und medizinischem Befund erscheint nicht immer kongruent. So kommt es, dass scheinbar gesunde Menschen über klinisch nicht verifizierbare Beschwerden klagen („kranke Gesunde“/„gesunde Kranke“). Im umgekehrten Fall ist der indolente Patient durch Schmerzlosigkeit bzw. Gleichgültigkeit gegenüber den Krankheitssymptomen gekennzeichnet ( Indolenz ). Von Dissimulation hingegen spricht man, wenn körperliche oder psychische Krankheitssymptome absichtlich vom Patienten verschwiegen und verborgen werden, um als „gesund“ zu gelten. Cave! Depressive Patienten neigen zu einem dissimulierenden Verhalten, wobei eine bestehende Suizidgefahr leicht unentdeckt bleiben kann.

1.1.2 Begriffserklärungen
Häufig werden die Begriffe Gesundheit und Krankheit als einzig mögliche Zustandsform angesehen, sozusagen als gegensätzliche Pole (entweder das eine oder das andere). Dies bezeichnet man auch als dichotomes Verständnis. Allerdings wurden Gesundheit und Krankheit bereits in der antiken Medizin als ein dynamisches Geschehen angesehen, das durch die Wechselwirkung des menschlichen Organismus mit seiner näheren und ferneren Umgebung bedingt ist. Nach dieser Ansicht spielt sich das Krankheitsgeschehen auf einer kontinuierlichen Skala ab ( Gesundheits-Krankheits-Kontinuum ), deren einer äußerster Punkt die Gesundheit ist, während auf der anderen Seite die akute Erkrankung mit ihren manifesten Symptomen steht. Hippokrates (460–370 v. Chr.) drückte diesen Sachverhalt bezeichnend aus, indem er sagte: „Krankheiten befallen uns nicht aus heiterem Himmel, wenn man von Unfällen absieht, sondern entwickeln sich aus täglichen kleinen Sünden gegen die Natur. Wenn diese sich gehäuft haben, brechen sie (scheinbar) auf einmal hervor.“
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schreibt S. Hahnemann in seinem „Organon der rationellen Heilkunde“ (1810): „Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige […] Lebenskraft (Autocratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, sodass unser innewohnender, vernünftiger Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeuges frei zu dem höheren Zwecke unseres Daseins bedienen kann. „In dieser Definition ist noch immer eine starke Reflexion der Kant-schen Aufklärung zu erkennen: „Aude sapere!“ (Wage, zu wissen!) ist nicht mehr nur ein philosophischer Idealanspruch, sondern wird durch neue Betrachtungsweisen und Erkenntnisse zu einem naturwissenschaftlich-medizinischen Postulat.
Die WHO (World Health Organization) definierte 1948 Gesundheit als Zustand vollkommenen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, der nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen bezeichnet:


Merke
Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease and infirmity.
Gesundheit ist nach der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen ein Grundrecht. Gesundheit zu bewahren und die Voraussetzung dafür zu schaffen ist Zweck des staatlich regulierten Gesundheitssystems. Die Qualität eines solchen Systems misst sich demzufolge daran, dieses Recht für die Bürger eines Staates zu realisieren, was dem antiken Ausdruck „Mens sana in corpore sano“ eine völlig neue Dimension verleiht. Im antiken Rom galt es als Aufgabe des Gemeinwesens, für die geistige und körperliche Gesundheit aller zu sorgen.
Der Staat wird oftmals ausgegrenzt (z. B. bezüglich der Familie), wo Ärzte Einblick haben. Obwohl der Zusammenhang zwischen Gewalt in der Gesellschaft und häuslicher Gewalt nachvollziehbar ist und auch wissenschaftlich belegt wird, ist es für den Staat nach wie vor schwierig, auf makrosozialer Ebene (Politik und Exekutive) und auf mikrosozialer Ebene (Arzt) zu intervenieren. Nicht nur die Rechtsmedizin setzt sich mit den unmittelbaren Folgen von körperlicher Gewalt auseinander; in vielen Bereichen der Medizin kann Gewaltprävention zur Unterstützung der psychischen und damit auch körperlichen Gesundheit beitragen.
Krankheit gilt als subjektives und/oder objektives Vorhandensein körperlicher, geistiger oder seelischer Störungen.
Im Arbeitsrecht und in der Sozialversicherung ist der regelwidrige Verlauf leiblicher, seelischer oder geistiger Lebensvorgänge, der Krankenpflege notwendig macht und Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben kann, mit dem Begriff der Krankheit definiert.

•  Die Ätiologie beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Krankheitsursache selbst, d.h. mit den innerlichen/endogenen (Anlage, Disposition, Diathese etc.) und äußerlichen/exogenen (Verletzungen, Strahlung, Mikroorganismen etc.) Faktoren, die eine Krankheit bedingen.
•  Im Unterschied zur Ätiologie (Ursache) beschäftigt sich die Pathogenese mit der Entstehung und Entwicklung eines krankhaften Geschehens.
•  Der Umstand, der eine besondere Gesundheitsgefährdung begründet, wird als Risikofaktor (z. B. Bewegungsarmut, Hypertonie, Übergewicht, Stress etc.) bezeichnet. Aus Eigen-, Familienanamnesen, Mortalitäts- und Morbiditätsstatistiken kann man diesen ersehen.
•  Protektive Faktoren wirken diesem Umstand „schützend“ entgegen.
•  Verändert sich eine Krankheit vom Akutzustand (lat. acutus: plötzlich eintretend, heftig, meist von kurzer Dauer) zu einer chronischen Erkrankung (lat. chronicus: sich langsam entwickelnd, schleichend, von langer Dauer), spricht man von einer Chronifizierung der Krankheit.
•  Unter dem Begriff Resilienz versteht man die Rückkehr zur ursprünglichen Zustandsform – die „Widerstandskraft“, mit der Krankheit und Krisen überwunden werden.
•  Wenn eine Krankheit nach völliger Abheilung wiederauftritt, nennt man dies Rezidiv (z. B. ein Tumorrezidiv nach zunächst scheinbar erfolgreicher Operation oder Strahlentherapie).
•  Nach überstandener Krankheit ist die Rehabilitation eine Maßnahme zur Wiedereingliederung sozial, geistig(-seelisch) oder körperlich benachteiligter Personen in das Privat- und Berufsleben.

1.1.3 Die betroffene Person – individuelle Unterschiede in der Wahrnehmung von Gesundheit und Krankheit
Wohlbefinden und Handlungsvermögen werden von Person zu Person unterschiedlich, d. h. subjektiv definiert. Erst wenn die betroffene Person Symptome einer Krankheit wahrnimmt, die das Wohlbefinden beeinträchtigen, klagt sie über Beschwerden. Obwohl die Körperwahrnehmung physiologisch über Nozizeption (Meldung von Gewebeschädigung durch periphere Rezeptoren an den Kortex), Viszerozeption (Informationsaufnahme durch Organrezeptoren), Propriozeption (Eigenempfindung des Körpers) und Interozeption beschrieben ist, ist auch hierbei das subjektive Empfinden der einzelnen Personen sehr unterschiedlich. Es variiert – genau wie bei der Symptom-und Schmerzwahrnehmung – nicht nur geschlechtsspezifisch, sondern auch interkulturell bzw. zwischen ethnischen Gruppierungen. Darüber hinaus wird dem Schmerz jedoch nicht nur eine einfache sensorische Nachrichtenvermittlung zugesprochen, die auf beschädigtes oder verletztes Gewebe hinweist; vielmehr gilt er in psychophysiologischen Untersuchungen als einer der bedeutendsten Stressoren.


Merke
Drei Systeme charakterisieren das Schmerzerleben:

•  sensorisch-diskriminatives System: Sensible Informationen wie Schmerzlokalisation, -intensität und -qualität werden ausgewertet.
•  affektiv-motivationales System: Hier findet eine Bewertung des Schmerzerlebnisses statt, die die Grundlage für das Schmerzverhalten des Organismus bildet.
•  kognitiv-evaluatives System: Anschließend wird der aktuell erlebte Schmerz mit einer Art „Schmerzgedächtnis“ mit zuvor erlebten Schmerzen verglichen und liefert ein Bild der Schmerzbedeutung.
Das Konzept der Selbstaufgabe (engl. giving up) als spezifische Bedingung für Entwicklung und Verlauf von Erkrankungen, das G. L. Engel und A. H. Schmale beschrieben, lehnt sich an die Beobachtungen von M. E. P. Seligman („erlernte Hilflosigkeit“) an und bezieht sich auf Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Hilflosigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Patient andere für seine Lage verantwortlich macht. Im Gegensatz hierzu wird Hoffnungslosigkeit durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

•  Der Patient erlebt sich selbst als nicht mehr intakte Persönlichkeit und verliert das Selbstvertrauen.
•  Die Beziehungen zu Personen seiner Umgebung werden als unbefriedigend angesehen.
•  Der Patient verliert das Vertrauen in die Zukunft.
•  Positive Erfahrungen aus der Vergangenheit verlieren ihren Wert.
•  Negative Erfahrungen aus der Vergangenheit treten wieder hervor.
Von Hypochondrie spricht man, wenn der Zustand des Besorgtseins um die Gesundheit besonders stark ausgeprägt ist. Die betroffene Person ist davon überzeugt, körperliche und/oder geistige Vorgänge zu beobachten, die Anzeichen möglicher Krankheit darstellen. Bei Untersuchungen können diese jedoch nicht verifiziert werden. Das griechische Wort „hypo-chondrion“ bedeutet „das unter dem Brustknorpel Liegende“; gemeint sind die Organe des Unterleibs, die nach antiker Auffassung Sitz und Ursache von Gemütserkrankungen waren.
Liegt eine seelische Störung im Sinne einer gedrückten, pessimistischen Stimmungslage vor, wird dieser Zustand als Depression bezeichnet. Der Begriff der Anhedonie wurde bereits 1897 von Théodule Ribot geprägt und bezeichnet eine Affektstörung, die durch den „Verlust des Gefühls“ charakterisiert ist. Ribot verstand darunter nicht nur den „Verlust von Freude“, sondern auch den „Verlust aller emotionaler Antwort“. Die Anhedonie ist ein charakteristisches Symptom der Depression. Bei der Schizophrenie kommt es zu einem völligen Auseinanderfallen der inneren seelischen Zusammenhänge von Wollen, Fühlen und Denken und zur Entfremdung des eigenen Ichs. Depression und Schizophrenie zählen zu den sog. endogenen Psychosen, d.h. anlagebedingten psychischen Erkrankungen. Sie können größtenteils erfolgreich mit Psychopharmaka behandelt werden, die spezifisch in Neurotransmittersysteme eingreifen.


Klinik

•  Die Chapman-Skalen sind die gebräuchlichsten Skalen zur Erfassung sowohl der physischen, d.h. körpereigenen Empfindungen (PAS: Physical Anhedonic Scale) als auch des sozialen Bereichs (SAS: Social Anhedonic Scale). Letztere deckt die zwischenmenschlichen Beziehungen und die soziale Aktivität ab. Ursprünglich wurden die Skalen für Untersuchungen der Schizophrenie von L. J. & J. P. Chapman und M. L. Raulin 1976 entwickelt.
•  Der SF-36, 1998 von M. Bullinger und I. Kirchberger entwickelt, ist ein krankheitsübergreifendes Messinstrument zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Patienten. Der SF-36 erfasst acht Dimensionen, die sich konzeptuell in die Bereiche „körperliche Gesundheit“ und „psychische Gesundheit“ einordnen lassen:
–  körperliche Funktionsfähigkeit
–  körperliche Rollenfunktion
–  körperliche Schmerzen
–  allgemeine Gesundheitswahrnehmung
–  Vitalität
–  soziale Funktionsfähigkeit
–  emotionale Rollenfunktion
–  psychisches Wohlbefinden.
Dieser Test findet im klinischen Bereich Einsatz und kann ab einem Patientenalter von 14 Jahren durchgeführt werden. Der dafür notwendige Zeitaufwand beträgt etwa 10 Minuten für den Gesamtfragebogen. Der SF-12 bildet eine ökonomischere Kurzform, für die ca. 2 Minuten aufgewendet werden müssen.

1.1.4 Die Gesellschaft und ihre Normen
Soziale Normen sind die durch eine Gruppe oder die Gesellschaft als Ganzes festgesetzten Verhaltensvorschriften, die den Umgang miteinander regeln sollen und ein Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe darstellen. Darüber hinaus sollen Normen eine gewisse Verhaltenserwartung und -regelmäßigkeit steuern und zu Verhaltenskonvergenz (ähnlichem oder übereinstimmendem Verhalten) führen. Hierzu dienen nicht nur die formellen Gesetze eines Staates, sondern auch die ungeschriebenen Gesetze wie z. B. Verhaltensempfehlungen bezüglich sexuellen Verhaltens, die während der Sozialisation übernommen werden. Je wichtiger Normen für das Überleben einer Gesellschaft oder einer Teilgruppe innerhalb der Gesellschaft sind, desto mehr strengt man sich an, ihre Geltung durchzusetzen.
Die Einhaltung der festgesetzten Normen wird über positive und negative Sanktionen erreicht – durch Belohnung und Bestrafung (soziale Kontrolle).
Man unterscheidet darüber hinaus zwischen äußeren Sanktionen, die von außen, beispielsweise der Gesellschaft, kommen, und inneren Sanktionen (Selbstbestrafung). Letztere orientieren sich an Verhaltensvorstellungen, die während der Sozialisation erlernt und internalisiert worden sind.

Primäre und sekundäre Devianz
Deviantes Verhalten bezeichnet ein von der Norm abweichendes Verhalten. Hierbei wird zwischen primärer und sekundärer Devianz unterschieden:

•  Primäre Devianz stellt das eigentliche, von der sozialen Norm abweichende Verhalten dar, beispielsweise Stehlen oder Meineid.
•  Sekundäre Devianz bezeichnet abweichendes Verhalten, das infolge eines eskalierenden Prozesses entsteht. Das abweichende Verhalten ist somit als Reaktion auf gesellschaftliche Zwänge anzusehen. Ein Mensch, dem Fehlverhalten nachgesagt wird, fühlt sich möglicherweise in die Ecke gedrängt und könnte unbewusst dieses Verhalten akzeptieren und übernehmen.

Soziale Rollen
Jeder Mensch vereint mehrere Rollen in sich, die er tagtäglich mehr oder weniger zu erfüllen hat. Die Rollen definieren sich über bestimmte Verhaltenserwartungen einer Gruppe oder der Gesellschaft gegenüber den Rolleninhabern.
Eine soziale Rolle bezieht sich auf eine Person in einer bestimmten sozialen Position, an einem Platz in der Gesellschaft. Soziale Rollen tragen zur Entwicklung der soziokulturellen Persönlichkeit bei und geben Orientierungssicherheit, indem sie das individuelle Verhalten steuern:

•  formelle Rolle: Formelle Rollen definieren sich, ähnlich wie formelle Gruppen, über festgelegte Strukturen. Beispiele hierfür sind die Rolle des Parteivorsitzenden oder des Arztes.
•  informelle Rolle: Sie ist durch Verhaltensvorstellungen oder Erwartungen einer Bezugsgruppe festgelegt. Die Rolle des „Klassenclowns“ oder „Sündenbocks“ sind Beispiele hierfür.
•  Rollendifferenzierung: Sie bezieht sich auf die unterschiedlichen Rollen in einer informellen Gruppe, die aufgrund gruppendynamischer Prozesse entstehen. Ein Gruppenführer, ein Versager, ein Beliebtester (Star) und viele andere Rollen bilden sich heraus. Das Divergenztheorem der Gruppendynamik besagt in diesem Zusammenhang, dass die Rolle des Tüchtigsten und des Beliebtesten nicht auf ein und dieselbe Person fallen.
•  Rollenidentifikation: Übernimmt ein Rolleninhaber die Ansichten der Bezugsgruppe bezüglich seiner Rolle und verinnerlicht er diese, so nennt man dies Rollenidentifikation.
•  Rollenkonformität: Wenn eine Person sich so verhält, wie es von ihr erwartet wird, liegt Rollenkonformität vor.
•  Rollendistanz: Füllt eine Person erwartungsgemäß ihre Rolle aus, kritisiert aber gleichzeitig bestimmte Aspekte dieser Erwartungen, distanziert sie sich von den Verhaltenserwartungen der Gruppe oder Gesellschaft.
•  Rollensektor: Dies ist der Bereich, in dem die Rollenerwartungen gestellt werden, beispielsweise das Krankenhaus für die Arztrolle.
•  Rollensegment: Eine Rolle setzt sich aus mehreren Teilaspekten (Segmenten) zusammen, da verschiedene Bezugsgruppen unterschiedliche Erwartungen an den Rolleninhaber richten können.
•  Rollensequenz: Die Abfolge, in der verschiedene Rollen eingenommen werden, nennt man Rollensequenz. So ist ein Mensch beispielsweise morgens Vater und Ehemann, dann Verkehrsteilnehmer, später Arzt.
•  Rollenschöpfung: Neuentstehung bestimmter Rollen in Gruppen.

Bezugsgruppe und Arten von Rollenkonflikten
Eine Bezugsgruppe ist eine für die Person wichtige und ihr nahestehende Gruppe, an der sie ihr eigenes Verhalten und Denken orientieren kann. Hier sind starke gegenseitige emotionale Beziehungen erkennbar, wie beispielsweise in einer Clique.
Durch unterschiedliche Erwartungen an eine Person kann es zu Konflikten innerhalb einer oder zwischen mehreren ihrer Rollen kommen:

•  Intrarollenkonflikt: Innerhalb einer einzigen Rolle kann es zu Konfliktsituationen kommen, wenn unvereinbare Rollenerwartungen der Bezugsgruppen auf den Inhaber der Rolle treffen.


Beispiel
Der Arzt ist einerseits verpflichtet, seine Patienten am Leben zu erhalten; andererseits will er dem sterbenden Menschen ein würdiges Lebensende ermöglichen.
•  Interrollenkonflikt: Zwischen zwei Rollen einer Person kann es zu einem Konflikt kommen, falls unvereinbare Interessen vorhanden sind.


Beispiel
Ein Arzt muss häufig bis spät abends in der Klinik arbeiten (Arztrolle), möchte jedoch auch seine Kinder daheim sehen und Zeit mit ihnen verbringen (Vaterrolle).


Merke
Besonders in der Medizinischen Psychologie und Soziologie werden viele Definitionen abgefragt. Flüchtigkeitsfehler beim Beantworten der IMPP-Fragen entstehen, wenn man Fragen zu schnell überfliegt. Deshalb sollte man immer genau hinsehen, ob von Interrollenkonflikten oder von Intrarollenkonflikten die Rede ist.
Erkrankungen wie die Bulimie und andere Psychosomatosen entstehen u. a. durch vermeintliche gesellschaftliche Erwartungen an die Rolle des Einzelnen (aufgedrängt z. B. durch die Werbung oder das Schönheitsideal von Models): „Jeder soll schlank und schön sein.“ Personen, die diesen Normen nicht entsprechen und in ihrer Persönlichkeit noch nicht gefestigt sind, versuchen durch Gegenreaktionen dieser Rolle vermeintlich gerecht zu werden.

Rechtliche Regelungen des Gesundheits- und Sozialsystems
Innerhalb einer Gesellschaft wird das Gesundheits- und Sozialsystem durch verschiedene gesetzliche Bestimmungen geregelt. Diese helfen den Menschen, sich in Gesundheit und Krankheit an bestimmte Institutionen (z. B. Arzt, Krankenhaus, Sozial- und Arbeitsamt) wenden und entsprechend Hilfe bekommen zu können. Je nach Gesellschaftsform (Staat bzw. Kultur) sind diese rechtlichen Regelungen eher sozialstaatlich (z. B. in den skandinavischen Ländern) oder an der freien Marktwirtschaft orientiert (typisches Beispiel hierfür ist die USA), abhängig vom finanziellen Eigenanteil der Mitglieder einer Gesellschaft. So ist in Skandinavien ein Arztbesuch kostenlos, in den USA muss man bar bezahlen. Das Gesundheits- und Sozialsystem in Deutschland besitzt Gesichtspunkte aus beiden Systemen. Die beiden dafür zuständigen Ministerien, das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), bieten auf ihren Internetseiten viele aktuelle Informationen – auch über Reformen im Gesundheitssystem –an.

Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit, Berufsunfähigkeit

•  Der Begriff Arbeitsunfähigkeit entstammt der gesetzlichen Krankenversicherung. Arbeitsunfähig ist, wer aufgrund einer Krankheit die zuletzt ausgeübte Tätigkeit nicht mehr bzw. nicht ohne Verschlechterung seines Gesundheitszustands fortzuführen vermag. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AUB) werden vom behandelnden Arzt ausgestellt und können auf Antrag der Krankenkasse durch den Medizinischen Dienst überprüft werden.
•  Erwerbsunfähigkeit bezeichnet den Zustand, dass ein Versicherter infolge gesundheitlicher Einschränkungen auf nicht absehbare Zeit in gewisser Regelmäßigkeit eine Erwerbstätigkeit nicht mehr ausüben bzw. nur geringfügige Einkünfte erzielen kann. Ihm wird eine Erwerbsunfähigkeitsrente gewährt.
•  Der Begriff Berufsunfähigkeit entstammt der gesetzlichen Rentenversicherung. Berufsunfähig ist derjenige, dessen Erwerbsfähigkeit erkrankungsbedingt auf weniger als die Hälfte im Vergleich zu einem Arbeitnehmer mit ähnlicher Ausbildung und gleichwertigen Kenntnissen bzw. Fähigkeiten gesunken ist.


Klinik
Typische Probleme von „Frührentnern“, aber auch von Arbeitslosen sind die Stigmatisierung durch den Ausschluss aus dem Erwerbsprozess und das eigene Gefühl, nichts mehr wert zu sein.

Soziokulturelle Bewertung von Gesundheit und Krankheit
Die soziale Situation und die Lebensbedingungen haben einen großen Einfluss auf Gesundheit und Krankheit. Gesundheitliche Belastungen und Risiken, aber auch der Zugang zu Angeboten der Versorgung und der Gesundheitsförderung sind abhängig von der persönlichen Lebenslage, der gesellschaftlichen Stellung und Kultur. In diesem Zusammenhang müssen darüber hinaus die unterschiedlichen Lebensbedingungen sowie die geschlechtsspezifischen Unterschiede von Frauen und Männern in ihrer Auswirkung auf die Gesundheit berücksichtigt werden.

Pflegeversicherung und Pflegeeinrichtungen
Kap. 3.2.3

Behinderung
Die WHO geht bei der Definition von Behinderung von drei Begriffen aus:

•  Impairment (Schädigung): Mängel oder Abnormitäten der anatomischen, psychischen oder physiologischen Funktionen und Strukturen des Körpers
•  Disability (Beeinträchtigung): Funktionsbeeinträchtigung oder -mängel aufgrund von Schädigungen, die typische Alltagssituationen behindern oder unmöglich machen
•  Handicap (Behinderung): Nachteile einer Person aus einer Schädigung oder Beeinträchtigung.

Diskriminierung und Stigmatisierung kranker und behinderter Menschen
Das Stigma psychischen Krankseins, aber auch bei chronischen Krankheiten (z. B. HIV/AIDS) und Behinderungen spielt immer noch eine große Rolle. Die Betroffenen und ihre Angehörigen haben oft nicht nur mit der eigentlichen Erkrankung zu kämpfen, sondern leiden darüber hinaus unter sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung. Hierzu gehören Ausgrenzungen im Privatleben oder Benachteiligungen im beruflichen Umfeld.
Andererseits hindert die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung viele Erkrankte immer noch daran, sich rechtzeitig in Behandlung zu begeben. Sie verschweigen und tabuisieren ihr Leben (z. B. die Angst vor einer Brustamputation bei Brustkrebs). Dadurch geraten sie in einen Teufelskreis: Die Krankheit verschlimmert sich, Isolation und Diskriminierung nehmen zu, was wiederum das psychische Leiden verstärkt. Durch die Stigmatisierung entstehen vielen Betroffenen auch nach dem Abklingen der eigentlichen Erkrankung Nachteile, wie etwa Probleme bei der Wohnungssuche, im beruflichen Umfeld oder im Kontakt mit den Mitmenschen. Damit wird die soziale Rehabilitation erschwert und die Rückfallwahrscheinlichkeit erhöht sich.
Ziel der EU-Strategie für behinderte Menschen ist eine für alle offene und zugängliche Gesellschaft. Nach Schätzungen der EU aus dem Jahre 2002 beläuft sich der Prozentsatz der von gesundheitlichen Problemen oder einer dauerhaften Behinderung betroffenen Menschen im arbeitsfähigen Alter auf 15%. Insgesamt gaben fast 45 Millionen Personen im arbeitsfähigen Alter (zwischen 15 und 64 Jahren) in den 25 untersuchten Ländern an, dass sie unter gesundheitlichen Problemen oder einer dauerhaften Behinderung leiden.
Angst vor Behinderung und die Vorstellung von einem Leben frei von Krankheiten, Fehlbildungen oder Behinderungen jeglicher Art sind vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Bereits seit der Antike sind die gesellschaftliche Akzeptanz sowie die Praxis der Tötung von „missgestalteten“ Neugeborenen überliefert.

Umgang mit psychisch Kranken in totalitären Systemen
Der Umgang mit psychisch Kranken und Behinderten in totalitären Systemen wird häufig mit dem Begriff Euthanasie in Verbindung gebracht. Euthanasie (griech.: „schöner Tod“) bedeutete zunächst „schneller, leichter, schmerzloser Tod“ – ohne das Eingreifen des Menschen.
Im Dritten Reich wurde dieser Begriff missbraucht, um ein Massentötungsprogramm zu umschreiben. Unter der Tarnbezeichnung „Euthanasie“ führte die nationalsozialistische Regierung in Deutschland ein Programm zur systematischen Tötung fehlgebildeter und behinderter Kinder und Erwachsener sowie erwachsener Geisteskranker, aber auch Homosexueller durch. Die Nationalsozialisten stützten sich auf eine sozialdarwinistisch geprägte Humangenetik, die unter der Bezeichnung „Rassenhygiene“ bereits in der Zeit der Weimarer Republik vertreten wurde. Über die Opferzahlen liegen verschiedene Angaben vor: Einige Quellen sprechen von über 200 000 getöteten Personen.
Aufgrund dieser geschichtlichen Entwicklung ist es nicht nur in Deutschland sinnvoll, Ethikkommissionen und Forschung zu ethischen Grundregeln als Kontrollinstanzen der Gesellschaft wirken zu lassen. Für die humanmedizinische Forschung wurden in Deutschland in den 1980er Jahren Ethikkommissionen in den medizinischen Fakultäten oder in den Landesärztekammern angesiedelt. Bei der Prüfung von Forschungsvorhaben orientieren sich diese an gesetzlichen Vorschriften und an den jeweiligen Berufsordnungen für Ärzte. Sie haben den Status eines beratenden Gremiums und werden nur auf Antrag tätig.
Die deutsche Bundesärztekammer richtete 1995 eine „Zentrale Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten“ ein. Sie veröffentlichte Stellungnahmen u. a. zur Forschung mit Minderjährigen, zur (Weiter-)Verwendung von menschlichen Körpermaterialien, zur Stammzellforschung, zum Schutz nicht einwilligungsfähiger Personen, zum Schutz persönlicher Daten in der medizinischen Forschung und zu Prioritäten in der medizinischen Versorgung.

1.2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle


Zusammenfassung
Um die Vielfalt und Komplexität des menschlichen Verhaltens erklären zu können, wurden verschiedene Modelle geschaffen. Nach verschiedenen Verhaltensmodellen wird menschliches Verhalten durch Umgebungsreize determiniert (behavioristisches Modell) oder als Informationsver-arbeitungsprozess beschrieben (kognitives Modell). Das biopsychologische Modell versucht die Zusammenhänge zwischen Verhalten und den Strukturen und Prozessen im zentralen Nervensystem zu ergründen. Einige Modelle gehen größtenteils von den menschlichen Trieben aus (psychodynamisches Modell), andere beinhalten hauptsächlich die Beeinflussung durch das Lebensumfeld (sozialpsychologisches Modell). Sozioökonomische Einflüsse spielen im soziologischen Modell eine Rolle.
Das humanistische Modell glaubt an ein unbeeinflussbares Ich, das gut und fähig ist, seinen eigenen Weg zu gehen. Im Grunde variieren die Modelle lediglich in der Gewichtung von äußeren und inneren Einflüssen (Triebe und Bedürfnisse).

1.2.1 Verhaltensmodelle
Verschiedene Verhaltensmodelle versuchen menschliches Verhalten zu erklären. Einzelheiten zu diesen Modellen werden in Kap. 1.4.2 und 1.4.3 dargestellt. Das kognitive Modell umfasst alle Prozesse und Strukturen, die traditionellerweise mit dem Etikett „geistig“ versehen wurden: die Prozesse des Wahrnehmens, Schlussfolgerns, Erinnerns, Denkens, Problemlösens und Entscheidens sowie die Strukturen des Gedächtnisses, der Begriffe und Einstellungen. Im behavioristischen Modell werden Reaktionen durch Beeinflussung von außen hervorgerufen.

1.2.2 Biopsychologische Modelle


Merke
Menschliches Verhalten basiert auf biologischen Grundlagen, d. h., Nervensystem und psychische Phänomene sind durch physikalische und biochemische Prozesse zu verstehen. Das Verhalten wird v. a. durch ererbte Prozesse bestimmt; eine Verhaltensänderung wird durch Veränderung der zugrunde liegenden Strukturen erreicht.

Psychophysiologie
In der Psychophysiologie wird untersucht, wie Prozesse auf psychologisch-geistiger Ebene sowie auf physiologisch-körperlicher Ebene interagieren.

Ebenen der Erfassung psychophysiologischer Prozesse

Physiologische Indikatoren
Menschliches Verhalten und Erleben wird anhand bestimmter physiologischer Messgrößen erforscht und v. a. quantifiziert. Da psychologische Vorgänge meist mit biologischen Reaktionen und Veränderungen einhergehen, lässt sich dieses Verhalten mittels physiologischer Vorgänge näher beschreiben. Allerdings können hieraus keine Rückschlüsse auf die Qualität des Erlebens gezogen werden.


Merke
Mit Hilfe physiologischer Parameter ist eine eindeutige Identifizierung von psychologischen Korrelaten (z. B. Emotionen) nicht möglich. Eine Aktivierung (z. B. des sympathischen Nervensystems) kann jedoch erkannt werden.


Beispiel
Wenn ein Bungee-Jumper, der von einer Brücke springt, einen Anstieg der Herzfrequenz auf 200 Schläge pro Minute zeigt, ist das auf eine sympathische Reaktion zurückzuführen und entspricht einer Erregung oder Aktivierung. Doch ob der Proband dabei Angst, Freude oder eine andere Emotion empfindet, lässt sich durch diese Methode nicht bestimmen.
Ein weiteres Problem können systematische Fehler sein, die in der Messung elementarer physiologischer Größen auftreten. Diese verfälschen ein Ergebnis immer in die gleiche Richtung und schränken die Aussagekraft einer Untersuchung ein.


Beispiel
Blutdruckmessung, deren Ergebnis ein Patient ängstlich erwartet.
Die wichtigsten physiologischen Parameter sind:

•  kardiovaskuläre Aktivität: Herzfrequenz, Blutdruck
•  respiratorische Aktivität: Atemfrequenz
•  elektrodermale Aktivität: Hautleitfähigkeit, Hautpotenzial, elektrische Schweißdrüsenaktivität
•  elektrische Muskelaktivität: Oberflächenelektromyogramm
•  hirnelektrische Aktivität: Spontanelektroenzephalogramm, evozierte Hirnrindenpotenziale
•  hormonale Aktivität: Katecholamine, Kortikosteroide.
Die Hautleitfähigkeit lässt sich mit Hilfe von Elektroden messen, die auf der Haut angebracht werden. Durch eine sympathikotone Reaktion werden die Schweißdrüsen aktiviert und produzieren Schweiß, der aus Wasser und Elektrolyten besteht. Letztere erhöhen die Leitfähigkeit der Haut. Als Transmitterstoff dient Acetylcholin – in Bezug auf das sympathische Nervensystem eine Ausnahme. Der Kehrwert aus der Leitfähigkeit ist bekanntlich der Widerstand, der in diesem Fall kleiner wird.

Psychologische Indikatoren
Die Befindlichkeit eines Probanden lässt sich erfassen und messen, indem man ihn befragt. Befinden und Gefühle sind der Introspektion zugänglich und werden somit beschreib-und messbar ( Kap. 1.3.3 , Testverfahren). Die wichtigsten Befindlichkeitsmessungen erfolgen durch:

•  Eigenschaftswörterlisten
•  Erhebung kognitiver Leistungsveränderungen, z. B. durch Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsmessungen in verschiedenen Aktivierungs- und Bewusstseinszuständen
•  subjektive Befindlichkeitserfassung
•  projektive Tests.
Eine gleichsinnige Veränderung (Kovariation) von psychischen und physiologischen Variablen kann man selten feststellen, da diese unterschiedlich schnell ansprechen. Folgende Reaktionsarten auf bestimmte Reize können jedoch beschrieben und unterschieden werden:

•  Individualspezifität: Sie sagt aus, dass Personen (Individuen) auf sehr unterschiedliche Reize oder Stressoren, die auf sie einwirken, immer mit einem ähnlichen (für sie spezifischen) Reaktionsschema reagieren ( Tab. 1.1 ). Dieses Konzept erklärt die Entstehung sog. klassischer psychosomatischer Krankheiten, wie beispielsweise Magenulkus, Colitis ulcerosa, Asthmaerkrankungen oder atopische Dermatitis.

Tab. 1.1 Individualspezifität; ↑ Anstieg, ø keine Änderung, ↓ Abnahme.


Beispiel
Einem Manager schlagen sowohl Ärger in der Firma, Trauer um einen Verstorbenen als auch Angst um die Gesundheit (stets) auf den Magen: Er bekommt ein Magengeschwür.
•  Reizspezifität: Auf unterschiedliche Reize zeigen manche Menschen unterschiedliche Reaktionskonfigurationen, die jeweils typisch für den Reiz sind ( Tab. 1.2 ).

Tab. 1.2 Reizspezifität; ↑ Anstieg, ø keine Änderung, ↓ Abnahme.


Beispiel
Aggressionen verursachen immer ein Engegefühl in der Brust, Angst ruft stets Kopfschmerzen hervor, Freude bewirkt jedes Mal einen Blutdruckanstieg.

Stress
Stress ist eine unspezifische Reaktion des Organismus eines Individuums auf jede übermäßige Belastung, die das physiologische Gleichgewicht (Homöostase) stört ( Abb. 1.1 ).

Abb. 1.1 Stress und Leistung.

Stressoren
Ein Stressor ist ein Reiz, der den Organismus belastet. Es gibt verschiedene Arten von Stressoren, die auf den Menschen einwirken können. Allerdings bewerten verschiedene Personen einzelne Reize unterschiedlich und reagieren unterschiedlich auf sie. Stressoren lassen sich folgendermaßen klassifizieren ( Tab. 1.3 ):

•  Stressoren im Hinblick auf die Homöostase: Versorgungsschwierigkeiten im Bereich der Existenzgrundlagen eines Organismus (Wasser, Nahrung, Wärme, Schlaf)
•  äußere Stressoren: Reizentzug (z. B. sensorische Deprivation), Schmerzreize, aber auch Reizüberflutung (Kälte, Hitze, Licht und Lärm), wie sie im heutigen Industrie- und Medienzeitalter auftreten
•  innere Stressoren oder Leistungsstressoren: über-, aber auch unterfordernde Tätigkeiten, beispielsweise monotone Tätigkeiten; Erfolgsdruck und ein Mangel an Eigenkontrolle über Arbeitsbedingungen und damit Unzufriedenheit an der eigenen Leistung
•  soziale Stressoren: soziale Isolation; der Mensch ist als Teil einer Gesellschaft geschaffen und auf Interaktionen und Bezugsgruppen angewiesen
•  Entscheidungskonflikte: wirken auf den Organismus als Stressor, wenn sie auf einer tiefen inneren Ebene ausgetragen werden ( Kap. 1.4.4 , Typen von Konfliktsituationen).
Tab. 1.3 Verschiedene Stressoren. Stressoren durch die Umwelt und körperliche Funktionsstörungen Kognitive und emotionale Stressoren Hitze, Kälte, Nässe, Vibration, Lärm innere Konflikte, nicht kontrollierbare psychosoziale Belastungen, schwierige Entscheidungen, keine Entscheidungsmöglichkeiten Höhe, Sauerstoffmangel, Rauch, Gase Überlastung, Unterforderung zu starkes Licht, Dunkelheit, unbekannte Gegend zu wenig, zu viel Information Infekte, schwere Erkrankungen Ambivalenz, Unsicherheit, Isolation Schlafstörungen, Müdigkeit Zeitdruck, Warten Hunger, Durst, Unterernährung Ausgeliefertsein, Unberechenbarkeit der Umgebung oder Situation Armut Bedrohungen, Angst, Trauer, Verlust zu viel oder zu wenig Bewegung Ablehnung, Diskriminierung, Frustration Drogen, Alkohol, Verletzungen Schuldgefühle, Langeweile, Inaktivität

Stressreaktion
Der kanadische Mediziner österreichischer Herkunft Hans Selye (1907–1982) beschreibt drei Reaktionsstadien, die durch alle starken Stressoren als Stressreaktion des Organismus hervorgerufen, jedoch nicht immer vollständig durchlaufen werden. Ist das Auftreten des Stressors nicht vorhersehbar oder lässt dieser sich schlecht kontrollieren, so besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass eine Stressreaktion eintritt.
Die drei Stadien stellen unspezifische, d. h. von der Art des Stressors unabhängige Anpassungsreaktionen dar:

•  Alarmphase: Auf neu eintretende Stressoren hin reagiert der Organismus mit einer allgemeinen Erhöhung des Sympathikotonus. Herzfrequenz und Blutdruck steigen an, die Skelettmuskulatur wird stärker durchblutet, die Respiration verstärkt. Des Weiteren werden vermehrt Katecholamine aus dem Nebennierenmark ausgeschüttet.
•  Widerstandsphase: Aus dem Hypophysenvorderlappen wird v. a. das adrenokortikotrope Hormon (ACTH) freigesetzt; daraufhin schüttet die Nebennierenrinde das Stresshormon Kortisol aus, das eine Mobilisierung der Glukosereserven ermöglicht. In dieser Kampfphase kann es zu einer Reduktion der Sexualfunktion und zu Störungen im Menstruationszyklus der Frau kommen.
•  Erschöpfungsphase: In der letzten Phase dieses Stressmodells sind die Reserven des Organismus aufgebraucht. Es kommt zu körperlichen Beeinträchtigungen mit Dekompensationserscheinungen, z. B. Wachstumsverzögerung, Erliegen der Reproduktionsfähigkeit und Versagen der Immunkompetenz. Psychosomatische Krankheiten wie Magengeschwüre können die Folge sein.

Grundmuster der Stressbewältigung bzw. -verarbeitung
Das Stressmodell des amerikanischen Psychologen Richard Lazarus (1922–2002) wurde 1974 veröffentlicht. Dieses Modell sieht Stresssituationen als komplexe Wechselwirkungsprozesse zwischen den Anforderungen der Situation und der handelnden Person. Im Gegensatz zu früheren Stresstheorien ging Lazarus davon aus, dass nicht die Beschaffenheit der Reize oder Situationen für die Stressreaktion von Bedeutung sind, sondern die individuelle kognitive Verarbeitung des Betroffenen. Menschen können deshalb für einen bestimmten Stressor höchst unterschiedlich anfällig sein:

•  primäre Bewertung: Zunächst wird beurteilt, ob eine Situation überhaupt einen Stressor darstellt.
•  sekundäre Bewertung: Schätzt das Individuum die Situation als negativ ein, so sucht es nach einer Möglichkeit, den Stressor günstiger zu bewerten. Mit Hilfe unterschiedlicher Verarbeitungsmechanismen kann es zudem Lösungsstrategien für das Problem entwickeln oder das Problem beseitigen, indem es sich mit seinen eigenen Gefühlen in Bezug auf das Problem auseinandersetzt und diese verändert.


Beispiel
Ein Student schätzt das Physikum folgendermaßen ein: „Prüfungen gehören für mich zum Studium!“ Danach muss er sich überlegen, ob diese Prüfung für ihn eher positiv („Das Physikum ist eine echte Herausforderung für mich!“) oder negativ („Diese Prüfung ist für mich kaum zu schaffen!“) ist.

Emotion, Stress und Krankheit
Stress ist an sich ein normales und gesundes Phänomen. So wie wir ohne körperliche Anstrengung weder Muskeln noch Ausdauer entwickeln, brauchen wir auch psychische Belastungen, um unser Verhalten einer sich ständig wandelnden Umwelt anzupassen und Neues zu erlernen. Das Herzrasen, die feuchten Hände, die Anspannung, die wir mitunter verspüren, sind nur die auffälligsten von Hunderten physiologischer Veränderungen. Sie sind die sog. „Stressantwort“, mit der unser Organismus auf alles reagiert, was unser Gehirn als Herausforderung oder Bedrohung einstuft. Dann ist unser Geist hellwach, unser Körper bereit zum Handeln. Ist die Situation bewältigt, sind Zufriedenheit und Entspannung der Lohn. Der Wechsel zwischen Phasen der Entspannung und Stress gilt allgemein als gesund und auch angenehm; er soll leistungssteigernd und -motivierend wirken (Eustress) . Eustress ist das Maß an Stress, das notwendig ist, um die Stresstoleranz zu verbessern, ohne dass die Stressbelastung die Belastbarkeitsgrenze übersteigt. Zudem ist Eustress mit Erfolgen/Belohnungen in absehbarer Zeit verbunden. Übereinstimmung mit den Wertvorstellungen des Betroffenen und zumindest die Illusion der Kontrollierbarkeit ist dabei i. d. R. Voraussetzung.
Für gesundheitsschädliche Auswirkungen der körperlichen Stressreaktion sind im Wesentlichen die folgenden fünf Aspekte relevant:

•  nicht abgebaute Erregung: Die nicht motorisch abgeführte Erregung der Kampf-Flucht-Reaktion bleibt bestehen; die Einleitung der notwendigen Entspannungsphase wird verzögert, u. U. gänzlich verhindert, wenn neue Stressoren auftreten.
•  chronische Belastungen: Das Fehlen der nötigen Zeit für Erholung und Entspannung führt dazu, dass der Organismus ständig in einer erhöhten Widerstandsbereitschaft gehalten wird. Im Widerstandsstadium passt sich der Organismus an ein Leben mit der chronischen Belastung an. Bei zu lange anhaltender Belastung bricht schließlich das Anpassungsvermögen des Organismus zusammen. Im Stadium der Erschöpfung kann es zu ernsthaften Organerkrankungen kommen. Der Organismus kann bei einem über lange Zeit aufrechterhaltenen erhöhten Widerstandsniveau allmählich seine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulation verlieren. Dies bedeutet, dass es auch in Phasen, in denen keine akute Belastung vorliegt, nicht mehr möglich ist, auf ein normales Ruheniveau zurückzukehren. Die Gefäßwände verlieren z. B. ihre Elastizität, die Gefäße können sich nicht mehr weiten mit der Folge, dass der Blutdruck chronisch erhöht bleibt. Angespannte, schmerzhafte Muskeln lassen sich nur noch schwer lockern und können reflektorisch sogar weitere muskuläre Anspannungsreaktionen auslösen. Dadurch wird ein Teufelskreis aufgebaut, durch den die Anspannung kontinuierlich aufrechterhalten wird. Erholung – auch im Schlaf – erfolgt, wenn überhaupt, immer langsamer. Spätestens in dieser Phase schlägt positive lebendige Spannung um in unangenehme Verkrampfung mit möglicherweise negativen Folgen für die Gesundheit.
Bei chronischer Überlastung fängt Stress an zu schaden. Angst wirkt lähmend und vermindert die Motivation. Aus Entspannung wird Erschöpfung, Zufriedenheit weicht Zweifeln oder Aggression. Organische Krankheiten wie Infekte, Krebs, Muskel- und Skeletterkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie psychische Erkrankungen (Angststörungen, Belastungsreaktionen, Depressionen) treten vermehrt auf. Stress unterdrückt die Neubildung von Nervenzellen in dem für das Gedächtnis wichtigen Hippokampus.

•  geschwächte Immunkompetenz: Bei kurzfristigen, akuten Belastungen konnten sowohl unterdrückende als auch stimulierende Effekte auf unterschiedliche immunologische Vorgänge beobachtet werden. Länger andauernde Belastungen scheinen jedoch die Leistungsfähigkeit des Immunsystems zu schwächen, z. B. in Form einer allgemein erhöhten Krankheitsanfälligkeit – insbesondere gegenüber Infektionen der oberen Luftwege und Herpes-Virus-Infektionen. Stresshormone, v. a. Kortisol, Adrenalin und Noradrenalin, können immunologische Funktionen – über entsprechende Rezeptoren immunkompetenter Zellen –beeinflussen.
•  gesundheitliches Risikoverhalten: Direkt gesundheitsschädliche Verhaltensweisen (z. B. Zigarettenrauchen, Alkoholkonsum, ungesundes Ernährungs- und Essverhalten) können in Belastungssituationen als Teil der „Verhaltensstressreaktion“ verstärkt auftreten. Dadurch wird das Erkrankungsrisiko direkt erhöht; die genannten Risikoverhaltensweisen vermindern längerfristig die allgemeine Belastbarbarkeit und tragen zu einer rascheren Erschöpfung der Widerstandskräfte bei.
•  Social Jetlag: Als Stressor wird ein Leben gegen die genetisch determinierte innere Uhr des Menschen diskutiert. Nahezu alle Lebewesen haben sich dem 24-Stunden-Rhythmus angepasst. In der modernen Gesellschaft wird der natürliche Tag-Nacht-Zyklus durch Schichtarbeit und Langstreckenflüge immer häufiger durchbrochen. Diese Störungen der inneren Uhr stehen in Zusammenhang mit psychischen Störungen wie Demenz und bipolarer Erkrankung. Nachtschichtarbeit wirkt sich zudem nachteilig auf das Immunsystem aus.

Das Diathese-Stress-Modell
Nach diesem Modell kommt es bei – möglicherweise genetisch übertragener – Diathese (Veranlagung) sowohl durch Kindheitstraumata als auch später Erlebtes (Stress) zum Ausbruch der Erkrankung. Generell besteht ein erhöhtes Potenzial zur Angstbereitschaft: Auch geringfügige Stimuli lösen unrealistische und übertriebene Angstreaktionen aus ( Abb. 1.2 ).

Abb. 1.2 Diathese-Stress-Modell.


Klinik

•  Die Pathogenese von Agoraphobie und Panikattacken ist – wie auch bei anderen Angsterkrankungen – äußerst komplex (multikausal).
•  Bei einigen Angststörungen (z. B. Panikattacken) wird eine biologische Empfindlichkeit vorausgesetzt.
•  Neurophysiologisch spielt das Ungleichgewicht der Neurotransmitter (Überträgerstoffe zwischen den Nervenzellen) im Hippokampus, im limbischen System und im sog. Locus coeruleus eine Rolle. Neben der Beteiligung v. a. noradrenerger Rezeptoren werden auch serotonerge Rezeptoren diskutiert. Ebenso beeinflussen hormonelle Faktoren Angststörungen maßgeblich. Bei Panikattacken gibt es Hinweise auf eine verstärkte Sekretion von CRH. Außerdem treten Veränderungen bei ACTH, Prolaktin und Wachstumshormonen auf. Vermutlich ist jedoch keiner dieser Faktoren allein für Agoraphobie oder Panikattacken verantwortlich. Im Sinne des Diathese-Stress-Modells ( Abb. 1.2 ) bricht die Erkrankung durch akute oder chronische Belastungen (Stress) aus.

Die „Conservation of Resources Theory“
Die „Conservation of Resources Theory“ (COR-Theorie, dt. „Theorie der Ressourcenerhaltung“; Stevan E. Hobfoll 1988, 1998) bietet ein Modell, das sich auf Ressourcen konzentriert, um Stress zu erklären. Diese Stresstheorie möchte die Kluft zwischen Umwelttheorien und kognitiven Ansätzen der Stressforschung überbrücken, indem sowohl objektive als auch subjektiv wahrgenommene Faktoren zur Erklärung von Stress und Stressbewältigung herangezogen werden. Ressourcenveränderungen werden als Schlüssel zum Stress gesehen: Ressourcenverluste sind wichtiger sind als Ressourcengewinne; Gewinne können aber zukünftige Verluste auffangen. Menschliches Handeln und Agieren wird im Kontext des sozialen Umfeldes betrachtet, da Menschen nicht nur die eigene Integrität, sondern auch die der Familie und des Volkes schützen. Das soziale Umfeld konstituiert sich u. a. durch Nationalität, Geschlecht, Klasse und Kultur. Menschen handeln nach unterschiedlichen Regeln; sie erhalten und schützen andere Ressourcen je nach dominierendem sozialem Kontext, so dass nicht nur individuelle Ressourcen und individuelles Ressourcenmanagement, sondern auch Überlegungen zu gemeinsamen Ressourcen, Ressourcentransfer und gemeinsamer Stressbewältigung für das Stresserleben relevant sind.

Aktivations- und Bewusstseinszustände

Schlaf

Unterscheidung von REM- und Non-REM-Schlaf anhand physiologischer Indikatoren
Schlaf dient der Erholung des Menschen und ist ein spezieller Bewusstseinszustand. Dieser besonders geordnete Bewusstseinszustand dient auch der Konsolidierung unseres Gedächtnisses. Es werden Eindrücke verarbeitet, die tagsüber auf den Organismus eingewirkt haben. Im Schlaf verbringen wir nicht nur knapp ein Drittel eines einzelnen Tages, sondern damit auch ein Drittel unseres Lebens insgesamt (ein 75-Jähriger hat 25 Jahre geschlafen!).
Die Schlafforschung untersucht die Funktion und Neurophysiologie des Schlafs ( Abb. 1.3 ). Es gibt zwei wichtige Arten von Schlaf. Die Unterscheidung basiert auf der Beobachtung, dass es Schlafphasen gibt, in denen es zu schnellen Bewegungen der geschlossenen Augen (REM-Phasen, engl. rapid eye movement) kommt, und Phasen, in denen schnelle Augenbewegungen fehlen (Non-REM-Phasen) . Mittels Elektrookulogramm (EOG) lassen sich die Augenbewegungen messen.

Abb. 1.3 Orginalregistrierung von EEG und EMG eines gesunden Probanden während einer Nacht im Schlaflabor. Die Abszisse zeigt die Uhrzeit; auf der Ordinate sind Arousalreaktionen, Wach-, REM- und die Non-REM-Schlafphasen 1 bis 4 sowie der Muskeltonus (EM) aufgetragen.
Die wichtigsten physiologischen Parameter für die Definition der einzelnen Schlafstadien sind:

•  EEG-Aktivität: Anhand von Alpha-, Theta- und Deltawellen lassen sich die einzelnen Schlafstadien sehr gut voneinander unterscheiden.
•  Weckschwelle: Sie wird durch Applikation von Außenreizen, von Berührung bis hin zum Wachrütteln oder mit steigenden akustischen Reizen gemessen.
•  Muskeltonus: Er ist mit dem Elektromyogramm (EMG) festzustellen.
•  Sympathikusaktivität im Vergleich zur Parasympathikusaktivität: Hierzu gehören Herzfrequenz, Blutdruck und Atmung, aber auch Erektionen der Geschlechtsorgane.
Der Non-REM-Schlaf lässt sich in vier Stadien unterteilen, die jedoch nicht immer klar voneinander zu unterscheiden sind, da sie fließend ineinander übergehen können ( Tab. 1.4 ).

Tab. 1.4 Einteilung des Non-REM-Schlafs in vier verschiedene Schlafstadien.
Während der einzelnen Schlafphasen – vom Einschlafstadium bis zur Tiefschlafphase – lässt sich Folgendes beobachten:

•  Die Weckschwelle nimmt zu. Um den Probanden aufzuwecken, werden beispielsweise stärkere akustische Reize benötigt.
•  Der Muskeltonus nimmt ebenso ab wie die Sympathikusaktivität (Herzfrequenz, Atemfrequenz).
•  Das EEG zeigt eine Veränderung von hochfrequenten und niedrigamplitudigen Alphawellen über Thetawellen bis hin zu niederfrequenten und hochamplitudigen Deltawellen.
Der REM-Schlaf zeigt außer den schnellen Augenbewegungen noch andere Besonderheiten. Die Weckschwelle ist – wie im Tiefschlaf – sehr hoch. Statt synchronisierter Deltawellen finden sich im EEG jedoch hochfrequent veränderte Wellen, die in ihrer Amplitude nach Alphawellen vorkommen – oder niedrige Thetawellen (Sägezahnwellen), die in wacheren Stadien, etwa dem Einschlafstadium, zu beobachten sind. Aus diesem Grund wird der REM-Schlaf auch als paradoxer Schlaf bezeichnet.
Die Sympathikusaktivität nimmt zu, was am Anstieg der Herzfrequenz zu erkennen ist. Es kommt zu Erektionen von Klitoris bzw. Penis und bei Männern zu nächtlichen Ejakulationen. Der Muskeltonus der Skelettmuskulatur sinkt – im Vergleich zum Tiefschlaf – weiter ab (Atonie).
Probanden, die in REM-Phasen geweckt werden, berichten über häufige und sehr konkrete Träume. Auch in anderen Schlafphasen treten Träume auf; sie sind allerdings weniger intensiv und bildhaft als in REM-Phasen.


Merke
Der Anteil des REM-Schlafs verringert sich im Lauf des Lebens. Während Kinder etwa zweieinhalb Stunden des Gesamtschlafs im REM-Schlaf verbringen, macht dieser bei einem 70-jährigen Menschen nur noch eine Stunde aus.
Außerdem durchläuft jeder Mensch mehrere Schlafzyklen, in denen sich die einzelnen Schlafstadien periodisch vier- bis sechsmal wiederholen, wobei

•  die REM-Phasen von Zyklus zu Zyklus länger werden.
•  die Tiefschlafanteile von Zyklus zu Zyklus kürzer werden.
•  REM-Phasen nach jeder einzelnen Non-REM-Phase auftreten können.
Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) befasst sich als wissenschaftliche Gesellschaft mit der Erforschung des Schlafs und seiner Störungen sowie mit der klinischen Diagnostik und Therapie von Schlaf-wachStörungen.

Folgen von Schlaf- bzw. isoliertem REM-Schlaf-Entzug
Man unterscheidet zwischen totalem Schlafentzug (z. B. bei einer durchgefeierten Nacht), partiellem Schlafentzug (wenn die Schlafzeit, insbesondere während der zweiten Nachthälfte, verkürzt wird) und selektivem Schlafentzug (bei dem man entweder Non-REM- oder einen Teil des REM-Schlafs gezielt entzieht, indem man die Patienten genau am Anfang dieser Phasen weckt). Auf jegliche Art des Schlafentzugs folgt immer nur ein partieller Rebound-Effekt: Nur ein Teil des verlorenen Schlafs wird nachgeholt. In der ersten Nacht kommt es zu einem Nachholen des Tiefschlafs, in den nächsten Nächten zu einer REM-Schlaf-Kompensation.


Klinik

•  Schlafentzug wird bei der Therapie der Depression eingesetzt. Ein Teil der Patienten spricht hierauf günstig an. Die Methode des partiellen Schlafentzugs kommt hierbei häufiger zum Einsatz als die des selektiven Schlafentzugs, da sie sich mit geringerem Aufwand durchführen lässt.
•  Die Folgen von Schlafentzug können allerdings sehr vielfältig sein: z. B. verminderte Konzentration, erhöhte Reizbarkeit, Angstgefühle.
Alkohol und Schlafmittel verkürzen selektiv die REM-Schlafphasen. Dies führt dazu, dass die Anwender im Wachzustand überaktiv und psychisch labil sind.

Schlafstörungen
Neben dem therapeutischen Schlafentzug unterscheidet man folgende Schlafstörungen:

•  Insomnie: Unvermögen, einzuschlafen, durchzuschlafen, oder zu häufiges nächtliches Aufwachen; z. B. durch psychische Konflikte hervorgerufen. Als physische Ursachen kommen v. a. höheres Lebensalter, organische Hirnerkrankungen, Fieber oder vegetative Labilität in Betracht.
•  Pseudoinsomnie: Patient glaubt nur, schlecht zu schlafen; Schlaflaboruntersuchungen zeigen hingegen normales Schlafverhalten.
•  Hypersomnie: Schlafsucht mit erhöhter Einschlafneigung am Tag.
•  Schlafwandeln (Somnambulismus) : Zustand unvollständigen Erwachens, in dem mehr oder weniger komplizierte Bewegungen oder Handlungen im Halbschlaf ausgeführt werden; mit nachfolgender, zeitlich oder inhaltlich begrenzter Erinnerungslücke.

Aktivation und Aufmerksamkeit

Indikatoren der Aktivation
Aktivation und Aufmerksamkeit sind v. a. auf Auswirkungen des erhöhten Sympathikotonus zurückzuführen:

•  hormonelle Aktivität (Katecholamine)
•  gesteigerte Herzfrequenz
•  erhöhte Atemfrequenz
•  erhöhte Hautleitfähigkeit
•  EEG-Desynchronisation
•  psychische Anspannung und Konzentration.

Bewusstseinsgrade und EEG-Spontanrhythmen
Anhand des EEG lassen sich unterschiedliche Bewusstseinsgrade bestimmen ( Abb. 1.4 ).

Abb. 1.4 Schematische Darstellung verschiedener EEG-Frequenzen.
Selbstverständlich gehören auch die Schlafstadien zu den Bewusstseinsformen. Darüber hinaus findet man im Wachzustand eine weitere Wellenform, die Betawellen. Sie sind gekennzeichnet durch ein desynchronisiertes, d. h. sehr niedrig-amplitudiges und hochfrequentes Bild.


Klinik

•  Bei Patienten mit Bewusstseinstrübung, z. B. als Folge eines Verkehrsunfalls, unterscheidet man folgende Formen:
–  Benommenheit: leichte Bewusstseinstrübung
–  Somnolenz: Schläfrigkeit
–  Sopor: starke Bewusstseinstrübung
–  Präkoma: leichte Form der Bewusstlosigkeit
–  Koma: tiefe Bewusstlosigkeit.
Mit Hilfe der Glasgow Coma Scale (GCS) lassen sich Bewusstseinsstörungen beschreiben und die Bewusstseinslage einschätzen. Die GCS wurde 1974 von den Neurochirurgen
Graham Teasdale und Bryan J. Jennett an der Universität Glasgow (Schottland) entwickelt. Für Kinder unter drei Jahren existiert eine spezielle Version der GCS. Bei desorientierten Patienten ist die GCS nur eingeschränkt verwertbar.
In folgenden drei Rubriken werden jeweils Punkte vergeben:

•  Augenöffnen
•  verbale Kommunikation
•  motorische Reaktion.
Die maximale Punktzahl ist 15 (volles Bewusstsein), die minimale 3 Punkte (Tod oder tiefes Koma).
Eine GCS ≤ 8 spricht für massive Funktionsstörungen im Gehirn. Lebensbedrohliche Atmungsstörungen können eine Intubation erforderlich machen.

Orientierungsreaktion
Die Orientierungsreaktion ist hilfreich, um sich auf eine neuartige Situation einzustellen. Sie ist reizunspezifisch: eine allgemeine Reaktion, die bei plötzlichen, neuartigen Reizen auftritt; etwa bei einem lauten Geräusch, das zu einer Hinwendung zur Reizquelle mit einer Aktivierung der Muskulatur (Aktivation) führt. Im EEG erkennt man eine Weckreaktion mit einer Aktivierung der sensorischen Systeme (Arousal), sobald ein neuartiger Reiz wahrgenommen wird. Gleichzeitig sinkt die Wahrnehmungsschwelle (v. a. die auditive und die visuelle); der Proband wird empfänglicher für neue Reize; die Aufmerksamkeit erhöht sich.
Entsprechend verändern sich einige Körpervariablen hin zu einer allgemein erhöhten Aktivierung. Diese wird hauptsächlich über das sympathische Nervensystem hergestellt (z. B. Zunahme von Atemfrequenz und Hautleitfähigkeit). Eine Ausnahme bildet die Herzfrequenz. Sie steigt bei der Orientierungsreaktion nicht sofort an, sondern verlangsamt sich zuvor kurzzeitig.

Habituation und Adaptation ( Kap. 1.4.2 , Lernen)
Bei sich wiederholenden Reizen kann es zu einer Abschwächung der Orientierungsreaktion kommen. Dieser Vorgang wird als Habituation (Gewöhnung) bezeichnet und stellt einen einfachen Lernprozess dar. Die Habituation hängt allerdings von der Reizintensität ab und kann auch bei ähnlichen Reizen erfolgen.
Von der Habituation abzugrenzen ist die Adaptation, bei der es aufgrund von kontinuierlichen Reizen zu einer Reaktionsabschwächung kommt, indem sich der Körper anpasst und ein neues Fließgleichgewicht herstellt.

Aktivation und selektive Aufmerksamkeit
Indem man die eigene Aufmerksamkeit auf wenige Sinnesbereiche konzentriert, wird eine selektive Aufmerksamkeit geschaffen, die in vielen Situationen hilfreich sein kann.
Unter Vigilanz versteht man die gerichtete Daueraufmerksamkeit in einer reizarmen Umgebung.


Beispiel
Ein Jäger, der frühmorgens durch den Wald spaziert, lauscht auf jedes Geräusch und nimmt jede Bewegung wahr, da er auf das Wild wartet.

Aktivation und Leistung (Yerkes-Dodson-Regel)
Die Yerkes-Dodson-Regel (nach R.M. Yerkes und J.D. Dodson ) beinhaltet interessante Gesichtspunkte für unser tägliches Leben. Sie besagt, dass die Leistungsfähigkeit eng mit dem Aktivationsniveau verknüpft ist. Bis zu einem bestimmten Punkt lässt sich die Leistung über eine Steigerung des Aktivationsniveaus erhöhen, ab diesem Punkt fällt sie jedoch trotz weiterer Erhöhung der Aktivation wieder ab. Somit entsteht eine umgekehrt U-förmige Kurve für diesen Zusammenhang ( Abb. 1.5 ).

Abb. 1.5 Yerkes-Dodson-Gesetz als umgekehrt U-förmige Beziehung von Aktivation und Leistung.
Für die Praxis besagt dieses Gesetz: Medizinstudenten sollten ihre Physikumsprüfung mit einer gewissen Portion an Lampenfieber angehen (Aktivation), aber nicht zu viel Angst vor ihr aufkommen lassen (Überaktivierung; Abb. 1.6 ) ; dann wird das Physikumsergebnis (Leistung) optimal sein.

Abb. 1.6 Kurven unterschiedlicher Aktivationszustände. Aktivierung bei leichten Aufgaben (A) und schwierigen Aufgaben (B); im Vergleich dazu die normale Yerkes-Dodson-Kurve (C).

Schmerz
Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer aktuellen oder möglichen Gewebsschädigung einhergeht. Man unterscheidet verschiedene Schmerzformen:

•  Oberflächenschmerz: Der zuerst wahrgenommene primäre Oberflächenschmerz ist hell und stechend und wird über die schnellen A-δ-Nervenfasern mit etwa 20 m/s übermittelt. Der später wahrgenommene sekundäre Oberflächenschmerz ist hingegen eher von dumpfem Charakter.
•  Tiefen- und Eingeweideschmerz sind in ihrer Qualität dem sekundären Oberflächenschmerz sehr ähnlich und werden wie dieser über die langsamen C-Fasern mit 2,5 m/s weitergeleitet.
Die Gate-Control-Theorie (Kontrollschrankentheorie) nach R. Malzack und D. Wall (1965) beschreibt die psychischen Funktionssysteme, die für die Schmerzerfahrung wichtig sind.
Die Autoren unterscheiden unterschiedliche Dimensionen der Schmerzerfahrung bzw. des Schmerzverhaltens:

•  Das sensorisch-diskriminative System analysiert die sensorische Information anhand von Lokalisation und Intensität sowie Qualität des Schmerzreizes.
•  Der affektiv-motivationale Anteil steuert das Schmerzverhalten, etwa eine Schonhaltung aufgrund eines unerträglichen chronischen Reizes.
•  Eine kognitiv-evaluative Dimension vergleicht das aktuelle Schmerzerlebnis mit früheren Erfahrungen.
Als Methoden der Schmerzquantifizierung bei der Erfassung und Messung von Schmerz werden meist subjektive Befindlichkeitsfragebögen verwendet. Auf diesen schätzen die Patienten ihr Befinden selbst ein. Ein Beispiel ist der McGill Pain Questionnaire (MPQ), der mit 102 Wörtern die drei Schmerzdimensionen erfasst.
Der Schmerz unterliegt – physiologisch gesehen – kaum einer Adaptation, doch ist er diesbezüglich ein überaus variables Phänomen. Er ist sehr stark subjektiv beeinflussbar und kontrollierbar durch Erziehung, eigenen Willen und die jeweilige Situation. Er verändert sich nicht parallel mit dem Ausmaß der Gewebsschädigung. Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung und -äußerung gibt es auch auf onto-genetischer, geschlechtsspezifischer und kultureller Ebene. So sinkt die Schmerztoleranz mit dem Alter ab; depressive Menschen klagen gehäuft über Schmerzen.
Der Angst-(Erwartung-)Spannung-Schmerz-Zirkel beschreibt ein beobachtbares Verhalten, bei dem die Schmerztoleranz mit der Information über die Schmerzen ansteigt.
Chronische Schmerzen dauern definitionsgemäß länger als sechs Monate. Der chronische Kopfschmerz ist der häufigste chronische Schmerz in Deutschland.
Zur Schmerzbewältigung im Rahmen der psychophysiologischen Therapie chronischer Schmerzen werden u. a. Entspannungstechniken eingesetzt:

Progressive Muskelrelaxation (PMR)
Diese Technik wurde in den 1920er Jahren von Edmund Jacobson entwickelt und beruht darauf, dass durch bewusste wechselnde An- und Entspannung einzelner Muskelgruppen eine körperlich-seelische Entspannung erreicht werden kann, die auch zu einer Abnahme negativer Gefühle führt. Durch wiederholtes Üben senkt sich der chronisch erhöhte Muskeltonus, die Körperwahrnehmung verbessert sich und die Patienten lernen, sich gezielt zu entspannen. Hilfreich ist die PMR z. B. bei Angstsymptomen, bei leichteren depressiven und bei somatoformen Störungen, bei Schlafstörungen und bei chronischen Schmerzsyndromen.

Autogenes Training
Das Autogene Training, in den 1920er Jahren von Johannes Heinrich Schulz erarbeitet, ist eine autosuggestive Entspannungsmethode, bei der die Patienten über die konzentrierte Vorstellung bestimmter Körperempfindungen das vegetative Nervensystem zu Ruhe und Entspannung lenken (Parasympathikus: „rest & digest“). Die Anwender sagen sich in täglich einoder mehrmals wiederholten Übungen bestimmte Formeln vor (z. B. „Ich bin ruhig, gelöst und ganz entspannt“, „Meine Schultern, Arme, Hände sind schwer“ usw.) und üben so einen Entspannungszustand ein, den sie später über diese Formeln schnell wieder abrufen können (klassische Konditionierung), wenn sie aus irgendeinem Grund in Anspannung geraten.

Kinesiologie
Die Angewandte Kinesiologie wurde Anfang der 1960er Jahre als ganzheitliche Heilmethode für Körper, Geist und Seele von dem amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart entwickelt. Das Konzept der Pädagogischen Kinesiologie – eines Spezialgebiets der Angewandten Kinesiologie – gründet sich auf die Erfahrung des amerikanischen Pädagogen Paul Dennison. Er entdeckte, dass gerade in Stresssituationen unsere Denkfähigkeit teilweise blockiert ist.
Entspannungstechniken eignen sich auch hervorragend gegen Prüfungsstress. CDs mit Anleitungen kann man kostenlos bei einigen Krankenkassen bestellen.


Beispiel Kinesiologische Übung – Nackenrolle
Setzen Sie sich bequem hin. Lassen Sie den Kopf zuerst langsam nach vorn fallen, bis er locker herunterhängt.

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