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Heinrich Dörrie
Polybios über pietas, religio und fides (zu Buch 6, Kap. 56).
Griechische Theorie und römisches Selbstverständnis
In: Mélanges de philosophie, de littérature et d'histoire ancienne offerts à Pierre Boyancé. Rome : École Française
de Rome, 1974. pp. 251-272. (Publications de l'École française de Rome, 22)
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Dörrie Heinrich. Polybios über pietas, religio und fides (zu Buch 6, Kap. 56). Griechische Theorie und römisches
Selbstverständnis. In: Mélanges de philosophie, de littérature et d'histoire ancienne offerts à Pierre Boyancé. Rome : École
Française de Rome, 1974. pp. 251-272. (Publications de l'École française de Rome, 22)
http://www.persee.fr/web/ouvrages/home/prescript/article/efr_0000-0000_1974_ant_22_1_1679Heinrich Dörrie
POLYBIOS ÜBER PIETAS, RELIGIO UND FIDES
(ZU BUCH 6, KAP. 56)
Griechische Theorie und römisches Selbst Verständnis
I - Vorbemerkungen
a. Bisher herrscht unter den Gelehrten, die sich zu Polybios 6,56 ge
äußert haben (*), das Urteil vor, Polybios habe sich von seinem Eatio-
nalismus leiten lassen, wenn er von römischer Eeligion als einer krass
ausgeprägten δεισιδαιμονία (2) spricht. Trifft es nun zu, daß Polybios sich
zu sehr von der ihm selbstverständlichen Betrachtungsweise hat leiten
lassen, so daß er dem, was er in Kom vorfand, nicht gerecht wurde? Ein
solches Urteil ist dazu geeignet, dem vollen Verständnis dieses wichtigen
Kapitels im Wege zu stehen; darum soll der Versuch gemacht werden,
abzuwägen, inwieweit Polybios' Worte griechische Theorie, und inwie
weit sie ein römisches Selbstverständnis widerspiegeln, dem Polybios in
Eom begegnete.
Es kann und soll nicht bestritten werden, daß Polybios die religio
der Eömer von seinem Standort aus sieht, beschreibt und erklärt. Sein
Standort ist der des gebildeten Griechen hellenistischer Zeit. Wenn Po
lybios auch kaum, wahrscheinlich garnicht, von der Philosophie seiner
Zeit geprägt ist, so ist doch der rationalistische Grundzug des « Pragmat
ismus » (3), den er mit Überzeugung vertritt, nicht zu verkennen. Nur
ist mit dem Schlagwort «Bationalismus» wenig gesagt und nichts erklärt:
Als ein knappes Jahrhundert später Cicero und Varrò zum römischen
Sakralwesen das Wort ergriffen, haben sie einen oft weit radikaleren
Eationalismus aufgewendet, um Sinn und Ordnung der res sacrae auf-
i1) U. v. Wilamowitz: Der Glaube der Hellenen, 2II 388/9; F. W. Walbank:
A Historical Commentary on Polybius, 1957, z.St. 741/2; K.v. Fritz: The Theory of
Mixed Constitution in Antiquity, 1954, 396 f.; Franz Cumont: Lux perpetua, 1949,
109 f.
(2) Vgl. unten S. 262 f.
(3) Hier ist auf Polybios' grundsätzliche Bemerkung 12,28,3 zu verweisen. 1ί)Δ HEINRICH
zufìnden (^; ihnen war es sowenig möglich wie zuvor dem Polybios, rö
mische religio bis auf ihre Wurzeln zuri'ickzuverfolgen. Vielmehr besteht
zwischen Polybios und denen, die nach ihm kamen, folgender konstitu-
tiver Unterschied: Unter dem Einfluß des Poseidonios suchten Cicero und
Varrò nach einem absolut gültigen, von der Natur her motivierten Eecht.
Polybios dagegen stand mit Entschiedenheit auf dem Standpunkt, daß
alle Eechts-Setzung und Eechtswahrung allein Menschen zu Urhebern
habe; von diesem vollauf anthropozentrischen Standpunkt wird unten
S. 25 t f. die Eede sein.
b. So wenig der primär griechische Standpunkt des Polybios in Zweif
el gezogen werden kann, so wenig sollte man die Augen davor ver
schließen, daß Polybios die Äußerungen römischer religio annähernd so
bewertet, wie sie von Eömern durchweg bewertet wurde. Gewiß, Polybios
gibt dem Ganzen durch eine absichtsvolle Wortwahl eine negative, eine
abwertende Färbung: Gegen solche δεισιδαιμονία gibt es eine ganze Eeihe
von Bedenken; Polybios führt seinen Leser den Weg, den er vermutlich
selbst gegangen ist: Nach Überwindung einigen Widerwillens, und unter
Zurückstellung bestimmter, sonst wohl begründeter Werturteile gelangen
der Autor und seine Leser zu dem Ergebnis, daß in der Haltung der Eö-
mer der religio gegenüber in der Tat die propria virtus zum Ausdruck
gelangt. Und es ist eben diese propria virtus, welche die bisherigen Er
folge Borns bewirkt hat, und welche die künftigen legitimiert. Kurz,
wenn man von der abwertenden Überhöhung absieht, die mit dem Worte
δεισιδαιμονία gegeben ist, dann spricht aus Polybios' Worten die in Eom
seit früher Zeit (2) tief eingewurzelte Überzeugung, daß sich Eom dank
der immer wieder geübten pietas und religio in der pax deum befindet,
und daß diese allein Eom auszeichnende virtus das Unterpfand aller
Erfolge ist. Kurz, der Text des Polybios muß unter griechischem und
unter römischem Gesichtswinkel verstanden werden; den nachstehenden
(*) Augustins Polemik gegen Varros Versuch, eine Ordnung aufzufinden, ba
siert vor allern auf den Widersprüchen, die Vano in Kauf nahm, um seine theologia
naturalis mit den tatsächlich zu Rom praktizierten Kulten in Einklang zu bringen;
dazu Augustin, civ. dei 4,22; 6,9; 7,28 u.ö.
(2) Hierzu ist das Schreiben heranzuziehen, das der Prätor M. Valerius Messalla
i.J. 193 v.Chr. an die Bürger von Teos richtete; Dittenberger, Syll.3 601,13: ότι μεν
διόλου πλείστον λόγον ποιούμενοι διατελοΰμεν τήν προς τους θεούς εύσεβείαν, μάλιστα αν τις
στοχάζοιτο εκ της συναντωμένης ήμϊν εύμενείας δια ταϋτα —αρά τοϋ δαιμονίου * ού μήν άλλα και
εκ πλειόνων πεπείσμεθ-α συμφανή γεγονέναι τήν ήμετέραν εις το θείον προτιμίαν. Das ist
griechisch stilisiert (übrigens ganz vortrefflich) — und es ist eminent römisch gedacht. ÜBER « PIETAS, RELIOIO » UND « FIDES » 253 rOLYBIOS
Seiten stellt sich die Aufgabe, beides gegen einander abzuwägen — wobei
sich ergeben wird, daß die beiden Seiten legitimen Verständnisses keines
wegs in Widerspruch zu einander treten: Polybios hat einen römischen
Sachverhalt zwar seiner interpretatio Gracca unterworfen, ist ihm dabei
aber (von einer Ausnahme abgesehen, vgl. unten S. 207 f.) vollauf gerecht
geworden.
e. Das Kapitel, in welchem Polybios die Einstellung der Römer zu
den Göttern — ή ττερί ίεων διάληψις — behandelt, steht am Ende des
wTeit ausgesponnenen Vergleiches zwischen dem 'Ρωμαίων ττολίτευμα und
anderen, nach Polybios' Meinung vergleichbaren Staaten (*). Dabei darf
nicht überhört werden, daß Polybios nun, nachdem mancherlei Vergleiche
angestellt sind, sich dem zuwendet, was er als die μεγίστη διαφορά be
zeichnet. Hier wird unüberhörbar eine Klimax gebildet: Jetzt kommt
ein Punkt zur Sprache, zu dem kaum mehr ein Vergleich zulässig ist.
Diese Klimax hat Polybios mit bemerkenswertem Aufwand an st
ilistischen Mitteln (vgl. unten S. 261) herausgearbeitet. Trotzdem lehrt
ein Vergleich von 56,13-15 mit dem Beginn des Kapitels, 56,1-5, daß
Polybios (seiner theoretischen Erwägungen ungeachtet) fortfährt, den
selben Gegenstand weiter zu behandeln: 56, 1-5 geht es um die Haltung
dem Geld gegenüber. In Karthago scheint die Wahl-Bestechung toleriert
zu werden, in Rom gilt sie als todeswürdiges (2) Verbrechen. Analog wird
56,13-15 folgender Vergleich gezogen: In griechischen Städten sichert
man sich durch Kontrollen (3), durch Siegel und durch Zeugen (4) dagegen,
daß öffentliche Gelder veruntreut werden — oft genug ist jede Vorsicht
i1) Polybios sondert 6,43,2 und 8 die attische und die thebanisehe Staatsform
aus; sie lassen sich mit Rom nicht vergleichen; 6,48,7-10 begründet Polybios, warum
ein Vergleich mit Piatons idealem Staat unangemessen ist. So bleiben Vergleiche
übrig mit der Staatsform, die es einst auf Kreta gab (6,45-47), mit der Spartas (6,48-
50) und endlich mit der Karthagos (6,51-56,5). Vgl. Th. Cole: The Sources and Com,-
position of Polybius VI; Ilistoria, 13, 1964, 124-136.
(2) Polybios 6,56,5; vgl. Tli. Mommsen: Rom. Strafrecht 1899/1955, 668 A 3;
dieser Satz des Polybios ist das einzige Zeugnis für eine derart strenge Verfolgung
des ambitus.
(3) Dem άντιγραφεύς oblag ersichtlich eine Kontrollfunktion; er hatte eine ge
sonderte, unabhängige Aufzeichnung über eingehende und über ausgezahlte Betrage
zu fuhicn; Aischines 3,25; Demosth. 22,70 Ende.
(4) Der ungemeine Aufwand, den man « bei den Griechen » betreibt, um der
Veruntreuung vorzubeugen, wird von Polybios mit hörbarer Ironie dargestellt; die
Zahlen der daran Beteiligten (10 Kontrolleure oder Gegenrechner, die jeder sein
Siegel anbringen, dazu 20 Zeugen) sind bis zur Unglaubwürdigkeit übertrieben. 254 HEINRICH DÖRRIE
umsonst. In Eom dagegen wird die durch Eid (x) bekräftigte πίστις = fides
zuverlässig gewahrt. Eine fast epigrammatisch zugespitzte Antithese
fasst das Bisherige zusammen: Selten hat bei den Griechen jemand reine
Hände — άπεχόμενον . . . των δημοσίων και καθαρεύοντα — selten wird
in Eom jemand solcher Unehrlichkeit überführt (6,56,15). Kurz, zu Be
ginn wie zu Ende des Kap. 56 dominiert das Thema « Untadligkeit finan
ziellen Verlockungen gegenüber». Um den Grund darzulegen, warum
sich Eom in dieser Hinsicht zu seinem Vorteil — προς το βέλτιον — von
Karthagern und Griechen unterscheidet, hat Polybios die Sätze 6,56,6-12
eingefügt. Man sollte die doppelte Beziehung sehen, in der der Schluß
des Kapitels steht: Die Sätze 13-15 führen der Sache nach die Erörterung
weiter, die 6,56,1-5 begonnen hatte. Zugleich illustrieren sie durch ein
auffälliges Beispiel die von Polybios vorgeschlagene Erklärung.
Damit wird für die Erklärung des ganzen Abschnittes dies gewon
nen: Es geht nicht allein um die religio der Eömer — daß Polybios zu
diesem doch wahrlich ergiebigen Thema im Übrigen beharrlich schweigt,
zeigt deutlich, daß ihm wenig daran gelegen ist. Das Thema religio ge
winnt für Polybios nur darum (und erst dann) Bedeutung, wenn ein
politisches Verhalten aus ihr zu motivieren ist. Das ist hier der Fall:
Eömische fides als Treue dem Eid gegenüber ist (was sicher richtig be
obachtet ist) von der religio her begründet. Und das ist eine sehr starke
Begründung — daß ein Aufgebot von 10 Kontrolleuren und 20 Zeugen
viel weniger wirksam ist, wird mit hörbarer Überspitzung gesagt.
II - Setzung und Wahrung des Rechtes - anthropozentrisch gesehen
a. Für Polybios ist es eine Selbstverständlichkeit, daß alle Gesetze
von Menschen gemacht sind; er verwendet keinen Gedanken darauf, daß
etwa eine höhere, eine von der Gottheit oder von der Natur gewollte
Ordnung hinter allen (oder vielen) menschlichen Satzungen stünde (2).
(x) κατά τον ορκον — dieser Ausdruck stellt die Verbindung zu 6,56,12 her; es
geht nun um die Unverbrüchlichkeit des Eides.
(2) In diesem Punkte ist der Unterschied gegenüber Cicero sehr groß; Gedanken,
die dieser — etwa de legg. 2,8 ff. — zur Begründung des Hechtes aus der All-Natur
äußert, liegen Polybios völlig fern; vgl. hierzu m. Aufsatz: « Ciceros Entwurf zu einer
Neuordnung des römischen Sakralwesens. Zu den geistigen Grundlagen von de legibus,
Buch 2», Classica et Medievalia, diss. 9 = Festschr. Franz Blatt, 1973, 252-268. ÜBER « PIETAS, RELIGIO » UND « FIDES » 255 POLTBIOS
Letzten Endes ist es der politische Erfolg oder Mißerfolg, der über
den Wert einer Gesetzgebung entscheidet (x); an dieser 'pragmatischen'
Einstellung liegt es, daß Polybios schließlich zwar nicht die römische
δεισιδαιμονία billigt, wohl aber die Motive derer, die sie eingeführt haben.
Es würde zu weit führen, im Einzelnen auszuführen, wie sehr Po
lybios der im 5. und im 4. Jahrh. geführten Diskussion verpflichtet ist,
ob Kecht und Gesetz von Natur bestehen, oder ob sie zum Nutzen aller,
oder vielleicht gar nur zum Nutzen weniger erfunden worden sind (2).
Freilich steht Polybios lediglich in der Nachfolge der einen, zuvor heiß
umstrittenen These: Alle Gesetze sind um des Nutzens willen von Men
schen gemacht. Die andere These, nach welcher man ungeschriebenes
Recht als unveränderlich gültig (3) von menschlicher, und darum verän
derlicher Kodifikation sondern wollte, hat für Polybios offensichtlich
keine Bedeutung gehabt.
b. Nur für einen Punkt, der in Polybios' Konzeption wichtig wird,
verlohnt es, auf das 5. Jahrh. zurückzublicken. Zur Zeit der ausgehenden
Sophistik muß man bemerkt haben, daß die These vom ausschließlich
menschlichen Ursprung des Eechtes eine bedenkliche Lücke auf wies:
Wenn alle Gesetze von Menschen gemacht sind, dann muß auch alle
Überwachung, daß diese Gesetze befolgt werden, einzig bei Menschen
liegen. Dann aber gelten nur soweit, als diese Überwachung
wirksam ist. Ein Verbrechen, das heimlich geschieht und das unbemerkt
bleibt, unterliegt einer so verstandenen Gesetzgebung nicht. Hinter die-
(x) Hier liegt der Grund, warum Piatons Staat in keinen Vergleich mit existi
erenden Staaten gerückt werden soll, so Polybios 6,48,7-10: Wer würde denn ideali
sierte Statuen — αγάλματα — mit lebenden, gut trainierten Athleten vergleichen?
Allein auf die 'pragmatische' Bewährung kommt es an. Hier kündigt sich das Pyg
malion-Motiv von ferne an, aber Polybios versagt es sich und seinen Lesern strikte,
dem nachzuhängen: Ideal und Wirklichkeit sind inkommensurabel, und es gilt nur
die Praxis. Damit macht sich Polybios stillschweigend den Satz des Zenon zu eigen,
daß die Ideen (und zugleich jedes Ideal) nur Ausgedachtes sind, vgl SVF I 19,28.
Mit anderen Worten: Zwischen Idee und Realität besteht kein Bezug, keine Teilhabe,
keine Analogie. Hier befindet sich Polybios mit seinem ganzen Jahrhundert in weiter
Ferne von Piaton.
(2) Vgl. F. Heinimann: Nomos und Physis; Schweizer Beiträge zur Altertums-
wiss. 1, 1945; dazu M. Pohlenz: Xomos und Hermes 81, 1953, 418-438 = Kl.
Schriften II 341-360.
(3) Hier ist vor allem an die Verteidigung der sophokleischen Antigone zu erin
nern: Das ungeschriebene Gesetz, das die Bestattung eines jeden, auch des schuldig
Gewordenen, fordert, hat höheren Rang als Kreons Edikt — so 450 ff. 250 HEINRICH DÖRRin
sen Überlegungen muss ein wichtiges Argument derer gestanden haben,
die göttlichen Urspung und göttliche Garantie aller Gesetze verteidigten.
Deren Argument dürfte gelautet haben: Angenommen, alle Gesetze wä
ren nur von Menschen gemacht, wie kommt es dann, daß viele Menschen
Eecht und Gesetz einhalten, auch wenn kein anderer sie beobachtet?
Das wichtigste, jedenfalls das früheste Zeugnis hierzu ist eine Ehesis,
die Kritias, Piatons Onkel, dem Sisyphos in den Mund legte (*); die hier
aus erhaltenen Verse bildeten die Exposition (wenn nicht der Handlung,
dann der «Moral» des Helden). Derjenige, der diese Verse sprach, wurde
entweder im Verlauf des Stückes seines vollständigen Irrtums überführt;
oder ihm gelang es durch eine List, der verwirkten Strafe zu entgehen.
Auch dann war der Hörer zu der Folgerung genötigt, daß Sisyphos'
kühne These, kraft derer er an kein Gesetz und an keine Ordnung g
ebunden zu sein glaubte, schwerlich zutreffen kann.
Xach den Vorstellungen, die von Sisyphos vorgetragen wurden, hat
einst ein schlauer Mann (2) die Furcht vor den Göttern erfunden. Als
die Gesetze bereits erfunden und mithin in Kraft waren, stellte sich die
Lückenhaftigkeit ihrer Überwachung durch Menschen heraus. Nun wurde
die Einschüchterung hinzuerfunden; die Lücke, die bisher klaffte,
geschlossen, weil nun die Furcht vor den stets anwesenden Göttern die
Menschen an Straftaten hindert. Kurz, der schlaue Erfinder änderte
nichts an der Materie der bereits geltenden Gesetze. Aber er bewirkte eine
« Bewußtseins-Veränderung » — eben jene fortan wirksame Einschücht
erung.
Derjenige, der diese Ehesis spricht — wrohl sicher Sisyphos selbst (3) —
ist alles andere als ein Anhänger von Gesetz und Eechtlichkeit. Er be
dauert es offen, daß der Trick des schlauen Mannes gelang, d.h. daß die
Gesetze auch dann gelten, wenn ihre Erfüllung menschlicher Kontrolle
entzogen ist. Alle übrigen Menschen haben sich von diesem Schwindler
betrügen lassen. Sisyphos allein kennt die Wahrheit; er ist darum aller
Eücksicht auf die göttliche Aufsicht enthoben.
Dies ist der Punkt, um den es in der vorliegenden Ehesis geht. Erst
am Schluß des erhaltenen Textstückes (v. 42/43) dringt der Sprecher,
also Sisyphos, zu der Folgerung vor, daß offenbar mit der Furcht vor
(x) Text bei Sextus Emp., adv. math. 9,54 = Tra#. Grace. Frammenta ed.
Xauck, p. 771-773; Vorsokr. 88 Β 25 = 6II 386 ff. Diels-Kranz.
(2) Ebda. v. 5 πυκνός τις και σοφός γνώμην άνήρ.
(3) So mit voller Zuversichtlichkeit Γ. ν. Wilamowitz: Glaube der Hell. 21I 212. ÜBER « PIETAS, RELIGIO » UND « FIDES » 257 POLTBIOS
Göttern diese selbst erfunden worden sind; der hier zu Tage liegende
« Pragmatismus » erreicht seinen Gipfelpunkt, indem geschlossen wird:
Wenn die Einschüchterung, die von den Göttern ausgeht, arglistig er
funden, also nicht wahr ist, dann kann den Göttern überhaupt keine
Funktion zugeschrieben werden i1). Also muß an der Existenz derart
funktionsloser Wesen gezweifelt werden. Hiervon sollte die vielfach ge
äußerte Meinung (2) sorgam getrennt werden, nach der die Schreckniss
e (3) der Natur und die Wunder des Sonnen- und Sternen-Laufes den
Menschen nicht nur erste Kenntnis — πρώτη έννοια του θείου — sondern,
als ein υπερβάλλον sozusagen, die Ur-Angst vor den Göttern eingeflößt
habe. Nicht von derart naiver Angst ist im Fragment des Kritias die
Eede, sondern davon, daß diese Angst durch einen πρώτος εύρετής (4)
absichtsvoll und künstlich hervorgerufen sei.
c. Im 4. Jahrh. hat diese Frage nicht geruht. Xenophon (5) rühmt
den Sokrates, Isokrates (6) rühmt einen weisen Mann, der die Furcht
vor den Göttern als ein zivilisatorisches Mittel erfand und einführte (7);
(*) Hier hat offenbar die Erörterung den Punkt erreicht, von dem (fast 100
Jahre später) Epikur ausgehen sollte; dieser stellte die hier geäußerte These in den
Mittelpunkt: Nur weil sie in Bezug auf die Menschen ohne Funktion sind, nur darum
sind sie Götter.
(2) Hierfür zentral Sextus Emp., adv. math. 9,17 ff. Dort liegt eine umfängliehe
Doxographie vor zum Thema πόθεν ή πρώτη έννοια των θεών. Diese Doxographie um-
faßt nahezu alles, was an antiken Zeugnissen hierzu vorliegt, nämlich: a.O. 17: Euhe-
meros = Fgrllist 66 Τ 4c; a.O. 18: Prodikos = Vorsokr. 84 Β 5; II6 317, 12-19;
a.O. 19: Demokritos = Vorsokr. 68 Β 166; IP 178,5-12; a.O. 20-22: Aristot. περί
φιλοσοφίας fg. 10 Rose3 = 12a Ross; a.O. 24: Demokritos = Vorsokr. 68 A 75; IIe
102,19-103,2; a.O. 25: Epikur, fg. 333 Usener; a.O. 26: Aristoteles' περί φιλοσοφίας fg. 11
Rose3 = 12b Ross; a.O. 28: τών δε νεωτέρων Στωικών φασί τίνες... Diese Notiz ist
weder in die SVF noch in die Sammlung "Posidonius I; The Fragments" von Edel-
stein/Kidd, 1972, aufgenommen worden.
(3) Prodikos (B 5, siehe vor. Anm.) betonte, daß die Menschen die Götter um
ihrer Wohltaten willen verehrt hätten; Demokrit (A 75 mit A 76, siehe vor. Anm.)
betonte die Schrecknisse.
(4) Vgl. Ad. Kleingünther: πρώτος εύρετής. Untersuchungen zur Geschichte einer
Fragestellung; Philologus, Suppl. 26,1; 1933, 113 ff.
(5) Xenophon, mein. 1,4 Ende.
(6) Isokrates, Busiris 24-28.
(7) Ebda. 25 ... οί τον φόβον ήμϊν ένεργασάμενοι τούτων αίτιοι γεγόνασι του μή παντά-
πασι θηριωδώς διακεϊσί>αι προς αλλήλους. Die Erfindung der Religion ist eben wegen der
anhaftenden Furcht eine Kulturtat gewesen; hier klingt das oft erörterte Motiv an,
zuvor hätten die Menschen sich wie Tiere verhalten; vgl. unten S. 272 A. 3.
19 258 HEINRICH DÖREIE
— es kann nicht wahrscheinlich zielt Isokrates damit auf Pythagoras (*)
überhört werden, daß im darauf folgenden Abschnitt mehrfach
auf die politische Weisheit des Pythagoras hinweist.
So wie Isokrates « jenen » (2) Weisen, so zeichnet Plutarch (3) den
König ifuma: Dieser habe die « Bewußtseinslage » — διάνοια — der sonst
zu übermütigen Eömer (4) gedämpft und herabgestimmt, und zwar mit
dem bewußt angewandten Mittel der δεισιδαιμονία. Im unmittelbaren
Anschluß daran berichtet Plutarch, Xuma sei Schüler des Pythagoras
gewesen. Plutarch spricht also aus, daß sich ìiuma eben durch die so
gekennzeichnete Keligionspolitik in der Nachfolge — διαδοχή — des Py
thagoras befunden habe. Was Isokrates dem Leser zu erschließen nahe-
legt, spricht Plutarch rund heraus aus: Pythagoras sei der Urheber jener
«Erfindung», religiöse Ängste politisch nutzbar zu machen.
Cicero weiß wohl — und zwar auf Grund der verläßlichen Chronol
ogie, die man eben Polybios verdankte (5), daß es ein grober Anachronis
mus ist, den König Xuma in die Zeit des Pythagoras herabzuriicken.
Am Faktischen aber, das die vita Numae bot, hält Cicero fest, so de rep.
2,26 animos . . . ardentes consuetudine et cupiditate bellandi relujionimi
caerimoniis mitigavit — auch hier steht der Umstand, daß ein sonst wildes
oder verwildertes Verhalten gezügelt und gemäßigt wird im Vordergrund
des Interesses. Daß sich die Menschen den Göttern beugen, wird hier
— ebenso wie bei Isokrates — als ein Kulturfaktor gesehen. Auf jeden
Fall wird durch diese weit auseinander liegenden Zeugnisse ein als positiv
bewerteter Komplex der politischen Ethik umschrieben, auf den erstmals
(J) Hier findet folgende Umkehrung statt: Eben Die Erfindung, die der Sisyphos
des Kritias dem « schlauen Mann » als eine böse List zum Vorwurf machte, wird für
Isokrates und Cicero (vgl. unten, zu einem Ruhmestitel für den wahrhaft Weisen.
(2) Isokrates, Busiris 26 — ολλας γαρ αύτοϊς καί πανταδοπας ασκήσεις της όσιότητος
εκείνος κατέστησεν όστις. . .
(3) Plutarch, Numa 8,3 . . . έπηγάγετο την arò των θεών βοήθειαν τα μεν -ολλα
■Ουσίαις καΐ ττομ-αϊς καί χορείαις . . . ήδονήν έχούσαις δημαγωγών και τιί>ασεύων το θυμοειδές
καΐ φιλοπολεμον ' εστί δε δτε καί φόβους τινας ότταγγέλλων τταρα του -Ο-εοϋ καί φάσματα
δαιμόνων αλλόκοτα καί φωνας ούκ ευμενείς έδούλου καί τα— εινήν έττοίει τήν διάνοιαν αυτών ύττο
δεισιδαιμονίας.
(4) Rom befand sich eine Generation nach seiner Gründung in der Verfassung,
die Piaton, Staat 2; 372 E als πόλις φλεγμαίνουσα bezeichnet; so Plutarch, Numa 8,1
mit ausdrücklichem Zitat Piatons.
(5) Cicero, de rep. 2,27 sequamur enitn potissimum Polybium nostrum quo nemo
fuit in exquirendis temporibus diligentior . . . ÜBER « PIETAS, RELIGIO » UND « FIDES » 259 POLYBIOS
gestoßen zu sein man — nicht ohne Grund — dem Pythagoras (x) zu
schrieb.
d. Aristoteles deutet es met. α 3; 995 a 3-6 knapp an, daß ihm derlei
Vorstellungen bekannt sind; met. Λ 8; 1074 b 1-8 spricht er es deutlich
aus. Er sondert einen Aspekt der wahren, zutreffend überlieferten Gottes-
Erkenntnis (2) von dem wuchernden, nicht mehr vertretbaren Zuwachs (3)
an religiösen Vorstellungen. Diese haben nichts mehr mit der Erkenntnis
der Wahrheit zu tun, sondern sind der irrational begründeten Überzeu
gung — προς την τζζώω των πολλών — zugeordnet (4); vor allem sei derlei
eingeführt προς την εις τους νόμους και το συμφέρον χρήσιν. Mit solcher
Zweckbezogenheit hören derlei Vorstellungen auf, Gegenstand der Phi
losophie zu sein (5); daneben ist die Äußerung des Aristoteles in der Pol
itik E 11; 1315 zu halten (6); es ist ein mit Ironie gekennzeichnetes po
litisches Mittel des Herrschers, Scheu vor den Göttern zur Schau zu tra
gen; sie wird ihm nützlich sein, um seine Herrschaft zu befestigen.
Aristoteles urteilt nicht; er teilt einen Befund mit: Alles, was da
μυΟ-ικώς der einfachen Feststellung « es gibt Götter » zugefügt worden
ist, ist in der bezeichneten Eichtung pervertiert worden; schon der Ums
tand, daß man sich die Götter in Gestalt (7) und Lebensführung (8) wie
(x) Hiermit ist zusammenzuhalten, was Cicero, de legg. 2,26 über den Nutzen
der religio sagt: Man soll die Götter in Tempeln innerhalb der Städte verehren, nicht
wie die Perser es tun, ohne Tempel und im Freien. Denn man soll den Menschen die
Verehrung der Götter immer wieder nahe legen: adfert . . . haec opinio religionem
utileni civitatibus, si quidem et illud bene dictum est a Pythagora . . . turn maxume et
pietatem et religionem versari in animis, cum rebus divinis operavi daremus; eines der
χρυσα έττη dürfte eben dies zum Gegenstand gehabt haben.
(2) a. 0 Λ 8; 1074 b 1-3 παραδέδοται δέ. . . εν μύί>ου σχήματι ότι θεοί τέ είσιν ούτοι
καί περιέχει τό θείον την δλην φύσιν. . .
(3) Diese unerwünschte Addition wird mit ττροσηκται bezeichnet.
(4) In dieser Formulierung klingt bereits an, was bei Polybios dominieren wird:
Da ist etwas fiir die vielen — οί ζολλοί oder το πλήΟ-ος — zurecht gemacht (« manip
uliert »); Aristoteles schließt freilich nicht, wie vor ihm Kritias und nach ihm Po
lybios, daß das nach Plan und Vorsatz geschah.
(5) Diese Sätze gehen unmittelbar dem wichtigen Abschnitt met. Λ 9 vorauf;
durch Ablehnung des μυίΗκώς Überlieferten wird der Weg frei gemacht fiir eine im
vollen Sinne philosophische Untersuchung über das Göttliche, das reines Denken ist.
(6) Vgl. unten S. 262 Λ 4.
(7) Hierzu mit Ablehnung met. Β 2; 997 b 9-14.
(8) Aristoteles, Politik A 2; 1252 b 24-27 τους θεούς ... -άντες φασί βασιλεύεσαι,
δτι καί αυτοί οί μεν ετι καί νϋν, οί δέ το άρχαΐον έβασιλεύοντο, ώσττερ δέ καί τα εΐδη έαυτοϊς
άφομοιοϋσιν οί άνθρωττοι, ούτω καί τους βίους των θεών.

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