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Vom Dorfbauern Zum Weltmarktführer

De
193 pages



Dieses Buch erzählt nicht nur die Entstehungsgeschichte des Mittelstands-Unternehmens Delfingen, sondern auch die Geschichte der Familie des Gründers Bernard Streit. Trotz einer sehr lückenhaften Schulzeit und seiner als Kind sehr ausgeprägten Schüchternheit schafft Bernard Streit es Schritt für Schritt, angetrieben von einem eisernen Willen, unterstützt durch ein intuitives Verständnis für Management und durch seinen tief verwurzelten Humanismus, sein Unternehmen zur Weltmarktführerschaft in seinem Marktsegment zu führen.



Mit bewegender Aufrichtigkeit beschreibt der Gründer uns seinen Weg vom einfachen Bauern bis zum Unternehmensleiter, auf dem er die Erfahrung macht: "Was heute unmöglich ist, kann bereits morgen möglich sein, und umgekehrt." Hochgestochenen Reden stellt Bernard Streit sein optimistisches Leitmotiv gegenüber: "Das Schlimmste muss nicht immer das Wahrscheinlichste sein.“ Dieser Satz, zusammen mit seiner Überzeugung, dass das Menschliche immer im Mittelpunkt steht, zieht sich wie ein roter Faden durch das bewegte Leben des Gründers von Delfingen.

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couverture
CLAUDINE LE TOURNEUR D’ISON

VOM...

An meine Eltern und Schwiegereltern
An Françoise, meine Frau
An Philippe, meinen Bruder
An Gérald und Hélène
An David und Stéphanie
An meine Enkelkinder, Victor, Benoît, Agathe und César

»Manche halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man töten sollte.

Andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne.

Nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht.«

Winston Churchill

Inhalt
Titre
Landflucht
Ein tüchtiger, wagemutiger Bauer
Die Kraft des Ursprungs
Das Wunder »Plastik«
Emile, der Einfallsreiche
Eine wechselhafte Kindheit
Unser erster Urlaub
»Hallo, Freunde«
Auffällig schüchtern
Philippe, mein Bruder
Zurück ins wirkliche Leben
Erste Berührung mit den Banken
Die Werkstatt
Mein Vater, ein echter Tüftler
Die Flucht nach vorne
Mit einem Fuß im Abgrund
Zurück auf die Schulbank
Das Wunder des Rohrschutzes
Erste Schritte außerhalb von Frankreich
Eine mutige Positionierung
Die Gegenattacke
Die Börseneinführung
Unerwartete Hilfe
Ein Alptraum ohne Ende
Mit beiden Füßen in Amerika
Das Fiasko in Südamerika
Jenseits der Krisen
Zögern der Banken
Drogenhandel in El Paso
IX - Allen Hindernissen zum Trotz - Fehleinschätzung mit düsteren Folgen
Tragische Schicksale
Tiefe Verbundenheit mit unseren Werten
Hohe Ansprüche
Der »animalische Instinkt« eines Unternehmers 
X - Die Krise von 2008 - Die zerschlagene Strategie
Drahtseilakt
Die schützende Hand des Großvaters
Unsere globale Präsenz
XI - Die Welt des Unternehmens - Die große Familie im Dorf
Die Mafia von Honduras
Einstellen und entlassen, zwei riskante Unterfangen
Das Ende des patriarchischen Systems
Schnittpunkt der Interessenskonflikte
Alleine mit der Ungewissheit
Der rote Faden
XII - Der aufgehenden Sonne entgegen - Erste Schritte nach Asien
Komplexe Strukturen
Reise nach Asien
XIII - 2014 – Visionen werden Wirklichkeit - Das fehlende Kernstück
Die Sonne von Honduras
In Oberfranken mit meinen Honigtöpfchen
XIV - Heute und morgen - Eine Nachfolge in naher Zukunft
Wir, die verborgenen Champions
Asien, das Ziel aller Träume
Europäische Probleme
Ein ständiges Infragestellen
Schlussbemerkung
Index

Vorwort

»Ich habe dieses Buch geschrieben, um Gérald und allen Mitarbeitern von Delfingen zu zeigen, dass alles möglich ist, wenn wir den Menschen in den Mittelpunkt unserer Interessen stellen«, schreibt Bernard Streit.

Diese Worte richten sich an alle Franzosen und insbesondere an die französische »Elite«, deren Kenntnisse über Unternehmen gering, um nicht zu sagen, inexistent sind. Sie hat Vorurteile, die in der Schule von Lehrern unterrichtet werden, die nie eine andere Tätigkeit als den Unterricht ausgeübt haben. Die Verantwortung für diese mangelnde Kenntnis ist nicht nur ihnen zuzuschreiben. Wir als Manager, haben nicht genügend vermittelt, wie die Praxis aussieht.

Die Geschichte von Bernard Streit und seinem Unternehmen Delfingen füllt diese Lücke. In diesem Buch erfahren wir, was ein Unternehmen sein soll, nämlich ein Ort an dem gemeinsam Reichtum geschaffen wird und zwar für alle betroffenen Stakeholders: Die Aktionäre, die Kunden, die MitarbeiterInnen, und die Regionen, in denen es tätig ist. (die Reihenfolge ist absichtlich alphabetisch) Die verkürzende Definition des Unternehmensziels als kurzfristige Erzeugung von Gewinn zum ausschließlichen Nutzen der Aktionäre, ist ein Irrtum. Erstens, weil ein Unternehmen, um lange leben zu können, eine Vision und eine Strategie auf lange Sicht entwickeln muss. Und zweitens, weil ein Unternehmen vor allem aus Männern und Frauen besteht, die gemeinsam diesen Reichtum produzieren.

Wir sollten aufhören, im wirtschaftlichen Ergebnis den Teufel zu sehen: Gewinn zu erwirtschaften, ist eine Disziplin, sogar eine Tugend, die im Dienst der Autonomie, der Finanzierung, der Entwicklung, der Investitionen und der gerechten Bezahlung der MitarbeiterInnen… und der Aktionäre steht.

Das Unternehmen ist auch ein Ort, an dem Herausforderungen angenommen werden, und zwar zu allererst die, die man an sich selbst stellt. Es ist ein Ort der Vielfalt und der Auseinandersetzung, in dem MitarbeiterInnen, das Recht haben, sich zu irren oder gar Fehler zu machen. Die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens kann nicht ausschließlich an finanziellen Anhaltspunkten, und schon gar nicht kurzfristig, gemessen werden. Sie wird auch und vor allem daran gemessen, ob die Kunden zufrieden sind, ob sich die Angestellten wohl fühlen, wie motiviert und einsatzbereit die MitarbeiterInnen sind, und was es dazu beiträgt, das gesellschaftliche Zusammenwirken angenehm zu gestalten. Wenn ein Unternehmen diese Faktoren optimiert, ist es verantwortungsvoll und solidarisch.

Diese Grundeinstellung wirkt sich auf das Verhalten aus. Dessen sind sich die Leiter von Delfingen seit jeher bewusst. Das Unternehmen wuchs im Rhythmus des Gewinns, den es erwirtschaftete, und der MitarbeiterInnen, deren Kompetenzen es gefördert hat.

Dieses Buch, die Geschichte von Delfingen, ist ein wunderbares pädagogisches Werkzeug für die, denen die Welt des Unternehmens fremd ist, und für die, die glauben, sie zu kennen und oft auch ein Unternehmen leiten.

Tatsächlich ist es, wie Winston Churchill schrieb: »Das Unternehmen ist das Pferd, das den Karren zieht«. Und das Pferd soll materiellen und immateriellen Reichtum produzieren, der unsere Gesellschaft zum Vorteil aller Beteiligten weiterbringt.

Dieses Buch ist eine Abhandlung über das Unternehmen, wie es sein soll und wozu es dient. In einer Zeit, in der andere Grundbausteine der Gesellschaft wie die Familie, die Kirche, die Schule und der Staat in Krise sind, zeigt uns die erfrischende, von Optimismus und gesundem Menschenverstand geprägte Geschichte dieses Unternehmens aus der Franche-Comté den Weg zu Verantwortungsbewusstsein und Solidarität.

Henri Lachmann
Henri Lachmann war viele Jahre Vorstandsvorsitzender
des europäischen Großunternehmens Schneider Electric
für Energieeffizienzlösungen, und ist heute Mitglied des Aufsichtsrats.

Rückkehr nach Radelfingen

Es ist bereits Herbst, aber die Landschaft um Anteuil, in der Region von Doubs, ist noch von sattem Grün. Die Firma Delfingen liegt einsam auf einer kleinen Bergkuppe, überschaut die Täler und Wälder und scheint seine Kraft und Energie aus dieser noch intakten Natur zu schöpfen.

Bei meiner Ankunft am Bahnhof von Besançon, nehme ich einen Mietwagen, um nach Anteuil zu fahren, eine kleine Gemeinde mit ungefähr 400 Einwohnern, die genau zwischen Montbéliard und Besançon liegt. Ich kenne diese Region in der Franche-Comté nicht und entdecke die von der Septembersonne beleuchteten Ausläufer des Jura. Ich soll dort Bernard Streit, den Vorstandsvorsitzenden von Delfingen treffen, um für eine Zeitschrift über Management ein Porträt über ihn zu machen.

Der Mann, der mich in der hellen, freundlichen Empfangshalle begrüßt, trägt weder Anzug noch Krawatte. Er ist groß und schlank, sein Blick...

I

Das Haus unserer Väter

Der »diabolische« Streit

Ich war in Rom auf einer Tagung der Akademie der Unternehmer, auf die ich seit 1995, als ich zum französischen Unternehmer des Jahres ernannt wurde, regelmäßig eingeladen wurde. Zu diesen angesehenen Seminaren wurde jedes Mal ein besonderer Gast eingeladen. Diesmal war es Luc Ferry, der damalige französische Kultusminister. Beim Mittagessen saß er mir gegenüber. Zu seiner Linken und Rechten, zwei charmante Damen, die sich sehr freuten, ihn zum Tischnachbarn zu haben. Nach einigen Schmeicheleien fragte ihn eine der beiden, was der Tod für ihn bedeutete. »Ach, meine Damen, wenn man so wie ich bis ins kleinste Detail über den Tod nachgedacht hat, stellt man fest, dass der Tod nichts ist.« Ich fand ihn etwas unverschämt und erwiderte: »Herr Minister, ich denke, dass Ihnen Ihre Philosophie nur dazu dient, das Unglück der anderen zu ertragen. Wir werden schon sehen, wenn Sie an der Reihe sind.« Er schaute auf – bis dahin hatte er mich keines Blickes gewürdigt – warf mir einen geringschätzigen Blick zu, dann sah er sich die kleine Karte an, die an mein Sakko geheftet war. »Ist das ihr Name?« fragte er mich. »Ja, das ist mein Name«, antwortete ich. Mit unverschleierter Heftigkeit erwiderte er: »Sie haben einen diabolischen Namen.« Von dem Moment an hat er nicht mehr mit mir gesprochen. Ich musste mich sehr zurückhalten, um ihn nicht zu beleidigen.

Ich hatte diesen Zwischenfall längst vergessen, als ich Jahre später Dominique Peccoud, einen Jesuiten, kennenlernte, der vom Papst Johannes Paul II. zum Vertreter der Kirche bei der UNO und dem IBT ernannt wurde. Ein Mann mit einer unglaublichen Allgemeinbildung. Zu Anfang der Jahre 2000 hatte er in einem Verein christlicher Firmenleiter Vorträge gehalten über die Mondialisation und die nötigen Voraussetzungen, damit sie für die Menschheit vorteilhaft wird. Ich bin nicht Mitglied des Vereins, aber Freunde hatten mir von seinem Vortrag erzählt. Er lehnte seine These an das Evangelium der wunderbaren Brotvermehrung: Diejenigen, die zu viel haben, sollen mit denen, die nichts haben, teilen. Seine Rede berührte mich so sehr, dass ich nicht locker ließ, bis ich ihn kennerlernen konnte. Ich sprach mit ihm über seine Interpretation der Evangelien und die Kritik, die sie ihm von den Christen sicher eingebracht hatte. Während des Gesprächs kamen wir auf Luc Ferry zu sprechen, da Pater Peccoud an einer Debatte mit ihm teilgenommen hatte. Ohne Umwege sagte ich zu ihm: »Ah! Sie haben diesen Schönredner kennengelernt?« Überrascht hakte er nach, und ich erzählte ihm von dem beschriebenen Mittagessen. Der Pater klärte mich darüber auf, dass Luc Ferry mehrere Sprachen, und darunter Deutsch, perfekt sprach. Beim Anblick meines Namens habe wohl er geglaubt zu verstehen, was »Streit« bedeutete. Er wäre zwar agnostisch, hätte aber dennoch ausgezeichnete Kenntnisse der katholischen Religion. Er wüsste, dass alles, was die Menschen vereint, Gott, also die Liebe war und alles, was sie uneinig macht, der Teufel, also der Hass war. In wenigen Sekunden hätte er »Streit« mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Das war für mich eine unglaubliche Lektion. Ich sagte mir: »Bernard, bevor du die anderen für Dummköpfe hältst, solltest du dir sagen, dass du selbst eine Wissenslücke hast!«.

Ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, zu versuchen, diese Wissenslücken zu füllen.

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Als wir Kinder waren, erzählte uns unser Großvater Christian Streit gerne die Legende unseres Namens. Vor langer, langer Zeit wurde ein kleiner Junge aus...

II

Otto und Emile, die Pioniere

Die Familie Moustier

Da sich sein ältester Sohn, Otto, nicht für den Hof interessierte, forderte ihn mein Großvater auf, sich um die Reparatur der Maschinen zu kümmern. Das machte ihm Spaß und er begann, selbst Landwirtschaftsgeräte herzustellen und gründete eine Firma. Mein vier Jahre jüngerer Vater trat in seine Fußstapfen. Ihr Geschäft lief gut und bald wurde ihnen die Werkstatt am Hof zu eng. In Clerval, einem Dorf, entdeckten sie einen Gießereibetrieb, der 1936 zugemacht hatte. Ein Glücksfall für die beiden Brüder, die dem Besitzer, dem Marquis de Moustier, vorschlugen, das Gebäude anzumieten. Die Moustiers akzeptierten unter der Bedingung, dass sie nach dem Krieg Geschäftspartner würden. Abgemacht! Otto und Emile stellten also vier Jahre lang Landwirtschaftsmaterial her.

Die Moustiers sind in der Region eine berühmte Familie. Der Marquis Léonel de Moustier, den mein Vater gekannt hatte, war Vorsitzender des Kohlebergwerks von Marles und Vizevorstand der Landwirtschaftskammer des Départements. Der Marquis spielte eine wichtige Rolle in unserer beruflichen Laufbahn. Er war ein sehr kultivierter Mann. Ich habe vor kurzem das sehr ergreifende Buch gelesen, das einer seiner Söhne ihm zu Ehren geschrieben hat. Die Familie Moustier hat ihr Schloss in Bourdel nie verlassen, nicht einmal während der Französischen Revolution. Sie haben dem Druck von Versailles nicht nachgegeben. Sie hatten eine sehr verbindliche Auffassung von ihren Rechten und Pflichten auf...

III

Das Haus in Anteuil

Michèle und Emile

Meine Eltern heirateten 1950. Michèle, meine Mutter, stammte aus demselben Dorf, sie war Französin und katholisch, während mein Vater, Emile, Schweizer und protestantisch war. Am Tag ihrer Hochzeit in Anteuil weigerte sich der Priester, ihre Hochzeit im Hauptschiff der Kirche zu zelebrieren und nach bitteren Diskussionen einigten sie sich auf das Schiff vom Heiligen Joseph. Das hat meine Mutter sehr gekränkt. Bei ihrer Beerdigung 2011 bestand sie darauf, dass der Priester und der evangelische Pfarrer gemeinsam die Messe lesen. In meiner Rede unterstrich ich die Intelligenz unserer Mutter, die die damalige Kränkung verziehen hatte. Für ihre letzte Reise stand der Sarg im Hauptschiff. Ich war neunundfünfzig und während der Trauerzeit fing ich an, vieles im Leben meiner Eltern zu verstehen. Obwohl ich keine innige Beziehung zu ihnen hatte, war ihr Tod weitaus schwerer zu verkraften, als ich mir vorgestellt hatte.

Meine Mutter kam aus extrem armen Verhältnissen. Ihr Vater, Elisée Dodivers, arbeitete beim Straßenbau im Dorf und starb, als sie fünf Jahre alt war. Seine Frau, Georgette, war Witwe geblieben und verdiente ihr Brot als Putzfrau und Wäscherin. Meine Mutter war sehr gläubig, und hat uns ökumenisch erzogen, da sie sowohl die protestantische als auch die katholische Kirche besuchte. Unsere Eltern haben uns katholisch getauft, aber wir sind zu tiefst protestantisch.

Da sie gewohnt war, ein an Armut grenzendes Leben zu führen, fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, wie ich auf ehrlichem Weg zu diesem großen Erfolg gekommen war. Ihr Sinn für Ehrlichkeit kannte keine Grenzen. Eines Tages brachte mein Vater einen Freund mit nach Hause, nachdem sie der amerikanischen Armee zwei alte Gebäude abgekauft hatten. Dieser sagt zu meiner Mutter: »Ah, Mutter Streit, wir haben ein Geschäft gemacht! Die Amerikaner haben ein Gebäude in Rechnung gestellt, und wir haben zwei bekommen!« Meine Mutter antwortete zornig: »Eins sag ich euch: Ihr zahlt den Amerikanern auch das zweite oder ihr gebt es ihnen zurück! Wir sind nicht reich, aber deswegen sind wir noch lange keine Diebe!« Mein Vater schwieg, sein Freund wunderte sich.

 

Elisée, mein Großvater, der im Straßenbau arbeitete, hatte ein tragisches Schicksal. Seine Mutter, eine hübsche junge Frau, wurde zweimal schwanger von zwei verheirateten Männern aus dem Dorf. Sie bekam erst eine Tochter, dann einen Sohn, meinen Großvater. Die beiden Väter legten Geld zusammen und schickten sie nach Amerika. Die beiden Kinder blieben bei ihrer Großmutter mütterlicherseits, die sie in Bauernhöfen unterbrachte. Ihre Mutter heiratete in New York, in Saint-Patrick’s Cathedral und kam nie wieder zurück. Wenn ich in New York bin, gehe ich in diese berühmte Kirche und denke an meine Urgroßmutter und ihr eigenartiges Schicksal. Jahre später fand man bei einem ihrer entfernten Cousins in Anteuil einen Stapel Briefe, in denen sie sich nach ihren Kindern erkundigte. Mein Großvater wuchs also bei Bauern auf, arbeitete beim Straßenbau, erlebte zwei Jahre Militärdienst und fünf Jahre Krieg mit Gefangenschaft, bis er dann 1919 befreit wurde. Er kam völlig zerstört zurück, wurde zum Alkoholiker und starb mit zweiundvierzig. Er lebte mit seiner Frau, Georgette, in dem kleinen Haus, in dem die Firma begonnen hatte. Das Ehepaar schlief in getrennten Zimmern, und die Stiege in den ersten Stock war sehr steil. Eines Samstagabends kam er betrunken nach Hause und stürzte die Stiege hinunter. Am nächsten Tag ging meine Großmutter mit ihrem Bruder picknicken. Als sie ihren Mann bei ihrer Rückkehr immer noch nicht sah, ging sie in sein Zimmer, wo er tot im Bett lag. Nach dem Sturz hatte er es geschafft, die Treppe wieder hochzusteigen. Allerdings ist er dann an Gehirnblutung gestorben. Manche Leute im Dorf hatten daraus geschlossen, dass ihn seine Frau die Treppe hinuntergestoßen hatte, weil sie ihn nicht mehr ertrug. Ein Alter aus dem Dorf erzählte mir einmal von meinem Großvater. »Ah, dein Großvater, der war vielleicht ein Giftzwerg! Als er vom Militär zurückkam, war er gewalttätig.« Er war dreimal nach Verdun geschickt worden, wo Pétain die Truppen alle zwei Wochen ablösen ließ, damit sich die Soldaten erholen konnten. Wenn man dreimal durch die Hölle von Verdun ging, verlor man den Verstand. Als Kind lernte ich ehemalige Soldaten kennen, die ihn alle verehrten.

— DAS HAUSFÜRS LEBEN —

In diesem Familienhaus in Anteuil, in...

Landschaftswanderungen

Im Juli kam ich zurück nach Anteuil, um meine Gespräche mit Bernard Streit fortzuführen. Es war mild, der Himmel heiter. Wir gingen auf das Belvedere, ein bewaldetes Hochplateau, auf das er sich gerne zurückzieht. Von hier aus hat man ein 180 gradiges Panorama auf das vom diaphanen Licht in Streifen geschnittene Tal des Doubs.

Eine wunderschöne Landschaft, die weder durch Hochspannungsleitungen noch durch schreckliche Bauten entstellt worden ist, als hätte sich die Natur seit ihrem Ursprung nicht, oder kaum verändert.
Links liegt das Dorf
Clerval, an dem sich die Doubs auf ihrem Weg nach Besançon vorbeischlängelt. Gegenüber, die Reste eines ehemaligen Steinbruchs, mit dessen Steinen die Autobahn A36 gebaut wurde. Zur Rechten, die Schneise von Belfort, die als Tor für alle Invasionen gedient hat und wo sich im letzten Krieg schreckliche Kämpfe abgespielt haben. Die Wölfe wurden im 19. Jahrhundert ausgerottet. Früher jagten die Bauern die Füchse, weil eines ihrer Felle mehr wert war, als ein ganzes Schwein. Es gibt viel Hochwild, Wildschweine und Rehe. Und wenig Jäger. Weder Bernard noch sein Vater hatten je Gefallen an der Jagd gefunden. Manchmal bringt Bernard Streit Kunden auf das Hochplateau, damit sie eine Übersicht über die Region bekommen und die Gebäude der Fabrik Delfingen situieren können, die von ihrer Architektur und ihrer Farbe so angelegt wurden, dass sie der Natur kein Unrecht antun.

Un pour Un
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