Uraufführung des Oratoriums «Sola quae cantat audit et cui cantatur»  von Daniel Glaus

Uraufführung des Oratoriums «Sola quae cantat audit et cui cantatur» von Daniel Glaus

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SAMSTAG, 15. AUGUST 2009 35LOCARNO Der amerikanische Regisseur William LITERATUR Eine Neuauflage des NS-RomansFriedkin erhält den Ehrenleoparden des 62. Film- «Fliegeralarm» ruft das satirische Talent der Schrift-festivals Locarno: Eine Begegnung. Seite 37 KULTUR stellerin Gisela Elsner in Erinnerung. Seite 37Tod des wahren«Guitar Hero»LES PAUL Er war ein durchausfingerfertiger Gitarrist – künstleri-sche Stricke hat er dabei indes keinezerrissen. Er war ein passionierterElektro-Bastler, der Ehrgeiz, es aufdiesem Gebiet zu Reichtum zu brin-gen, ging ihm indes ab. Wenn er et-was erfand, dann primär aus demAntrieb heraus,sich selbst dasLeben als Musi-ker ein bisschenangenehmer zugestalten.Trotzdemsorgt derTod desAmerikanersLesterWilliamPolsfuss–besserbekanntalsLesPaul–inderMusikszene für Bestürzung: «Er warder wahre ,Guitar Hero‘», lässt etwaderGitarristJoeSatrianidieWeltwis-sen, und Richie Sambora befindet:«Les Paul war revolutionär für dieMusikwelt.» Als Erfinder der elektri-schenGitarrewirdLesPaul–wienunoft behauptet wird – jedoch nicht indie Geschichte eingehen. Hier hat-ten andere Bastler bereits gute Vor-arbeit geleistet, als der Country-,Blues- und Hillbilly-Gitarrist Mitteder 1930er-Jahre damit begann, zuerforschen, wie sich der Klang derdamals erhältlichen elektrisch ver-stärkten Gitarren verbessern liesse.EinHolzklotzmachteGeschichte1941bauteerdieersteGitarreoh-ne Resonanzkörper, indem er denGitarrenhals kurzerhand auf ...

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KULTUR
SAMSTAG, 15. AUGUST 2009
35
LOCARNO
Der amerikanische Regisseur William
Friedkin erhält den Ehrenleoparden des 62. Film-
festivals Locarno: Eine Begegnung.
Seite
37
LITERATUR
Eine Neuauflage des NS-Romans
«Fliegeralarm» ruft das satirische Talent der Schrift-
stellerin Gisela Elsner in Erinnerung.
Seite
37
Nun, da die Achtzigerjahre wieder
einmal zum neuen Nostalgiezeit-
alter ausgerufen worden sind, ist
sie wieder öfter in Funk und Fern-
sehen zu Gast,die Inga Humpe aus
Berlin. In verwackelten Einspie-
lern irgendwelcher Musikhistorie-
Formate. Und meist sind es tro-
ckeneisnebel-getrübte Ausschnit-
te aus Konzerten oder TV-Auftrit-
ten mit ihrer einstigen Band Neon-
babies, die da zu bewundern sind,
jene Band, mit welcher die singen-
de Blondheit ab 1979 in Berlin erst
zornige Elektro-Punkauftritte in-
szenierte, um sich bald darauf in
Eher Walking als Hürdenlauf
Die neue CD des Berliner Duos
2raumwohnung
bietet wunderbaren Ü-35-Pop
eine bequemere Form des unter-
kühlten New-Wave-Pops zu er-
geben.
Bewegt hat sie sich schon in ih-
ren wilden Jahren kaum. Auf der
Bühne legte sie stets Wert auf fros-
tige Nonchalance, tanzte besten-
falls um blaue Neonröhren, und
selbst, wenn sie von Liebe sang,
klang das, als handle es sich dabei
um eine Schufterei, die den physi-
schen und emotionalen Aufwand
nicht lohnt.
Erfrischende Ideen
Bisheutehatsichdarannichtviel
geändert. Der Auftritt von Inga
Humpe mit ihrer Band 2raumwoh-
nung am diesjährigen Heitere-
OpenairinZofingenwarnichts,was
die Massen in anaerobe Ekstase
bugsierte, bestenfalls aber immer-
hin in gute Laune.Inga Humpe ver-
mittelte ein Konzert lang den Ein-
druck, dass es ihr im Grunde da-
heimaufdemSofavielwohlerwäre,
doch weil man schon mal so zahl-
reich erschienen sei, gebe sie hier
eben noch einmal die Disco-Ma-
dame.UnddasVerblüffendeist,dass
alles, was diese mittlerweile 53-jäh-
rige Frau tut, selbst dann noch sym-
pathisch wirkt,wenn sie sich zuwei-
len am Rande der Apathie bewegt.
Auch das neueste Tonwerk von
2raumwohnungisteherWalkingals
Hürdenlauf, und dennoch hat sich
daeineganzeMengeerfrischender,
für humpesche Verhältnisse fast
schon beschwingter musikalischer
und
inhaltlicher
Ideen
ange-
sammelt.
Plattheit mit Tiefenschärfe
«Lasso» (EMI) heisst das Bijou,
das Inga Humpe daheim mit ihrem
Lebenspartner,demeinstigenElek-
tro-Produzenten Tommi Eckart,
und unter Mithilfe zahlreicher
Gastmusikanten zusammengebas-
telthat.Undeswurdedurchausraf-
finiertgebastelt.Nieistdiesem Duo
Ein bisschen New-Wave,
ein wenig Disco und eine gan-
ze Menge Pop: «Lasso», das
fünfte Album der Gruppe
2raumwohnung, spielt sich
grösstenteils im aeroben Be-
reich ab.
A N E H E B E I S E N
in seiner neunjährigen Existenz die
Synthese zwischen Handwerk und
Programming besser geglückt als
auf ihrem fünften Studioalbum. Da
werden ganz ungekünstelt Beats
aus dem Rechner mit Tribal-Trom-
meln gekreuzt, Synthesizer reiben
sich an manuell bedientem Instru-
mentarium, Disco und Pop hüpfen
ganz unverkrampft Hand in Hand
durch dieses Album.
Auf vertrautem Niveau haben
sich hingegen die alten Qualitäten
des Duos eingependelt: Dieses sel-
tene Talent, Plattheit mit Tiefen-
schärfe abzubilden, Triviales mit
Stil zu verzieren, und dieser Trick,
Nachdenklichkeit nicht zwingend
in Melancholie münden zu lassen,
sondern auch mal in leise Zuver-
sicht.
Und wenn es dann doch mal
richtig draufgängerisch wird («Ich
bin dein 70tausend-Leute-Stadion,
und wenn du spielst, spring ich
70tausendmal gleichzeitig für dich
auf») kulminiert die Geschichte
eben nicht im
hochtrabenden
Abenteuer, sondern säuft ab in
altersweisem
Pragmatismus
(«Komm lass uns gehen. Das Stadi-
on reiss ich eigenhändig ein. Wir
treffen uns ganz einfach auf der
Kreuzung und biegen egal in wel-
che Strasse ein»).
Aparte Lichtführung
«Lasso» ist wunderbarer wohl-
temperierter Ü-35-Pop. Der zweif-
lerische Geist von Humpes New-
Wave-Vergangenheit findet sich in
dieser Musik ebenso wie die Abge-
klärtheit einer Dame, der in der
popmusikalischen Jetztzeit merk-
lichwohlist.HeutetanztIngaHum-
pe zuweilen zwar immer noch um
blaue Neonröhren, doch daneben
erhellen Discokugeln und Kron-
leuchter die Szenerie. Das ist eine
mehralsaparteLichtführungim oft
allzu überbelichteten Schaufenster
des Pops.
Daniel Glaus sagte sofort zu, als er
vor zwei Jahren vom Zisterzienser-
kloster Altenberg bei Köln einen
Kompositionsauftrag erhielt. Mit
einem Budget von rund 900 000
Euro handelte es sich um einen
Grossauftrag.Zur750-Jahr-Feierdes
Doms in Altenberg sollte Glaus eine
Kirchenoper schreiben, in der die
mittelalterlichen Texte des Zister-
Oratorium mit bewegter Vorgeschichte
Der
Berner Komponist Daniel Glaus
hat im Auftrag des Klosters Altenberg bei Köln ein Werk komponiert
ziensermönchsundMystikersBern-
hard von Clairvaux im Zentrum ste-
hen. Der Auftraggeber sah vor, mit
dem Chor und Orchester des WDR
und prominenten Solisten zusam-
menzuarbeiten und für die festliche
Aufführung im Dom Beleuchter,
KostümbildnerundeinenRegisseur
beizuziehen.
Brücke zwischen den Religionen
Doch es kam anders. Ein unvor-
hergesehener finanzieller Engpass
führte dazu, dass die Auftraggeber
das ursprünglich geplante Projekt
zurückstutzen mussten. Dass es
nichtganzgestorbenist,istnichtzu-
letztderUniversitätBernzuverdan-
ken, die sich im Rahmen der Jubilä-
umsfeierlichkeiten zu ihrem 175-
jährigen Bestehen an dem Projekt
beteiligt.
Glaus möchte mit dem Werk mit
dem lateinischen Titel «Sola quae
cantatauditetcuicantatur»(Nurdie
es singt, hört es, und der, dem es ge-
sungen wird) eine Brücke schlagen
zwischen den Religionen. Intensiv
hat er sich mit den Schriften des
ZisterziensermönchsClairvauxaus-
einandergesetzt, einer im 12. Jahr-
hundert nicht unumstrittenen Fi-
gur.ClairvauxtrugzwardieMönchs-
kutte und lebte nach der Scala
claustralium,einerGebetsanleitung
des Kartäusermönchs Guigo II, die
als «Leiter zu Gott» verstanden wur-
de.Gleichzeitigwareraberauchpo-
litisch aktiv, reichte Kaisern und Kö-
nigen die Hand, mischte sich in die
Zwei Jahre hat Daniel
Glaus an der Komposition ge-
arbeitet, dann war das Pro-
jekt plötzlich gefährdet.
Dass es nicht gestorben ist,
ist auch der Uni Bern zu ver-
danken.
M A R I A N N E M Ü H L E M A N N
Papstwahlen ein und rief zum
Kreuzzug auf. Die Zerrissenheit des
Mystikers,dersich selbstalsChimä-
re seines Jahrhunderts bezeichnete,
habe ihn fasziniert, sagt Glaus.
Nachdem der Münsterorganist
sich in seiner Komposition zu Meis-
ter Eckhart (1994/1995) mit der
christlichen Mystik und in den vier
Sephiroth-Symphonien
(1999
2004) mit der jüdischen Mystik aus-
einandergesetzt hatte, beschloss er,
sich nun auch derislamischen Mys-
tik zu widmen. Er baute in sein Ora-
torium für sieben Vokalsolisten, ein
Blechbläser-undeinStreichquintett
auch eine Theorbe und arabische
Texte von Abu Madyan (1126–1197)
ein, einem andalusischen Mystiker,
dergleichzeitigwieClairvauxinMa-
rokko wirkte. Die thematische Ver-
wandtschaft der christlichen und
der islamischen Texte sei erstaun-
lich,sagtGlaus.In beiden istvon der
SehnsuchtdieRedeundvonLieben-
den, die nicht zusammenfinden.
Raumchoreografie
Für die Vertonung liess sich Da-
nielGlausvom AltenbergerDom in-
spirieren. Die Zahlenverhältnisse
des Grundrisses spiegeln sich im
ausgeklügelten Aufbau der zehntei-
ligen Komposition. Die Raumcho-
reografiedergeplantenKirchenoper
istansatzweisein derjetzigen,redu-
zierten Fassung erhalten geblieben.
Glaus hegt die Hoffnung, dass das
WerkinseinerursprünglichenForm
doch noch zustande kommt. Der
deutsche Dirigent Christoph Pop-
penhabeseinInteresseangemeldet.
Er möchte das Projekt für 2011 oder
2012 nochmals angehen.
Vorerst jedoch steht im Berner
Münster die Uraufführung des Ora-
toriums bevor. Auch der heilige
Bernhard von Clairvaux wird anwe-
send sein – als steinerne Figur im
Himmlischen Hof, von wo er über
der Schwalbennestorgel auf die In-
terpreten, das Vokalensemble Zü-
rich unter der Leitung von Peter
Siegwart, herabblickt.
[i]
URAUFFÜHRUNG
Dienstag,
18. 8., 20 Uhr im Berner Münster.
Werkeinführung: Montag,
17. 8., 19 Uhr. Infos: www.abend-
musiken.ch
LES PAUL
Er war ein durchaus
fingerfertiger Gitarrist – künstleri-
sche Stricke hater dabeiindes keine
zerrissen. Er war ein passionierter
Elektro-Bastler, der Ehrgeiz, es auf
diesem GebietzuReichtum zubrin-
gen, ging ihm indes ab. Wenn er et-
was erfand, dann primär aus dem
Antrieb heraus,
sich selbst das
Leben als Musi-
ker ein bisschen
angenehmer zu
gestalten.
Trotzdem
sorgtderToddes
AmerikanersLesterWilliamPolsfuss
–besserbekanntalsLesPaul–inder
Musikszene für Bestürzung: «Er war
der wahre ,Guitar Hero‘», lässt etwa
derGitarristJoeSatrianidieWeltwis-
sen, und Richie Sambora befindet:
«Les Paul war revolutionär für die
Musikwelt.» Als Erfinder der elektri-
schenGitarrewirdLesPaul–wienun
oft behauptet wird – jedoch nicht in
die Geschichte eingehen. Hier hat-
ten andere Bastler bereits gute Vor-
arbeit geleistet, als der Country-,
Blues- und Hillbilly-Gitarrist Mitte
der 1930er-Jahre damit begann, zu
erforschen, wie sich der Klang der
damals erhältlichen elektrisch ver-
stärkten Gitarren verbessern liesse.
EinHolzklotzmachteGeschichte
1941bauteerdieersteGitarreoh-
ne Resonanzkörper, indem er den
Gitarrenhals kurzerhand auf einen
Holzklotz montierte. Damit redu-
zierte er das Problem der Rückkop-
pelung, welche bei herkömmlichen
elektrischen Gitarren bereits bei ge-
ringerLautstärkeauftrat.Um dieSa-
chenochetwasansehnlicherzuma-
chen, spaltete er eine seiner alten
Gitarren und leimte die Korpus-
hälften auf den Klotz. Es sollte über
zehn Jahre dauern, bis die Firma
Gibsonsicherweichenliess,mitdie-
sem Prototyp in Serie zu gehen. In
derFolgeistdieLes-Paul-Gitarrebei
praktisch allen wegweisenden Ein-
spielungenderRockgeschichtezum
Einsatz gekommen.
Fast ebenso wertvoll war die For-
schung,dieLesPaulim Bereicheder
Aufnahmetechnik betrieb. Daraus
resultierteunteranderemdasMulti-
track-Recording-Verfahren, das es
denMusikernfortanerlaubte,diver-
se Aufnahmespuren übereinander-
zuschichten.AuchalsMusikerfeier-
te Les Paul einige Achtungserfolge,
sei es als Gitarrist bei Bing Crosby,
NatKingColeoderalsmusikalischer
Partner seiner damaligen Frau, der
Sängerin Mary Ford. 1988 wurde er
in die «Rock’n’Roll Hall of Fame»
aufgenommen. Am 13.August2009
erlagLesPaulimAltervon94Jahren
den Folgen einer Lungenentzün-
dung. (ane)
Tod des wahren
«Guitar Hero»